
{"id":9608,"date":"2023-07-22T09:54:54","date_gmt":"2023-07-22T07:54:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/?p=9608"},"modified":"2023-07-22T09:54:54","modified_gmt":"2023-07-22T07:54:54","slug":"prigoschin-putins-kamphund","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stock-macht-den-blog.de\/blog\/index.php\/2023\/07\/22\/prigoschin-putins-kamphund\/","title":{"rendered":"<strong>Prigoschin \u2013 Putins Kamphund<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p>Einige kn\u00fcpften gro\u00dfe Hoffnungen an ein Ende des russischen Invasions-krieges mit der Ukraine, viele andere aber beobachteten den Marsch der Wagners\u00f6ldner nach Moskau mit grosser Besorgnis. Nach eigenen Angaben plante Wagner-Chef Prigoschin keinen Sturz Putins oder einen Milit\u00e4rputsch. Er wollte vielmehr damit gegen das chaotische Vorgehen der Milit\u00e4rf\u00fchrung im Kreml demonstrieren. Ausl\u00e4ndische Experten sprechen indes sehr wohl von einem Aufstand, nicht zuletzt aufgrund der Verhaftung von nicht weniger als 15 russischen Gener\u00e4len und den unz\u00e4hligen Hausdurchsuchungen des Inlandsgeheimdienstes FSB seit dem Marsch. Einige der Wagner- S\u00f6ldner bezahlten diesen mit ihrem Leben durch das sog. \u201eFriendly Fire\u201c &#8211; russischen Beschuss. \u00dcbrigens best\u00e4tigte auch der US-Thinktank \u201eInstitute for the Study of War\u201c (ISW) unter Bezugnahme auf die Kritik des inzwischen abgesetzten russischen Generals Iwan Popow, dass es schwerwiegende Probleme in den russischen Kommandostrukturen g\u00e4be. Popow befehligte die 58. Armee in der besetzten ukrainischen Region Saporischschja.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist es rund um den Unternehmer und selbsternannten Feld\u0086herren aus Moskaus Gnaden sehr ruhig geworden ist. Die einen Ger\u00fcchte meinen, er ist schon in russischer Haft oder gar tot, die anderen gehen davon aus, dass er sich wie seine K\u00e4mpfer in Belarus versteckt h\u00e4lt. Der pensionierte US-General Robert Abrams betonte in einem Interview, dass Prigoschin wohl nie mehr wieder in der \u00d6ffentlichkeit zu sehen sein wird. Und dann taucht da pl\u00f6tzlich ein Foto im Internet auf, das ihn in Unterw\u00e4sche auf einer Pritsche im Zelt angeblich auf dem belarussischen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt Tsel zeigt. Was ist mit Prigoschin???<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201e Was Prigoschin betrifft, so ist er in Sankt Petersburg. Er ist nicht in Belarus.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(Alexander Lukaschenko)<\/p>\n\n\n\n<p>Jewgeni Wiktorowitsch Prigoschin wurde am 1. Juni 1961 in Leningrad geboren. Bereits in seiner Jugend wurde er auff\u00e4llig: Diebstahl, Raub-\u00fcberfall und andere Delikte bescherten ihm 13 Jahre Haft \u2013 neun davon hat er auch tats\u00e4chlich abgesessen. Danach f\u00fchrte er mehrere Restau-rants in St. Petersburg. Nach eigenen Angaben bewirtete er im Jahr 2001 in einem seiner Restaurants den franz\u00f6sischen Ministerpr\u00e4sidenten Jacques Chirac und WladimirPutin, daher auch das Naheverh\u00e4ltnis zum Ex-KGB-Agenten. Andere Stimmen meinen, die beiden h\u00e4tten sich schon zuvor getroffen, als es in St. Petersburg um die Vergabe der Gl\u00fccksspiel-Lizenzen ging. Prigoschin baute seine Firma Concord auf \u2013 einer seiner T\u00e4tigkeitsfelder waren Fast-Food-Restaurants, mit denen er jedoch scheiterte. Durch die vielen \u00f6ffentlichen Auftr\u00e4ge jedoch konnte er sich recht gut \u00fcber Wasser halten. So belieferte er Schulen, Kinderg\u00e4rten, die russischen Streitkr\u00e4fte und Staatsbankette. Daher stammt sein Spitz-name: \u201ePutins Koch!\u201c Er selbst streitete dies stets ab:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIch bin nicht Putins Koch, ich kann \u00fcberhaupt nicht kochen!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schliesslich engagierte er sich selbst in der russischen Propaganda-maschinerie. Concord wurde zusehends mehr zur Agentenschmiede. So schleuste Prigoschin bei der investigativen Nicht-Regierungs-Zeitung Nowaja Gaseta eine Spionin als Praktikantin ein, die jedoch enttarnt und mit Falschinformationen beliefert wurde. Die \u201eaktiven Operationen\u201c begannen mit einen Diskreditierungsversuch des regierungskritischen Schriftstellers und Moderators Dmitri Bykow sowie der \u00dcberwachung der ebenfalls Putin nicht wohlgesonnenen Journalistin Julija Latynina. Das \u201eInternet-Forschungsinstitut\u201c (IRA) gelangte als \u201ePutins Troll-Fabrik\u201c durch Cyberangriffen und Fake-Propaganda vor allem bei Donald Trumps Wahlkampf und dessen anschliessender Wahl zum US-Pr\u00e4sidenten zu unr\u00fchmlicher Bekanntheit. Nach der Ver\u00f6ffentlichung des Berichtes des US-Sonderermittlers Robert Mueller setzte das FBI am 16. Februar 2018 aufgrund der Anklage Prigoschins durch eine Grand-Jury wegen \u201eVerschw\u00f6rung zur St\u00f6rung demokratischer Prozesse in den Vereinigten Staaten\u201c f\u00fcr die Ergreifung desselben eine Kopf-Pr\u00e4mie in H\u00f6he von 250.000 US-Dollar aus. 2023 best\u00e4tigte Prigoschin die Existenz seiner Troll-Armee:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWir haben uns eingemischt, wir tun es und wir werden es weiter tun.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auch w\u00e4hrend des \u201eEuromaidans 2013\u201c (der \u201eRevolution der W\u00fcrde\u201c in der Ukraine) mischte die IRA fleissig mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Medienholding schaffte in Russland ein richtiggehendes Moskau-getreues Nachrichtenmonopol, das schlussendlich auch den Ukraine-Feldzug als \u201ePolizeieinsatz\u201c gegen angebliche Nazis in Kiew verkaufte. Der Oppositionelle und heute in Haft befindliche Alexei Nawalny war es schliesslich, der 2016 einen Bericht vorlegte, der aufzeigte, dass Prigoschin Auftr\u00e4ge des Kremls in der H\u00f6he von zig Milliarden Rubel erhalten haben soll, nicht wenige durch das Verteidigungsministerium. U.a. auch f\u00fcr den Bau von Kasernen. Sein Unternehmen schrieb nach Angaben von unabh\u00e4ngigen Journalisten bis 2022 enorme Gewinne.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 2012 arbeitete Prigoschin gemeinsam mit Dimitri Utkin am Aufbau einer privaten Milit\u00e4r- und Sicherheitseinheit zur Durchsetzung russischer Interessen im In- und Ausland &#8211; \u201eWagner\u201c war gegr\u00fcndet. Die Urenkelin Richard Wagners, Katharina Wagner, distanzierte sich bei den diesj\u00e4hrigen Wagner-Festspielen in Bayreuth erbost von dem Missbrauch des Werkes und Namens ihres Urgrossvaters:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEs ist nun gar nicht zu leugnen, vielmehr muss immer wieder herausgearbeitet werden, wie sich im Werk meines Urgro\u00dfvaters die \u00fcbelsten Formen politischen und rassistischen Wahns in das dramatische Geschehen einf\u00fcgen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>2014 wurde Prigoschin alleiniger Chef der paramilit\u00e4rischen Organi-sation, einer Gruppierung von S\u00f6ldnern, die vornehmlich gegen die Terrormiliz IS in Syrien sowie bei einigen Revolten in Afrika, wie etwa Libyen, und seit 2014 zun\u00e4chst verdeckt, sp\u00e4ter offiziell im Ukraine-Feldzug Russlands t\u00e4tig war. Prigoschin leugnete erst einen Zusammen-hang mit Wagner, erst im Ukraine-Krieg trat er in Uniform als Anf\u00fchrer der S\u00f6ldner offiziell auf. Nicht selten wurden Rekrutierungen alsdann in rechtsnationalen und -radikalen Lagern auch in Deutschland durch-gef\u00fchrt. Ab 2022 schliesslich, wie im damaligen Film \u201eEin dreckiges Dutzend\u201c, in russischen Straflagern. Deserteure w\u00fcrden sofort stand-rechtlich erschossen, getreue K\u00e4mpfer nach sechs Monaten an der Front durch Putin selbst begnadigt. So wurde etwa der Fall des Russen Jewgeni Nuschin bekannt. Der ehemalige Strafgefangene hatte sich 2022 den ukrainischen Truppen ergeben. Durch Gefangenenaustausch oder einer Entf\u00fchrung kam er wieder zur\u00fcck. Seine Hinrichtung erfolgte mit einem Vorschlaghammer durch ehemalige Kampfgenossen. Prigoschin hierzu:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEin Hund empf\u00e4ngt den Tod eines Hundes.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am 23. Juni schliesslich rief Prigoschin nach Streitereien mit dem Verteidigungsministerium zum Marsch auf Moskau auf. So beklagte er sich, dass seine M\u00e4nner vor allem bei den blutigen K\u00e4mpfen in Bachmut durch mangelnden Munitionsnachschub und Luftunterst\u00fctzung den ukrainischen Truppen zum Fra\u00df vorgeworfen wurden. Verwirrende Aus-sagen aus Moskau: Sprach doch Putin bei einem angeblichen Gespr\u00e4ch mit dem Aufm\u00fcpfigen am 29. Juni des Jahres noch von einem Wechsel an der Spitze der Wagner-Truppe (die S\u00f6ldner sollten im Ukraine-Krieg weiterk\u00e4mpfen), was Prigoschin abgelehnt haben soll. Nur wenige Tage sp\u00e4ter meinte er, dass die Gruppierung defacto nicht existiere.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEin privates Milit\u00e4runternehmen Wagner existiert nicht.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(Wladimir Putin)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufl\u00f6sung d\u00fcrfte ihm nicht wirklich leicht gefallen sein, handelte es sich doch um kampferprobte, milit\u00e4risch gedrillte S\u00f6ldnern, die oftmals als Speerspitze an Hotspots eingesetzt wurden und gerade im russischen Invasionskrieg in der Ukraine f\u00fcr viele russische Gebietsgewinne verant-wortlich zeichneten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberraschend kam der Vermittlungsvorschlag des belarussischen Dik-tators Alexander Lukaschenko, gilt dieser doch als treuer Gefolgsmann Putins. Schliesslich erfolgte ein Teil der Invasion von belarussischem Gebiet aus. Zudem sprach er im Interesse Putins in Peking vor. Der russische Aggressor vertraut ihm derma\u00dfen, sodass er dort Atomwaffen stationierte. Lukaschenko behauptet inzwischen, dass Wagner-S\u00f6ldner im Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt Tsel belarussische Truppen trainieren sollen. Bleibt die Frage: Zu welchem Zweck? Will sich Lukaschenko nun auch aktiv an dem Krieg beteiligen? Aus dem US-Verteidigungsministerium heisst es, dass sich noch viele Wagner-S\u00f6ldner in den russisch besetzten Gebieten in der Ostukraine aufhalten sollen; die Kollegen aus Moskau hingegen behaupten, die Waffen\u00fcbergabe an die Streitkr\u00e4fte w\u00e4re abgeschlossen! Es bleibt also auch weiterhin russisch d\u00fcster!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Filmtipps:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>.) Die Prigoschin-Akten; ARTE-Doku<\/p>\n\n\n\n<p>.) Putins Schattenarmee \u2013 die Gruppe Wagner; ZDF-Doku<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Links:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"http:\/\/www.understandingwar.org\/\">www.understandingwar.org<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"http:\/\/www.defense.gov\/\">www.defense.gov<\/a><\/li><li>en.kremlin.ru<\/li><li><a href=\"http:\/\/www.ohchr.org\/\">www.ohchr.org<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.opensanctions.org\/\">www.opensanctions.org<\/a><\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige kn\u00fcpften gro\u00dfe Hoffnungen an ein Ende des russischen Invasions-krieges mit der Ukraine, viele andere aber beobachteten den Marsch der Wagners\u00f6ldner nach Moskau mit grosser Besorgnis. Nach eigenen Angaben plante Wagner-Chef Prigoschin keinen Sturz Putins oder einen Milit\u00e4rputsch. Er wollte vielmehr damit gegen das chaotische Vorgehen der Milit\u00e4rf\u00fchrung im Kreml demonstrieren. 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