
{"id":11448,"date":"2025-02-01T09:21:53","date_gmt":"2025-02-01T07:21:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/?p=11448"},"modified":"2025-02-01T09:21:53","modified_gmt":"2025-02-01T07:21:53","slug":"die-toedliche-gefahr-aus-dem-wasserhahn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/2025\/02\/01\/die-toedliche-gefahr-aus-dem-wasserhahn\/","title":{"rendered":"Die t\u00f6dliche Gefahr aus dem Wasserhahn"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Juli 2012 sorgte eine Schlagzeile in M\u00fcnchen f\u00fcr einigen Aufruhr &#8211; und dies deutschlandweit! \u201eDuschverbot im M\u00fcnchner Olympiadorf\u201c. Ausl\u00f6ser war eine Trinkwasseruntersuchung nach der Trinkwasserrichtlinie der EU (aktuell: Richtlinie (EU) 2020\/2184 \u201eQualit\u00e4t von Wasser f\u00fcr den mensch-lichen Gebrauch\u201c) bzw. der heutigen \u201eTrinkwasserverordnung vom 20. Juni 2023 (BGBl. 2023 I Nr. 159, S. 2)\u201c in der damaligen Version. In \u00d6ster-reich konnte ich auf die Schnelle in der noch g\u00fcltigen \u201eTrinkwasser-verordnung\u201c (BGBl. II Nr. 304\/2001) keine entsprechenden Bestimmungen entdecken (sollte ich fehl gehen &#8211; bitte Mail an mich, dann wird dies sofort korrigiert!). Die mikrobiologischen Untersuchungen betreffen hier vornehmlich den Gehalt von Coli-Bakterien bzw. Enterokokken, Pseudo-monas aeruginosa sowie Clostridium perfringens, nicht jedoch Legio-nellen! In Deutschland muss das Trinkwasser in allen \u00f6ffentlichen und gewerblich genutzten Geb\u00e4uden seit dem 01. November 2011 regelm\u00e4ssig auf den Gehalt etwaiger \u201ekolonienbildender Legionellen\u201c hin unterschucht werden. Zu diesen Geb\u00e4uden z\u00e4hlen auch Mietsh\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in die Gegenwart: Zu Beginn des Jahres erkrankten im \u00f6ster-reichischen Bundesland Vorarlberg f\u00fcnf Menschen an den Erregern, drei davon mussten gar auf der Intensiv-Station behandelt werden. Alle f\u00fcnf stammen aus dem Bezirk Bregenz, ansonsten besteht kein Zusammen-hang zwischen den F\u00e4llen. Im Sp\u00e4tsommer letzten Jahres wurden in drei Wohnanlagen im Hamburger Stadtteil Dulsberg besorgniserregende knapp 16.000 sogenannte koloniebildende Einheiten (KBE) je Milliliter (ml) Legionellen gemessen \u2013 der Grenzwert liegt bei maximal 100 KBE\/100 ml! Das Problem sei seit 2019 bekannt, der Vermieter allerdings habe stets nur kurzfristige Massnahmen ergriffen (etwa sterile Filter f\u00fcr die Duschk\u00f6pfe), heisst es. Auch in Schwanewede im Landkreis Osterholz in Niedersachsen l\u00e4uft nach wie vor der Kampf gegen die Erreger in Sporthallen und Schulen.<\/p>\n\n\n\n<p>Legionellen sind immer im Trinkwasser enthalten. W\u00e4hrend sie im Magen abget\u00f6tet werden, k\u00f6nnen sie in einer gewissen Konzentration einge-atmet durchaus t\u00f6dliche Folgewirkungen haben. Wasserdampf, eine Klimaanlage, ein Whirlpool oder Zimmerbrunnen (Einatmung als Aerosol) sind zumeist die ausl\u00f6senden Faktoren. Auch im Olympischen Dorf in M\u00fcnchen wurde die durch die EU-Trinkwasserrichtlinie 98\/83 vorge-gebene Grenze von 100 kolonienbildenden Einheiten in 100 Milliliter Trinkwasser \u00fcberschritten &#8211; in 320 Haushalten des Olympischen Dorfes in M\u00fcnchen durfte damals die Dusche nicht mehr verwendet werden. Das sollte in Hamburg durch die Duschk\u00f6pfe vermieden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die st\u00e4bchenf\u00f6rmigen Krankheitserreger l\u00f6sen bei schwachem Immun-system die sog. \u201eLegionellose\u201c aus. Sie kann zwei unterschiedliche Krankheitsbilder aufweisen:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; das an sich harmlose Pontiac-Fieber<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; die Legion\u00e4rskrankheit mit t\u00f6dlicher Lungenentz\u00fcndung<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2011 wurden am Robert-Koch-Institut nicht weniger als 639 Legionellose-F\u00e4lle gemeldet. Doch gerade das Pontiac-Fieber wird \u00f6fters als normale Influenza oder grippaler Infekt verkannt. Deshalb d\u00fcrfte die Dunkelziffer noch weitaus h\u00f6her liegen. Grund zur Panik besteht deshalb jedoch nicht &#8211; durch die regelm\u00e4ssigen Untersuchungen werden immer wieder solche Meldungen in die Medien kommen. Nicht etwa weil die Legionellen zunehmen, sondern vielmehr weil wesentlich mehr kontrolliert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das heimische Trinkwasser unterliegt gr\u00f6sstm\u00f6glichen Reinheits-kontrollen. Es ist wahrscheinlich jene Fl\u00fcssigkeit, die am meisten auf ihre Qualit\u00e4t hin \u00fcberpr\u00fcft wird. Trotzdem kann ein Krankheitserreger niemals v\u00f6llig ausgeschaltet werden: Die Legionella pneumophila. Das Wasser fliesst in den Trinkwasserleitungen mit einer Temperatur von nur +8 Grad Celsius. Der Erreger vermehrt sich allerdings nicht oder nur sehr langsam unter einer Temperatur von +20 Grad. Damit sind Durch-lauferhitzer und Boiler die wirklichen Brutst\u00e4tten der Legionellen. Nur die Erhitzung auf \u00fcber +60 Grad l\u00e4sst die Keime nach einigen Minuten absterben (bei +71 Grad innerhalb von 3 Minuten). Die Bakterien lagern sich in Form von Biofilmen in Rohren, Wasserh\u00e4hnen und auch Dusch-k\u00f6pfen an. Bei +36 Grad f\u00fchlen sie sich am wohlsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Legion\u00e4rskrankheit wurde erstmals 1976 im Bellevue Stanfort-Hotel in Philadelphia diagnostiziert, als amerikanische Kriegsveteranen w\u00e4hrend eines Kongresses nach dem Duschen daran erkrankten. 180 von 4.400 Delegierten hatten sich infiziert, bei 29 verlief dies t\u00f6dlich. Die erste bekannte Legionellen-Epidemie in Deutschland wurde 2010 im Raum von Ulm bekannt: 64 Infizierte und 5 Todesopfer. Gerade bei \u00e4lteren Menschen, die \u00fcber ein nicht mehr dermassen starkes Immun-system verf\u00fcgen, k\u00f6nnen die Erreger zu Lungenentz\u00fcndungen und Nervenversagen f\u00fchren. Die Sterblichkeit liegt bei 10 bis 20 % und wird damit als \u201eerheblich\u201c eingestuft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pr\u00fcfungen nach der Trinkwasserrichtlinie m\u00fcssen j\u00e4hrlich von akkreditierten Probenehmern durchgef\u00fchrt werden. Dabei werden 250 Milliliter Wasser in eine zuvor sterilisierte Kunststoffflasche gef\u00fcllt. Zuvor wird die Wasserquelle mit 70 %-igem Ethanol gereinigt und nach der Einwirkzeit auf h\u00f6chster Wassertemperatur f\u00fcr einige Minuten laufen gelassen. Erst dann erfolgt die Probenentnahme. Innerhab von 12 Stunden wird die Analyse der Probe vorgenommen. Dies gleich in drei-facher Hinsicht: Zwei nat\u00fcrliche Proben auf N\u00e4hrboden in Petrischalen und einmal als Kontrollprobe. Hier wird das Wasser durch eine Filter-membran, Druck und chemischen Zus\u00e4tzen insofern zerlegt, dass nurmehr die Legionellen \u00fcbrig bleiben. Nach einer Woche bei 36 Grad Celsius haben sich in den meisten F\u00e4llen Kolonien aus einem Bakterium gebildet. Liegen diese im Rahmen des Erlaubten, ist dies gut so. Ansonsten muss das gesamte Leitungssystem des entsprechenden Geb\u00e4udes kurzfristig mit \u00fcber 70 Grad heissem Wasser gesp\u00fclt werden. Betroffen davon sind \u201eSpeicher-Trinkwassererw\u00e4rmer oder zentrale Durchfluss-Trinkwassererw\u00e4rmer von mehr als 400 Liter und\/oder drei Liter in jeder Rohrleitung zwischen dem Abgang des Trinkwasser-erw\u00e4rmers und der Entnahmestelle\u201c. Wird diese Regelung vernachl\u00e4ssigt, drohen hohe Strafen und im Ernstfall zivilrechtliche Schadensersatz-klagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Legionellen sind st\u00e4bchenf\u00f6rmige Bakterien, die zur Familie der Legionellaceae z\u00e4hlen. Geisseln (subpolare Flagellen) erm\u00f6glichen die Beweglichkeit der Erreger. Derzeit sind 48 Arten und 70 Serogruppen bekannt, die sowohl im S\u00fcss- als auch im Salzwasser vorkommen. Die Legionella pneumophila kann auch die lebensgef\u00e4hrliche Legion\u00e4rskrank-heit ausl\u00f6sen. Sie \u00e4ussert sich mit folgenden Verlaufserscheinungen: Unwohlsein, pl\u00f6tzlich auftretendes hohes Fieber, Kopf-, Brust- und Gliederschmerzen, Husten, Durchfall und Verwirrtheit. Einher geht eine Lungenentz\u00fcndung und schliesslich ein Organversagen. Die Inkubations-zeit bel\u00e4uft sich auf 2-10 Tage. 15 bis 20 % der Infektionen verlaufen t\u00f6dlich. Sch\u00e4tzungen gehen davon aus, dass j\u00e4hrlich in Deutschland 500 bis 2.000 Menschen auf diese Weise sterben &#8211; oftmals bleibt die eigentliche Ursache, die Legionellose dabei unerkannt. Das Pontiac-Fieber hingegen verl\u00e4uft ebenfalls fiebrig und grippe\u00e4hnlich, klingt jedoch nach nur wenigen Tagen wieder ab. Rund 100.000 Menschen erkranken in Deutschland j\u00e4hrlich daran.<\/p>\n\n\n\n<p>Sich vor diesen Legionellen zu sch\u00fctzen ist sehr schwer. So sollte Trinkwasser immer kalt gehalten werden. Brauchwasser (zum Duschen etwa) sollte auf mindestens 60 Grad aufgeheizt werden (R\u00fccklauf-temperatur mindestens 55 Grad). Gerade bei Geothermen (also Anlagen, die \u00fcber Erdw\u00e4rme heizen) bzw. W\u00e4rmepumpen sollte der Boiler regel-m\u00e4ssig auf \u00fcber 60 Grad erhitzt werden (Strom). Nachteil: Raschere Verkalkung des Leitungssystems! Auch der Einsatz von Ultrafiltrations-Membranen w\u00e4re sehr f\u00f6rderlich &#8211; sie filtern die Legionellen aus. Die Bestrahlung mit ultraviolettem Licht (Aachener Konzept) schafft zudem Abhilfe. Daneben kann eine chemische Dauer- (geringe Konzentration) oder Stossdesinfektion (mit beispielsweise Wasserstoffperoxid) von Chemikalien in hoher Konzentration durchgef\u00fchrt werden. Danach muss eine Sp\u00fclung erfolgen. Recht neu ist auch die Membranzellenelektrolyse. Dabei wird durch elektrochemische Aktivierung Natriumhypochlorit erzeugt. Chemische Massnahmen sind jedoch immer mit hoher Genauigkeit und nach DIN-Vorschriften durchzuf\u00fchren. So verbietet etwa die Trinkwasserverordnung eine prophylaktische Desinfektion mit Chemikalien. Zuguterletzt sei hier noch das Anstandsgewirke erw\u00e4hnt. Durch die Anbringung spezieller silberhaltiger Textilien in wasser-f\u00fchrenden Systemen werden Metallionen in Mikroorganismen \u00fcbertragen, die ein Anhaften eines Biofilmes und damit eine Kolonienbildung verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Trinkwasser ist in unseren Breitengraden der wichtigste Schatz. Unter Ber\u00fccksichtigung auch nur kleinerer Massnahmen ist es auch die ges\u00fcndeste Fl\u00fcssigkeit, die wir zu uns nehmen k\u00f6nnen. Zudem noch kalorienarm bzw. gar -frei. Der Mensch kann mehrere Tage ohne Nahrung \u00fcberleben &#8211; jedoch nur kurz ohne Fl\u00fcssigkeit!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lesetipps:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>.) Legionellen in Trinkwasser-Installationen Gef\u00e4hrdungsanalyse und Sanierung; Arnd B\u00fcrschgens; DIN E.V. 2024<\/p>\n\n\n\n<p>.) Legionellenpr\u00e4vention in Trinkwasser-Erw\u00e4rmung; F\u00fcnfgeld Liv; VDM 2013<\/p>\n\n\n\n<p>.) Legionellenrisiken in Verdunstungsk\u00fchlanlagen und K\u00fchlt\u00fcrmen Ursachen und Vermeidung; Christoph Sinder\/Meinolf Gringel ua.; DIN Media Praxis 2019<\/p>\n\n\n\n<p>.) Legionella: Infections and Pathology; Charlotte Ortiz; States Academic Press 2022<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Links:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"http:\/\/www.rki.de\/\">www.rki.de<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.sozialministerium.at\/\">www.sozialministerium.at<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.ages.at\/\">www.ages.at<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.infektionsschutz.de\/\">www.infektionsschutz.de<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.lgl.bayern.de\/\">www.lgl.bayern.de<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.awmf.org\/\">www.awmf.org<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/\">www.ncbi.nlm.nih.gov<\/a><\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Juli 2012 sorgte eine Schlagzeile in M\u00fcnchen f\u00fcr einigen Aufruhr &#8211; und dies deutschlandweit! \u201eDuschverbot im M\u00fcnchner Olympiadorf\u201c. 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