Archive for März, 2022

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Ulrich Stock

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Das Problem mit den Führern

“Folge mir, ich bin dein Alphatier
Alphatiere können nicht verlieren
Glaube mir, ich bin ein Alphatier
Alphatiere können nicht verlieren!“

(Marius Müller-Westernhagen – „Alphatier“)

Es gibt sie, und es gibt sie nicht. Viele wollen es sein, werden es jedoch nie. Ist man es nicht, so brauchen einige Gewalt um es sein zu können! Was geht eigentlich in den Köpfen dieser Rudelführer, dieser Alphatiere vor?
Herzlich willkommen zu einem kurzen Ausflug in die Gruppentypologie!
Alpha ist der erste Buchstabe des griechischen Alphabets – auch wenn derzeit viele denken, es wäre „Π“ (Pi) wie Putin! In der Verhaltens-forschung spricht man von einem Alphatier, wenn es eine Herde, ein Rudel oder auch einen Schwarm anführt. Das Leittier ist meist das grösste und kräftigste seiner Art, da es viele Kämpfe gegen Widersacher bestehen muss. Alphatiere sind in der Regel männlich und auch sexuell die aktivsten in ihrer Gruppe. Zuhauf lassen sie kein zweites Männchen im Umfeld bestehen. Im Hühnerstall ist es der Hahn, der mit scharfen Krallen und Schnabel auf Gegner losgeht, in der Herde der Steinböcke der Leit-bulle, der seine Kontrahenten bei unglaublichen Machtkämpfen aus der Herde verbannt und bei den Gorillas der Silberrücken, der zuerst durch das Trommeln auf den Brustkorb oder die Erde aufzeigt, wo der Bartl den Most herholt. Man möchte meinen, dass es beim Menschen der Intelli-genteste ist, der ein Volk anführt. Doch – weit gefehlt. Schliesslich kommen bei der sog. „Krone der Schöpfung“ noch unzählige weitere Eigenschaften in’s Spiel, die ein derartiges Gruppenverhalten gewaltig aus den Fugen bringen können.
Eine dieser Eigenschaften ist die „Autorität“. Neben den Griechen waren die alten Römer jenes Volk mit der am besten funktionierenden Gesell-schaft. Sie haben aus den Fehlern der Griechen gelernt und versucht, diese auszumerzen. Deshalb gab es Rechte und Pflichten der Bürger, die auch deren Positionierung im Rahmen der Gesellschaft ganz eindeutig regelten. Eigens hierfür wurde die sog. „auctoritas“ eingeführt. Der Imperator („Cäsar“) war die höchste Autorität im Staate. Sein Wort entschied über Sein oder Nicht-Sein. Mit dem Senat gab es eine (schein-)demokratische Einrichtung, die ebenfalls sehr mächtig war – der Autorität des Imperators allerdings in keinster Weise gleich kam! Jeder Kaiser nun versuchte, jene Senatsmitglieder, die ihm unpässlich zu sein schienen, durch getreue Gefolgsleute zu ersetzen. Nach wie vor das Wesen der heutigen Diktatoren – aber auch der Führungskräfte in einem Unternehmen: Mit dem Fachbereichsleiter wechseln meist auch die anderen Führungspositionen. Schliesslich braucht der neue Chef ja loyale Mitarbeiter, die nicht an seinem Stuhl sägen. Der CEO beauftragt seinen Personalchef jenen Mitarbeiter zu finden, der intelligent, kompetent und strebsam ist, der gut mit seinen Mitarbeitern kann und deshalb auch immer wieder von diesen angesprochen wird. Dem Grosses vorausgesagt wird, der auch im Management beliebt ist! Um ihn zu entlassen! Nicht zuletzt könnte er zur Gefahr des Rudelführers werden.
Der deutsche Jurist und Nationalökonom, aber auch Soziologe aus Leidenschaft, Max Weber, beschäftigte sich zwischen dem auslaufenden 19. Jahrhundert und dem Ende des 1. Weltkrieges vornehmlich mit dem „Idealtypus“, aber auch dem „Moralischen Handeln in der Gesinnungs- und Verantwortungsethik“. Viele seiner Definitionen finden auch heute noch in der Soziologie, der Wirtschaft und Politik Anwendung. So etwa auch die Aufteilung der unterschiedlichsten Autoritäten nach den charak-teristischen Charismatisierungsquellen – in diesem Falle grob vereinfacht:

.) Charakter-Autorität (persönliche Autorität)
.) Behörden-Autorität (gegebene Autorität)
.) Kompetenz-Autorität (wissende Autorität)

Durch Spezialisten aus den unterschiedlichsten Wissensbereichen, wie etwa Jane Elliott und Erich Fromm (Pädagogik) oder Gerard Mendel (Soziopsychoanalyse) wurde dies noch verfeinert, differenzierter darge-stellt.
Das klassische Alphatier nun wäre jener, der nur auf der Charakter-Autorität aufbaut und sich die beiden anderen Autoritäten zu nutze macht. Sei es durch Gefolgsleute, Berater oder andere Möglichkeiten. Allerdings kämpfen in unseren Breitengraden die Anführer des Volkes nicht wie in anderen Regionen dieser Welt noch mit dem Schwert gegeneinander, um zu sehen, wer der Stärkere ist. Sie lassen sich bis zu einem gewissen Punkt die Autorität durch die Gesetze geben, danach formen sie die Gesetze nach eigenem Gutdünken. Die eigentlich wichtigste Autorität, die Wissenskomponente, bleibt dabei meist den Beratern überlassen – leider! Versagt dann die Kompetenz, weil Flüsterer verstossen werden, selbst davon laufen oder vielleicht doch nicht wirklich kompetent waren, so setzt die Charakterautorität zunehmend auf Gewalt, um sich Gegner vom Leibe zu halten und hierdurch die erarbeitete Rolle oder Position verteidigen zu können. Sie fallen wieder auf das Niveau der Steinböcke, die mit ihren Köpfen voran aufeinander zurennen und dies wiederholen, bis einer der beiden durch die Schmerzen des ständigen Aufpralls klein bei geben muss. Einzig die Methode unterscheidet Menschen wie Hitler oder Stalin bzw. auch Kim Jong-un oder Putin von den Tieren: Sie lassen kämpfen und treten selbst nurmehr nach, wenn der Andere schon auf dem Boden liegt!
Die meisten wirklichen menschlichen Alphatiere bauen also auf einem sehr gesunden Selbstvertrauen mit einem klar definierten Ziel auf, das sie erreichen wollen, sowie einer ordentlichen Portion der Selbstpräsentation, der Selbstdarstellung. Ein Alpha benötigt immer das Publikum, den Spot auf der grossen Theaterbühne – perfekt etwa beim Österreicher Richard „Mörtel“ Lugner zu sehen, der sich auch nicht davor gescheut hat, auf Schritt und Tritt von Kameras begleitet zu werden; Peinlichkeiten mit einem Lächeln preisgebend, die besser hätten verschwiegen werden sollen. Aufmerksamkeit – koste es, was es wolle! Fehler machen dabei nur die anderen, Hindernisse werden aus dem Weg geräumt. So soll der ehemalige Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche einst gegenüber einem Unternehmensberater betont haben, dass Daimler nicht ohne ihn, er aber ohne Daimler könne! Alter Schwede! Die Realität hat ihn wohl eingeholt! Jene Menschen allerdings, die dies alles ermöglichen, werden niemals in den pubilzierten Erfolg eingeschlossen. Wladimir Putin etwa baut auf einem ganzen Stab ihm treuest untergebener Gefolgsleute auf („Silowiki“), ohne die seine derzeitige Stellung gar nicht machbar wäre. Und einer der treuesten ist (oder war?) ohne Zweifel Dmitri Anatoljewitsch Medwedew, der dem ehemaligen KGB-Offizier den Stuhl im Kreml warm hielt, als dieser per Gesetz nicht mehr kandidieren durfte – ein Gesetz, das inzwischen geändert wurde. Medwedew kündigte am 15. Januar 2020 den Rücktritt seiner Regierung an, als sein Förderer erneut Verfassungs-änderungen beabsichtigte, die mit seinem Regierungsende im Jahr 2024 im Zusammenhang stehen. War ihm dies zu viel oder reine Taktik? Schliesslich ist Medwedew nach wie vor Chef der Putin-Partei „Einiges Russland“ (Putin selbst ist kein Partei-Mitglied) und seit 2020 stellver-tretender Leiter des Sicherheitsrates. Widerspricht nun einer dieser Stabs-offiziere, so verliert er seine Existenzberechtigung in diesem Kreis der Privilegierten. Putin ist somit der Prototyp des modernen Leittiers: Intelli-gent, zielstrebig, makellos, strategisch durchtrieben und lässt für sich kämpfen. Einziger Makel: Die geschiedene Ehe mit Lyudmila Ocheretnaya – denn Alphas machen ja keine Fehler! Doch wendete er sich – wie der Boulevard berichtet – sehr rasch der wesentlich jüngeren Rhythmischen Sportgymnastin Alina Kabajewa zu, die von ihm mit Auszeichnungen überhäuft und mit hohen Ämtern betraut wurde. Auch dies passt ausge-zeichnet in das Bild der Alphas: Ihre Frau ist die Schönste, Beste, Bewundertste – doch stets untergeben! Kabajewa allerdings ist seit 2018 spurlos von der Bildfläche verschwunden. Angeblich soll sie mit Putins Kindern (Zwillingsmädchen und zwei Söhne) in einem privaten Chalet in der Schweiz wohnen.
Viele dieser speziellen Alpha-Macht-Menschen stehen derzeit in einer Warte- und Lauerstellung. In der Branche der Berufspolitiker besonders gefährlich, lässt sich doch das Volk sehr rasch beeinflussen und vergisst vieles binnen kürzester Zeit! Perfektes Beispiel: Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hat seinen Wählern wieder goldene Zeiten, Schokoladebrunnen sowie eine schallende Ohrfeige für die ach so böse EU versprochen, wenn er gewählt wird. Bis zu seiner Abwahl im Jahr 2019 jedoch glich er eher dem Ritter von der traurigen Gestalt, der gegen die Windmühle kämpft. Trotzdem hatten viele seiner Landsleute den Glauben an ihn nicht verloren, da sich die Wut gegen die Sparmass-nahmen dermassen aufgestaut hat, dass sie dem krawattenlosen Vorzeige-Linken alles abnehmen würden. Tsipras war derjenige, der die Krise meistern wird – er ist der Leitwolf!
Auch in der Wirtschaft gibt es immer wieder derartige Fälle. Traditions-unternehmen gehen den Bach runter, da keiner der Berater dem Rudel-führer widerspricht und dieser selbst bekanntlich fehlerlos ist. So sprangen viele auf die Energiewende und die sich dadurch bietenden Möglichkeiten auf. Wenn sie auch anfänglich vielleicht Erfolge damit einheimsen konnten, so bekamen sie schon sehr bald den rauhen Wind der chinesischen Billigkonkurrenz zu spüren und mussten schliessen. Oder wurden durch Investoren übernommen, welche die Pokerkarten nach einer gewissen Zeit durch ein neues Päckchen ersetzen.
Alpha-Männchen bilden mit ihren Alpha-Weibchen das sog. Alpha-Pärchen. Wir kennen das ja zur Genüge aus den US-amerikanischen College-Filmen: Der Quarterback des Schul-Footballteams mit der Anführerin der Cheerleaders! Bei nur ganz wenigen Arten (Mufflons, den Bergzebras, den Kattas, …) werden die Herden von Alpha-Weibchen geführt. In der Rangordnung geht es dann weiter mit den Beta- bis hin zu den Omega-Tieren. Interessant ist inzwischen die Erkenntnis, dass in einem Rudel Wölfe zwar die Elterntiere die Führungsfunktionen über-nehmen – tatsächlich aber nur selten autoritär auftreten. Ansonsten herrscht ein soziales Gefüge – entgegen der bisherigen Auffassung, dass jedes Rudel nur einen Anführer hat.
Ein Alpha-Tier ist und bleibt ein Alphatier – vollkommen egal, in welcher Situation es sich befindet. Somit ist es beispielsweise erklärbar, dass viele Frauen solcher Männer lieber alleine zum Einkaufen gehen, da der Alpha – auch wenn er zum ersten Mal dabei ist – ansagt, was einzukaufen ist und was benötigt wird. Dies gilt selbstverständlich auch für die Arbeit – die Kollegen sind nur der lästige Rest, mit dem sich ein solches Leittier abfinden bzw. gar quälen muss. Somit wird die immer wieder in den Stellenausschreibungen enthaltene Eigenschaft der „Teamfähigkeit“ für ein Alphatier ad absurdum geführt. Erfahrene Headhunter können nach nur wenigen Augenblicken solche Rudelführer von der Masse der anderen unterscheiden: Während etwa der Beta-Bewerber etwas nach seitlich gebeugt auf dem Stuhl sitzt und nickend zustimmt, sitzt der Alpha-Bewerber kerzengerade ohne sich anzulehnen. Er scheut auch davor nicht zurück, den Headhunter zu unterbrechen und seine Meinung durchzu-setzen. Zudem glänzt er mit der Schilderung seiner bisherigen schulischen oder beruflichen Erfolge. Dass dabei nur das Positive ver-mittelt wird, steht ganz ausser Frage. Betonte doch der bereits erwähnte Daimler-Chef Dieter Zetsche ebenfalls einem Headhunter zischend gegenüber, dass er grundsätzlich nur erfolgreiche Unternehmen führt! Manches Mal ist ein solches Alphatier in einer Abteilung recht sinnvoll. In den meisten Fällen aber gibt es aufgrund seiner Dominanz Probleme. Kollegen, v.a. aber Kolleginnen werden eingeschüchtert, die Kreativität der ganzen Gruppe eingeschränkt, da ja nur die Meinung des Rangersten zählt. Dies kann schon mal fatale Folgen haben, wenn dieser die Gruppe aus welchen Umständen auch immer verlässt! So kann eine hochquali-fizierte Arbeitsgemeinschaft wirtschaftlich unnütz werden, da es niemand mehr gewohnt ist, eigenständig zu arbeiten, seine Ideen einzubringen. Die Arbeit ist keine One-Man-Show – zumindest nicht offiziell! Hinter den Linien weiss jeder, dass auch eine Einzelperson eine Gruppenarbeit wesentlich schneller und effizienter erledigen kann. Doch gilt jener als überheblich, der gerne seine eigenen Ideen umsetzen und für das Resultat alleine verantwortlich sein möchte – könnte ja an der Position des Alphatieres arbeiten!!! Im Zusammenspiel der Abteilungen hingegen zählt unbestritten die Zusammenarbeit. So kann der Vertrieb erst dann etwas auf den Weg bringen, wenn der Einkauf, die Produktion, das Marketing und auch der Verkauf funktioniert hat! Es ist nicht alleine der Verdienst des Verkaufs, wenn ein Unternehmen gut läuft. Auch nicht der Geschäftsführung. Hier spielen die unterschiedlichsten Faktoren zu-sammen. Schliesslich könnte der CEO nicht auf dermassen gute Leute zurück greifen, wenn der Personalchef nicht ein derart gutes Händchen bewiesen oder der Ausbildner nicht aus den Lehrlingen so gute Mitarbeiter gemacht hätte. Auch solche Löwen, die es gewohnt sind, laut zu brüllen, sollten sich besinnen, dass sie ihre Kollegen brauchen, andere Herangehensweisen sollten in’s Kalkül gezogen werden – somit sind auch die Ideen der Gruppenmitglieder wichtig – nicht nur jene des Anführers. Zeigt sich dabei der Rudelführer zwar als charismatisch, jedoch als inkompetent, verliert nämlich die Gruppe an Kreativität, an Flexibilität und an Innovation. Hier nun kommt der Big Boss in’s Spiel, der nicht unbedingt ein Alphatier sein muss, jedoch die Behörden-Autorität vorzu-weisen hat. Ein guter Unternehmensleiter, Vereinspräsident, Direktor,… schafft es, „die Stärken ihrer Mitarbeiter zu aktivieren und Schwächen zu kompensieren!“ (Wirtschaftspsychologe Dr. Albert Nussbaum). Gilt übrigens auch für jeden einzelnen Lehrer: Es gibt durchaus Schüler, die mehr drauf haben als die Pädagogen. Sie einzuschränken, ist ein Fehler. Sie zu fördern der Sinn dieses Berufes!
Und trotzdem regt sich zumindest bei mir so etwas wie Mitleid: Während sich Beta-Tiere auch anderen Tätigkeiten zuwenden können, sind Alpha-tiere immer nur damit beschäftigt, die Position gegenüber Widersacher verteidigen zu müssen. Da fällt mir in diesem Zusammenhang ein Spruch eines meiner Namensvetter, Oskar Stock, ein:

“Nichts ist anstrengender, als immer Recht haben zu müssen!“

Um das bisher eher etwas abstrakt Beschriebene nun zu untermauern – hier einige praktische Beispiele:
.) Dieser Tage sah ich zwei Katzen auf der Strasse. Die eine (das Alpha-tier) nahm Kampfhaltung ein und war zum Absprung bereit. Die andere (das Beta-Tier) marschierte langsam und gemütlich in einiger Entfernung vorbei – sie wollte nicht kämpfen!
.) In der Gruppe des Alphas kommt ein neues Mitglied hinzu – ein ausge-zeichneter Tischtennis-Spieler. Der Rudelführer wird natürlich einmal diesen Tischtennisspieler herausfordern, schliesslich kann er ja alles besser als die anderen. Nachdem er eine volle Abfuhr erfahren hat (selbstverständlich vor Publikum), wird er wie ein Verrückter trainieren. Ab dem Zeitpunkt jedoch, an dem er erkennen muss, dass es keinen Sinn mehr macht, ist das Thema gestorben. Ganz nach dem Motto: „Wen interessiert schon Tischtennis! Ist doch sowieso nur ein Spiel! Viel wichtiger scheint doch wohl, den Zusammenhang zwischen Protes-tantismus und Führungspositionen nach Max Weber zu kennen. Dann schicke ich als Katholik meinen Nachwuchs nicht auf eine humanistische sondern auf eine naturwissenschaftliche Schule, damit aus ihm mal etwas wird!“ Übrigens – Leistungssportler sind meist nur in einer Sportart wirklich gut, da sich die Trainingsmethoden beispielsweise eines Marcel Hirschers komplett von jenen eines Michael Phelps unterscheiden.
.) Das Alphatierchen hat vom Urlaub eines Beta-Tierchens erfahren, der beim Schnorcheln am Barrier Reef einem Kugelfisch in die Augen geschaut hat. Das Alphatier hingegen bucht für den nächsten Urlaub Bali und badet dort in einer heiligen Quelle. Die weltweite Empörung entlockt ihm nur ein müdes Lächeln.
.) Das Loch in der Strasse ist das einzige auf 5 Kilometer. Das Beta-Tier fährt zwar hinein, denkt sich aber nichts dabei. Der Alpha fährt ebenfalls zielsicher hinein und wird fuchsteufelswild. Schliesslich haben die anderen ihn beobachtet, wie und wo er diese Stelle passiert und haben dort mit der Spitzhacke ein Loch reingemacht. Und – das Omega-Tier kehrt um, nachdem es mit seiner Klapperkiste in das Loch gefahren ist, und fährt noch fünfmal hinein. Schliesslich ist es ja seine Bestimmung, kein Loch auszulassen!
Zuletzt noch eine beiläufige Bemerkung für all jene unter Ihnen, die – mit der Aussicht auf einen Führungsposten – beim nächsten Vorstellungs-gespräch voll den Alpha markieren, darstellen, schauspielern oder was auch immer. Unternehmensberater oder auch Personalchefs gleichen das Persönlichkeitsprofil mit dem Anforderungsprofil der Position ab. Die wirklich guten HR-Spezialisten hingegen wissen, dass dieses Anforderungsprofil bereits in kurzer Zeit überholt sein könnte. Sie müssen also vorausplanen und abchecken, inwieweit ein Bewerber das Unternehmen weiterbringen wird – auch wenn er vielleicht nur in speziellen Punkten diesem Anforderungsprofil entspricht. Auf diese Weise greifen sich auch die vielgerühmten Headhunter aus dem Pool heraus, wen sie gerade benötigen: Was hat diese Person bisher in seiner Arbeit bewirkt! Die Krawatte ist hier nur Beiwerk!

Lesetipps:

.) Das Faszinosum Max Weber. Die Geschichte seiner Geltung; Karl-Ludwig Ay, Knut Borchardt (Hrsg.); UVK; Konstanz 2006
.) Max Weber und Heinrich Rickert – Die erkenntnistheoretischen Grund-lagen der verstehenden Soziologie; Peter-Ulrich Merz-Benz; VS Verlag für Sozialwissenschaften; Wiesbaden 2008
.) Auge in Auge mit dem Wolf: 20 Jahre unterwegs mit frei lebenden Wölfen; Günther Bloch, Peter A. Dettling; Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2009
.) Was ist Autorität? Einführung in die Logik der Autorität; Joseph Maria Bocheński; Herder; Freiburg 1974

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Krieg auf der Überholspur des Datenhighways

Wenn im russischen Staatsfernsehen plötzlich die ukrainische Flagge gezeigt und die ukrainische Nationalhymne abgespielt wird, so steckt sicherlich in diesen Zeiten kein menschliches Versagen dahinter, sondern pure Absicht. Hätte ein Praktikant versehentlich den falschen Knopf gedrückt, so wäre er nicht nur sofort seinen unbezahlten Job los, sondern stünde höchstwahrscheinlich auch wegen Hochverrates vor einem Militärgericht Putins. Nein – der Urheber einer solchen Szene sitzt irgendwo auf dieser Welt, in einem abgedunkelten Keller, vor mehreren Bildschirmen, einer Tastatur und einer Maus: Ein Hacker der Vereinigung „Anonymous“. Manche übrigens sind kaum älter als der vorhin ange-sprochenen Praktikant. Kriege werden heute vor allem im weltweiten Web ausgetragen und hier sind ja bekanntlicherweise die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt. So wurden beispielsweise die US-amerikanischen Drohnen in Afghanistan von Rammstein/Deutschland aus gesteuert. Freilich unter Zuhilfenahme von Militärsatelliten, damit es schneller ging.
Auch die Invasion Russlands in der Ukraine war bereits monatelang zuvor im Internet vorbereitet worden: Durch Putins Troll-Fabrik. Kampagnen mit eindeutiger Desinformation und Furchtszenarien wurden bereits gefahren, als der erste russische Feldschuh noch weit entfernt der russisch-ukrainischen Grenze seinen Dienst versah. Zu diesem Schluss kam der 2020 eingesetzte „Sonderausschuss zur Einflussnahme aus dem Ausland auf alle demokratischen Prozesse in der EU“ des Europa-parlaments. Und – offenbar stehen ausgerechnet hier Tür und Tor sperr-angelweit offen. So konnten Schwachstellen aufgezeigt werden, die perfekt für das Einschleusen von Falschmeldungen geeignet sind und dadurch Unruhe stiften können. Viele sind davon auch dafür genutzt worden. Doch hat nicht nur Brüssel diese Probleme. Gewarnt werden vor allem nationale Stellen. Namentlich erwähnt wird dabei die Finanzierung der AfD in Deutschland. Das Ausschussmitglied Sabine Verheyen (CDU) berichtet u.a von einer Propaganda-Maschinerie mit „extremer Raffinesse und unzähligen Formen“. Aber auch von einer sog. „Landsmannpolitik“, wodurch die vielen russischstämmigen Menschen ausserhalb des Landes (v.a. in den baltischen Staaten und den östlichen EU-Mitgliedsländern) vom Konzept der „russischen Welt“ angesprochen und überzeugt werden sollen. Wie es zuvor der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bereits praktizierte.
Am Tag vor dem Einmarsch der russischen Truppen wurde eine Wiper-Schadsoftware aktiviert. Sie war bereits vorinstalliert – bei Unternehmen, die mit der ukrainischen Regierung zusammenarbeiten. Es handelt sich dabei um eine Software, die grossflächig Löschungen vornimmt. Das betrifft nicht nur einzelne Rechner sondern auch Server und damit ganze Netzwerke.
Die Kampfkraft dieser speziellen Soldaten wurde bereits mehrfach – vor-nehmlich bei Wahlen – unter Beweis gestellt. So sind etwa die Umstände der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und die Rolle Russlands dabei nach wie vor noch nicht endgültig geklärt. Alsdann hatten die Russen beim Brexit ihre Finger im Spiel. Während der Pandemie stiessen die gefakten Zweifel an der Qualität der westlichen Impfstoffe auf offene Ohren der Impfgegner. Die grüne Europaabgeordnete Viola von Cramon fürchtet vor allem die bewusst geführte Desinformation der Bevölkerung in der westlichen Hemisphäre. Viele übernehmen diese Fakes 1:1 und glauben fest daran, anstatt dies zu hinterfragen und sich über einen anderen Info-Kanal abzusichern. Hierzu zählen u.a. die nachgewiesen gelogenen Aus- bzw. Zusagen Wladimir Putins. Von Cramons bezeichnet dies als „Hybride Kriegsführung“. Auch der MEP der österreichischen Sozialdemokraten, Andreas Schieder, spricht von einem Info-Krieg Putins, der schon „seit vielen Jahren“ laufe. Zudem – ebenfalls im Abschluss-bericht des Ausschusses enthalten – kooptiere Russland Eliten im Westen. Hier erwähnt seien etwa die ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, Alfred Gusenbauer und Christian Kern, sowie allen voran der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Sie werden in Vor-stände und Aufsichtsräte deutscher und österreichischer Unternehmen oder russischer Ableger eingeschleust, damit sie vornehmlich ihre Kontakte bzw. vertrauliches Wissen zugunsten Russlands nutzen sollen. Dies sei heute aber nur am Rande erwähnt.
Die breite Öffentlichkeit wird durch die Trolle vornehmlich über die sozialen Medien hysterisiert. Fake-Accounts, -Likes und -Posts, Drohungen, Hassmeldungen gegenüber Politiker, Journalisten, Wissen-schaftler etc. – nicht hinter jedem Post steckt ein der deutschen Sprache nicht kundiger Rechtsextremer. Experten sprechen in diesem Zusammen-hang von der „Erschaffung einer Scheinöffentlichkeit“ mit dem Ziel, Stimmung zu machen. Es soll gar ein künstliches Chaos geschaffen werden, wodurch die Bevölkerung das Vertrauen in ihre politischen Vertreter verliert. Litauen hat bereits hierauf reagiert und mit der Platt-form debunk.eu eine Faktencheck-Website geschaffen, wo so manche Aussage überprüft werden kann. Die Macher nennen sich selbst „Die litauischen Elfen“. Auch die EU hat schon im Jahr 2015 die Gegen-massnahme „East Stratcom Taskforce“ online gestellt, damit Falsch-meldungen durch den Faktencheck gejagt werden können. Sie ist jedoch nahezu unbekannt, während die litauischen Elfen immer mehr Zulauf bekommen.
Cyber-Attacken hingegen finden auf einer weitaus höheren Ebene statt. So beschuldigten die USA schon unter Trump, aber auch unter Biden den militärischen Geheimdienst Russlands GRU der tatkräftigen Beteiligung an diesen Operationen. Inhalt solcher Angriffe sind zumeist Infrastrukturen wie Elektrizitätswerke, Wasserversorger, medizinische Einrichtungen und Medienunternehmen, aber auch Rüstungsbetriebe oder Global Player sowie Banken. Otto Normalbürger steht dem hilflos gegenüber – er bemerkt nur deren Auswirkungen. Um diese Front kümmern sich die Mitglieder von Anonymous. Hacker aus aller Welt haben sich auf Seiten der Ukraine gegen Putins Trolle eingeschaltet. So war am 26. Februar des Jahres auf Twitter zu lesen:

„Ukrainian people we are at your side. Anonymous is against this war. We will all do our best to help the Ukrainian people. We cannot let this attack go unpunished!“

Übrigens ging dem Ganzen ein Hilferuf des stellvertretenden Premier-ministers und Digitalministers der Ukraine, Mykhailo Fedorov, voraus, der über Telegram digitale Talente für eine IT-Armee suchte. Bekannt wurde die Gruppierung vornehmlich aufgrund ihrer Maske: Ein grinsendes, weisses Männergesicht mit Schnurrbart („Guy Fawkes Maske“). Niemand kennt sie. Keiner weiss, wo sie umgehen. Auch untereinander weiss niemand bescheid über die wahre Identität des Anderen. Nur deren Nicknames sind bekannt. Vor allem die Untergruppierung „OpRedScare“ greift via Tastatur und Maus in den Cyberkrieg gegen Russland ein. Sie knacken so manche Firewall ohne Probleme, andere Zugänge dauern etwas länger, sind aber ebenfalls nicht sicher vor einem Zugriff. Auf ihr Konto geht u.a. das vorhin bereits erwähnte russische Staatsfernsehen, aber auch das russische Verteidigungsministerium, der Energiekonzern Gazprom und russische sowie belarussische Infrastruktur. Innerhalb von nur 72 Stunden waren über 1.500 Websites offline sowie das Passwort des russischen Verteidigungsministers geknackt. Nicht jedoch jene von medizinischen oder Bildungseinrichtungen – Anonymous sieht sich auf der Seite der Zivilbevölkerung. Die russischen Trolls versuchen die Anonymous-Hacker mit sog. „Honeypots“ zu ködern. Webseiten, die eigens online geschalten wurden, um an die Urheber derartiger Zugriffe zu gelangen. Nicht zuletzt deshalb müssen Neuankömmlinge bei Anonymous ein schwieriges Aufnahmeprozedere durchstehen, damit sie zum Einen nicht sofort ausfindig gemacht werden können und schliesslich die Gefahr ausgeschlossen wird, sich hier einen Wolf im Schafspelz einzufangen. Anonymous hat sich auf DDoS-Attacken (Distributed Denial of Service) spezialisiert. Hierbei werden Server von unterschiedlichen Rechnern grossflächig mit Anfragen geflutet, bis sie zusammenbrechen. Dies kann durchaus auch über den Laptop im heimischen Wohnzimmer der Familie Schmidt geschehen, da er nach wie vor auf einem Betriebssystem läuft, für das es keine Sicherheitsupdates mehr gibt oder auf dem keine Firewall und Sicherheitssoftware installiert wurde. Nach derartigen Attacken erscheint stets ein Bekennervideo der Gruppierung auf der geknackten Website. Die Russen reagierten erbost und sprechen von Angriffen des Westens. Dabei ist es nicht auszu-schliessen, dass der eine oder andere Angriff von einem Russen oder einem Chinesen durchgeführt wurde. Ein amerikanischer Hacker wurde durch das FBI angeschrieben. Es habe erfahren, dass er an einer Cyberattack gegen Russland beteiligt gewesen sei. „Gute Arbeit!“
So witzig und trivial dies auch klingen mag, sollte dem Cyber-Krieg grösste Aufmerksamkeit zukommen! Beispiel? Die Ukraine betreibt an vier Standorten insgesamt 15 Kernreaktoren. Ein. Atomkraftwerk muss nicht beschossen werden, wie zuletzt Saporischschja. Es genügt ein Hacker, der im besten Fall „nur“ den Reaktor runterfährt. Zwei Drittel des ukrainischen Stroms wird in Kernkraftwerken produziert. Worst Case jedoch ist hierbei das Hinauffahren des Reaktors über seine Kapazitäts-grenzen. Die Folge wäre im Extremfall ein Supergau wie damals bei Tschernobyl, das ebenfalls in der Ukraine steht. Putin hätte damit eine Atomkatastrophe ausgelöst, ohne auf sein A-Waffen-Arsenal zurück-zugreifen. Ganz Europa wäre – wie auch in den 1980er Jahren – davon betroffen. Darunter jedoch weite Teile Russlands! Die Tat eines Wahn-sinnigen! Doch: War der Beschuss des AKW etwas anderes???
Der wirklich grosse Cyberkrieg hat bislang noch nicht stattgefunden. Nachdem für den russischen Staatspräsidenten die Invasion nicht wirklich so läuft wie geplant, ist die Gefahr sehr gross, dass dies noch geschehen könnte.
Wie im realen Leben gilt auch auf dem Datenhighway der Grundsatz:

Im Krieg gibt es nur Verlierer!

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Biogas – tatsächlich eine Furz-Idee???

Deutschland verbrauchte im Jahr 2020 nicht weniger als 86,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Mehr als die Hälfte davon kamen via Pipeline aus Russland, gefolgt von Norwegen und den Niederlanden. Österreich ver-brannte im selben Jahr 8,5 Milliarden Kubikmeter, die Schweiz 3,2. Während bei den Eidgenossen nur rund 35 % aus russischer Förderung stammen (der Rest aus der EU und Norwegen), sind es in Österreich 56 % (nur 12-13 % aus Norwegen und Deutschland).
Angesichts des derzeitigen von Russland angezettelten Krieges gegen die Ukraine mehr als bedenkliche Zahlen. Das Ostsee-Pipeline-Projekt Nord Stream 2 wurde durch den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz erst mal eingefroren. Viele Kritiker (wie die USA) bezeichnen es als fahrlässig, sich derart von nur einem Lieferanten abhängig zu machen! Stimmt zu einem gewissen Anteil. Andererseits versuchen selbstverständlich die Ameri-kaner das wesentlich teurere Fracking-Gas an den gutzahlenden Herrn Müller oder Frau Schmidt zu bekommen. Also sind Ideen gefragt. Eine dieser Ideen wäre sicherlich das Biogas!
Biogas entsteht mit Hilfe von Bakterien bei der Vergärung von pflanz-lichen und tierischen Überresten (Gülle, Bioabfälle, Energiepflanzen,…) – unter Luftabschluss (anaerobes Milieu) in sog. „Fermentern“. Zurück bleibt ein hochwertiges Düngemittel mit einer Vielzahl an Nähr- und humusbildenden Stoffen. Das entstehende Gas beinhaltet neben 25 % CO2 auch zwischen 40-75 % Methan (beim Erdgas sind es 80-90 %) – abhängig vom Oxidationsgrad der verwendeten Substrate. Dieses wird zur Strom- oder Wärmegewinnung verwendet. Daneben kann es auch aufbereitet in das Erdgas-Netz eingespeist werden. Zumeist geschieht diese Produktion nicht in einem grossen Biogas-Kraftwerk sondern direkt bei den Produzenten: Auf den Bauernhöfen. Eine durchschnittliche Anlage bringt eine Kapazität von 600 kW. In Österreich sind derzeit rund 350 Biogas-Anlagen im Einsatz. Sie erzeugen jährlich in etwa 150 Mio Kubik-meter Biogas (rund 2 % des jährlichen Gasbedarfs). In Deutschland sind es rund 9.700, in der Schweiz 30.
Biogas ist die drittwichtigste erneuerbare Energieform in Deutschland – nach der Wasserkraft und der Photovoltaik. 2019 wurden 8,1 Milliarden Euro mit der Produktion und Verwertung von Biogas in Deutschland umgesetzt, zwischen Flensburg und Berchtesgaden im Jahr 2020 5,2 % des verbrauchten Stroms aus Biogasanlagen gewonnen. Alleine in Niedersachsen beläuft sich die Biogaskapazität auf 1,4 Gigawatt, deutschlandweit sind dies 5,6 GW. Klar – bei einer Stromproduktion von 30 Terrawattstunden sind dies vernichtend geringe Zahlen!
Die anderen Bestandteile (neben Methan und CO2) sind Stickstoff N2 (0-7 %), Sauerstoff O2 (0-2 %), Wasserstoff H2 (0-1 %) und Schwefelwasserstoff H2S (0-1 %). Inzwischen sucht neben anderen auch die Technische Universität Graz im „Projekt Biogas 2H2“ nach einer Möglichkeit, aus der Biomasse Wasserstoff H2 zu extrahieren, der für den Antrieb von Brennstoffzellen dienen könnte. Ansonsten muss dieser sehr energie-aufwendig gewonnen werden.
Am interessantesten jedoch bleibt die Herstellung von Biomethan. Ein Kubikmeter Methan hat einen Energiegehalt von 9,97 kWh. Umgerechnet auf einen Methananteil von 60 % bei Biogas entspricht dies einem Energiegehalt von 6 kWh pro Kubikmeter (rund 0,6 l Heizöl).
In Blockheizkraftwerken erfolgt die Stromgewinnung. Leider wird in den meisten Fällen die Abwärme noch nicht zur Heizung von Gebäuden genutzt. Dadurch geht rund 2/3 der enthaltenen Energie verloren. Eine vorbildhaft geführte 190 kWh-Biogasanlage produziert rund 1,5 Mio kWh Strom und speist zudem 350.000 kWh Wärme in das Wärmenetz einer Gemeinde ein. Dadurch können 430 Haushalte mit Strom und 30 Haushalte mit Wärmeenergie beliefert werden. Hochgerechnet auf den CO2-Ausstoss ergibt sich gegenüber der Verwendung fossiler Treibstoffe (1.100 to CO2) eine Einsparung von zirka 650 to pro Jahr – dabei eingerechnet ist übrigens auch der Bau der Anlage!
Bei den Gasanbietern kann der Biogas-Anteil selbst gewählt werden. So erzeugt beispielsweise die Biogas-Aufbereitungsanlage Wien-Simmering pro Jahr über eine Million Kubikmeter Biomethan aus zirka 22.000 Tonnen biogenem Küchenabfall und speist dies in das Gasnetz ein. Aus 1,3 kg biogenen Hausabfällen lässt sich 1 kWh Strom gewinnen. Damit können 900 Haushalte der österreichischen Bundeshauptstadt umwelt-freundlich versorgt werden. Somit verringert sich der Ausstoss von CO2 um jährlich mehr als 3.000 Tonnen. Auch im schweizerischen Freiburg wird weitergedacht. Gemeinsam mit dem Projekt E Celsius nutzt die Stadt das durch die Klärschlammvergärung entstehende Gas nach erfolgter Aufbereitung zur Einspeisung in das städtische Gasnetz. 17.000 Kubikmeter Abwasser strömen täglich in die Kläranlagen der Stadt. Daraus entstehen jährlich 10 GWh Energie (gegengerechnet etwa 1 Mio Liter Heizöl). Damit ist der Wärmebedarf von 1.000 Einfamilienhäusern gedeckt.
Biomethan gelangt aber auch bei Gasmotoren zum Einsatz. So kann umgerechnet mit einer Tonne Grüngut ca. 1.000 Kilometer weit gefahren werden. Wurde der Methangehalt auf 98 % aufbereitet, so kann auch ein gasbetriebenes Fahrzeug ohne Folgen oder Problemen damit betankt werden. Dies reduziert den CO2-Ausstoss um bis zu 90 % und hilft alsdann beim Sparen auf jedem gefahrenen Kilometer. Biomethan kann zudem verflüssigt werden – man spricht dann von „LNG“ (Liquid Natural Gas). Damit werden LKW und Schiffe betankt und betrieben. Eine solche Aufbereitungsanlage steht neben 200 anderen in Deutschland in Pliening bei München.
Bei all diesen positiven Aspekten sollten aber auch objektiverweise die negativen nicht ausser Acht gelassen werden. So produzieren zusehends mehr Ackerbauern Mais oder Futterrüben (Energiepflanzen) nur für die Vergärung zu Biogas. Zur Zeit auf über 2 Mio Hektar Ackerland (1/5 des Gesamtackerlandes) – alleine in Deutschland. Durch Monokulturen verödet die Landschaft, Schädlinge oder Klima-Veränderungen können grossen Schaden anrichten (zur Resistentmachung gelangt die Genmanipulation zum Einsatz), der Boden wird ausgelaugt. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz aus dem Jahr 2014 versuchte die deutsche Bundesregierung dem entgegenzutreten. So erhalten seither grosse Betriebe nurmehr die Grundvergütung für die Stromeinspeisung, die Subventionen für Energiepflanzen wurden gänzlich gestrichen. Nurmehr Klein-Anbieter bis 75 kWh erhalten eine hohe Einspeisevergütung. Die Verwendung von Energiepflanzen sollte gänzlich verboten werden, da die Ernährung der Bevölkerung (v.a. fernab der grossen internationalen Lieferketten) immer mehr zum Problem wird (die derzeitigen Weizenpreise sprechen wohl Bände!). Nahrungsmittel sollten stets den Vorrang gegenüber Antriebsmitteln haben! Schliesslich gibt es genügend Küchenabfälle, Rückstände aus der Bier- und Weinproduktion (Treber), aus der Saftproduktion (Trester), Ernterückstände (Pflanzenblätter etwa) oder auch Molkerei- und Schlachtereiabfälle, Gülle oder Klärschlamm, die dafür eingesetzt werden kann. Apropos Gülle: Derzeit werden nur rund 1/4 der in Deutschland entstehenden tierischen Exkremente in Biogas-Anlagen vergärt – der Rest landet entweder auf den Ackern und Feldern, wo sie für eine übermässige Nitratbelastung des Grundwassers sorgt, oder wird in andere Staaten exportiert.
Daneben bestehen auch einige Gefahren, die von derartigen Biogas-Anlagen ausgehen. So entstehen hochentzündliche und extrem klima-schädliche Gase, die durch ein Leck leicht in die Umwelt abgegeben oder im Brandfall gar zu einer verheerenden Verpuffung führen können. Daneben bilden die Substrate, Gülle und Gärreste eine erhebliche Gefahr für Grund- und Fliesswasser. Schon mehrfach wurde schlichtweg ein Ventil bei einer Zuführungs- oder Ablassstelle nicht geschlossen, wodurch das Leben in Bächen oder Flüssen vernichtet wurde. Deshalb unterliegen Biogas-Anlagen strengen gesetzlichen Richtlinien und Kontrollen. Doch so sicher auch die Technik sein mag – menschliches Versagen kann niemals ausgeschlossen werden.
Nachdem bereits von ernst zu nehmenden Ökonomen mit einer Verdoppelung des derzeitigen Gaspreises bis kommendes Jahr gerechnet wird, wäre die Umstellung auf Biogas durchaus erstrebenswert. Es ist nicht nur klimaneutral und das ganze Jahr über verfügbar, sondern bietet auch die Möglichkeit, das Geld wertschöpfend in der eigenen Region zu belassen anstatt es nach Russland zu schicken. Ihrer Gastherme übrigens ist es völlig gleichgültig, ob Erdgas oder aufbereitetes Biogas verwendet wird.

Lesetipps:

.) Biogas-Praxis. Grundlagen, Planung, Anlagenbau, Beispiele; Heinz Schulz/Barbara Eder; Ökobuch 2005
,) Vom Bauern zum Energielieferant. Die Zukunft des Energiewirt; Martin Stroh; Landwirtschaftsverlag 2000
.) Energie aus Biomasse. Grundlagen, Techniken und Verfahren; Hrsg.: Martin Kaltschmitt/Hans Hartmann/Hermann Hofbauer; Springer 209
.) Kraftwerk Wiese Strom und Wärme aus Gras;Walter Graf; Books on Demand 1999

Links:

– www.biogas.org
– www.dbfz.de
– biogas.fnr.de
– www.ergar.org
– www.umweltbundesamt.de
– www.klimaaktiv.at
– www.gruenes-gas.at
– task37.ieabioenergy.com
– www.chemie.de
– www.aee.at
– gazenergie.ch
– oekostrom.at
– www.energieag.at
– gazenergie.ch
– www.biogas-netzeinspeisung.at

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