
{"id":10361,"date":"2024-03-23T10:37:34","date_gmt":"2024-03-23T08:37:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/?p=10361"},"modified":"2024-03-23T10:37:34","modified_gmt":"2024-03-23T08:37:34","slug":"eritrea-ein-land-in-der-todeszone","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/2024\/03\/23\/eritrea-ein-land-in-der-todeszone\/","title":{"rendered":"Eritrea \u2013 ein Land in der Todeszone"},"content":{"rendered":"\n<p>16. September 2023: Im R\u00f6merkastell von Stuttgart l\u00e4uft eine Veran-staltung des Eritrea\u2013Vereins. Derartige Events sind nicht aussergew\u00f6hn-liches! Die Veranstaltung ist angemeldet, deshalb sichern diese auch nur wenige Polizisten ab. Von einer Sekunde auf die andere jedoch kippt das Ganze: Rund 200 M\u00e4nner tauchen auf, die in einer nicht angemeldeten Demonstration gegen dieses Event protestieren. Es handelt sich dabei um Gegner des Regimes in Eritrea. Sie vermuten, dass regimetreue Mitstreiter an der Veranstaltung teilnehmen. Die Polizisten sind auf das nicht vorbereitet! Sie versuchen, das R\u00f6merkastell so gut als m\u00f6glich abzu-schirmen, doch geht der w\u00fctende Mob mit Dachlatten und Brettern auf sie los \u2013 es fliegen auch Pflastersteine und Flaschen. 39 Polizisten werden dabei verletzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang M\u00e4rz fand vor dem Amtsgericht Stuttgart\u2013Bad Cannstatt der Prozess statt. Die Polizei\u2013Mitschnitte zeigen Szenen der Brutalit\u00e4t und Gewalt, wie wir sie aus Reportagen oder Social Media\u2013Clips haupts\u00e4chlich aus dem Nahen Osten kennen. Dabei wurden nach intensiven Recherchen und v.a. Auswertungen dieser Polizei\u2013Mitschnitte jene Eritreer abgeurteilt, die diesen Krawall ausl\u00f6sten. So etwa der 29\u2013j\u00e4hrige Hauptangeklagte, der zuerst einen Bauzaun\u2013Betonfu\u00df (!) und sp\u00e4ter einen mehr als drei Kilogramm schweren Pflasterstein geworfen und damit diese Gewaltaus-schreitungen ausgel\u00f6st haben soll: Besonders schwerer Landfriedens-bruch und gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung! Nach dem Absitzen seiner Strafe (drei Jahre und neun Monate), soll er sofort abgeschoben werden. Unwahrscheinlich, da ihm in Eritrea wohl der sofortige Tod droht &#8211; Abschiebungsverbot! Die anderen Teilnehmer kamen aus dem Umland von Stuttgart, aber auch aus der Schweiz und Hessen. Einige Wochen zuvor fand in Giessen eine \u00e4hnliche Veranstaltung statt, bei der es ebenfalls zu Ausschreitungen gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Was l\u00e4uft da eigentlich in Eritrea?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Land z\u00e4hlt zu den \u00e4rmsten Regionen dieser Welt \u2013 und ist eine der radikalsten Diktaturen: Keine Opposition, eine Schein\u2013Verfassung, von demokratischen Einrichtungen wie offenen bzw. fairen Wahlen (andere Parteien sind nicht zugelassen) oder Gewaltenteilung keine Spur. Die komplette Macht liegt in den H\u00e4nden von Isayas Afewerki, dem de facto\u2013Pr\u00e4sidenten. Wahlen finden nur auf regionaler Ebene statt \u2013 davon kann man halten, was man will. Im Demokratieindex belegte Eritrea 2023 Rang 152 von 167! Im Menschenrechts\u2013Beobachterbericht der UN vom 28. Mai 2013 wird von willk\u00fcrlichen T\u00f6tungen und Verhaftungen, erzwungenem \u201eVerschwindenlassen\u201c und dem Nichtvorhandensein von Meinungs\u2013, Religions\u2013 und Versammlungsfreiheit gesprochen. Das von den italienischen Faschisten 1936 errichtete KZ Nocra wird auch heute noch genutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den 3,8 Mio Einwohnern (Sch\u00e4tzungen liegen bei nahezu dem Doppelten) leben rund 75 % von der Landwirtschaft. Trotzdem m\u00fcssen Nahrungsmittel importiert werden, da Bauern zum Milit\u00e4rdienst gezwungen werden und immer wieder D\u00fcrren das Land heimsuchen. Daneben werden Gold, Silber, Kupfer, Pottasche, Schwefel, Zink und Eisen sowie Marmor abgebaut und in grossem Ma\u00dfe exportiert \u2013 wie etwa auch das Salz. Das nominale Bruttoinlandsprodukt liegt bei gesch\u00e4tzten 2 Milliarden US\u2013Dollar, und damit bei nicht mal der H\u00e4lfte der Gl\u00e4ubiger\u2013Forderungen in der Causa Signa und Ren\u00e9 Benko.<\/p>\n\n\n\n<p>Geographisch grenzt Eritrea an den Sudan, \u00c4thiopien, Dschibuti und das Rote Meer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des Landes ist sehr bunt: W\u00e4hrend das Hochland das K\u00f6nigreich Medri Bahri beinhaltete, war das Tiefland Eritreas \u00fcber 300 Jahre hinweg Kolonie der Osmanen bzw. \u00c4gypter. Nach dem \u00dcberfall der Italiener auf \u00c4thiopien wurde die gesamte Region ab 1936 zur Kolonie Italienisch\/Ostafrika, ab 1941 stand es unter britischer Verwaltung. Mit 1952 z\u00e4hlte Eritrea zum Kaiserreich Abessinien, ab 1961 zum \u00e4thiopischen Kaiserreich unter Haile Selassie. Es folgte ein dreissig-j\u00e4hriger Unabh\u00e4ngigkeitskrieg und mit Hilfe zuerst der Eritreischen Befreiungsfront, sp\u00e4ter der Eritreischen Volksbefreiungsfront schliesslich 1993 die Unabh\u00e4ngigkeit von \u00c4thiopien.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem 1998 erneut ein Grenzkonflikt zwischen beiden Staaten aufkeimte, startete die UN die Beobachtermission UNMEE, die allerdings 2008 auslief. 2018 wurde ein Friedensvertrag zwischen \u00c4thiopien und Eritrea geschlossen. Bereits 1993 hatte die Eritreische Volksbefreiungs-front das Machtvakuum genutzt und ein Ein\u2013Parteien\u2013System unter dem noch heutigen Machthaber Isaias Afewerki aufgebaut. Er regiert seither autorit\u00e4r, die m\u00e4nnliche und weibliche Bev\u00f6lkerung wird zum unbe-fristeten Wehrdienst verpflichtet, der allerdings eher einer Zwangsarbeit gleichkommt. Kritiker sprechen deshalb vom \u201eSklavenstaat\u201c oder \u201eNordkorea Afrikas\u201c! Wehrdienstverweigerern drohen bis zu f\u00fcnf Jahrem Haft oder in Kriegszeiten lebensl\u00e4nglich bzw. die Todesstrafe \u2013 ihren Familien Repressalien. Dieser sog. \u201eWehrdienst\u201c ist die Hauptursache f\u00fcr die vielen Fl\u00fcchtlinge aus Eritrea. Eine Pressefreiheit gibt es nicht \u2013 alle Medien sind staatlich kontrolliert und zensiert. Im Presseindex der Reporter ohne Grenzen belegt das Land stets einen der letzten Pl\u00e4tze \u2013 2023 war es Rang 174 von 180. Religi\u00f6se Minderheiten werden verfolgt. So berichtet Amnesty International von der Haft Angeh\u00f6riger staatlich verbotener Minderheitskirchen (wie evangelikale Christen oder Zeugen Jehovas, aber auch Moslems, die den staatlich eingesetzten Mufti nicht anerkennen) in Frachtcontainern \u2013 auch bei gl\u00fchender Hitze. Frauen haben so gut wie kein Sprachrecht \u2013 im Gegenteil: So lag etwa die Genitalverst\u00fcmmelung bei rund 89 %. Diese wurde zwar am 31. Mai 2007 verboten, doch sind keine Verurteilungen oder Strafen bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in allen anderen totalit\u00e4ren Staaten gibt es allerdings auch positives zu vermelden: F\u00fcr Kinder zwischen 7 und 13 Jahren besteht Schulpflicht, Personen mit Armutsausweis erhalten kostenlose medizinische Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Armut jedoch ist eklatant. Viele der Einwohner leben vom Geld, das ihnen durch ihre Angeh\u00f6rigen aus dem Ausland zugeschickt wird. Doch knabbert hier auch der Staat mit: Im Ausland lebende Eritreer, die Hilfs\u00fcberweisungen t\u00e4tigen, m\u00fcssen zwei Prozent ihres Bruttoein-kommens als \u201eAufbausteuer\u201c an den Staat abliefern. Weigern sich diese, erhalten sie keinerlei offizielle Dokumente mehr und im Land lebende Verwandte drohen Repressalien.<\/p>\n\n\n\n<p>Erlauben Sdie mir am Ende noch meine eigene Meinung einzubringen: Die Wut der Regimegegner ist durchaus verst\u00e4ndlich, rechtfertigt jedoch in keinster Weise die gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen gegen die Polizei! Nicht verst\u00e4ndlich hingegen ist die Tatsache, dass regimetreue Menschen nach Deutschland emigriert sind und somit dort Zuflucht gesucht haben!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Filmtipp:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Eritrea \u2013 Der geheime Sklavenstaat; Doku von Evan Williams 2021<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lesetipps<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p>.) Friedensr\u00e4ume in Eritrea und Tigray unter Druck. Identit\u00e4ts-konstruktion, soziale Koh\u00e4sion und politische Stabilit\u00e4t; Hrsg.: Abdulkader Saleh, Nicole Hirt, Wolbert G.C. Smidt, Rainer Tetzlaff; Lit 2008<\/p>\n\n\n\n<p>.) Eritrea zwischen Einparteienstaat und Demokratie. Die Bedeutung der Opposition im Demokratisierungsprozess; Aklilu Ghirmai; Tectum 2005<\/p>\n\n\n\n<p>.) Ursachen f\u00fcr den eritreisch-\u00e4thiopischen Grenzkonflikt. Eine historisch-politische Analyse; Sascha A. Kienzle; T\u00f6nning 2010<\/p>\n\n\n\n<p>.) Eritrea \u2013 Aufbruch in die Freiheit; Martin Zimmermann; Verlag Neuer Weg 1991<\/p>\n\n\n\n<p>.) Understanding Eritrea: Inside Africa&#8217;s Most Repressive State; Martin Plaut; Oxford University Press 2017<\/p>\n\n\n\n<p>.) The Eritrean Struggle for Independence \u2013 Domination, Resistance, Nationalism 1941\u20131993; Ruth Iyob; Cambridge University Press 1995<\/p>\n\n\n\n<p>.) Biopolitics, militarism, and development: Eritrea in the twenty-first century; Hrsg.: David O\u2019Kane, Tricia Redeker Hepner; Berghahn Books 2009<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Links:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>shabait.com<\/li><li>botschaft-eritrea.de<\/li><li><a href=\"http:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\">www.auswaertiges-amt.de\/de<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.un.org\/\">www.un.org<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.undp.org\/\">www.undp.org<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"http:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/\">www.reporter-ohne-grenzen.de<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.amnesty.org\/en\/\">www.amnesty.org\/en\/<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.suke.ch\/eritrea\/fakten.php\">www.suke.ch\/eritrea\/fakten.php<\/a><\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. September 2023: Im R\u00f6merkastell von Stuttgart l\u00e4uft eine Veran-staltung des Eritrea\u2013Vereins. Derartige Events sind nicht aussergew\u00f6hn-liches! 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