
{"id":10879,"date":"2024-08-17T09:25:48","date_gmt":"2024-08-17T07:25:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/?p=10879"},"modified":"2024-08-17T09:25:48","modified_gmt":"2024-08-17T07:25:48","slug":"remigration-schon-wieder-eine-erfindung-aus-oesterreich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/2024\/08\/17\/remigration-schon-wieder-eine-erfindung-aus-oesterreich\/","title":{"rendered":"Remigration \u2013 schon wieder eine Erfindung aus \u00d6sterreich?"},"content":{"rendered":"\n<p>Selten zuvor hat ein Begriff aus der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft f\u00fcr eine derart kontroversielle Diskussion gesorgt: \u201eRemigration\u201c! Wie bei so vielen anderen auch politisierte das rechte Lager den Ausdruck und vereinnahmte diesen f\u00fcr sich. So wurde aus diesem das \u201eUnwort des Jahres 2023\u201c!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff selbst ist schon einige Jahrhunderte alt. 1608 verwendete ihn Andrew Willet von der Church of England in seinen Schriften, 1885 Ernst Ravenstein in einem seiner Publikationen. Doch erst im 20. Jahrhundert wurde er genauer definiert. In seiner urspr\u00fcnglichen Bedeutung bezeich-net \u201eRemigration\u201c die R\u00fcckkehr eines Gastarbeiters bzw. eines Migranten in sein Herkunftsland \u2013 v\u00f6llig frei von Emotionen oder politischem Hinter-gedanken. Schliesslich kehren viele Gastarbeiter nach einem zumeist harten Arbeitsleben in ihr Herkunftsland zur\u00fcck, um dort ihren Ruhe-stand geniessen zu k\u00f6nnen. Oder im anderen Falle Russland- und Sudetendeutsche oder auch Deutsche aus Siebenb\u00fcrgen werden in Deutschland remigriert! Auch viele der 3,4 Mio deutschen Auswanderer (2,7 Mio davon im erwerbst\u00e4tigen Alter) kehren wieder in die Heimat zur\u00fcck. So kamen schon im 19. Jahrhundert rund 10 % der zuvor in die USA ausgewanderten Deutschen wieder in ihr Heimatland zur\u00fcck. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es sehr viele R\u00fcckkehrer \u2013 einer der bekanntesten davon war Herbert Ernst Karl Frahm \u2013 Willy Brandt! 1933 emigrierte er \u00fcber D\u00e4nemark nach Norwegen. Von der Nazi-Regierung in Berlin wurde er als staatenlos erkl\u00e4rt! Als das Land von den Deutschen okkupiert wurde, gelangte Brandt in Gefangenschaft. Allerdings trug er zum Zeitpunkt der Festnahme eine norwegische Uniform, zudem kannte niemand das Pseudonym \u201eWilly Brandt\u201c, das er sich erst in seiner Zeit in Norwegen zugelegt hatte. Er wurde wieder freigelassen und fl\u00fcchtete nach Schweden, 1945 kehrte er nach Deutschland zur\u00fcck und berichtete als Korrespondent f\u00fcr mehrere skandinavische Zeitungen \u00fcber die N\u00fcrn-berger Kriegsverbrecher-Prozesse. Millionen Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter wurde remigriert. Ja \u2013 ich w\u00fcrde sogar auch jene heute Bundesdeutsche als Remigranten bezeichnen, die seinerzeit aus der DDR geflohen oder ausgewandert und nach dem Fall der Mauer wieder zur\u00fcckgekehrt sind. In der Migrationssoziologie exisiert auch eine Weiterf\u00fchrung: \u201eRemigration der zweiten Generation\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich musste bei der Recherche zu diesem Blog alsdann gar nicht lange suchen und stiess auf den Beitrag \u201eRemigration von Gastarbeitern \u2013 Eine Analyse mit nichtparametrischen Sch\u00e4tzverfahren\u201c von Beatrix Brecht und Paul Michels im Buch \u201eActa Demographica 1993\u201c (Physica Verlag 1994). Eine wertefreie Studie, die auf den Zahlen vergangener Jahre aufbaut. Zwanzig Jahre zuvor hatte schon der italienische Soziologe Francesco P. Cerase eine Studie zur Remigration italienischer Auswanderer aus den USA erstellt. Seine auch heute noch g\u00fcltige Typisierung unterscheidet zwischen einer \u201eR\u00fcckkehr aus Konservatismus\u201c (der Betroffene bewahrt sich seine Identit\u00e4t und Heimatkultur) und \u201eR\u00fcckkehr zur Innovation\u201c (Ideen aus dem anderen Land sollen in der Heimat umgesetzt werden). Oft k\u00f6nnen auch sog. \u201ePushfaktoren\u201c dahinter stecken: Heimweh, gesundheitliche Probleme, Diskriminierung bzw. Rassismus. Oder auch \u201ePullfaktoren\u201c wie soziale oder famili\u00e4re Bande.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber 30 Jahre hinweg stellte der Terminus der \u201eRemigration\u201c kein Problem dar. Dann aber kam es am 25. November des Jahres 2023 zu einem Geheimtreffen in einem Landhaus in der N\u00e4he von Potsdam. Organisiert von einem ehemaligen Zahnarzt aus D\u00fcsseldorf, trafen sich dort vornehmlich rechtsextreme Vertreter, aber auch der Sprecher der AfD-Bundestagsabgeordneten Alice Weidel und zwei Politiker der Werteunion der CDU. Hauptredner des Abends war Martin Sellner, der in \u00d6sterreich als Kopf der \u201eIdentit\u00e4ren Bewegung\u201c unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht. Er stellte dabei sein \u201eStrategiekonzept im Sinne eines Masterplans\u201c vor. Dessen Kern: Die Remigration von Millionen Menschen aus Deutschland und \u00d6sterreich! Massenabschiebungen nicht nur von Ausl\u00e4ndern, sondern auch von Deutschen und \u00d6sterreichern, um damit den angeblich durch die Eliten geplanten \u201eBev\u00f6lkerungsausstausch\u201c wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Die Teilnehmer an dieser illustren Runde mussten eine \u201eMindestspende\u201c von 5.000,- \u20ac berappen. Sellners Ideologie: Beide Worte (\u201eBev\u00f6lkerungsaustausch\u201c und \u201eRemigration\u201c) m\u00fcssen in die Mitte der Gesellschaft gebracht werden. Unn\u00fctz zu betonen, dass beides gegen das Grundrecht\/die Verfassung und die Menschenrechtskonvention der UN verst\u00f6sst! Schliesslich w\u00fcrde es ja auch Menschen mit Migrationshintergrund treffen, die eine deutsche oder \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrgerschaft besitzen und sich perfekt in die Gemeinschaft integriert haben!<\/p>\n\n\n\n<p>In fr\u00fcheren Zeiten wurden sie auf eine ferne Insel verbannt oder als vogelfrei zum Abschuss freigegeben, heutzutage ist es gar nicht mal so einfach. So m\u00fcsste ihnen die Staatsb\u00fcrgerschaft aberkannt und sie als staatenlos erkl\u00e4rt werden! Nein \u2013 das geht gar nicht: Die beiden Staaten w\u00fcrden dann selbst einen Fl\u00fcchtlingsstrom verursachen! Dazu zwei Zahlen: 2022 lebten nicht weniger als 23,8 Mio Menschen mit Migrationshintergrund zwischen Flensburg und Berchtesgaden, 12,2 Mio allerdings waren deutsche Staatsb\u00fcrger! F\u00fcr sie w\u00e4re das Wort \u201eAbschiebung\u201c nicht der richtige Ausdruck &#8211; \u201eVertreibung\u201c oder das historisch vorbelastete \u201eDeportation\u201c w\u00e4ren ja dann wohl passender. Wer deutscher oder \u00f6sterreichischer Staatsb\u00fcrger wird, plant jedoch zumeist auch sein Leben in einem der beiden L\u00e4ndern zu absolvieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens wurde \u201eRemigration\u201c bereits vor dem Treffen durch Mitglieder der AfD (etwa MdB Gottfried Curio und MdEP Irmhild Bo\u00dfdorf), aber auch dem Vorsitzenden der \u00f6sterreichischen FP\u00d6, Herbert Kickl, verwendet. Die FP\u00d6 forderte im Juni des Jahres gar einen eigenen EU-Remigrations-kommissar. Allerdings distanzierte sich die AfD von diesem November-Treffen \u2013 Weidels Sprecher habe nicht gewusst, wer zu der Zusammen-kunft alles geladen war. Dennoch reichte es etwa der franz\u00f6sischen Gallionsfigur des Rassemblements National (RN), Marine Le Pen, sich nach dem zus\u00e4tzlichen SS-Sagers des AfD-Spitzenkandidaten zur EU-Wahl, Wolfgang Krah, von den deutschen Rechtspopulisten zu distanzieren. Interessant dabei ist jedoch, dass auch Herbert Kickl bereits im Jahr 2010 einen \u00e4hnlichen Spruch in einem ATV-Interview von sich gab, der jedoch ohne Konsequenzen blieb. Auch verwendete der th\u00fcringische Parteichef Bj\u00f6rn H\u00f6cke 2018 den Terminus eines \u201egrossangelegten Remigrattions-projektes\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rechtsradikalismus marschiert inzwischen wieder ideel und sprach-lich in die Vergangenheit zur\u00fcck (\u201eKampfbegriffe\u201c). So wird in diesem Zusammenhang von \u201ePassdeutschen\u201c und \u201eBiodeutschen\u201c unterschieden, auch von \u201eVerabschiedungskultur\u201c ist die Rede. \u201eRemigrationspl\u00e4ne\u201c \u00fcbrigens wurden bereits in der Vergangenheit (1940) ver\u00f6ffentlicht. Auch Donald Trump schliesst sich dieser Ausdrucksweise an, nachdem er meinte, dass Migranten \u201edas Blut der USA vergiften\u201c w\u00fcrden. Martin Sellner \u00fcbrigens pr\u00e4gte zudem den Begriff der \u201eethnokulturellen Iden-tit\u00e4t\u201c. Dieser setzt allerdings eine Leitkultur voraus, die nicht n\u00e4her ausgef\u00fchrt wird. So ganz nebenbei erw\u00e4hnt: In der AfD selbst bzw. deren n\u00e4herem Umfeld sind nicht wenige \u201ePassdeutsche\u201c vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens zum Schluss meiner heutigen Gedanken noch eine Begriffs-bestimmung: Das lateinische \u201eremigrare\u201c ist ein aktives Verb. Soll heissen, dass jemand nur selbst zur\u00fcckkehren oder -wandern kann! Wird er dazu gezwungen, so ist die Remigration im Sinne des lateinischen Ursprungswortes grammatikalisch falsch!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lesetipps:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>.) Acta Demographica 1993; Hrsg.: Heinz Galler\/Gerhard Heilig\/Gunter Steinmann; Physica Verlag 1994<\/p>\n\n\n\n<p>.) Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. 4 &#8211; Bundesrepublik und DDR 1949\u20131990; Hrsg.: Hans-Ulrich Wehler; C.H. Beck 2008<\/p>\n\n\n\n<p>.) Vertriebene Eliten. Vertreibung und Verfolgung von F\u00fchrungsschichten im 20. Jahrhundert; Hrsg.: G\u00fcnther Schulz; Oldenbourg 2001<\/p>\n\n\n\n<p>.) Exil und Remigration; Hrsg.: Claus-Dieter Krohn; edition text + kritik 1991<\/p>\n\n\n\n<p>.) Remigration und Demokratie in der Bundesrepublik nach 1945. Ordnungsvorstellungen zu Staat und Verwaltung im transatlantischen Transfer; Margrit Seckelmann\/Johannes Platz; Transcript 2017<\/p>\n\n\n\n<p>.) Handbook of return migration; Hrsg.: Russell King\/Latie Kuschminder; Edward Elgar Publishing 2022<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Links:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>www.bib.bund.de<\/li><li><a href=\"http:\/\/www.deutsche-im-ausland.org\/\">www.deutsche-im-ausland.org<\/a><\/li><li>correctiv.org<\/li><li><a href=\"https:\/\/www.isdglobal.org\/\">www.isdglobal.org\/<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.doew.at\/\">www.doew.at\/<\/a><\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selten zuvor hat ein Begriff aus der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft f\u00fcr eine derart kontroversielle Diskussion gesorgt: \u201eRemigration\u201c! Wie bei so vielen anderen auch politisierte das rechte Lager den Ausdruck und vereinnahmte diesen f\u00fcr sich. So wurde aus diesem das \u201eUnwort des Jahres 2023\u201c! 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