Arm – ein Leben lang
Als ich dieser Tage ein Interview mit einem Call Center Manager im Radio hörte, erschrak ich: Obwohl dieser 69 Jahre alt ist, muss er noch zu 100 % einem Job nachgehen, da er mit unter 800,- € Rente im Monat niemals über die Runden käme. Ist dies etwa das Schicksal, das den meisten von uns im Alter droht: Arbeiten bis zum Umfallen? Da verursacht doch der Ausdruck „wohlverdienter Ruhestand“ einen mehr als spontanen Lach-anfall.
Nach einer aktuellen Studie der europäischen Statistikbehörde Eurostat aus dem Jahr 2024 (EU-SILC-Erhebung) sind in der Europäischen Union 12 % der Männer 65 + und 19 % der Frauen 65+ von der Altersarmut betroffen. Die Studie sorgt für mehr als grossen Unmut, schliesslich nimmt die Zahl der älteren Menschen in der EU stark zu – mit Stand 2024 waren mehr als ein Fünftel der Bevolkerung Ü65!
Von Armut ist ein Mensch dann betroffen, wenn er über weniger als 60 % („Medianeinkommen“ der OECD – Nettohaushaltseinkommen) des durch-schnittlichen Einkommens der Bevölkerung verfügt (Medianeinkommen 2024 Eurozone 23.767,- €/Jahr, Deutschland 27.619,-, Österreich 33.210,-, Schweiz 51.926,-).
Im Vergleich dazu liegt die EU-Armutsgefährdungsquote nach Sozial-leistungen bei 16,2 % (übermässig hoch mit 21,7 % in Bulgarien, niedrig mit 9,4 % in Tschechien). Dies können nun alleinerziehende Mütter ebenso sein wie Arbeiter oder Angestellte und auch Pensionisten und Arbeitslose. In der arbeitenden Bevölkerung nutzt auch ein Mindestlohn von 13,90 Euro die Stunde (etwa in Deutschland) nichts – viele haben noch einen zweiten oder gar dritten Job. Ähnliches ist alsdann bei den Rentnern zu sehen. In Deutschland arbeiteten 2024 nicht weniger als 1,1 Mio Menschen Ü67, in Österreich rund 100.000 Pensionisten trotz Pension noch nebenbei (Stand 2025), damit sie ihre Rechnungen zahlen können. Mögliche Lösung: Stärkung der Rente/Pension auf armutsfestes Niveau durch beispielsweise der Anhebung des Rentenniveaus (Deutsch-land derzeit 48 %, in Österreich gibt es ein anderes System mit dem Pensionskonto) auf mindestens 53 %! Gefordert wurde dies bereits 2014 durch die damalige Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (ehe-dem Linkspartei, jetzt BSW). Damals gab es Kritik von der Opposition, die vornehmlich Merkels zu wenig oder nicht vorhandene Sozialpolitik auf’s Tapet brachte – aber auch vom bayerischen Koalitionspartner Horst See-hofer von der CSU. Er betrachtete die Riester-Rente als defacto gescheitert. Das hat sich inzwischen bestätigt: Von 20 Mio abge-schlossenen Verträgen wurden bis Oktober 2025 nicht weniger als 5 Mio durch die Versicherungsnehmer gekündigt – Tendenz steigend.
Die Riester-Rente ist eine freiwillige private Altersvorsorge, die durch Zuschüsse und Steuervergünstigungen durch den Staat gefördert wird. Dies gilt allerdings nur für Dienstnehmer, Dienstgeber und Branchen, die bereits über eine andere Vorsorge-Möglichkeit abgedeckt sind (Ärzte etwa), konnten die Begünstigungen nicht in Anspruch nehmen. Das änderte sich jedoch für Berufsgruppen wie etwa Handwerker, Lehrer oder Künstler mit der Einführung der Versicherungspflicht. 2001 führte die rot-grüne Regierung unter Schröder diese Riester-Rente als Kernelement der Rentenreform ein. Viele zahlten jedoch zuletzt nicht mehr ein.
Neun von zehn Deutsche sehen in der Altersarmut ein ungelöstes Pro-blem, nach einer Langzeitstudie der R+V-Versicherung fürchten sich sogar 40 % der Befragten davor. In Österreich sorgen sich nach einer Umfrage im Auftrag des Wiener Sozial-Unternehmens Generationencafé Vollpension volle 78 % um ihre staatliche Pension.
Die privaten Altersvorsorgen steigen übrigens mit dem Bildungsgrad, was auch mit einem besseren Monatsgehalt zusammenhängen dürfte! Die Gewerkschaft Verdi hingegen warnt lautstark: Mit den Babyboomern der 60er Jahre steuern 11 bis 12 Mio Menschen auf das Bürgergeld (bis 2023 Hartz-IV) zu.
Einen möglichen Ausweg erwarten sich nun die Sozialpolitiker in Berlin durch die Flexi-Rente. Möchte jemand anstelle von 67 mit 63 Jahren vielleicht nicht zur Gänze der Arbeit den Rücken kehren, so kann er zumindest um einen Gang zurückschalten. Die Altersteilzeit macht’s möglich. Zugleich erhält er dabei eine Teilrente. Auch beim Zuverdienst hat sich etwas geändert: Konnte es schon mal geschehen, dass ein grosser Pauschalteil der Rente gestrichen wurde, weil im Monat XY auch nur ein Euro zu viel verdient wurde, so fielen ab 01.01.2023 die Zuver-dienstgrenzen für die vorgezogene Altersrente komplett, für andere wurden sie hinaufgesetzt. Ausserdem sank das Alterslimit für die Zusatzzahlungen von 55 auf 50 Lebensjahre. Dank dieser Zusatz-zahlungen kann der Zeitpunkt des Pensionsantritts gesenkt werden.
Auch ich staunte nicht schlecht, als anlässlich der Einrichtung der Pensionskonten in Österreich die voraussichtliche Rente bei Errreichung des gesetzlichen Rentenalters berechnet wurde. Da schuftet man sich das ganze Leben lang richtiggehend kaputt, um dann im Alter zusätzlich neben der Pension arbeiten zu müssen – auch bei nicht überdurch-schnittlichem Lebensstandard. Wer diesen nämlich auch nur halbwegs halten möchte, braucht nahezu 80 % des letzten Netto-Verdienstes. In Österreich gibt es keine Riesterrente. Dort konnten bis vor einigen Jahren Beiträge für Lebensversicherungen, Fonds-Versicherungen etc. in die Lohnsteuererklärung aufgenommen werden. Lässt man sich diese dann allerdings bei Fälligkeitsdatum komplett auszahlen, fällt erneut die Steuerpflicht an. Nur wenn sie als Rente ausbezahlt werden, bleibt dies steuerbegünstigt. Im Alpenstaat sind Frauen übrigens von der Alters-armut häufiger als Männer betroffen. Sie gehen im Schnitt mit 60,4 Jahren in den Ruhestand, leben jedoch nach demographischer Entwicklung noch 24 Jahre lang mit durchschnittlich 1. 563 € (Männer: 2.620,- €) – viele allerdings müssen mit weitaus weniger im Monat auskommen. Eine Mindestpension gibt es nicht in Österreich!
Dort übrigens sind die Selbständigen beitragspflichtig – nur unterhalb der Geringfügigkeitsgrenze von 551,10 € im Monat muss keine Pensions-versicherung bezahlt werden. Jene Experten, die das System etwas hinterfragen, versuchen davon zu überzeugen, dass eine private Vorsorge nach Vorbild der deutschen Riester-Rente eingeführt werden soll.
Also – bleibt nur das Weiterarbeiten in Vollzeit nach dem Erreichen des Regelalters. In Deutschland bringt jeder Monat mehr ab diesem Zeitpunkt ein Plus von 0,5 Prozent. Wird also ein Jahr länger gearbeitet, wirkt sich das mit einem Plus von 6 % auch auf’s Portemonnaie aus! In Österreich ist dies zeitlich auf drei Jahre begrenzt – jedes Jahr bringt eine Erhöhung der Pension um 5,1 % – maximal also 15,3 %. Oder das Dazuverdienen. Hier gibt es weder in Deutschland noch Österreich bei der Altersrente nach oben hin keinerlei Grenzen: Minijob oder gutbezahlte Beraterfunktion – einzig die Einkommenssteuer und Sozialversicherung muss ab dem Erreichen des Renten-Regelalters in’s Auge gefasst werden, was jedoch viele Jobs bereits schon wieder unrentabel machen, da Vater Staat auch hier ordentlich abkassiert. Frühpensionisten jedoch laufen Gefahr, durch einen Job, der die Geringfügigkeitsgrenze überschritten hat (in Deutsch-land derzeit 603,- € monatlich), die Rente pauschal gekürzt zu bekommen.
Sollte mit der Rente kein Auslangen gefunden werden, so besteht das Recht auf Grundsicherung, die bis zu einem gesamten Einkommen von 1.062 Euro am Sozialamt beantragt werden kann. Allerdings dürfen keinerlei Ersparnisse mehr vorhanden sein, ein bestehender Gering-fügigkeitsjob wird ebenso angeschnitten. Besitzen die Kinder oder Eltern allerdings ein Einkommen von mehr als 100.000 € im Jahr, so kann nicht angesucht werden. Im März 2025 bezogen in Deutschland nicht weniger als 742.000 Menschen über 65 Jahren neben der Rente Sozialhilfe – Tendenz stark steigend! Nach Schätzungen des Max-Planck-Institutes für Sozialrecht und Sozialpolitik wird bis 2030 mit einer Verdoppelung der derzeitigen Bezieher dieser altersbedingten Grundsicherung von 3 auf 6 % der Rentenempfänger gerechnet.
Tatsächlich muss davon ausgegangen werden, dass die Zahl der Alters-armen noch weitaus höher ist. Viele trauen sich aus Scham nicht um Unterstützung anzusuchen. Dafür ist zumeist ein Stempel der Gemeinde vonnöten, wodurch es jedermann dann weiss! Obgleich viele bezugsberechtigt wären, suchen sie vornehmlich in ländlicheren Gefilden erst gar nicht um derartige Zusatzleistungen an. Deshalb bleibt Altersarmut meist unsichtbar.
Lesetipps:
– Rente oder Wohlstand: Wer sich auf die Rente verlässt, wird niemals finanziell frei!; Bodo Schäfer; FinanzBuch Verlag 2016
– Armut im Alter: Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung; Christoph Butterwegge/Gerd Bosbach/Matthias W. Birkwald (Heraus-geber); Campus Verlag 2012
– Altersarmut in Deutschland: Herausforderung für die Sozialpolitik; Nick Loetz; Bachelor + Master Publishing 2014
– Ein Mann ist keine Altersvorsorge: Warum finanzielle Unabhängigkeit für Frauen so wichtig ist; Helma Sick/Renate Schmidt; Kösel-Verlag 2015
– Ratgeber Pensionierung; Thomas Schönbucher/Raphael Ebneter; VZ VermögensZentrum 2016 (Schweiz)
– Ratgeber Pensionskasse; Stefan Thurnherr/Nicola Waldmeier; VZ VermögensZentrum 2014 (Schweiz)
Links:
www.gesetze-im-internet.de
www.deutsche-rentenversicherung.de
www.ihre-vorsorge.de
www.rentenpaket.de
www.rentenreform-alternative.de
www.iww.de
www.ris.bka.gv.at
www.pensionsversicherung.at
www.sozialversicherung.at
pensionsrechner.arbeiterkammer.at
www.wko.at
www.admin.ch
bsv.admin.ch
www.ahv-iv.ch
www.123-pensionierung.ch
aso.ch
www.svazurich.ch
www.vermoegenszentrum.ch
www.ch.ch/de/ahv-rente-berechnen/
www.faire-renten.ch
www.sozialpolitik-aktuell.de
altersarmut-per-gesetz.de
www.armut-und-alter.de/
www.verbraucherzentrale.de/altersarmut
www.rente.com/altersarmut
www.myhandicap.ch
