
{"id":9463,"date":"2023-05-27T11:00:49","date_gmt":"2023-05-27T09:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/?p=9463"},"modified":"2023-05-27T11:00:49","modified_gmt":"2023-05-27T09:00:49","slug":"zehn-bunte-voegelein-da-warens-ploetzlich-nurmehr-zwei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/2023\/05\/27\/zehn-bunte-voegelein-da-warens-ploetzlich-nurmehr-zwei\/","title":{"rendered":"<strong>Zehn bunte V\u00f6gelein, da waren&#8217;s pl\u00f6tzlich nurmehr zwei!<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p>Wissen Sie, was ich am Fr\u00fchling so liebe? Einerseits zeigt sich die Natur in all ihrer Pracht, andererseits sind in den fr\u00fchen Morgenstunden unz\u00e4hlige verschiedene Vogelstimmen zu h\u00f6ren. Das steigert die Laune und der neue Tag beginnt gleich schon mit dem gewissen Etwas! Doch \u2013 wie lange noch?<\/p>\n\n\n\n<p>Erschreckende Ergebnisse liefert eine Studie von Stanislas Rigal (Universit\u00e9 de Montpellier), ver\u00f6ffentlicht am 16. Mai im Fachjournal \u201eProceedings of the National Academy of Sciences\u201c: Die Vogelvielfalt stirbt in dramatischem Ausma\u00df! Und \u2013 kaum zu glauben \u2013 der Klimawechsel tr\u00e4gt nicht die Hauptverantwortung daf\u00fcr! Rigal wertete mit seinen Kollegen die Bestandsentwicklung von 170 Vogelarten von 1980 bis 2016 aus. Nicht nur f\u00fcr Frankreich \u2013 auf mehr als 20.000 Probefl\u00e4chen in 28 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Die Z\u00e4hlungen wurden durch viele tausend Hobby-Vogelbeobachter durchgef\u00fchrt, aber auch Ornitologen (also Hauptberufler) haben sich daran beteiligt. Es handelt sich somit um den bislang gr\u00f6ssten Datensatz, der jemals in diesem Bereich ausgewertet wurde. Seit dem Ende des Beobachtungszeitraumes sind weitere sieben Jahre vergangen \u2013 die aktuelle Lage ist somit weitaus dramatischer.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier nun die harten Fakten: Im Beobachtungszeitraum verlor die EU nicht weniger als 600 Millionen V\u00f6gel \u2013 im Schnitt 40.000 pro Tag (Sch\u00e4tzungen f\u00fcr Deutschland gehen von rund 16 bis 20 Mio aus)! Eine der bekannteste Vogelarten darunter: Das Rebhuhn! Die vogelkundigen Wissenschafter beobachteten dabei eine t\u00f6dliche Entwicklung: Die meisten V\u00f6gel sterben unter den Acker-, Feld- und Weidenv\u00f6gel (\u201eAgrarvogelarten\u201c &#8211; Kiebitz, Rebhuhn, Feldlerche,&#8230;). Damit ist eindeutig erwiesen, dass die Intensivlandwirtschaft daf\u00fcr verantwortlich zeichnet. Jene Menschen, die in entsprechenden Regionen leben, werden die ehemals bunte Vielfalt des Vogelgezwitschers hin zu wenigen einzelnen bereits bemerkt haben. Die Studie aus Frankreich spricht hierbei von einem Einbruch von ganzen 60, bei Rebh\u00fchnern und Kiebitzen gar von 90 %! Bei anderen Vogelarten liegt dies bei zirka 25 %.<\/p>\n\n\n\n<p>Rigal legt anhand der Daten f\u00fcr das Vogelsterben eine Liste der Ursachen vor:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Intensivlandwirtschaft (mit dem Einsatz von Pestiziden und D\u00fcngemittel)<\/li><li>Verst\u00e4dterung (Zerst\u00f6rung des bisherigen Lebensraumes)<\/li><li>Abholzungen von W\u00e4ldern<\/li><li>Klimawandel (Temperaturanstieg)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Durch den st\u00e4ndig steigenden Einsatz von Pestiziden sterben die Insekten weg \u2013 f\u00fcr die V\u00f6gel gibt es keine Nahrung mehr. Dies zeigt sich v.a. in D\u00e4nemark und den Benelux-Staaten, aber auch in Deutschland und \u00d6sterreich. Experten raten deshalb dringend zu einem Richtungswechsel in der Landwirtschaft \u2013 hin zu einer Extensivierung, da es f\u00fcr viele Arten (wie etwa dem Rebhuhn) bereits zu sp\u00e4t ist, auch wenn die Intensivlandwirtschaft in den kommenden Jahren leicht sinken w\u00fcrde. Nurmehr 6 % der Vogelarten weisen noch wachsende Populationen auf (Zahl: Birdlife).<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eUnsere Ergebnisse quantifizieren damit nicht einfach nur Korrelationen: Sie offenbaren kausale Reaktionen \u2013 also Ursache-Wirkungs-Zusammenh\u00e4nge \u2013 von V\u00f6geln auf Faktoren des globalen Wandels.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(Studien-Co-Autor Vasilis Dakos)<\/p>\n\n\n\n<p>Bis 2030 sollen 30 % der Land- und Meeresfl\u00e4che unter Schutz gestellt werden. Darauf einigten sich, wie an dieser Stelle bereits berichtet, die 196 Mitgliedsl\u00e4nder des Weltnaturgipfels im Dezember. Viele Vogel- und Insektenarten wird dies nicht mehr helfen \u2013 sie werden aussterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Angaben des NABU sind zwischen 1998 und 2009 alleine in Deutschland rund 15 % der Vogelbrutpaare (12,7 Mio) verschwunden (\u00e4hnliche Zahlen auch in \u00d6sterreich). Neben den bereits angesprochenen Agrarvogelarten z\u00e4hlen hierzu leider auch Haussperling, Buch- und Gr\u00fcnfink, Goldammer und viele andere mehr \u2013 ja sogar der Star! Die Jungv\u00f6gel werden von ihren Eltern vornehmlich mit proteinreichen Insekten gef\u00fcttert. Fehlt diese Nahrung und der Lebensraum, so werden auch weniger Jungv\u00f6gel herangezogen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201e Diese Studie zeigt, wie verheerend die fortschreitende Umwandlung ganzer Landschaften in homogene, intensiv bewirtschaftete Mono-kulturen ist, die f\u00fcr viele Arten \u2013 auch f\u00fcr den Menschen \u2013 wenig Raum lassen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(Guy Pe&#8217;er, Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Umweltforschung)<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Studie \u00fcber 63 vornehmlich in Norddeutschland liegenden Naturschutzgebiete zeigte eine Abnahme der Fluginsekten in der H\u00f6he von 76 % innerhalb von 27 Jahren. Risikofaktoren wie die Klima\u00e4nderung k\u00f6nnen f\u00fcr einen R\u00fcckgang in dieser H\u00f6he nicht verantwortlich sein. Pestizide werden durch etwa den Wind von den benachbarten Fl\u00e4chen auch in diese Regionen verweht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommen jedoch, neben den Pestiziden, auch weitere Faktoren: Durchgehende Ackerfl\u00e4chen (ohne Wiesen oder Windschutzstreifen), erh\u00f6hte D\u00fcngerzugabe und Mahdfrequenz, Monokulturen und Ent-w\u00e4sserungen von Feuchtwiesen. Aber auch der R\u00fcckgang von Brach-wiesen schr\u00e4nkt den Lebensraum der V\u00f6gel enorm ein. So sank zwischen 1994 und 2011 die Brachlandfl\u00e4che (und somit ein weiterer Lebensraum der V\u00f6gel) um rund 90 %: Unbestellte Ackerfl\u00e4chen oder Wiesen, die zur Erholung des Bodens brach liegen oder auch Feuchtwiesen. Daf\u00fcr explodiert richtiggehend der Mais- und Raps-Anbau. Leider nicht wirklich f\u00f6rderlich f\u00fcr Insekten und V\u00f6gel, da hier Unmengen an Pestiziden und Herbiziden eingesetzt werden, die nichts mehr \u00fcbrig lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings darf hierbei nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass viele der Singv\u00f6gel in der Agrarlandschaft zur Gruppe der Zugv\u00f6geln z\u00e4hlen, etwa die Nachtigall oder das Braunkehlchen. Sie werden bei ihrer langen Reise oftmals eingefangen und fallen somit der Jagd zum Opfer (1,2 Mio). Weitere Risiko-Faktoren f\u00fcr unsere gefiederten Freunde:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Hauskatzen (bis zu 100 Mio)<\/li><li>Glasscheiben (bis zu 115 Mio)<\/li><li>Strassenverkehr und Bahn (70 Mio)<\/li><li>Windkraftanlagen (100.000)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Auch die Mahdfrequenz ist in der Intensivlandwirtschaft mitverantwortlich f\u00fcr das Aussterben vieler Vogelarten, vornehmlich der Bodenbr\u00fcter wie das Braunkehlchen: Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes nieder-gewalzt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDie Lerche &#8211; einen Vogel, der fr\u00fcher so h\u00e4ufig war, haben wir regelrecht aus unserer Lebensgemeinschaft herausgewirtschaftet.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(Prof. Peter Berthold, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts f\u00fcr Ornithologie in Radolfszell)<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Mobilfunktechnologie 5G mit kurzwelligen Strahlen sollte nach einer Untersuchung des Bundesamtes f\u00fcr Strahlenschutz (BfS) keine Rolle spielen. Als Sch\u00e4den an B\u00e4umen und tote Bienenv\u00f6lker in der Umgebung von Basisstationen beobachtet wurden, folgten entsprechende Unter-suchungen. Erkenntnis: Die Grenzwerte f\u00fcr den Menschen d\u00fcrften auch bei V\u00f6geln gelten. Elektromagnetische Strahlung beeinflusst allerdings den Orientierungssinn von Brieftauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2021 wurden von den 259 regelm\u00e4ssig in Deutschland br\u00fctenden Vogelarten 43 Prozent auf die rote Artenschutzliste gesetzt. Demn\u00e4chst beginnen die Verhandlungen \u00fcber die zuk\u00fcnftige F\u00f6rderpolitik der EU in der Landwirtschaft. Ob der Biodiversit\u00e4t dabei eine ihr entsprechende Rolle zukommen wird, bleibt abzuwarten. Experten fordern deshalb eine kleinr\u00e4umige und biologische Landwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch kann auch jeder Einzelne Gartenbesitzer zum \u00dcberleben der V\u00f6gel beitragen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWenn Sie einen lebendigen Garten haben wollen, dann fangen Sie bitte nicht an, Ordnung zu machen. Haben Sie Mut zur Wildnis! Lassen Sie die Brennnesseln einfach stehen, pflanzen Sie einheimische Beeren-str\u00e4ucher, setzten Sie sich auf einen Stuhl und schauen zu!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(Hans-Joachim F\u00fcnfst\u00fcck, Landesbund f\u00fcr Vogelschutz)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Filmtipps:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>.) Stilles Land \u2013 vom Verschwinden der V\u00f6gel; Dokumentation von Heiko de Groot<\/p>\n\n\n\n<p>.) Unsere Vogelwelt; Dokumentation von Leander Khil<\/p>\n\n\n\n<p>.) Den Wald aufs Feld holen \u2013 Agroforst in Bayern; Dokumentation des BR<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lesetipps:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>.) Das leise Sterben; Martin Grassberger; Residenz Verlag 2019<\/p>\n\n\n\n<p>.) Rettet die V\u00f6gel; Ursula Kopp; Bassermann 2021<\/p>\n\n\n\n<p>.) Das unsichtbare Netz des Lebens; Martin Grassberger; Residenz Verlag 2021<\/p>\n\n\n\n<p>.) Wanderer zwischen den Welten \u2013 Was V\u00f6gel in St\u00e4dten erz\u00e4hlen; Caroline Ring; Berlin Verlag 2022<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Links:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>www.nabu.de<\/li><li>naturschutzbund.at<\/li><li><a href=\"http:\/\/www.birdlife.org\/\">www.birdlife.org<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.lbv.de\/\">www.lbv.de<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.dda-web.de\/\"><u>www.dda-web.de<\/u><\/a><\/li><li><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.ab.mpg.de\/maxcine\" target=\"_blank\">www.ab.mpg.de<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"http:\/\/www.naturgucker.de\/\"><u>www.naturgucker.de<\/u><\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.umontpellier.fr\/\"><u>www.umontpellier.fr<\/u><\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.uea.ac.uk\/about\/school-of-environmental-sciences\"><u>www.uea.ac.uk<\/u><\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.agrarheute.com\/\"><u>www.agrarheute.com<\/u><\/a><\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wissen Sie, was ich am Fr\u00fchling so liebe? 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