Der Schlächter von Srebrenica

Wir schreiben den 11. Juli 1995! Während des Bosnien-Krieges haben bosnische Serben gerade die UN-Schutzzone, die muslimische Enklave Srebrenica erobert. Was danach folgt, ist Völkermord!

Am 27. August dieses Jahres verstarb Ratko Mladić 84-jährig im UN-Gefängniskrankenhaus in Den Haag. Seine Biographie liest sich wie jene eines Massenmörders. Obgleich auch Mladić einst ein normales Leben hatte. 1942 in dem kleinen Dorf Božanovići 40 Kilometer südlich von Sarajevo geboren, jobbte er zunächst als Metallarbeiter, erkannte aber vorzeitig, dass dies nicht das war, was er eigentlich wollte. Also meldete er sich schon mit 15 Jahren beim Militär. Am 27. September 1965 beendete er die Militärakademie und wurde Berufssoldat in der jugos-lawischen Armee (JNA). Er arbeitete sich durch die unterschiedlichsten Positionen durch. Anfang der 1990er Jahren schloss er sich dem Kurs des Serben Slobodan Milošević an. Von nun an ging alles sehr rasch. So wurde er etwa am 04. Oktober 1991 zum Generalmajor befördert, nur ein knappes halbes Jahr später zum Generalleutnant. Bis zu diesem Zeitpunkt könnte man von einer „normalen“ militärischen Karriere sprechen. Am 2. Mai 1992 allerdings begann Mladić mit der Blockade von Sarajevo – vier Jahre sollte sie dauern. Alle Zufahrtsstrassen wurden blockiert, Wasser- und Stromleitung unterbrochen. Immer wieder wurde die Stadt von der Artillerie mit Granaten eingedeckt, Scharfschützen schossen in der Stadt auf alles, was sich bewegte. 10.000 Menschen kamen um’s Leben, darunter auch 1500 Kinder.

Eine Woche später wurde Mladić Stabschef-Vize-Kommandeur des Zweiten Militärdistrikthauptquartiers der JNA, einen Tag später übernahm er dessen Kommando.

Und dann kam dieser 11. Juli 1995: Mladić war inzwischen Ober-kommandierender der Armee der Serbischen Republik (VRS), einem Ableger der jugoslawischen Volksarmee, der sich aus bosnischen Serben und Angehörigen der Jugoslawischen Volksarmee, die aus Bosnien stammen, zusammensetzte. Nach der widerrechtlichen Einnahme der UN-Schutzzone Srebrenica ordnete er den Genozid an. An diesem und den darauffolgenden Tagen wurden mehr als 8000 bosnische Männer und männliche Jugendliche ermordet (inzwischen sind die Namen von 8.372 Opfern bekannt). Ihre Leichen wurden zunächst in Massengräbern zugeschüttet, später teilweise wieder ausgegraben und auf mehrere andere Massengräber verteilt, um Beweise zu beseitigen. Frauen und Kinder mussten Züge besteigen – sie wurden an die bosnische Grenze deportiert.

Am 24. Juni wurde Mladić zum Generalobersten befördert. 1995 klagte der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY – „UN-Kriegsverbrechertribunal“) in Den Haag Mladić wegen Völkermords an. Dieser aber entzog sich über 16 Jahre lang der Verhaftung. Obgleich für seine Ergreifung ein Kopfgeld von 5 Mio Dollar ausgesetzt war! Bis 2002 soll er völlig unbehelligt in Belgrad gewohnt haben. Am 26. Mai 2011 wurde Ratko Mladić in Serbien festgenommen. Schon am 03. Juni stand er erstmals vor Gericht. Am 22. November 2017 schliesslich wurde Mladić in 10 von 11 Anklagepunkten für schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Knapp vier Jahre später wurde das Urteil durch die Berufungsinstanz des Nachfolgegerichtes bestätigt. Seither saß Mladić im Kriegsverbrechergefängnis des Internationalen Strafgerichts-hofes. Ein Antrag auf Entlassung wegen des schlechten Gesundheits-zustandes des Inhaftierten wurde abgelehnt.

Irritierend ist ein Bild vom 11. Juli 1995, das Mladić gemeinsam mit Oberstleutnant Thomas Karremans beim Weintrinken im Hotel Fontana zeigt. Karremans war damals Bataillonskommandeur des niederlän-dischen Peace-Keeping-Blauhelme-Kontingentes zum Schutz von Srebenica. 400 Mann unterstanden seinem Befehl. Er forderte bereits am 09. Juli NATO-Luftunterstützung zur Verteidigung der Region an. Am 21. Juli wurde das Dutchbat abgezogen. Mladić nutzte dies zur Verhöhnung der UN-Schutztruppe und deren Kommandeurs – weltweit im Fernsehen übertragen.

Mladić war zuletzt bettlägrig und auf einen Rollstuhl angewiesen. Untersuchungen zu seinem Tod wurden eingeleitet. Verabscheuungs-würdig war allerdings das Verhalten der deutschen AfD während der 30 Jahre- Erinnerungsveranstaltung im Deutschen Bundestag anlässlich des Massenmordes von Srebenica. Ein AfD-Abgeordneter der Partei stellte den Völkermord in Frage, da ja „nur“ die Männer erschossen wurden, die Frauen und Kinder „verschont blieben“! Er bezeichnete Bosnien-Herzegowina zudem als „fragilen Staat“! Des weiteren wurde dieser damalige Genozid thematisierend auf den Schulhof umgelegt. Proteste folgten, auch Aussenminister Johann Wadephul (CDU) trat ausserplan-mässig ans Rednerpult.

Und ich bedaure, dass wir den Opfern den Angehörigen, insbesondere hier Anwesenden und dem Herrn Botschafter derartige Debatten zumuten!“

Auch, wenn es immer wieder heisst: Über Tote soll man nicht schlecht sprechen! Doch – was dieser Mann in seiner damaligen Allmacht verbrochen hat – kann und darf niemals vergessen werden. Damit reiht er sich nahtlos in die Liste der vielen Kriegsverbrecher ein. Er wird leider nicht der Letzte sein!

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