Das Christkind bringt allen etwas
Hallo? Der Sommer hat gerade erst begonnen und der Stock hat schon wieder Weihnachten im Sinn! Wenn Sie nun denken sollten, ich leide unter Zeitgefühls-Verlust oder bin gar plemplem, so mögen Sie im Allgemeinen damit vielleicht gar nicht mal so falsch liegen! Doch hat dies mit dem heutigen Thema wenig zu tun! Klimatologen nämlich lassen in diesen Tagen aufhorchen: Das Klimaphänomen „ El-Niño“, das in unregel-mässigen Abständen in Südamerika für teils katastrophale Weihnachten sorgt, baut sich derzeit im Pazifik auf. Und heuer könnte es einen „Mega- El-Niño“ geben!
“Die Wahrscheinlichkeit, dass sich El-Niño-Bedingungen zwischen Mai und Juli 2026 entwickeln, liegt bei 82 Prozent, für den Winter sogar bei 96 Prozent.“
(Emily Becker, Ozean- und Atmosphärenforscherin der US-Klimabehörde NOAA)
Im entscheidenden Teil des Pazifiks liegen derzeit die Tempreraturen um 2 Grad über dem Normalwert. Kein gutes Zeichen – diesen Wert hatten wir bereits in den Jahren 1982, 1997 und 2015 – in diesen Jahren wütete El-Niño ohne Rücksichtg auf Verluste!
2016 wurde nahezu ganz Paraguay überflutet (der El-Niño der Jahre 2015/16 hatte sich bereits 2014 angekündigt), ein Jahr später Ecuador, Peru und mit Einschränkungen auch Kolumbien! Obgleich es der darauf folgende US-Präsident Donald Trump nicht wahrhaben wollte: Die Klima-Kapriolen, verursacht durch die Verschmutzung der Atmosphäre durch Treibhausgase wie Kohlendioxid, Methan, Schwefeloxide etc. werden noch viele Zerstörungen hervorrufen und sehr viel Leid bringen. Da kann man als reicher Mann in seinem eigenen Hochhaus oder als US-Präsident im sicheren Weissen Haus sitzen und noch so viele Witze reissen – es ist schlichtweg pietätlos über Menschen zu lachen, die in den Fluten ertrinken oder aufgrund der Dürre verhungern! Deshalb forderte damals auch Trumps Amtskollege aus Peru, Präsident Pedro Pablo Kuczynski, mehr Massnahmen gegen den Klimawandel zu setzen. Dessen Nach-folger, Pedro Castello, der derzeit 11 Jahre absitzen muss – versuchter Staatsstreich) hingegen liess die Zügel im Andenstaat in dieser Hinsicht wieder schleifen: Illegaler Bergbau ruiniert erneut die Pampa und das Naturschutzgebiet Tambopata, die Abholzung des Waldes schritt voran – 2020 wurden unter Präsident Martin Vizcarra mehr als 200.000 Hektar Wald gerodet, die Wiedereinsetzung des damals willkürlich abgesetzten Vorsitzenden der Nationalagentur für Forst und Wildleben, Alberto Gonzales-Zúñiga, wurde durch Regierungsintervention verhindert, Koka-sträucher werden zu Tausenden gepflanzt … Man muss keine Universität besucht haben um schlusszufolgern, dass Unwetter rasch wieder zu Umweltkatastrophen führen können. Denn: Was früher im regelmässigen Abstand von vier Jahren auf die Bevölkerung zukam, ist nun durchaus jedes Jahr möglich!
Verantwortlich für viele der Katastrophen weltweit zeichnet ein Wetterphänomen, das als „El Niño“ (in diesem konkreten Fall „Das Christus-Kind“) bekannt ist. Der Experte spricht von „ENSO – der El Niño Southern Oscillation“ und versteht hierunter die „ungewöhnlichen, azyklischen Strömungen im ozeanographisch-meteorologischen System“. Vereinfacht ausgedrückt: Anomalien in der Meeres-Oberflächen-temperatur.
Peruanische Fischer haben das Phänomen erstmals 1891/92 zur Weih-nachtszeit beobachtet und deshalb diesen Namen gewählt. Ähnlich wie im Atlantik der Golfstrom, den ich an dieser Stelle ja bereits erklärt habe, steckt auch hier ein riesiger Strom dahinter: Der Humboldtstrom. Er liefert kühles und nährstoffreiches Wasser an die Küste von Peru, das durch die Passatwinde noch schneller aufgetrieben wird. So hat das Wasser zur Weihnachtszeit bei Indonesien rund 28, vor Peru nurmehr 24 Grad. El Niño nun sorgt dafür, dass die Passatwinde ausbleiben, die Durchmischung nicht mehr funktioniert. Der kalte Humboldtstrom wird schwächer oder kommt gar zum Erliegen. Das Wasser erwärmt sich vor der Küste des Andenstaates, während es vor Australien und Indonesien kälter wird. An sich kein Problem, wird dies doch durch Südostwinde normalerweise ausgeglichen: Während im Ostpazifik ein Hochdruckgebiet entsteht, fällt im Westpazifik, der Luftdruck. Dadurch wird unter normalen Umständen diese sehr feuchte Luft in Richtung Indonesien angezogen („Walker-Zirkulation“). Dort treffen alsdann Südost- und Nordostpassat aufeinander („innertropische Konvergenzzone“). Diese Passatwinde entstehen dadurch, dass sich die Luftmassen durch die senkrecht stehende Sonne erwärmen und in Richtung Pole ziehen. Über den Wendekreisen sinken sie wieder ab und ziehen zum Äquator zurück („Hadley-Zirkulation“). Dabei blasen sie ungeheuerliche Wassermassen vor sich her, was dazu führt, dass der Meeresspiegel in Indonesien um ganze 60 cm höher als in Peru ist. Die Grenzfläche zwischen warmem Oberflächen- und kaltem Tiefenwasser (Thermokline) liegt normalerweise im Osten bei 30, im Westen hingegen bei 150 m. El Niño sorgt aber dafür, dass die Luftmassen und mit ihnen auch das warme Oberflächen-wasser zungenförmig gegen die südamerikanische Küste klatschen.
Die Folgen bleiben selbstverständlich nicht aus: Das Plankton in den oberen Wasserschichten stirbt ab, die Fische haben nichts mehr zu futtern, wandern ab oder sterben. Die Robben verhungern oder werden krank. Ganze Nahrungsketten können zusammenbrechen – in einer Region, in der in normalen Jahren etwa zehnmal so viele Fische wie ansonsten gefangen werden können. Auch den Korallenbänken geht’s an den Kragen. 1997/98 gingen etwa 1/6 aller Riffs weltweit kaputt, da sich die symbiotischen Algen von ihnen trennen und Pigmente abgestossen werden – das Leben entweicht, es kommt zur Korallenbleiche. Am besten war dies am Great Barrier Reef bei Australien zu sehen. Dieses erholt sich nun etwas, wird aber immer anfälliger gegenüber Einflüsse. Verantwortlich dafür ist Stress, der etwa durch zu warme Temperaturen verursacht werden kann.
Zudem verdunstet das wärmere Wasser schneller. Während der Über-schwemmungskatastrophe in Peru war dort der Pazifik um nicht weniger als fünf Grad Celsius wärmer als üblich in dieser Jahreszeit. Steigt nun die extrem feuchte Luft an den Anden auf, beginnt es zu regnen. Fatal für Peru und auch Kolumbien, da in beiden Ländern grossflächige Abhol-zungen dazu führen, dass das Wasser nicht mehr im Regenwald gespeichert wird, sodass es samt der Schlammmassen und Geröll zu Tale donnert.
Dieser Beitrag ist 9 Jahre alt – davor gab es auch Hochwasser in Peru – vier Jahre vorher. Die nächsten reissenden Fluten jedoch kamen bereits im Jahr 2019 und nun praktisch jährlich, zuletzt im Februar dieses Jahres.
Zurück zum Pazifik: Aufgrund des warmen Wassers – das ja oben fliesst – steigt der Meeresspiegel um rund 30 cm. Durch die Ostwinde wird dieses in Richtung Südamerika getrieben wird. Der Humboldtstrom hatte es ansonsten abgekühlt, wodurch das Wasser absinkt. Nicht weniger als 23 Häfen mussten in Peru während des Naturereignisses geschlossen werden.
Die globalen Auswirkungen sind noch extremer. Während es an der kompletten südamerikanischen Westküste wie aus Eimern schüttet, werden die nördlichen Pazifikküsten trockener! In Kalifornien herrscht seit Jahren Wasserknappheit da immer weniger Schnee die Sierra Nevada als Wasserressource bedeckt. Um dem entgegen zu wirken wurden riesige Baumassnahmen gestartet: Staudämme, Kanäle, Leitungen. Zirka 3/4 des Nutzwassers des Bundesstaates kommt aus dem Norden, der Süden aber verbraucht rund 80 % davon. Dennoch zu wenig – Millionen Bäume vertrocknen, brennen nieder oder werden vom Borkenkäfer befallen. Schon vor Beginn dieses Jahrzehnts sprach der damalige Gouverneur Brown vom schlimmsten Waldsterben der jüngeren Geschichte Kaliforniens. Auch die riesigen Mammutbäume im Norden des Landes sind hiervon betroffen.
Zudem fehlt in Südost-Asien und Australien der Regen – Dürre und Buschfeuer sind die Regel. So produzierten die Waldbrände 2015 in Indonesien mehr CO2 als die kompletten Vereinigten Staaten im selben Jahr und verursachten einen Schaden von ca. 16 Mio Dollar! Anfang 2020 wüteten im australischen Busch nicht weniger als 11.400 Feuer. Die „Black Summer“-Brände führten zur verheerendsten Buschbrand-Saison in der Geschichte des Kontinents. Das wiederum beeinflusst das Welt-klima: Pyro-Kumulonimbuswolken („PyroCbs“) verfrachten Qualm und damit Unmengen an Partikeln in die obere Troposphäre bis sogar in die untere Stratosphäre, die sich dadurch erwärmt. Dadurch sinkt der schützende Ozongehalt dieser Atmosphärenschicht.
Der Monsum auf dem indischen Subkontinent verschiebt sich, wird intensiver oder kommt gar nicht. Riesige Wirbelstürme entstehen vor Mexiko (etwa „Katrina“ 2005, „Mitch“ 1998, „Maria“ 2017 oder „Dolly“ 2026), die bei ihrer Reise in Richtung Norden unglaubliche Schäden anrichten.
Aber auch der afrikanische Kontinent leidet darunter. Während etwa Kenia und Tansania übermässig Regen abbekommen, fehlt dieser im südlichen Afrika wie Sambia, Simbabwe, Mosambik und Botswana und zudem Äthiopien.
Auch an den Polkappen ist das pazifische Wetterphänomen zu spüren: Im Sommer verliert die Arktis rund 2,6 Million Quadratkilometer ihres Eises zu viel (Tendenz zunehmend). Die NASA hat zudem nachgewiesen, dass 2016 auch das Meereis in der Antarktis durch das Christkind aus dem Pazifik verringert wurde. Die Experten sprechen von rund 19 Mio Quadratkilometern im Oktober – das wären rund 1 Mio weniger als noch im Rekordjahr 2014.
Mögliche Auswirkungen auf Europa sind noch nicht geklärt – nur die mehr als kalten Winter 1941/42 (Russlandfeldzug des Dritten Reichs) und 2009/2010 können auf das Wetterphänomen zurückgeführt werden. Derzeit geht die Wissenschaft davon aus, dass ein stärkeres Frühjahrs-regenband in El Niño-Jahren von Südengland bis nach Zentralasien zieht – das aber ist noch nicht erwiesen.
Alle zwei bis acht Jahre treten diese Wetterphänomene auf. In den anderen Jahren kann es nach einer Übergangsphase zum gegenteiligen Effekt kommen: Einer Verstärkung des normalen Zustandes – bekannt als „La Niña“ („kleines Mädchen“): Der östliche Pazifik kühlt ab – Indonesien bekommt einen sehr nassen Herbst, während in Peru zwei Monate später Dürre herrscht. Je heftiger der vorherige El Niño war, desto schneller tritt La Niña ein. Grössere El Niño-Ereignisse gab es in den Jahren 1997/98 und 2015/16. Das grösste Ereignis aber betrifft die Jahre 1982/83: Über drei Millionen Hektar Wald verbrannten nur auf Borneo; Bolivien, Ecuador und die Westküste der USA gingen im Wasser unter, Hawaii und Tahiti wurden von Wirbelstürmen heimgesucht – Experten sprechen von einem weltweiten Schaden von acht Milliarden Dollar. Die Wassertemperatur lag sieben Grad über dem Durchschnitt, das erwärmte die Umfeld-Lufttemperatur um rund 1,5 Grad (normal in El Niño-Jahren sind 0,25 Grad). 2015/16 gab es riesige Flächenbrände auf Australien und Indo-nesien, während in der Atacama-Wüste in Chile nach respektablen Regenfällen ein Blumenmeer zum Vorschein kam. Ostafrika wurde von Starkregen, Überflutungen und Erdrutschen heimgesucht, während im Norden Brasiliens eine Dürrekatastrophe herrschte. Gleichzeitig allerdings stieg der Pegel des Parañas im Süden des Landes um bis zu acht Meter.
Einige Klimaforscher beobachteten in El-Niño-Jahren Veränderungen bei der Intensität der Sonneneruptionen. Alle elf Jahre verändern sich zudem die Sonnenflecken durch heftige Entladungen an der Oberfläche der Sonne. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Klimaerwärmung entscheidend zur Häufigkeit und Stärke des El-Niño-Phänomens beiträgt. Was allerdings tatsächlich diese Umkehr der Walker-Zirkulation auslöst, bleibt weiterhin unerforscht! Auch die Vorhersage der Stärke ist nahezu unmöglich! Fakt jedoch ist, dass sich diese Umweltkatastrophen häufen – auch in diesem Jahr müssen sie einberechnet werden!
Lesetipps:
.) Super El Niño; Li-Ciao Hong; Springer 2016
.) Fernwirkungen des El Nino und seine historischen Aspekte; Paulina Holbreich; GRIN Verlag 2016
.) El Niño: Klima macht Geschichte; César N. Caviedes; Primus 2005
.) Stichwort El Niño; Christian Eckert; Heyne 1998
.) Die Erde hat ein Leck (und andere rätselhafte Phänomene unseres Planeten); Axel Bojanowski; DVA
.) La Jungle, la nation et le marché. Chronique indonésienne; Frédéric Durand; L’Atalante 2001
.) Das Meer – Wasser, Eis und Klima; Petra Demmler; Verlag Eugen Ulmer 2011
.) El Nino and the Southern Oscillation; Allen J. Clarke; Elsevier Science 2008
Links:
– www.enso.info
– www.imk.kit.edu
– www.geomar.de
– www.pik-potsdam.de/de
– ethz.ch/de.html
– www.egu.eu
– iprc.soest.hawaii.edu
– www.climate.gov/enso
– www.jcu.edu.au
– www.weather.gov/fwd/indices
– www.realclimate.org
– worldweather.wmo.int/de
– www.bom.gov.au
