
{"id":9599,"date":"2023-07-14T16:38:57","date_gmt":"2023-07-14T14:38:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/?p=9599"},"modified":"2023-07-14T16:38:57","modified_gmt":"2023-07-14T14:38:57","slug":"gib-gummi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/2023\/07\/14\/gib-gummi\/","title":{"rendered":"Gib Gummi!"},"content":{"rendered":"\n<p>Wohl ein Jeder kennt das Wort \u201ePlastik\u201c! Viele kennen auch \u201eKunststoff\u201c! Doch bei \u201eKautschuk\u201c tun sich die meisten schwer. Lapidar wird er immer gerne dem Plastik zugeordnet \u2013 stimmt aber nicht. Plastik und Kunststoff werden zumeist aus Erd\u00f6l hergestellt, Kautschuk hingegen stammt von B\u00e4umen! Er ist also ein Naturprodukt!!! Und \u2013 da haben wir schon wieder das Problem: F\u00fcr alle Naturprodukte, die mit Gewinnabsicht hergestellt sind, werden immense Sch\u00e4den an gerade dieser Natur in Kauf genommen. So leider auch beim Kautschuk. Riesige Ur- und Regenw\u00e4lder m\u00fcssen etwa in S\u00fcdostasien den Kautschuk-Plantagen weichen. Klima-tologen und Botaniker schlagen deshalb Alarm. Zumeist bleibt diese jedoch ungeh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kautschukbaum (Hevea brasiliensis) stammt urspr\u00fcnglich aus dem brasilianischen Amazonasgebiet. Er bevorzugt alsdann das feucht-tropische Klima mit viel Regen. Auch heute noch stammen rund 99 % des Naturkautschuks aus dem Hevea brasiliensis. Gewonnen wird der Kautschuk oder auch Gummi elasticum bzw. Resina elastica durch ein Anritzen der Rinde dieser Kautschukb\u00e4ume. Der herausfliessende Milchsaft (Latex) wird in Eimern aufgefangen. Er ist \u00fcbrigens geniessbar und schmeckt nach s\u00fcsser Sahne.<\/p>\n\n\n\n<p>Chemisch betrachtet ist Latex eine kolloide Dispersion, bestehend aus rund einem Drittel Kautschuk in einer w\u00e4ssrigen L\u00f6sung (Serum). Dabei ist der Hauptbestandteil ein Polymer aus Isopren-Einheiten mit Proteinen und Harzen. Der Kautschuk selbst ist br\u00e4unlich, er wird beim Abk\u00fchlen ab +3 Grad Celsius spr\u00f6de, ab +145 Grad klebrig und zerfliesst ab 170 Grad Celsius. L\u00f6slich ist er durch Benzin, \u00d6len und chlorierten Kohlen-wasserstoffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitte des 18. Jahrhunderts brachte der Franzose La Condamine das Latex aus dem Amazonas-Gebiet nach Europa Nach \u00dcberlieferungen der Mayas und anderer indigener V\u00f6lker wurde Kautschuk jedoch schon ab 1600 v. Chr. in Mittel- und S\u00fcdamerika verwendet \u2013 nicht selten in Ballform f\u00fcr den Sport. Gegen 1770 entstand der erste Radiergummin, 1823 der Regenmantel und die Gummistiefel (\u201cMackintoshs\u201d). Richtig bekannt wurde der Kautschuk allerdings erst ab 1839, als Charles Goodyear die Vulkanisation von Kautschuk (Vernetzung der Polymerketten) erfand. Das wurde von Henry Ford f\u00fcr seine Automobile aufgegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die labortechnische Herstellung von Kautschuk gelang bis heute nur sehr schwer. Die wohl bekannteste Version davon brachte die Standard Oil of New Jersey w\u00e4hrend des 2. Weltkrieges mit dem Buna-Kautschuk heraus, der aber qualitativ nicht an den Natur-Kautschuk herankommt. Die deutsche Wehrmacht forschte parallel dazu an einer Naturvariante aus russischem L\u00f6wenzahn (Taraxacum kok-saghyz Rodin). Dies wurde jedoch aufgrund des Kriegsverlaufes wieder eingestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kautschuk ist vor allem in der Reifenindustrie sehr begehrt, da er unheimlich resistent ist. Bestehen die Reifen von Privat-PKW zu rund einem Drittel aus Kautschuk, so ist dessen Anteil in LKW- und Flugzeug-reifen wesentlich h\u00f6her. Der Preis f\u00fcr das Naturprodukt explodierte richtiggehend zur Jahrtausendwende. Verantwortlich daf\u00fcr zeichnete v.a. die chinesische Automobilindustrie, die mit Riesenschritten expandierte. Hierin erkannten sehr viele Bauern die Chance ihres Lebens und pflanzten ganze Kautschukbaum-Plantagen. Doch weit gefehlt: Bereits 11 Jahre sp\u00e4ter gab es dermassen viele Plantagen, das Wirtschaftswachstum Chinas verlangsamte sich, die Lagerbest\u00e4nde stiegen und stiegen. Die Preise purzelten in den Keller. Nahezu um 70 %. Und dies trotz nach wie vor grosser Nachfrage. Zudem setzte der Klimawandel auch den Kleinbauern immens zu: Hitze und Trockenheit, Frost und Taifune verrichteten enorme Ernteverluste. Viele chinesische Landwirte verloren durch Ernteausf\u00e4lle Hab und Gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein g\u00e4nzlich anderes Bild in S\u00fcdostasien: In L\u00e4ndern wie Thailand, Indonesien und Malaysia werden Regenw\u00e4lder grossfl\u00e4chig abgeholzt um Platz f\u00fcr Kautschukplantagen zu schaffen. Sehr zum Unwohl der Botaniker und Klima- bzw. Umwelt-Forscher. Wie bei allen Monokulturen besteht die grosse Gefahr von Bodenerosion, Erdrutsche und Sedi-mentierungen von Flussl\u00e4ufen. Und schliesslich brechen die St\u00e4mme und \u00c4ste des Baumes bereits bei mittleren Windgeschwindigkeiten. Hinzu kommen unvorstellbare Mengen an Pestiziden, Fungiziden und D\u00fcnge-mittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6ssten Produzenten von Naturkautschuk sind Thailand, Indonesien, Malaysia, Indien und China \u2013 zunehmend auch die Elefenbeink\u00fcste, Liberia und Nigeria. Damit Sie sich einen \u00dcberblick \u00fcber das Ausma\u00df verschaffen k\u00f6nnen: Die Weltproduktion an Naturkautschuk belief sich 2020 auf 12,9 Mio Tonnen Naturkautschuk &#8211; der Weltmarktpreis ist zuletzt im April 2023 auf 1,54 US-Dollar pro Kilo gestiegen (Angaben: statista.de). Im S\u00fcdwesten Chinas (Pr\u00e4fektur Xishuangbanna) bel\u00e4uft sich die Bebauungsfl\u00e4che auf nahezu 20 % der Landfl\u00e4che. Auf dem Festland S\u00fcdostasiens sind es 20.000 Quadratkilometer (eine Fl\u00e4che gr\u00f6sser als Nieder\u00f6sterreich), z\u00e4hlt man die Inselstaaten hinzu, so sind es unglaubliche 250.000 Quadratkilometer \u2013 das ist weitaus mehr als die Fl\u00e4che von Rum\u00e4nien.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich w\u00e4re es relativ einfach, die \u00f6kologischen Sch\u00e4den zu bek\u00e4mpfen oder gar zu verhindern. Etwa durch Mischw\u00e4lder mit anderen Nutz- oder Obstb\u00e4umen und Kaffee, Tee oder Kakao im Unterholz. Entprechende Versuche laufen bereits seit einiger Zeit in Thailand und Indonesien durchwegs positiv. Hierbei m\u00fcssen zudem wesentlich weniger Pestizide angewendet werden. In China wird wohl die Regierung dem Kautschukanbau Grenzen setzen. Viele der dortigen Plantagen befinden sich auf steilem Gel\u00e4nde. Peking m\u00f6chte nun durch den Klimawandel beg\u00fcnstigten Naturkatastrophen ein Ende setzen \u2013 solche Regionen sollen renaturiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt zuletzt eine Frage: <\/p>\n\n\n\n<p>Wieviel Naturkautschuk wird bei einem Formel I-Rennen verbraucht und wieviele Hektar Regenwald mussten daf\u00fcr weichen???<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lesetipps:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>.) Einf\u00fchrung in die Kautschuktechnologfie; Georg Abts; Hanser 2007<\/p>\n\n\n\n<p>.) Handbuch der Kautschuk-Technologie; Hrsg.: Werner Hofmann\/Heinz B. Gupta; Gupta 2001<\/p>\n\n\n\n<p>.) Analysis of Rubber and Rubber-like Polymers; M.J.R. Loadman; Springer Dordrecht 1999<\/p>\n\n\n\n<p>.) Chemistry, Manufacture and Applications of Natural Rubber; Shinzo Kohjiya\/Yuko Ikeda; Woodhead Publishing Limited 2014<\/p>\n\n\n\n<p>.) <em>Einf\u00fchrung in die Kautschuktechnologie; Georg Abts; Carl Hanser Verlag 2007<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Links:<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"http:\/\/www.wwf.de\/\"><em>www.wwf.de<\/em><\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.chemie.de\/\"><em>www.chemie.de<\/em><\/a><\/li><li><a><\/a><a href=\"http:\/\/www.globalnature.org\/\"><em>www.globalnature.org<\/em><\/a><\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohl ein Jeder kennt das Wort \u201ePlastik\u201c! Viele kennen auch \u201eKunststoff\u201c! Doch bei \u201eKautschuk\u201c tun sich die meisten schwer. Lapidar wird er immer gerne dem Plastik zugeordnet \u2013 stimmt aber nicht. Plastik und Kunststoff werden zumeist aus Erd\u00f6l hergestellt, Kautschuk hingegen stammt von B\u00e4umen! Er ist also ein Naturprodukt!!! 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