
{"id":4134,"date":"2019-09-27T15:35:03","date_gmt":"2019-09-27T13:35:03","guid":{"rendered":"http:\/\/stockm.vs120047.hl-users.com\/blog\/?p=4134"},"modified":"2019-09-27T15:35:03","modified_gmt":"2019-09-27T13:35:03","slug":"wenn-das-sozialsystem-versagt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/2019\/09\/27\/wenn-das-sozialsystem-versagt\/","title":{"rendered":"Wenn das Sozialsystem versagt!"},"content":{"rendered":"<p>Mal ganz ehrlich: Wann ging es Deutschland derma\u00dfen gut wie heute? In den 60er? Den 70er? Oder einem anderen Jahrzehnt? Gemessen an den weggeworfenen Nahrungsmitteln d\u00fcrften wir (auch in \u00d6sterreich) die Spitze erreicht haben. J\u00e4hrlich landen alleine in Deutschland zwischen 15 bis 18 Millionen Tonnen davon im M\u00fcll (weltweit 1,3 Mrd &#8211; nach Angaben der FAO\/in \u00d6sterreich 760.000 Tonnen nach Angaben des \u00d6kologie-Institutes)! Ein unglaublicher Berg, mit dem sicherlich dem Welthunger der Kampf angesagt werden k\u00f6nnte. Die meisten dieser Produkte w\u00e4ren gar noch zum Verzehr geeignet. Es handelt sich in vielen der F\u00e4lle um das Mindesthaltbarkeitsdatum, zu grosse Eink\u00e4ufe oder auch Aufr\u00e4um-aktionen in den K\u00fchl- und Vorratsschr\u00e4nken. Doch beginnt die Wegwerf-kultur nicht etwa erst in den heimischen vier W\u00e4nden! Auch der Handel und Grosshandel entsorgt in grossen Mengen: Falsch etikettiert, Laden-h\u00fcter oder ebenfalls das MHD!<br \/>\nViele Menschen w\u00fcrden sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, solche Nahrungsmittel oder Verbrauchsg\u00fcter bekommen zu k\u00f6nnen. Es liesse sich wohl ausge-zeichnet davon leben. Doch ist das alles nicht wirklich ganz so einfach. Containern bzw. M\u00fclltauchen ist in den meisten F\u00e4llen verboten, da das wegwerfende Unternehmen auch dort haftet, sollte etwas geschehen. Deshalb versehen sehr viele Superm\u00e4rkte ihre M\u00fcllcontainer inzwischen mit Ketten und Schl\u00f6ssern.<br \/>\nWirklich bed\u00fcrftige Menschen k\u00f6nnen dennoch von dieser Wegwerf-Gesellschaft profitieren: \u00dcber die Tafeln. Die Tafeln sind gemeinn\u00fctzige Hilfsorganisationen, die bed\u00fcrftige Menschen mit Waren versorgen, die vom Handel ansonsten entsorgt werden w\u00fcrden, da sie im Wirtschafts-kreislauf keine Verwendung mehr haben. Die erste Tafel \u00f6ffnete im Jahr 1993 in Berlin ihre Pforten &#8211; initiiert durch Sabine Werth (in \u00d6sterreich mit der Wiener Tafel 1999\/in der Schweiz 2001 in Kerzers). Inzwischen sind es 947 in Deutschland (bei insgesamt 3.000 Ausgabestellen &#8211; auch in sozialen Einrichtungen). Die meisten der 60.000 Mitarbeiter versehen diesen Dienst am Menschen ehrenamtlich, also ohne Gehalt. <\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Paul Breitner, M\u00fcnchner Tafel, komplettes Interview\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/O9tgIERa7zk?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>J\u00e4hrlich werden rund 265.000 Tonnen Lebensmittel gesammelt. 1,65 Mio Menschen erhalten dadurch ein lebenswerteres Dasein. Gegen Nachweis der Bed\u00fcrftigkeit (Hartz IV oder Sozialhilfe) k\u00f6nnen diese dort Nahrungs-mittel wesentlich g\u00fcnstiger einkaufen oder erhalten sie gar kostenlos. Viele der Tafeln sind Vereine, andere werden von Organisationen wie der Caritas oder der Diakonie betrieben. In \u00d6sterreich gibt es 41 Ausgabe-stellen mit 2.205 ehrenamtlichen Mitarbeitern. 2018 wurden im Alpenland rund 3 Tonnen Lebensmittel gerettet um 42.620 von der Armut betroffenen Menschen damit zu helfen (Zahlen Jahresbericht 2018).<br \/>\nDieser Tage nun richtete sich Jochen Br\u00fchl, der Vorstand des deutschen Dachverbandes, eindringlich an die Medien. Im Jahr 2007 waren zwischen Flensburg und Berchtesgaden gerade mal 700.000 Menschen auf die Hilfe der Tafeln angewiesen. Innerhalb von nur 12 Jahren hat sich die Zahl somit mehr als verdoppelt. Besonders tragisch ist der Anstieg bei den Senioren und den Kindern.<br \/>\nEs ist eine Schande, dass sich jene Menschen, die f\u00fcr den Aufbau Deutschlands und dessen heutigen Wohlstand verantwortlich zeichnen, auf Almosen verlassen m\u00fcssen. Innerhalb k\u00fcrzester Zeit explodierte f\u00f6rmlich die Zahl der bed\u00fcrftigen \u00e4lteren Tafelbesucher um 20 %! Inzwischen ist jeder Vierte ein Rentner. Zu geringe Renten, zu hohe Mieten oder gar die niedrige Grundsicherung lassen die so manche unserer Eltern und Grosseltern am Hungertuch nagen. \u00dcber die Altersarmut habe ich an dieser Stelle bereits berichtet. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung warnt lautstark davor: Werden nicht sofort Massnahmen dagegen gesetzt, wird die Altersarmut ein riesiges Problem der Gesellschaft werden. Schliesslich erreichen immer mehr jener Menschen das Pensionsalter, die in Teilzeit oder gar nur neben dem Haushalt in Geringf\u00fcgigkeit besch\u00e4ftigt waren. Sie wechseln dann mit der Mindestrente oder der Grundsicherung in den \u201ewohlverdienten Ruhe-stand\u201c. Nach Angaben des Sozialverbandes VdK ist die Zahl jener, die Anspruch auf Unterst\u00fctzung h\u00e4tten, sogar noch weitaus h\u00f6her. Doch trauen sich 40-50 % nicht, diese zu beantragen, weil es entweder ihr Stolz nicht zul\u00e4sst oder sie den staatlichen Zugriff auf das Verm\u00f6gen ihrer T\u00f6chter und S\u00f6hne bef\u00fcrchten.  <\/p>\n<p>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3EcAqRM086U<\/p>\n<p>Die Zahl der Kinder und Jugendlichen hat ebenfalls zugenommen: Innerhalb nur eines Jahres sind es 50.000 (10 %) mehr geworden &#8211; derzeit insgesamt 500.000. Jochen Br\u00fchl warnt auch hier: Viele k\u00f6nnen oder wollen sich einen Schulabschluss oder eine Ausbildung nicht leisten. Sie schlagen sich als Hilfsarbeiter oder noch schlimmer mit Gelegenheitsjobs durch\u2019s Leben. Dadurch wird die Altersarmut von morgen heran-gez\u00fcchtet. Diese Kinder und Jugendliche haben fast keine Chance, dem Teufelskreis zu entkommen.<br \/>\nAber auch viele Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose, k\u00f6rperlich Eingeschr\u00e4nkte und auch Migranten sind auf die Hilfeleistungen der Tafeln angewiesen. Viele frieren zuhause, um sich Heizkosten einsparen zu k\u00f6nnen. Auch der Strom f\u00fcr den K\u00fchlschrank oder die Gefriertruhe ist teuer. Damit k\u00f6nnen sie bei Schn\u00e4ppchen in den Superm\u00e4rkten oder Diskontern nicht reagieren.<br \/>\n\u00dcber Armut wird nicht gerne geredet &#8211; doch ist sie \u00fcberall und steigt st\u00e4ndig an. Viele Organisationen fordern deshalb, die Armutspolitik ganz oben auf die Agenda zu setzen. Wer \u00fcber seinen Verh\u00e4ltnissen lebt, ist selbst schuld. Dennoch gibt es viele, die unverschuldet in die Armutsfalle tappen: Trennung vom Lebenspartner, Verlust der Arbeitsstelle, Krankheit oder Unfall. Beim untersten Rand der Gesellschaft versagt zumeist das staatliche Sozialsystem. Nicht nur direkt, bei den Betroffenen. So berichtete die ehemalige Vorsitzende der Linkspartei, Sahra Wagen-knecht, in einem Round-Table-Gespr\u00e4ch in der ARD, dass einem Arbeitslosen, der sich \u00fcber die H\u00f6he des Arbeitslosengeldes erstaunt zeigte und meinte, wie er davon leben solle, vom Jobcenter-Mitarbeiter gesagt bekam, er k\u00f6nne ja zu den Tafeln gehen! ALG I berechtigt jedoch nicht zum Warenbezug bei den Tafeln.<br \/>\nNein auch bei solchen Hilfsorganisationen wie den Tafeln versagt der Staat. Was in anderen Mitgliedsl\u00e4ndern der EU selbstverst\u00e4ndlich ist, n\u00e4mlich solche Organisationen auch mit \u00f6ffentlichen Geldern zu unterst\u00fctzen, st\u00f6sst in Deutschland auf taube Ohren. Die Tafeln Deutschland haben 2018 laut Jahresbericht gerade mal eben 130.781,- \u20ac (2017 waren es noch 282.829,- \u20ac) erhalten &#8211; 36.581,- \u20ac mussten allerdings an Steuern bezahlt werden &#8211; damit verringerten sich die Netto-Zusch\u00fcsse der \u00f6ffentlichen Hand auf knapp 94.000,- \u20ac! Nur einmal gab es einen h\u00f6heren Betrag f\u00fcr das Sammeln regionaler Waren. In \u00d6sterreich konnte ich bei meiner Suche nach staatlichen Subventionen gar nichts finden!<br \/>\nDie Tafeln Deutschland arbeiten schon seit geraumer Zeit an ihren personellen Grenzen. Aber auch der Lager- und K\u00fchlraum sowie die Bef\u00f6rderungsmittel bereiten inzwischen gro\u00dfe Sorgen. So h\u00e4tten im vergangenen Jahr noch wesentlich mehr Lebensmittel gerettet werden k\u00f6nnen &#8211; einzig: Es fehlte an Transportern und Lagerm\u00f6glichkeit. <\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Die Tafel in Beilngries - Helfen aus N\u00e4chstenliebe\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/7fAkGYyr540?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Obgleich der Anteil an Migranten im vergangenen Jahr um 6 % zur\u00fcck ging, sorgte v.a. die Essener Tafel f\u00fcr bundesweite Schlagzeilen. Der dortige Leiter, J\u00f6rg Sartor, entschloss sich, die Abgabe der Waren f\u00fcr einen gewissen Zeitraum nurmehr an deutsche Bed\u00fcrftige durchzuf\u00fchren. Als Grund gab er den Anteil von ausl\u00e4ndischen Kunden mit 75 % an. Darunter waren offenbar auch viele Russlanddeutsche und Syrer, die sich offenbar nicht wie alle anderen auch anstellen wollten, dr\u00e4ngelten und schubsten, sodass viele vor allem \u00e4ltere Menschen nicht mehr kamen. F\u00fcr die Politik jedoch war es offenbar nur eine Tagesschlagzeile, heisst es aus den Tafeln. Ge\u00e4ndert habe sich seither nicht wirklich etwas. Der Soziologe Stefan Selke formulierte es in der Zeitung \u201eTagesspiegel\u201c drastisch aber durchaus korrekt:<\/p>\n<p><em>\u201eSie (die Tafeln, Anmerkung des Schreiberlings) sind der Pannendienst einer sozial ersch\u00f6pften Gesellschaft, die immer mehr ihrer Mitglieder als \u00dcberfl\u00fcssige abspeist!\u201c <\/em><\/p>\n<p><strong>Lesetipps:<\/strong><\/p>\n<p>.) Fast ganz unten \u2013 Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird; Stefan Selke; Westf\u00e4lisches Dampfboot 2009<br \/>\n.) Tafeln im flexiblen \u00dcberfluss. Ambivalenzen sozialen und \u00f6kologischen Engagements; Stephan Lorenz; transcript Verlag 2012<br \/>\n.) TafelGesellschaft. Zum neuen Umgang mit \u00dcberfluss und Ausgrenzung; Hrsg.: Stephan Lorenz; transcript Verlag 2010<\/p>\n<p><strong>Links:<\/strong><\/p>\n<p>&#8211; www.tafel.de<br \/>\n&#8211; dietafeln.at<br \/>\n&#8211; www.schweizertafel.ch\/de\/<br \/>\n&#8211; www.tischlein-deckdich.at<br \/>\n&#8211; www.tischlein.ch<br \/>\n&#8211; regionalbuero-zuerich.heilsarmee.ch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal ganz ehrlich: Wann ging es Deutschland derma\u00dfen gut wie heute? In den 60er? Den 70er? Oder einem anderen Jahrzehnt? Gemessen an den weggeworfenen Nahrungsmitteln d\u00fcrften wir (auch in \u00d6sterreich) die Spitze erreicht haben. J\u00e4hrlich landen alleine in Deutschland zwischen 15 bis 18 Millionen Tonnen davon im M\u00fcll (weltweit 1,3 Mrd &#8211; nach Angaben der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4134"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4134"}],"version-history":[{"count":16,"href":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4134\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4150,"href":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4134\/revisions\/4150"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4134"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4134"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4134"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}