Wie ein Pulverfass, das jetzt explodiert ist
Als Ende Februar erste Meldungen über einen israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran über die Fernschreiber tickerten, konnte noch niemand genau voraussehen, was dies alles bedeuten soll und v.a. wie sich dies ausweiten wird. Inzwischen sind hunderte Menschen gestorben – darunter auch viele Zivilisten. US-Präsident Donald Trump spricht von einem baldigen Ende des Krieges, in Israel ist man geteilter Meinung dazu. Viele befürchten, dass Trump innenpolitisch kalte Füsse bekommen hat und Israel nun alleine lassen werde. Zudem ist das Ganze verflucht teuer – das US-Kriegsministerium spricht von 11,3 Mrd. Dollar für die ersten sechs Tage des Kriegs.
Durch die Wahl des Chamenei-Sohnes Modschtaba zum obersten Führer des Irans dürfte allerdings eines klar sein: Die Mullahs tun alles erdenk-liche, um an der Macht zu bleiben! Modschtaba ist ebenso wie sein Vater ein Hardliner. Allerdings war er seit seiner Wahl noch kein einziges Mal zu sehen, was die USA vermuten lässt, dass er durch die Bombar-dierungen schwer verletzt wurde. Seine Antrittsrede wurde im Fernsehen vorgelesen! Es wird also – wie damals auch beim Nachbarn Irak – solange weitergehen, bis die Soldaten der Siegermacht die Anführer der Verlierer-macht aus einem Erdloch holen oder diese durch weitere Angriffe bis in die siebente oder achte Strukturreihe weggebombt sind.
Klar ist, dass Trump und Netanyahu mit diesen Angriffen einmal mehr eindeutig gegen das Völkerrecht verstossen. Beide beteuern, es sei ein Präventivangriff gewesen, bevor der Iran Israel atomar aus der Welt geschafft hätte. Das haben die Mullahs (ohne atomar) ja schon des öfteren versprochen. Der Iran reichert Uran an, doch wie sie aussagen, zur Gewinnung von Atomenergie. Auch die Internationale Atomenergie Organisation hat ausgeführt, dass es keinerlei Anzeichen für den Bau einer Atombombe in Teheran gäbe! Zudem ging dem Ganzen ja schon ein Angriff voraus – mit bunkerbrechenden Bomben gegen die vermuteten Anreicherungsstätten. Damals meinte Trump, dass das iranische Atom-programm erstmal vom Tisch wäre. Weshalb dann jetzt dieser Krieg?
Hier scheiden sich die Geister. Während die einen glauben, Trump möchte seinem Grössenwahn weiterhin frönen und nun auch den Iran unter seine Fittiche nehmen, gab es in Teheran nach den ersten Angriffen Feuerwerke vor Freude auf den Strassen tanzende Menschen. Die anderen gehen nämlich davon aus, dass das diktatorisch regierende Mullah-Regime gestürzt oder getötet werden soll um aus dem Gottesstaat wieder einen politischen Staat zu machen! Der Schreiberling dieser Zeilen überlässt es nun Ihnen, sich für das Eine oder das Andere zu entscheiden.
Eines sollte jedoch zu Denken geben: Ebenso wie in Venezuela laufen auch im Iran die Ölförderungsanlagen auf Hochtouren. Ebenso wie im südamerikanischen Staat vornehmlich für China, aber auch für Indien. Stecken etwa wirtschaftliche (Öl-)Interessen hinter diesem Krieg?
Soweit zur aktuellen Lage. Das Land selbst aber war schon öfters Kern kriegerischer Auseinandersetzungen. Lassen Sie uns gemeinsam einen kurzen Streifzug durch die Geschichte machen.
Das Perserreich war bereits in der Antike eine Grossmacht. Dabei werden drei Phasen unterschieden:
- Das altpersische Achämenidenreich
- Das Partherreich
- Das neupersische Sassanidenreich
Das altpersische Achämenidenreich wurde 550 v.Chr. durch Kyros II. gegründet und durch Dareios I. mittels zahlreicher Eroberungskriege („Perserkriege“) ausgeweitet. Es umfasste gegen 500 v.Chr. Teile Ägyptens, Griechenlands, der gesamten Türkei bis hin zum heutigen Indien. 334 v.Chr. begann der Makedonienkönig Alexander der Grosse mit seinen Eroberungsfeldzügen. Dies führte 330 v.Chr. zum Untergang des Achämidenreiches. Weshalb Alexander in nur 4 Jahren ein derart riesiges Reich einnehmen konnte – darüber rätseln die Geschichtsforscher auch heute noch.
Alexander der Grosse verstarb 323 v.Chr., es begannen die Diadochen-kriege. Seleukos I. (ein Weggefährte Alexanders) übernahm von Osten her kommend 305 v. Chr. die Macht. Die Seleukiden regierten bis 129 v.Chr. das Reich. Intern gab es allerdings bereits vielerlei Aufstände, im Westen drängten ferner die Römer herein. Zudem wurde ab 240 v.Chr. die Macht der Partherherrscher der Arsakiden immer grösser. Sie regierten bis 224 n.Chr. Es folgten die Sassaniden. Bürgerkriege und der vereinigte Kriegs-feind Rom und Türkei liessen auch dieses Reich 651 n.Chr. untergehen. Dessen letzer Herrscher, Yazgerd III. starb 651 n.Chr. bei Merw. Das Abbasiden-Kalifat aus Bagdad übernahm – die Bevölkerung wurde schrittweise islamisiert.
Im 13. Jahrhundert war das Perserreich vom Mongolensturm betroffen. Um 1500 n.Chr. gelang es den Safawiden, das Land zu einigen. Danach folgten die unterschiedlichsten Herrschersysteme – bis am 12. Dezember 1925 Reza Chan Pahlavi durch das Parlament zum Schah erhoben wurde. Am 17. September 1941 folgte sein Sohn Mohammad Reza Schah Pahlavi auf den Thron, nachdem er aufgrund der anglo-sowjetischen Invasion des Irans abdanken musste (er war Nazi-Deutschland zugeneigt). Dieser orientierte sich an den USA, führte zahlreiche Modernisierungen durch, regierte mit Hilfe seines Geheimdienstes SAVAK allerdings stark autoritär. Dies alles missfiel dem schiitischen Klerus. Es folgte die Islamische Revo-lution, die Macht übernahm Ajatollah Chomeini, der zuvor im Exil in Paris eine Einigung der Geistlichkeit, der linksintellektuellen Opposition sowie marxistisch-leninistischen und maoistischen Gruppierungen erreicht hatte. Reza Pahlevi verliess das Land am 16. Januar 1979. Die Reise führte ihn über Ägypten, Marokko, den Bahamas, Mexiko, USA und Panama wieder zurück nach Ägypten, wo er 1980 verstarb. Beerdigt wurde er neben dem vorletzten ägyptischen König Faruq I.
Die Mullahs führten seither ein ebensolches autokratisches Regime – gegen den Westen, für Russland und China. Immer wieder wurden sie in Zusammenhang mit terroristischen Anschlägen im Westen gebracht. Zudem unterstützten sie die anti-israelischen Hisbollah-Milizen im Libanon, aber auch die Hamas im Gaza-Streifen – sowie nach Insidern auch die Huthi-Milizen im Jemen mit Waffen und Geld. Innenpolitisch wurden Regimegegner oder -kritiker weggesperrt oder hingerichtet. Die UNO kritisierte bereit 2012 die hohe Zahl der Hinrichtungen im Land.
Ajatollah Ruhollah Chomeini führte den Iran bis zu seinem Tod 1989 – Ajatollah Ali Chamenei übernahm. In seine Amtszeit fällt etwa auch der Mordauftrag auf den islamkritischen Autor Salman Rushdi 2022, der Attentäter hatte mehr als ein Dutzend Mal auf Rushdie eingestochen. 2025 wurde er zu 25 Jahren Haft verurteilt. Während der Islamischen Revolution wurde die US-Botschaft in Teheran gestürmt und 52 Diplomaten der USA als Geiseln genommen. Gefordert wurde die Auslieferung des Schahs. In der Nacht vom 24. auf den 25. April 1980 scheiterte ein militärischer Rettungsversuch der Geiseln durch Spezialkräfte der USA. Der damalige US-Präsident Jimmy Carter hatte dies zuvor übrigens mit Moskau abgesprochen.
Seither reagierte der Iran auf militärische Angriffe, kämpfen liess er stets die Hisbollah-Milizen – mit einer Ausnahme: Im Januar 2024 gab es offenbar edinen Luftangriff auf Pakistan. Der Nachbarstaat antwortete seinerseits mit Raketenangriffen auf „terroristische Ziele“ im Iran.
Die Bevölkerung des Irans (rund 90 Mio Einwohner) besteht aus den unterschiedlichsten Gruppierungen. Immer wieder wird davon berichtet, dass sie bislang Ausländern gegenüber stets offen und sehr herzlich ist. Wie das dortige Regime jedoch regiert, wurde zuletzt klar, als es mit aller Härte gegen Demonstranten vorging. Von weit mehr als 5.000 Toten ist auszugehen (die Quellen gehen hierbei auseinander). Frauen werden nach wie vor diskriminiert – nicht umsonst haben diese Woche fünf Spielerinnen des iranischen Frauen-Fussballteams in Australien um Asyl angesucht.
Stellen sich abschliessend die Fragen:
Was kommt nach den Mullahs, sollten Trump und Netanyahu den Sturz des Regimes schaffen?
Kann sich ein US-Präsident als Weltherrscher aufspielen und überall dort militärisch eingreifen, wo es ganz offenbar um wirtschaftliche Interessen geht?
Wie lange werden Putin und Jinping noch zuschauen? Ab wann verliert Trump den Müllmann-Status für sie?
Lesetipps:
.) A History of Modern Iran; Ervand Abrahamian; Cambridge University Press 2008
.) Culture and customs of Iran; Elton L. Daniel; Greenwood Press Westport 2006
.) Iran and the rise of Reza Shah; Cyrus Ghani; I.B Tauris 2000
.) Revolutionary Iran: A History of the Islamic Republic; Michael Axworthy; Penguin Books 2013
Links:
- germany.mfa.gov.ir/de
- iranjournal.org/
- www.auswaertiges-amt.de
- www.bpb.de/
- www.amnesty.de/
- www.cia.gov/stories/story/spotlighting-the-world-factbook-as-we-bid-a-fond-farewell/
