Christlicher Nationalismus – Wie gefährlich ist diese Verflechtung von Religion und Staat?

Mustafa Kemal Atatürk war der Begründer der Türkei, die aus den Resten des Osmanischen Reiches entstand. Zwischen 1923 und 1938 auch deren Staatsoberhaupt. Am 10. November 1938 verstarb er. Atatürk formte aus dem neuen Staat ein republikanisches Staatswesen nach westlichem Vor-bild und förderte die Säkularisierung – die Loslösung von religiösen Normen sowie den Wechsel der Religion von der öffentlichen zur privaten Sphäre. Soll heissen: Die Trennung von Kirche und Staat! Doch – leider kam alles einige Jahrzehnte später in Form der „islamischen Republiken“ wieder zurück. Vor allem etwa im Iran, aber auch die Türkei selbst bewegte sich unter Recep Erdogan wieder in Richtung einer kirchlichen und staatlichen Vereinigung. Neben der staatlichen Gerichtsbarkeit gibt es hier zumeist eine kirchliche Gerichtsbarkeit, neben dem Strafgesetz auch die Scharia. Gesellt sich auch noch der Terrorismus wie etwa unter den Taliban oder dem IS hinzu, so handelt es sich hierbei nicht mehr um einen islamischen, sondern vielmehr um einen islamistischen Staat! Im Westen gerne auch als „Schurkenstaat“ bezeichnet, der vor Gewalt auch ausserhalb der Staatsgrenzen nicht zurückschreckt.

In der anderen Hemisphäre war dies lange Zeit ebenfalls ein Teil der Geschichte: So wurde der erste Kreuzzug durch die Lüge eines Papstes ausgelöst, viele Kirchenoberhäupter agierten selbst als Kriegsherren und bestimmten durch die Weihung bzw. Einsetzung von Kaisern und Königen zudem als letzte Entscheidungskraft das politische Europa. Im 20. Jahrhundert allerdings fand dies mit dem Fall vieler Monarchien sowie dem Aufkommen der Demokratien ein Ende. Es gab in vielen Ländern alsdann Verträge zwischen Kirche und Staat, die ein gegenseitiges Einmischen verhinderten.

Doch auch dies ist offenbar ein Teil der Geschichte. So kandidieren immer wieder Parteien für Wahlen, die ihre Richtung angeblich auf den Grundfesten des Christentums aufbauen. Tatsächlich jedoch steckt da-hinter nicht selten ein Sammelsurium an Menschen, die ihren bisherigen Parteien zu radikal geworden sind. Zudem schwappt aktuell eine Welle von den USA über den grossen Teich, die wirklich niemand hierzulande braucht: Der christliche Nationalismus!

Seinen bisherigen Höhepunkt (Stand: 14.04.2026) fand dies in folgendem Szenario: Papst Leo XIX. (selbst US-Bürger) appellierte an die kriegs-führenden Parteien, alle derzeitigen Konflikte auf dem Planeten einzu-stellen. Das haben auch viele seiner Vorgänger zuvor bereits getan.

Gott segnet keinen Konflikt. Wer ein Jünger Christi, des Friedens-fürsten, ist, steht niemals auf der Seite derer, die einst das Schwert schwangen und heute Bomben abwerfen.“

(Papst Leo XIX.)

US-Präsident Donald Trump sah dies als Maßregelung seiner Aussen-politik und griff den Papst nach seiner immer wiederkehrenden Art persönlich an: Das katholische Kirchenoberhaupt sei schrecklich in Bezug auf Aussenpolitik und schwach in Bezug auf Kriminalität.

Wenn ich nicht im Weißen Haus wäre, wäre Leo nicht im Vatikan!“

(Donald Trump)

Kurz danach postete er in den SoMes ein KI-Bild, das ihn zeigt (in der Bibel bei Jesus geschildert) wie er die Hand auf einem Kranken auflegt. Derartige Bilder gibt es derzeit zuhauf im Internet anzuschauen. Trumps-Vize J.D. Vance (eigentlich bekennender Katholik) sprach zuerst davon, dass er ausging, Trump habe einen Scherz gemacht. Nun jedoch legt er noch nach und warnt den Papst: Wenn sich dieser in globale Angelegen-heiten und komplexe Theologie einmische,

… ist es sehr wichtig, dass der Papst vorsichtig ist!“ Er müsse sicher-stellen, dass seine Aussagen auch „in der Wahrheit verankert“ seien.

(J.D.Vance)

Zudem zitiert er gerne falsche Bibelverse, die er aus Filmen bezieht.

Starker Tobak, der eigentlich danach aussehen sollte, als ob sich in den USA Staat und Kirche entzweien. Tatsächlich aber ist genau das Gegenteil der Fall: Obwohl Kirchenoberhäupter angegriffen werden, der ICE bewaffnet in Kirchen eindringt und Mitglieder der Gemeinde unter dem Verdacht der illegalen Einreise festnimmt etc. – die Trumpianer stehen immer mehr zu ihrem Staatsoberhaupt und vergöttern ihn immer mehr als den von Gott gesandten Erlöser! Politische Entscheidungen werden immer öfter begründet mit dem „göttlichen Willen“! Auch wenn Des-information dahintersteckt: Nein – die Bibel wurde nicht in den USA und in englisch geschrieben; das Land ist alsdann nicht ein von Gott begünstigtes (ein Hauptmerkmal des christlichen Nationalismuses). Siehe hierzu auch die Worte des kirchlichen Oberhauptes der Katholiken! Doch galt in früheren Zeiten eine Gleichstellung mit dem göttlichen Dreigestirn als Blasphemie. Seit dem Wahlkampf Trumps für seine zweite Amtszeit ist dies allerdings komplett anders. Er brauchte die Stimmen der vielen US-Evangelikalen und beschritt diesen Weg, den er jetzt medienwirksam wohl bis zum Ende beschreiten wird – vor allem nach dem Attentat des rechten Influencers Charlie Kirk.

Diese rechtskonservativen Katholiken und Protestanten, Mormonen und denominationslosen Christen sind etwa gegen Schwangerschaftsab-brüche, gegen afroamerikanische Mitbürger, für den Kampf gegen queere Menschen und gegen den vom Menschen verursachten Klimawandel! Na – vieles war im Wahlprogramm des derzeitigen US-Präsidenten vorzu-finden! Und – so die Meinung des Schreiberlings dieser Zeilen – nicht zuletzt gerade in den USA historisch begründet mit dem Extrem des Ku-Klux-Klans: Weisse, erzkonservative und rechtsradikale Menschen, die in der Vergangenheit viel Leid verursachten. Leider gibt es ihn nach wie vor. Ein guter Boden also auch für Rechtspopulisten.

Werfen wir einen kurzen Blick zurück in der Geschichte, den ich heute aber nicht im Detail behandeln möchte: Mit Beginn des 13. Jahrhunderts bis hinein in das 18. Jahrhundert zog die Inquisition durch Europa. Menschen, die irgendwie nicht ins System passten oder sich nicht einordnen wollten, wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder als vogelfrei erklärt. In diesen sehr dunklen Zeiten noch mit dem Segen des Papstes – jetzt ohne den Segen des Papstes, jedoch dem des Präsidenten! Heute distanziert sich die Kirche von diesen derzeitigen Vorgängen. So warf etwa der Passauer Bischof Stefan Oster Trump nach dessen Rede zur Beisetzung von Charlie Kirk unchristliches Verhalten vor und kritisierte die Worte des US-Präsidenten auf das Schärfste.

Doch wie sieht die Situation aus, wenn das Staatsoberhaupt auch das kirchliche Oberhaupt ist? Im Iran wurden aufgrund des Urteils der Mullahs zuletzt tausende Menschen hingerichtet. Im Westen ist neben dem Papst in Vatikanstadt auch König Charles III. gleichzeitig „Staatsoberhaupt“ und kirchliches Oberhaupt. Doch ist Grossbritannien eine parlamentarische Monarchie, wodurch die staatstragenden Entscheidungen im Unter- und Oberhaus gefällt werden. Wer hätte also gedacht, dass ausgerechnet die „Insel der Demokratie“, die USA, wieder in dieses uralte, volksfeindliche Schema zurückfallen, in dem die Moral Majority, der politische Arm der religiösen Rechten, bestimmt, wo der Bartl den Most herholt. Und das Volk applaudiert dazu noch begeistert!

Das gab’s doch schon mal – oder? 1931 wurden die „Deutschen Christen“ in Thüringen als Partei gegründet, die ab 1933 die Leitung über einige der Landeskirchen in der Deutschen Evangelischen Kirche übernahm. Tatsächlich jedoch steckten antisemitische, rassistische und dem Führer treu ergebene Volksverhetzer dahinter, die die religiöse Meinung bis 1945 bestimmen sollten. Ein Schelm, wer keine Parallelen zur derzeitigen Situation entdecken sollte! Nicht nur die Plateauschuhe und Glocken-hosen kommen irgendwann mal wieder.

Unsere Verfassungen beinhalten zwar die Religionsfreiheit, doch erkläre auch ich mich zum Freund der Säkularisierung: Kirche und Staat gehören getrennt! Es gab und gibt leider immer noch viel zu viele negative Beispiele, wie es ausgeht, wenn beide sich wieder verflechten!

Zuletzt möchte ich Paula Michelle White zitieren. Die Predigerin ist nicht nur die spirituelle Beraterin des US-Präsidenten, sondern auch Leiterin des Büros für Glaubensfragen im Weissen Haus und zudem verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit der Trumpschen „Faith and Opportunity“-Initiative!

„Präsident Trump nein zu sagen, würde bedeuten, Gott nein zu sagen !“

PS:

Wer sich die Inauguration Trumps angesehen hat, weiss, dass der US-Präsident seinen Amtseid gar nicht auf die Bibel ablegte, die ihm durch seine Frau gereicht wurde!

Lesetipps:

.) Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht; Arnd Henze; Güterskoher Verlag 2026

.) Christlicher Nationalismus in den USA; Thorsten Dietz/Maria Hinsenkamp; Mohr Siebeck-Verlag 2026

.) Taking America back for God; Andrew L. Whitehead/Samuel L. Perry; Oxford University Press 2020

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