Archive for September, 2023

Currywurst, Burger, Pizza – macht Fast Food doof???

“Wisst’s, was die billigste warme Mahlzeit in Österreich ist? Ist nicht gesund, aber sie ist billig: ein Hamburger bei McDonald’s!“

(Karl Nehammer, österreichischer Bundeskanzler)

Seit nahezu Jahrzehnten versuchen Ernährungswissenschafter und Gesundheitspolitiker die Eltern von der Bedeutung der gesunden Jause für die heranwachsenden Kleinen zu überzeugen. Fast ebenso lange weisen Sozial- und Armutsforscher darauf hin, dass die Armut allerorts ansteigt. Und schliesslich kämpfen Vegetarier und Veganer für einen besseren Umgang mit Tieren etwa auch durch einen wesentlichen Preisanstieg von Fleisch- und Wurstwaren! Da kommt urplötzlich der österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer daher und betont in einer Diskussions-runde zu den Themen warme Mahlzeiten für Kinder, DDR und Sozial-partnerschaft in Österreich, dass sich auch die sozial unterste Schicht, die Klein- und Kleinstverdiener, eine warme Mahlzeit pro Tag leisten können! Ein klatschende Ohrfeige (österr.: “a Watsch’n”) ins Gesicht der Forscher und Umwelt- bzw. Ernährungsaktivisten, aber auch eine mehr als populistische Wortmeldung eines Gutverdieners auf Kosten jener, die unbescholten durch eine Krankheit, einen Unfall, eine Trennung oder eine Kündigung wegen Insolvenz des Unternehmens, Produktionsauslagerung oder einfach aufgrund ihres Alters nicht mehr wissen, wie es morgen weitergehen soll! Na – zumindest hat er darauf hingewiesen, dass diese “Billigernährung” nicht ganz gesund ist und damit indirekt wieder bestätigt, dass sich die finanziell Schwachen nicht richtig ernähren und zudem nicht beim Produzenten von nebenan einkaufen können. Übrigens hat die Österreichische Volkspartei (ÖVP) diese Aussage Nehammers inzwischen bestärkt, obgleich dies mit “Volk” wenig zu tun hat! Zudem hat der Herr Bundeskanzler kostenlose Werbung für etwas gemacht, das nicht wirklich einer ausgewogenen Ernährung entspricht. Wie einst die deutsche Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit Nestlé.

Doch – wie ist das wirklich mit den Burgern bzw. dem Fastfood???

Es war einmal eine kluge Frau aus Hamburg, die wusste nicht so recht, was sie ihren Lieben zu Mittag servieren sollte. Da kam sie auf die Idee, eine plattgedrückte Frikadelle in ein Brötchen zu legen und diese mit Mostrich und Ketchup zu würzen und mit einem Blatt Kopfsalat sowie einem Tomatenring zu verzieren! Das war die deutsche Version – die österreichische geht in etwa so: A gonz a wiffe Frau (der Begriff “Oide” ist diskriminierend und mir zu negativ behaftet – sorry!), irgendwo aus Deitschlond, hot net wirklich g’wusst, was sie zu Mittag auf’n Tisch bringen sollt. Do hot sie da Geistesblitz troff’n und sie hot a Flaaschlaberl g’nummen und flachdruckt in a Semmerl einigeb’n. Zum Würz’n an Senf und Ketchup, garniert mit am grünen Salot und aner Scheib’n von am Paradeiser!!!

Das war die Geburtsstunde des Hamburgers (kurz: Burger)! Schöne Geschichte – oder? Ob dies wirklich so gelaufen ist, kann heute niemand mehr nachvollziehen. Im Englischen versteht man unter “hamburger” jegliche Art von zubereitetem mageren Rinderhackfleisch, während im deutschen Sprachgebrauch das Gesamtgebilde als solches so bezeichnet wird. Ob nun diese Zusammenstellung aus der deutschen Stadt Hamburg oder der amerikanischen Stadt Hamburg bei Buffalo (US-Bundesstaat New York) benannt worden oder vielleicht doch aus „ham“ und „burg“ entstanden ist – wen interessiert’s! Hauptsache es schmeckt! Und dass es offenbar schmeckt, zeigen die nahezu konstant bleibenden Umsatzzahlen der beiden Platzhirsche am Markt. Dafür sind aber auch die unterschiedlichsten Marketing-Massnahmen verantwortlich, wie etwa der Veggie- oder vegane Burger. McD ist ohnedies immer wieder sehr kreativ, um auf sich aufmerksam zu machen. So etwa am 19. April 2011, dem “National Hiring Day” in den Vereinigten Staaten! Ronald M… stellte an diesem einen Tag nicht weniger als 50.000 neue Mitarbeiter ein. Eine Massnahme, die erforderlich wurde, da immer mehr seiner Filialen auch in der Nacht geöffnet haben! Ein durchaus gut gewählter PR-Gag, schliesslich beteiligen sich alle 14.000 Standorte an der Aktion und es werden nicht nur Vollzeit-Arbeitskräfte sondern auch Aushilfen einge-stellt, die nur stundenweise zur Verfügung stehen. Somit also als “relativ” anzusehen! Dadurch versuche die Fast-Food-Kette ihren Ruf als schlechter Arbeitgeber (wie vor 25 Jahren durch Günter Wallraff an’s Licht gebracht) loszuwerden, meinten Marketing-Profis. Seither habe sich nicht wirklich viel geändert: Schlechte Bezahlung, Schufterei in der Küche, rüder Umgangston, Aushilfsjob für Studenten – dies prangerte der Auf-deckungsjournalist damals an. Die Konzernzentrale in München wies dies 2011 zurück: 45 % der in Deutschland tätigen Arbeitskräfte waren Vollzeitangestellte (Gesamt-Zahlen für heute: Deutschland 65.000 Ange-stellte, Österreich 9.600, Schweiz 7.900 – Zahlen: McDonalds)!

Auch wenn Fastfood zumeist auf diese Burger beschränkt wird, so hat alsdann so mancher glühender Verehrer der Slow Food schon mal zu dem einen oder anderen Produkt aus dem “schnellen Bereich” gegriffen, ohne dies zu registrieren. Tatsächlich nämlich versteht man unter “Fast Food” all jenes, das möglichst rasch zubereitet oder als bereits fertige Speise über den Tresen (österr.: “Die Budel!”) gereicht und sofort verzehrt wird. Somit gehört die Berliner Currywurst oder die Wiener Eitrige hier ebenso hinzu wie das französische Baguette, die italienische Pizza oder der türkische Döner. Fast Food gibt es also in jedem kulinarischen Kultur-kreis. Ja – ich möchte sogar behaupten, dass auch der fix und fertige Salat aus dem Supermarkt die Voraussetzung erfüllt, in diesen immer wieder als ungesund abwertend bezeichneten Wortbereich des Fast Food aufgenommen zu werden! Doch diese meine Meinung wird die Ernährungsexperten auf die Barrikaden treiben, da hierdurch ein Feindbild aufgeweicht wird. Apropos Feindbild – für alle Gegner des Neu-Deutschen werde ich auch von “Schnellimbiss” reden – das trifft meines Erachtens ohnedies den Nagel besser auf den Kopf.

Bereits unsere Grossväter haben auf diese Form der Nahrungsaufnahme zurückgegriffen, wenn mal keine Zeit war, um ausgiebig zu dinieren. Trotzdem sind die meisten Eltern dagegen, dass sich ihre Kinder auf diese Art ernähren. Dies hat zwei Meinungen zum Hintergrund: Solche Schnellimbisse sind arm an Nährstoffen dafür aber reich an Salz und Fett – somit auch nicht gesund, da etwa Ballaststoffe oder Vitamine fehlen! Dies mag für so manches dieser Produkte stimmen, doch wird die Fleischscheibe eines solchen Burgers im Deutschen Lebensmittelbuch definiert als “grob entsehntes Rindfleisch mit gegebenenfalls Salz und Gewürzen” – ansonsten nichts mehr. Hinzu kommen dann die unter-schiedlichsten Beilagen – so etwa auch Salat oder Tomaten. Auch sehr viele Tomatenhasser wurden bereits im einen oder anderen Burger-Restaurant beim leidenschaftlichen Verzehr dieser Weichbrötchen ertappt. Ich möchte damit nicht behaupten, dass ebensolche gesund sind! Dies etwa wurde durch den Selbsttest “Super Size me” des US-Amerikaners Morgan Spurlock aufgezeigt. Er hat sich 30 Tage lang nur über die Speisekarte des grössten Burger-Verkäufers ernährt. Bereits nach kurzer Zeit zeigte die Ernährungsstudie erste Auswirkungen – nicht unbedingt die positivsten. Spurlock wollte damit auf den miserablen Zustand der Schulkantinen und dem mangelnden Verantwortungs-bewusstsein der Konzerne aufmerksam machen. Die Dokumentation wurde mehrfach ausgezeichnet.

Tja – auch ich muss zugeben, dass ich einmal pro Jahr diesen für die meisten Jugendlichen “anbetungswürdigen Ort der kulinarischen Einkehr” aufsuche – danach wird mir stets bewusst, weshalb ich dies nur einmal im Jahr mache. Zudem naht der Hunger nach dem ersten Burger sehr rasch erneut wie zuvor! Lassen Sie uns doch mal in medias res gehen und einen Vergleich anstellen:

1g Eiweiß = 4 kcal

1g Kohlenhydrate = 4 kcal

1g Fett = 9 kcal

1g Alkohol = 7 kcal

100 g Apfel haben 50 kcal, 11,0 g Kohlenhydrate, 0,4 g Fett und 0,3 g Protein

100 g Bambussprossen haben 17 kcal, 0,9 g Kohlenhydrate, 0,3 g Fett und 2,6 g Protein

100 ml Bier haben 41 kcal, 3,1 g Kohlenhydrate, 0,0 g Fett und 0,5 g Protein

100 g Bratwurst haben 286 kcal, 0,3 g Kohlenhydrate, 24,9 g Fett und 13,1 g Protein

100 g Eisbergsalat haben 13 kcal, 1,7 g Kohlenhydrate, 0,2 g Fett und 1,0 g Protein

100 g Rindfleisch haben 219 kcal, 0,0 g Kohlenhydrate, 11,3 g Fett und 27,8 g Protein

100 g Schweinefleisch haben 216 kcal, 0,0 g Kohlenhydrate, 11,5 g Fett und 26,8 g Protein

Sicherlich sollte dies nicht einzeln betrachtet werden. Hinzu kommen die Zutaten wie Senf, Ketchup, Pommes, Cola,… Begeisterte Kopfrechner werden ihre hellste Freude bei der Kalorienberechnung eines solchen Besuches bei Ronald oder beim King haben!!! Gleiches gilt selbst-verständlich auch für die Würstelbude von nebenan oder dem Pizzamann um die Ecke, der gerne nach Hause liefert! Eine 2005 durch US-amerikanische Wissenschaftler veröffentliche Langzeitstudie (Beo-bachtungszeitraum: 15 Jahre) zeigt auf, dass der ständige Konsum solcher Produkte einerseits für Übergewicht sorgt, andererseits auch Diabetes Typ-2 begünstigt. Es kann sogar zu einer Art Heisshunger nach kalorienreichem Essen kommen – möglicherweise durch das Hormon Ghrelin ausgelöst!

Parallel dazu allerdings macht Fast Food alsdann ungeduldig. Ich gehe zu all diesen Restaurants und Ständen, da ich weiss, dass das Essen binnen Sekunden vor mir steht. Dieser Meinung ist auch der kanadische Psycho-loge Sanford DeVoe von der University of Toronto, der gemeinsam mit Chen-Bo Zhong (Rotman School of Management) die Studie “You are how you eat: Fast Food and Impatience” in dem Fachmagazin “Psychological Science” veröffentlichte. Ergebnis: Durch den ständigen Besuch solcher Schnellimbisse werden wir ungeduldiger, da wir ständig an die Einsparmöglichkeiten in Sachen Zeit erinnert werden (Zeiteffizienz). Die Fast-Food-Probanden-Gruppe in dieser Untersuchung hatte zwar schneller gelesen, war allerdings wesentlich ungeduldiger als ihre Kollegen von der Kontrollgruppe und hatte einen grösseren Belohnungs-bedarf!

Ob nun der schnelle Imbiss Auswirkungen auf die Intelligenz hat oder nicht, das möchte ich hier und heute unbeantwortet lassen. Doch zeigten andere Studien, dass Fast Food und Softdrinks Kinder glücklicher machen. Somit lässt sich auch der Andrang der Kinder und Jugendlichen bei diesen Burger-Farmen erklären – sie sind hip, cool und gehören dazu. Eltern, die versuchen, ihren Nachwuchs auf andere Art und Weise glücklich zu machen, brauchen verflucht viel Fantasie und Möglichkeiten, betonen etwa Rodolfo Nayga (University of Arkansas) und Hung-Hao Chang (Universität von Taiwan) unisono (Journal of Happiness Studies).

Und übrigens macht dieser Schnellimbiss auch reich! So hat beispiels-weise der grösste Burger-Anbieter mit dem Mc in seinem Namen im Jahr 2022 alleine in Deutschland 4,2 Mrd. Euro Umsatz erzielt (im Corona-Jahr 2021 waren es 3,5 Mrd.). Fast Food ist somit nahezu krisensicher! (Gesamtumsatz Fastfood 2022 in Deutschland nach Angaben des Bundesverbands für Systemgastronomie: 28 Mrd. Euro). In Österreich erwirtschaftete der Mc-Tempel 225 Mio netto, in der Schweiz werden de Umsatzzahlen seit 2019 nicht mehr bekanntgegeben – damals waren es 761 Mio CHF.

Dass den Kreativen die Ideen ausgehen, kann insofern keineswegs behauptet werden. Neben Kindergeburtstagen mit Betreuung werden inzwischen auch Hochzeiten angeboten!!!

Nette Anekdote zum Schluss: US-Bürger gehen gerne auch in Europa in die Filialen von US-amerikanischen Fastfood-Ketten. Nicht nur, da sie es von zuhause gewohnt sind, sondern auch deshalb, da die Burger weniger fett und die Restaurants hierzulande wesentlich sauberer als jenseits des grossen Teiches sind. Die hiesigen Hygiene-Skandale haben sie zumeist nicht mitbekommen!

Damit nicht auch ich dem Nehammer’schen Fehler verfalle und unbe-zahlterweise Werbung für den einen oder anderen Anbieter mache bzw. diesen Blog als Werbung kennzeichnen muss, verzichte ich an dieser Stelle auf Links und Buchtipps!!!

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Nipah-Virus – leicht übertragbar und zumeist tödlich

Viele von uns haben Corona noch gar nicht richtig verdaut, da kommt bereits das nächste Damokles-Schwert: Der Nipah-Virus! Im indischen Bundesstaat Kerala brach er bereits zum vierten Mal innerhalb von nur fünf Jahren aus. Grösste Sorge herrscht deshalb im bevölkerungs-reichsten Land der Erde – neun Gemeinden im Süden des indischen Sub-kontinents wurden abgesondert, rund 980 Personen (viele davon aus dem Gesundheitswesen) wurden unter Qarantäne gesetzt, wo sie auch innerhalb der nächsten drei Wochen bleiben müssen. Reisende aus den benachbarten Bundesstaaten mussten sich bei ihrer Rückkehr testen lassen. Schon wieder wurde von „Lockdowns“ gesprochen. Inzwischen sind die Sperrzonen wieder aufgelassen worden, seit sechs Tagen gab es keine Neuinfektion.

Nipah-Ausbrüche sind eigentlich selten. Dennoch sollten sie niemals auf die leichte Schulter genommen werden, da der Virus wesentlich gefähr-licher ist als sein CoVID-19-Kollege: Die Letalrate liegt bei 40-75 %. Forscher vergleichen ihn deshalb nicht zu Unrecht mit dem Ebola-, dem Zika- oder eben auch dem CoVID-19-Virus – es ist ein möglicher Pan-demie-Virus!

Der Nipah-Virus befällt eigentlich Flughunde der Gattung Pteropus, aber auch Fledermäuse, Schweine, Hunde und Katzen. Die Flughunde, die hauptsächlich in dem Streifen von Südostasien bis Nord- und Ost-Aus-tralien, aber auch auf einigen Inseln des Westpazifiks und auf Madagaskar vorkommen, zeigen nur sehr selten Symptome. Vor allem über die Schweine kann er auf den Menschen übertragen werden (Zoonose). Zudem infiziert er mögliche menschliche Wirte auch durch den Genuss kontaminierter Pflanzen, Obst und Baumfruchtsäfte (etwa Palmen- und Dattelsäfte), Lebensmittel oder durch die Atemwege von Mensch zu Mensch. Deshalb schrillen bei der Weltgesundheits-organisation WHO die Alarmglocken.

Oftmals verläuft die Infektion symptomlos, kann aber auch zu akuten Atemwegserkrankungen oder Entzündungen des KIeinhirns (Enzephalitis) †führen. Die Inkubationszeit beläuft sich auf vier bis 14 Tage, in Extrem-fällen gar auf sechs Wochen. Manche Infizierte zeigen gar keinen Krank-heitsverlauf, erkranken wesentlich später jedoch an der Enzephalitis. Erste Symptome sind Muskelzucken, Zittern, weiters hohes Fieber und Erbrechen. Innerhalb von zwei Tagen kann es zum Koma kommen. Wirk-same Arzneimittel oder Impfungen gibt es derzeit noch nicht. Soll heissen, dass die Krankheitsursache nicht direkt bekämpft werden kann – allerdings die Symptome bzw. Folgeerkrankungen. So konnten etwa durch den antiviralen Wirkstoff Ribavirin Erfolge gegen die Sterblich-keitsrate bemerkt werden.

1999 wurde der Virus erstmals bei einem Krankheitsausbruch entdeckt. In Nipah/Malaysia hatte er Schweine und Züchter infiziert – daher auch sein Name. Damals starben 100 Menschen – 1 Million Schweine wurden gekeult. In Singapur infizierten sich Schlachthof-Mitarbeiter durch das Fleisch der von Malaysia importierten Schweine – einer davon starb. Alsdann ging es weiter in Bangladesch und Indien – dort überlebte nahezu jeder Zweite die Infektion nicht. In Bangladesch 100, in Indien 50 Menschen. Auf dem Subkontinent brachte man den Ausbruch durch restriktive Massnahmen unter Kontrolle.

Der Nipah-Virus zählt zur Familie der Paramyxoviridae und der Gattung der Henipaviren, zu der auch der Hendravirus gehört. Auch er zeigt ähnliche Krankheitsverläufe. Hendraviren wurden bereits 1994 in Queensland und New South Wales (Australien) bei schweren Pferde-erkrankungen nachgewiesen. Mehr als 80 Pferde verstarben oder mussten getötet werden. Dort wurden auch die bislang bekannten sieben Fälle der Übertragung auf den Menschen festgestellt (Trainer und Tierärzte), wovon vier verstarben. Der Hendravirus ist bei Pferden zumeist tödlich. Seit 2012 allerdings gibt es für sie einen Impfstoff gegen den Eindringling. Entwickelt wurde dieser an der Uniformed Services Uni-versity of the Health Sciences in Bethesda/Maryland durch Katharine Bossart, da das US-Militär eine potentielle Gefahr der Viren als möglicher Biokampfstoff sah. Die geimpften Pferde überlebten allesamt eine Infektion. Das Serum wurde auch neun Grünen Meerkatzen (eine Affenart aus Afrika) gespritzt, die sechs Wochen später mit dem Nipah-Virus infiziert wurden. Auch sie überlebten die Krankheit. Dennoch ist das Serum für die Humanmedizin noch nicht freigegeben.

Eine Infektion mit dem Nipah-, aber auch mit dem Hendra-Virus beim Menschen ist in Deutschland nach dem Infektionsschutzgesetz melde-pflichtig, in der Schweiz und Österreich noch nicht, obgleich der Virus auf der Blueprintliste der priorisierten und besonders gefährlichen Krank-heitserreger der WHO enthalten ist.

Derartige Zoonosen nehmen seit rund zwei bis drei Jahrzehnten konstant zu, da der natürliche Lebensraum der tierischen Wirte (zumeist der Urwald) zerstört und an dieser Stelle industrielle Landwirtschaft (Palmöl, Soja, Rinder, …) betrieben wird. Virologen veröffentlichten im Jahr 2018 eine Studie, wonach zwischen 540-850.000 bislang unbekannte Viren ohne weiteres von Säugetieren und Vögeln auf den Menschen übertragen werden können! Aufgrund der globalen Reisetätigkeit des Menschen brechen die Krankheiten auch in Regionen aus, in welchen die eigent-lichen Wirte gar nicht beheimatet sind. Sie können sich vielleicht noch an den ersten Corona-Fall in Deutschland erinnern – eine chinesische Geschäftsreisende, die einen Mitarbeiter des bayerischen Autozulieferers Webasto ansteckte. 16 Menschen wurden infiziert, die weiteren 241 Kontaktpersonen mussten in Quarantäne. Alles weitere ist Teil der näheren Geschichte. Auch sog. „Neozonen“ (invasive Tierarten), wie bei-spielsweise die Tigermücke, können exotische bzw. tropische Krank-heiten nach Mitteleuropa bringen.

Sollten Sie in die angesprochenen Regionen reisen, so vermeiden sie den Genuss von Obst und kochen Ihre Speisen mehrere Minuten mit min-destens 70 Grad Celsius ab!

Links:

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Erdbeben – Gewalt von Mutter Erde

„Die einzige Möglichkeit, Menschen vor Erdbeben zu schützen, ist durch erdbebensicheres Bauen!“

(Fabrice Cotton, Professor für Seismologie, Geoforschungszentrum Potsdam)

Es war ein verheerendes Erdbeben, das kürzlich Marokko heimsuchte: †6,8 auf der Richterskala, 2.901 Tote, 5.530 Verletzte! Doch musste in dieser Region mit einem solchen Ereignis gerechnet werden – das Atlasgebirge zählt zu den Erdbebenregionen dieser Erde!

Ich erlebte bislang zwei Beben: Als Kind in Vorarlberg und in meiner Zeit im Tiroler Stubaital. Beide Male ist uns gottlob nichts geschehen – bei letzterem erlitt jedoch ein Gast eines benachbarten Hotels einen Herz-infarkt! Ein mehr als mulmiges Gefühl, wie machtlos man dieser Natur-gewalt ausgeliefert ist. Dennoch sind Erdbeben auch in Mitteleuropa gar nicht mal so selten: Alleine am gestrigen Tag zählte die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik vier Beben, das stärkste davon im italienischen Ponte di Legno mit einer Magnitude von 2,3 auf der nach oben hin offenen Richterskala. Zumeist jedoch sind sie so klein, dass sie nahezu nicht bemerkt werden: Jenes in Ehrwald/Ausserfern beispiels-weise hatte eine Magnitude von 0,3.

Wie aber entsteht ein solches Erdbeben? Die drei bekanntesten Ursachen habe ich an dieser Stelle in unterschiedlichsten Texten bereits geschildert – Tiefenbohrungen für die Geothermie und Vulkanausbrüche möchte ich deshalb heute aussen vor lassen. In diesem Blog geht es ausschliesslich um die Plattentektonik.

Vor 230 Millionen Jahren gab es nur einen Urkontinent, die „Pangäa“! In den folgenden 50 Millionen Jahren teilte sich dieser Riesenkontinent in zwei kleinere: „Laurasia“ auf der Nordhalbkugel und „Gondwana“ auf der Südhalbkugel. Zu „Gondwana“ zählen heute etwa Südamerika, Afrika, die Antarktis, Indien, Australien, Neuguinea, Madagaskar und Arabien. Beide Grosskontinente „schwimmen“ sozusagen auf dem extrem heissen Magma-Kern des Planeten und driften auch heute noch entlang des Mittelatlantischen Rückens auseinander †(„Kontinentaldrift“ nach Alfred Wegener 1915). Dabei werden rund 40 mm/Jahr zurückgelegt.

Diese Grosskontinente teilten und teilen sich nach wie vor in weitere Bruchstücke. So sind heute sieben grosse und mehrere kleinere Platten bekannt – die grössten davon sind die Pazifische, die Antarktische, die Nord- und Südamerikanische Platte, die Afrikanische, die Eurasische und die Australische Platte. Die schweren Platten liegen unter Wasser (Ozeanische), die leichteren über Wasser (Kontinentalplatten).

Entlang der Plattengrenzen kommt es immer wieder zu Erdbeben, da sich die Platten über- oder untereinander schieben bzw. beim Aneinander-reiben verhaken. Die Gesteinsmassen der oberen, festen Erdkruste sind damit immenser Spannung ausgesetzt. Werden diese Spannungen zu gross, so lösen sie sich ruckartig – ein Erdbeben („Epizentrum“)! Entlang dieser Plattengrenzen entsteht ein Becken, in dem sich die Sedimente Schicht auf Schicht übereinander ansammeln. Auf der anderen Seite jedoch driften die Platten aufeinander zu – es bildet sich ein Gebirge.

Eine der grössten Erdbebenzonen ist die San-Andreas-Verwerfung in Kalifornien, bei der sich die Pazifische und die Nordamerikanische Platte aufeinanderschieben. Das verursacht im gesamten pazifischen Raum Erdbeben und Vulkanausbrüche. Dies ist bekannt als der „Pazifische Feuerring“!

Das Atlasgebirge ist eine weitere dieser Zonen. Hier schieben sich auf einer Strecke von 2.300 km (Marokko, Algerien und Tunesien) die Afri-kanische und die Eurasische Platte aufeinander – es entstand im Laufe von Jahrmillionen das Faltgebirge „Atlas“. An Bruchstellen der Platten tritt Magma aus – ein Vulkan wie beispielsweise der Kilimandscharo entsteht.

Im Jahr 2012 veröffentlichten Experten rund um Gottfried Grünthal vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) anhand unzähliger Daten einen Atlas für Erdbebenzonen in Europa. Demnach muss jederzeit im östlichen Mittelmeer (Türkei, Griechenland, den Balkanstaaten und auch Italien) mit schweren Erschütterungen gerechnet werden, da sich hier die Afri-kanische unter die Eurasische Platte schiebt. An dieser Schnittstelle ist die Eurasische Platte in tausende Bruchstücke zersprungen. Der italienische Stiefel etwa wird wie ein Nagel nach Mitteleuropa hineingetrieben. Die Folge: Die Alpen bildeten sich heraus. Doch kann das Gebirge die enorme Wucht nicht komplett schlucken. Entlang des Oberrheingrabens bricht Europa langsam auf. Auch an der tschechischen Grenze kommt es immer wieder zu Erschütterungen.

Seismologen bezeichnen Erdbeben mit einer Stärke von 5,0 als „schwere“ Beben, da ab hier sichtbare Schäden an Gebäuden auftreten können. Die Richterskala wurde in den 1930er-Jahren von dem US-amerikanischen Seismologen Charles Francis Richter entwickelt. Dabei verstärken sich die Werte um den Faktor 10. Soll heissen, dass ein Beben mit der Magnitude von 7 zehnmal so schwer ist als eines mit 6! Diese „Richterskala“ wäre eigentlich begrenzt mit dem Wert 9 – wird heute jedoch als „nach oben offen“ geführt.

Unter Wasser lösen Beben zumeist Tsunamis aus, mehrere Meter hohe Wellen, die – wenn sie auf Land treffen – grosse Überflutungen anrichten, wie etwa jener am 26. Dezember 2004 in West-Indonesien und Thailand, der rund 230.000 Menschenleben forderte. Dem voraus ging ein „Megathrust“, ein Erdbeben mit einer Magnitude von 9,1 nach Richter mit dem unterseeischen Epizentrum rund 85 km von der Nordwestküste von Sumatra entfernt.

Nach einem stärkeren Erdbeben treten zumeist kleinere Nachbeben auf, da sich die Platten noch weiterbewegen und erst langsam wieder zum Stillstand kommen. Derartige Nachbeben sind nicht zu unterschätzen, da durch das Hauptbeben bereits beschädigte Gebäude komplett zerstört werden.

Erdbeben können nie unter Kontrolle gebracht werden. Also muss mit anderen Mitteln gegen hohe Opferzahlen gekämpft werden: Mit erdbebensicherer Bauweise, wie sie in Japan bei mehrstöckigen Gebäuden ein Muss darstellt. Doch – wie die Türkei (etwa in der ostanatolischen Verwerfung) oder zuletzt auch Marokko erwiesen haben, ist dies durch Pfusch oder zu wenig Geld nicht machbar. Wenn nun – wie etwa am Rheingraben – zusätzliche geothermische Tiefenbohrung durchgeführt oder gar Kernkraftwerke bzw. Endlagerstätten für Atommüll errichtet werden, so kann dies eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes nach sich ziehen.

Lesetipps:

.) Naturkatastrophen, Tsunamis, Hurrikane, Erdbeben, Vulkanausbrüche; Claire Watts; Gerstenberg Verlag 2008

.) Erdbeben – Gefahr aus der Tiefe; Gerd Höhler; Hoffmann & Campe 1984

.) Plattentektonik – Vulkane, Erdbeben & Co.; Friedhelm Heitmann; Kohl-Verlag 2015

.) Bauwerke und Erdbeben; Hrsg.: Konstanin Meskouris/Klaus-G. Hinzen/Christoph Butenwang/Michael Mistler; Vieweg und Teubner 2011

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Links:

††www.gfz-potsdam.de

www.zamg.ac.at/cms/de/geophysik/erdbeben

www.seismo.ethz.ch/de/home/

www.geo.uni-hamburg.de

www.seismo.uni-koeln.de/

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He Ihr Nesthocker, Warmduscher und Haltbarmilch-Trinker – warm anziehen!!!

Bedingungsloser Einsatz zu Wohl der Gäste, damit der steigende Anspruch zufrieden gestellt werden kann. Alter Schwede – wenn das die Gewerkschaft wüsste!

Heute möchte ich über ein Thema reflektieren, das mich aufgrund der Zustände in einer befreundeten Familie selbst einst sehr emotional traf.

Nach Angaben des deutschen Bundesamtes für Statistik (veröffentlicht in dieser Woche) leben nach wie vor 27,3 % der jungen Menschen unter 25 Jahren noch im „Hotel Mama“ (bei den 30-jährigen sind es 9,2 %). Die EU-Statistikbehörde Eurostat sieht den Durchschnitt bei 26,4 Jahren. Bis zum Jahr 2007 war es noch jeder zweite 24-jähriger, der noch jeden Tag zuhause bei Muttern den Frühstückstisch bebröselte. Weshalb flügge werden, wenn „Hotel Mama“ ohnedies jederzeit da ist und man wie der Kaiser von China umsorgt wird.

Die Familie ist die kleinste Einheit unserer Gesellschaft. Nur wenn diese funktioniert, kann an etwas Grösserem gearbeitet werden. Sinn und Zweck dieses kleinsten sozialen Konstrukts ist es allerdings, dem Nach-wuchs Starthilfe für das spätere Leben zu geben. In dieser Zeit werden die Grundlagen gelegt, die jeder (Geschlecht spielt dabei keine Rolle) selbst in weiterer Folge verwenden wird und darauf aufbaut. Nur auf diese Art ist der Bestand der Menschheit auch gesichert. Jedoch gelingt dies in immer mehr Fällen nicht so einfach, wie es uns beispielsweise die Vögel vorzeigen, die schon sehr bald nach ihren ersten Flugstunden das heimische Nest verlassen. Zeit ist Geld und das Leben zu kurz, um sich irgendwo aufzuhalten. Doch – jeder Zweite! Das ist krass!

Was geschieht eigentlich mit jemandem, der aus der wohlbehüteten Familie, in der Vater das Geld verdient und Mutter die Probleme aus der Welt schafft, in die rauhe Wirklichkeit entlassen wird? Lernt er im kalten Wasser selbst das Schwimmen? Oder kommen die Rettungsschwimmer zum Einsatz, da er droht unterzugehen?! In zweiterem Falle kehrt der Betroffene wohl nach Hause zurück – hier spricht man vom sog. „Nesthocker-Phänomen“. Mir persönlich gefällt allerdings der südlän-dische Ausdruck „Mammismo“ wesentlich besser. In Italien sollen Studien zufolge nicht weniger als 70 % der unverheirateten Männer über 30 noch bei der geliebten „Mamma“ wohnen. Die Studie „Generations and Gender Survey 2008/09“ zeigt ähnliches auch in anderen Staaten auf. So sei ein Ost-West-Gefälle zu bemerken: Viele Nesthocker in Georgien, weniger in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Österreich belegt einen Platz im Mittelfeld. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik erfolgt der durchschnittliche Auszug von zuhause mit 23,8 Jahren (Männer mit 24,5, Frauen mit 23,0).

71 % der bundesdeutschen Männer zwischen 18 und 24 Jahren wohnten 2010 noch bei den Eltern, weiss das Bundesamt für Statistik; bei den Frauen im Vergleich hierzu sind es 57 %. Sozialforscher sprechen in diesem Zusammenhang von einer Renaissance, lagen doch die Zahlen in anderen Jahren noch um einige Prozentpunkte darunter. Entsprechende Untersuchungen können bei Buba, Früchtel & Pickel, 1995; Cherlin, Scabini & Rossi, 1997; Nave-Herz, 1997; Weick, 1993; Zinnecker, Strozda & Georg, 1996 nachgelesen werden. Doch – haben nicht auch die Eltern ein Recht auf Privatsphäre? Was sind die Gründe dafür, dass junge Frauen und Männer dermassen lange zuhause bleiben und sich nicht auf eigene Füsse stellen können oder wollen?

Viel zu diesen Zahlen tragen sicherlich die Studenten bei. Die meisten wohnen am Studienort, haben sich also faktisch bereits von den Eltern abgenabelt – sind aber nicht zuletzt auch aus fiskalischen Gründen noch dort gemeldet. Somit zieht sich ein Auszug über einen längeren Zeitraum hinweg. Selbstverständlich mit dem einen oder anderen Rückfallversuch versehen. Erst mit der Gründung eines eigenen Hausstandes ist meist Schluss damit. Nach den Untersuchungen von Walter Bien vom Deutschen Jugendinstitut in München ziehen im Schnitt Frauen in den westlichen Bundesländern Deutschlands mit 24, Männer hingegen erst mit 26 Jahren von zuhause aus. Finanzielle Ursachen können es nicht sein, schliesslich verfügen nach dieser Studie 87 % über ein eigenes Einkommen – im Vergleich zu den Nestflüchtern mit 95 %.

Tja – dann gibt es da auch noch die sog. „Shell-Studie“ aus dem Jahr 2010. Ihr zufolge gaben 90 % der Jugendlichen an, ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern zu haben und zeigten sich zudem mit deren Erziehungsmethoden zufrieden – ja dreiviertel der Jugendlichen würden ihre Kinder ebenso erziehen. Hallo?

Ich bin vor einiger Zeit im Format „Die strengsten Eltern der Welt“ gelandet. Jugendliche, die sich nicht am familiären Leben beteiligen wollen, werden meist zu Bauernfamilien nach Chile, Somalia etc. geschickt, wo sie richtig mit anpacken müssen. Weit weg von der schützenden Hand der Mutter, weit weg von der Zivilisation. Die gezeigten Beispiele sind sehr tränenreich, doch kommen die Revoluzzer offenbar geläutert wieder auf den Boden zurück. Und, dass dies keine Einzelfälle sind, zeigt auch die vorhin angesprochene Familie. Mutter spart die Unterhaltszahlungen des Vaters für ihren alles geliebten Sohn auf. Viel Geld wird zudem in Marken-Artikel für den Jugendlichen gesteckt. Daneben zählt die Familie zur Wegwerf-Generation! Klar, dass die Frau mit ihrem Verdienten nicht mehr auskommt. Sie geht zusätzlich arbeiten. Betritt sie nach einem 10 bis 11-Stunden-Tag die heimischen vier Wände, so muss all das, was der Kleine so liegen liess, weggeräumt und saubergemacht werden. Denn hier kann ihm kein anderer das Wasser reichen. Zudem weigert sich dieser, den Staubsauger in die Hand zu nehmen oder beispielsweise sein Bett zu überziehen – lieber schläft er wochenlang auf der Matratze mit der Bettdecke ohne Überzug, obwohl auf dem Tisch in greifbarer Nähe gewaschenes Bettzeug läge. Seine Mutter erbarmt sich schliesslich seiner. Die Liebe dieser Frau zu ihrem Kind geht sogar soweit, dass sie ihm Zigaretten besorgt, da er diese aufgrund seines Alters in der Trafik noch nicht erhält. Als Beweis für dieses ausgezeichnete Verhältnis mit seiner Mutter wird sie als „Arschloch“ oder „Blöde Kuh“ bezeichnet und mit Prügel bedacht. Kein Einzelfall! Zudem kein Beispiel für die soziale Unterschicht, wie gerade auch das Fernsehen beweist – ebenso für die Oberschicht, jene Reichen, die solchen Problemen nur mit erhöhtem Geldaufwand begegnen (Internat etwa). Apropos TV: Der Jugendliche aus dieser erwähnten Familie erhielt bereits in der Volksschule einen eigenen Fernseher für sein Zimmer! Soweit also zum „Hotel Mama“!

Soziologen und Pädagogen hingegen sehen die Ursachen naturgemäss in einem anderen Licht. Wir leben in einer Zeit, in welcher die Kindheit immer kürzer wird. Aufgrund der Einflüsse aus der unmittelbaren Umgebung des Kindes beginnt die Pubertät bereits mit zehn oder elf Lebensjahren. Jugendliche würden in Bildungseinrichtungen geparkt, der Berufseinstieg verzögere sich dadurch. Auch eine Heirat bzw. Familien-gründung des Kükens verschiebt sich nach hinten. Soweit beispielsweise die Ausführungen des Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissen-schaftlers Univ.-Prof. Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld bzw. der “Hertie School of Governance“ in Berlin. Andere Sozial- und Erzie-hungswissenschaftler orten gar das Problem der „Entwicklungs-verzögerungen“: Das autonome Selbstwertgefühl leidet stark, spätere Selbständigkeit, späterer sexueller Kontakt. Solche Nesthocker ziehen erst dann aus dem elternlichen Hause aus, wenn sie in eine neue Familiensituation wechseln können (Entwicklungspsychologin Christiane Papastefanou). Für diese Brut gilt also: Zuhause ist es am Schönsten! Denn hier gibt es den perfekten Service, den eine Vollpension so mit sich bringt – und das meist zum Nulltarif. Papastefanou hatte übrigens immense Probleme bei ihrer Langzeitstudie „Die Situation von Spätausziehern aus entwicklungspsychologischer Perspektive“, die sie im Auftrag der Universität Mannheim durchführte. Manche der jungen Vögel zeigten sich gar dermassen flügellahm, dass sie diese aus der Untersuchung herausnehmen musste, da sie es nicht lassen konnten, zuhause bei Muttern die Füsse auf den Tisch zu legen. Mal ehrlich: Kann Ihr Sohn die Waschmaschine betätigen oder ohne Bedienungsanleitung Nudeln zubereiten? Die meisten wissen es nicht, da der Rockzipfel Mamas dermassen weit reicht und allumfassend wirkt.

Ich betrachte es keineswegs als Fehler, dass ich aufgrund meines Studiums mit 18 faktisch das Haus verliess und mich nur alle 2-3 Monate blicken liess. Bis zu diesem Zeitpunkt wohlbehütet, tat sich mir eine neue Welt auf. Mit An- aber auch Unannehmlichkeiten: Parties ohne Ende – Wäsche waschen, kochen, Geld im Monat einteilen bzw. etwas dazuverdienen. Ein ganz entscheidender Faktor um später überleben zu können: Lernen, nicht über den eigenen Möglichkeiten zu leben! Erst wenn man solche Arbeiten selbst erledigen muss, wenn man erkennt, dass das Geld, das ausgegeben wird, verdient werden muss, erst dann ist man reif für die Gesellschaft. Die selbstverschuldeten Privatkonkurse, das Leben auf Pump – viele gehen in die falsche Richtung, haben den Umgang mit Geld nie gelernt, da immer, wenn in der Geldtasche Ebbe war, Vater ausgeholfen hat! Das Elternhaus soll nicht zum Lebensparkplatz werden! Die Kinder wurden in die Welt gesetzt um Verantwortung zu übernehmen!

Tja und auch die Eltern haben etwas davon: Bei meist zwei Kindern haben sie die letzten 20 Jahre den Rücken für ihren Nachwuchs krumm gemacht – jetzt wird es Zeit, sich auch mal etwas zu gönnen, etwas Zeit für sich selbst zu finden. V.a. Mama wird erfreut sein, wenn sie nach acht-stündiger Arbeit

nach Hause kommt und nicht die Essensreste von Sohnemann 1 weg-räumen oder die Wäsche von Tochter 2 richten muss. Doch ist Vorsicht geboten: Die von den Eltern bezahlte Eigentumswohnung für die Küken ist kein Beitrag zur Selbständigkeit der Kinder – die monatliche Miete gehört zum Leben dazu!

In den USA kommt sozusagen als Gegenbewegung immer mehr das „Downsizing“ in Mode. Das Elternhaus wird verkauft – eine kleinere Wohnung angeschafft, sodass der Nachwuchs ausziehen muss – ob er nun will oder nicht. Eine mehr als bedenkliche, wenn nicht sogar skurrile Methode. Sollte das Haus – selbstverständlich nach meinem Nachwuchs – mein Lebenswerk darstellen, so werde ich mich davor hüten es zu verkaufen. Anstatt dessen gestalte ich lieber das eine Kinderzimmer zum Wellness-Sportraum für Muttern und das andere zum Poolbillard-Zimmer oder als Raum für die elektrische Eisenbahn für Vattern um. Das Downsizing zeigt meines Erachtens vielmehr auf, dass man die Kinder nicht zu verständnisvollen Menschen erzogen hat. Ansonsten würden sie ja wohl verstehen, dass es zwar sehr schön war, jedoch auch mal ein Ende haben muss und Vater und Mutter neben ihrem Brotjob nicht zum abendfüllenden Servieren geeignet sind.

Grundbedingung für eine solche Abnabelung jedoch ist die Kooperation der Eltern: Das Klammern der Küken sollte tunlichst vermieden werden. Die Angst von Frau und Mann vor einem leeren Haus (das sog. „Empty Nest Syndrom“) kann nach und nach abgebaut werden. Etwa durch die Erweiterung der Hobbies. Verbringen Sie die plötzlich freiwerdende Zeit mit sinnvoller Beschäftigung. Intensivieren Sie ihre sozialen Kontakte, die Sie ansonsten aufgrund der Hausarbeit oftmals haben brach liegen lassen. Zeigen Sie allerdings Ihrem Nachwuchs, dass er jederzeit willkommen ist. Nach einiger Zeit kann dann auch das Kinderzimmer umgestellt und andersweitig genutzt werden. Ich muss eingestehen, dass auch ich etwas überrascht war, als ich eines Tages in die elternliche Wohnung kam und mein ehemaliges Zimmer nicht mehr wiedererkannte. Doch war es verständlich, schliesslich stand das Zimmer ewig leer – die Wohnung aber war ansonsten sehr beengt.

Es ist ein interessanter Aspekt, auf welchen die Wissenschaftler immer wieder stossen: Nesthocker sind immer mehr ein Erscheinungsbild des Mittelstandes! Platz im elternlichen Haus ist genug da, die Eltern sind es auch gewohnt, für das tägliche Brot zu sorgen und einzukaufen,… Manchen gefiel es zuhause sogar dermassen gut, dass sie wieder zurückkommen („Boomerang-Generation“). Früher war die Grossfamilie v.a. in der Bauernschaft angesiedelt. Jede Hand war am Hof nötig und wenn Vater und Mutter nicht mehr konnten, übernahmen die beiden Söhne die Landwirtschaft und die Tochter den Haushalt. Doch: Tempora mutantur – die Zeiten ändern sich! Nicht zuletzt auch aufgrund der Maschinisierung. Papastefanou formuliert es gar sehr krass: Eltern und Kinder bleiben immer Eltern und Kinder! In jeder Familie muss es einen Generationenkonflikt geben, damit die Ablösung der Kinder besser funktioniert und diese jene Autonomie kennenlernen, mit der sie es für den Rest ihres Lebens zu tun haben werden. Tolerant gleichgültige Eltern können zu Problemen führen. Kinder, die ausgezogen sind, werden automatisch von ihren Eltern mit mehr Respekt bedacht!

Ah – da fällt mir noch eine Geschichte ein: Kennen Sie eigentlich den wahren Fall einer italienischen Mutter, die das Türschloss auswechseln liess, damit ihr Sohn endlich von zuhause ausziehen sollte? Dieser nahm sich allerdings einen Anwalt und klagte das Wohnrecht bei seiner Mutter ein!

Factbox:

Die flüggen Europäer im Vergleich!

.) Finnland 21,3 Jahre

.) Schweden 21,4 Jahre

.) Dänemark 21,7 Jahre

.) Schweiz 24,5 Jahre

.) Österreich 25,3 Jahre

.) Griechenland 30,7 Jahre

.) Slowakei 30,8 Jahre

.) Kroatien 33,4 Jahre

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Simbabwe – einst hoffnungsvoll, jetzt bettelarm

„… Karikatur eines afrikanischen Diktators!“

†(Der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu über Robert Mugabe)

In der Serie der Armenhäuser auf unserem Planeten, möchte ich heute ein weiteres Beispiel vorstellen. Ein Land, aus dem sehr viel hätte gemacht werden können, schliesslich erlangte es erst im Jahr 1980 seine Unab-hängigkeit von Grossbritannien und verfügt über große Goldvorkommen: Simbabwe.

Am 23. August fanden die letzten Wahlen statt. Schon im Vorfeld der Bekanntgabe des Ergebnisses am Abend des 26. August sprachen die 1.500 internationalen Wahlbeobachter von unzähligen Ungereimtheiten („Klima der Angst“), Widersacher Nelson Chamisa kündigte an, das Ergeb-nis anzufechten („Ein offensichtlicher und gigantischer Betrug!“).

„…entsprachen die Wahlen nicht den regionalen und internationalen Standards, einschließlich Gleichheit, Universalität und Transparenz!“

(Der österreichische Leiter der Wahlmission des EU-Parlamentes Andreas Schieder)

Der Leiter der Beobachter der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC) soll gar persönlich angegriffen worden sein.

Bereits 2018 – bei den letzten Wahlen gingen tausende Menschen auf die Strassen und demonstrierten gegen das angeblich wiedergewählte „Krokodil“! Damals kamen Polizei und Militär zum Einsatz, konnten der Lage aber nicht mehr Herr werden – es fielen Schüsse. Demonstrierende Regierungsgegner sackten getroffen in sich zusammen, viele anderen schrieen verletzt um Hilfe. Auch heuer gab es zahlreiche Demons-trationen.

Nach offiziellem Ergebnis erhielt der bisherige Amtsinhaber Emmerson Mnangagwa (genannt „Das Krokodil“) heuer 53 % der Stimmen, Heraus-forderer Nelson Chamisa 44 %.

Inzwischen haben sowohl das deutsche Auswärtige Amt als auch das österreichische Außenministerium Sicherheitshinweise (Sicherheitsrisiko 2) ausgesprochen, wonach v.a. in der Hauptstadt Harare Menschenan-sammlungen gemieden und vor der Einreise unbedingt eine Reiseregis-trierung in der Krisenvorsorgeliste im Auswärtigen Amt bzw. dem Außen-ministerium veranlasst werden soll. Das Land droht zu kippen und im Bürgerkrieg unterzugehen, sollte sich die Lage nicht beruhigen. Wie aber kam es nun dazu?

Der heute 80-jährige Mnangagwa hatte im Jahr 2017 die Präsidentschaft von Diktator Robert Mugabe übernommen. Bei den 2018 folgenden Wahlen ging „Das Krokodil“ von der Partei Zanu PF als Sieger hervor – mit knappem Vorsprung auf den auch heuer wieder angetretenen Kontra-henten Nelson Chamisa von der Oppositionspartei CCC. Beide Male erhielt der Amtsinhaber über 50 %, sodass es zu keinen Stichwahlen kommen musste. Ebenso heuer wie auch 2018 wird Chamisa wohl mit seinem gerichtlichen Einspruch gegen die Wahl keinen Erfolg haben.

Simbabwe ist etwa so gross wie Deutschland und Belgien zusammen, bewohnt wird es von 2021 geschätzten 15,1 Millionen Menschen. Es grenzt an Südafrika, Botswana, Sambia und Mosambik. Der Name leitet sich vom Great Zimbabwe, einer vorkolonialen Ruinenstätte aus Stein-häusern ab, die etwa zur Zeit des europäischen Mittelalters erschaffen wurde. Am 02. März 1970 rief das bisherige Gouvernement Südrhodesien die Republik aus, gehörte aber bis zum 18. April 1980 weiterhin als Kronkolonie zum Vereinigten Königreich. Harare ist mit 1,49 Mio Ein-wohnern die mit Abstand grösste Stadt des Landes. Das Klima ist sub-tropisch/tropisch – die Regenzeit dauert von November bis März. Mit rund 1.000 mm/qm fallen in diesen Monaten rund 90 % der Jahres-regenmenge.

Die Bevölkerung setzt sich vornehmlich aus den Shona (70 %), den Ndebele (13 %) und den Chewa (6 %) zusammen. Während der Kolonial-zeit kamen sehr viele weiße Farmer und Händler in’s Land (rund 5 % der Bevölkerung). Diese bewirtschafteten die fruchtbarsten Regionen des Landes, der einheimischen Bevölkerung blieb nur der zumeist dürre Rest. Mit der Unabhängigkeit allerdings begann die Abwanderung dieser Bevöl-kerungsschicht, die sowohl das wirtschaftliche, als auch soziale und politische Leben im Land ganz massgeblich geprägt hatte.

Die Kolonialherren bereiteten das Land eigentlich recht gut auf seine Unabhängigkeit vor. So trat am 21. Dezember 1979 das „Lancaster House Agreement“ als Übergangsmassnahme in Kraft. Die parlamentarische Republik wurde alsdann geführt vom Präsidenten Canaan Banana, die Regierung von Robert Mugabe, einem Lehrer und späteren Widerstands-kämpfer gegen die Kolonialherrschaft, der in der Bevölkerung einen ausgezeichneten Ruf genoss. Er war es auch, der federführend an den Verhandlungen zur Unabhängigkeit des Landes in London beigetragen hatte. Das House of Assembly stellte die Abgeordnetenkammer dar, die alsdann die Mitglieder des Senates wählten, dem zudem die Stammes-häuptlinge angehörten. Simbabwe galt lange Zeit als Vorzeigebeispiel für eine gut gelungene, junge afrikanische Republik. Allerdings dürfte einer der Fehler der Kolonialherren ausschlaggebend für die Zukunft des Landes gewesen sein: Die einheimische Bevölkerung durfte sich erst ab 1978 aktiv politisch beteiligen. zuvor war sie quasi stimmlos. Das nutzte der christlich-maoistische Regierungschef Mugabe skrupellos aus. Sehr rasch kehrte er dem sozialistisch geprägten Stil den Rücken, er regierte zunehmend autokratischer und wandelte das Land in einen Einparteien-staat und schliesslich eine Präsidialrepublik um. Nachdem Staatspräsident Canaan Banana wegen angeblicher Homosexualität verurteilt wurde und nach Südafrika flüchten musste, schaffte Mugabe den Posten des Premierministers ab – er war nun zugleich Staatsoberhaupt und Regierungschef.

Hinzu kam in den 80ern eine AIDS-Epidemie mit der weltweit höchsten HIV-Ansteckungsquote. Seit Mitte der 90er-Jahre allerdings sinkt gottlob die Zahl wieder. Nicht zuletzt aufgrund eines im vergangenen Jahr aufgehobenen Gesetzes (Abschnitt 79 des simbabwischen Strafgesetz-buchs), wonach die wissentliche, aber auch unwissentliche Übertragung des Viruses strafbar war.

Ausserdem wanderten mehr als 3 Millionen Menschen illegal nach Süd-afrika aus, wo sie v.a. als Arbeitskräfte einst gern gesehen, zuletzt jedoch nicht mehr willkommen waren. Das Land bewegte sich immer mehr zum Abgrund hin. Die Arbeitslosigkeit avanzierte zunehmend zum Problem, es tobte der Hunger, Energie wurde knapp. Mugabe regierte bis 2017 diktatorisch mit Hilfe des Militärs, der Polizei und seines Geheimdienstes. In den Jahren 2006 und 2009 belegte das Land in der Zufriedenheitsliste, dem „Happy Planet Index“ der New Economics Foundation, von 188 Staaten der Erde jeweils nur den letzten, anno 2016 den 155. Platz.

Mugabe erstellte zu Beginn einige recht sinnvolle Regierungsprogramme: So förderte er die Kleinbauern, baute ein Gesundheitssystem auf und stärkte die Bildung. Die Kindersterblichkeit aufgrund von Unterernährung ging zurück, die allgemeine Lebenserwartung stieg. Mit dem 1991 eingeführten „Strukturanpassungsprogramm“ allerdings wurde der Karren immer mehr in den Schlamm gefahren. Mugabe erwartete sich dadurch mehr ausländische Investoren. Die kamen auch – allerdings hatte die Bevölkerung nichts davon – sie konnte sich dem neuen Markt nicht anpassen. Die öffentlichen Zuwendungen aus den Regierungs-programmen gingen zudem zurück. Die Folge: Die Wirtschaft stagnierte – die Arbeitslosigkeit nahm erneut zu. Im Jahr 2000 lehnte das Volk eine von Mugabe geforderte Verfassungsreform ab. Er und seine Partei-schergen von der ZANU-PF sahen ihre Felle davonschwimmen – Militär und Polizei wurden zusehends mehr gegen die eigene Bevölkerung ein-gesetzt, vor allem jedoch gegen die Opposition, Organisationen und Gruppierungen, die der Regierungspartei gefährlich werden konnten. Im Jahr 2000 enteignete die Regierung durch die Landreform die weißen Farmer grossteils gewaltsam. Deren Ländereien sollten offiziell an Klein-bauern gehen – inoffiziell wurden die rund 11 Millionen Hektar unter Parteimitgliedern und Freunden Mugabes aufgeteilt, die in den meisten Fällen gar keine Ahnung von Landwirtschaft hatten. Da die meisten Farmer zuvor ihre Höfe, die Gerätschaften, Bewässerungsanlagen und die Ernte vernichtet hatten, war das Land plötzlich auf Lebensmittelimporte angewiesen. Ein Land, das zuvor als die „Kornkammer Afrikas“ bezeichnet wurde. Die EU belegte aufgrund dessen den Staatspräsidenten mit einem Einreiseverbot – er durfte nurmehr an Veranstaltungen der Vereinten Nationen und des Vatikans teilnehmen. Im Jahre 2002 wurde die Mitgliedschaft des Landes im Commonwealth suspendiert – im Jahr danach folgte der Ausschluss. Mugabe bezeichnete unterdessen die Mit-glieder der britischen Labour-Party als „Gay Gangsters“! Viele der enteig-neten Farmer übrigens flüchteten in das ehemalige Nord-Rhodesien (Sambia) und bauten dort erneut erfolgreiche Farmen auf.

Im Mai/Juni 2005 ging die Regierung im Rahmen der „Operation Murambatsvina“ („Müllbeseitigung“) gegen den Schwarzmarkt vor. Die Massnahmen betrafen nicht weniger als 750.000 Menschen – ihre Behausungen wurden komplett zerstört. Beobachter sprechen allerdings in diesem Zusammenhang von einem gezielten Vorgehen gegen Oppo-sitionelle.

Politisch regierte Mugabe inzwischen ganz offiziell als Diktator – Kritiker liess er ermorden. Von einem Rechtsstaat konnte keine Rede mehr sein. Zwar gab es auch weiterhin Wahlen, allerdings monierten die wenigen zugelassenen Wahlbeobachter grossflächige Beeinflussung und Manipu-lation. Mugabe stellte sich auch im Jahre 2008 inzwischen als 84-jähriger erneut dem Wahlvolk. Allerdings hatte er erheblichen Gegenwind. So kandidierten sein ehemaliger Finanzminister Simba Makoni mit der Unterstützung einiger anderer wichtiger Mitglieder der ZANU-PF, aber auch Morgan Tsvangirai von der Oppositionspartei MDC gegen ihn. Erste Hochrechnungen vom 2. April sprachen vom Sieg und der absoluten Mehrheit des Oppositionskandidaten Tsvangirai – offiziell schliesslich waren es 47,9 %, Mugabe kam auf 43,2 %. Eine Stichwahl war notwendig. Tsvangirai aber zog seine Kandidatur nach offenbar massiver Gewalt gegen MDC-Parteimitglieder zurück. Er selbst flüchtete aus Angst vor Repressalien der Regierungstruppen in die niederländische Botschaft. Nach der Vermittlung des südafrikanischen Staatspräsidenten Thabo Mbeki wurde zwischen den beiden verfeindeten Fronten eine Macht-teilung vereinbart.

2008 suchte die Cholera Simbabwe heim – sie forderte mehrere tausend Todesopfer. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen. Das nutzten offenbar die Sicherheitskräfte, Kriegsveteranen und Angehörige der Afrikanischen Nationalunion aus – sie wüteten blutigst in der Bevöl-kerung. Inzwischen bot Mugabe seine Kooperaton an, sofern die inter-nationalen Sanktionen gegen das Land aufgehoben würden. Am 11. Februar 2009 wurde Tsvangirai als Ministerpräsident vereidigt. Wenn auch die Wirtschaft nicht sofort darauf reagierte, so nahm doch zumindest die Gewalt im Lande ab. Im März 2013 stimmte das Wahlvolk für einen gemeinsam ausgearbeiteten Verfassungsentwurf. Bei der darauffolgenden Wahl am 31. Juli 2013 – erneut überschattet von vielen Vorwürfen über Unregelmässigkeiten – rief sich Mugabe mit angeblich 61 % der Stimmen als Sieger aus. Und weiter ging’s mit der Korruption. Das konnte am ehesten an der Goldförderung bemerkt werden. Wurden im Jahr 2004 noch offiziell 17 Tonnen gefördert, so waren es 2013 nurmehr offizielle 900 kg. Auch im Diamantenhandel verdienten Mugabe, seine Familie und Regierungsfreunde Millionen.

Während sein Volk hungerte, feierte der Diktator rauschende Feste. So soll zum 86. Geburtstag des Diktators Champagner geflossen und Kaviar in rauhen Mengen aufgetischt worden sein. Kosten: Rund 500.000 Dollar! Seinen 93. Geburtstag feierte Mugabe ebenfalls in ganz kleinem Rahmen. Kosten: Rund 1,9 Mio Euro!!!

Dem Diktator wurden alle jemals verliehenen Ehrentitel aberkannt, am 25. Juni 2008 entzog ihm Königin Elisabeth II. auch die Ritterwürde – 1994 hatte sie ihn zum „Knight Grand Cross des Order of the Bath“ geschlagen.

„Der einzige weiße Mann, dem man trauen kann, ist ein toter weißer Mann!“

(Robert Mugabe)

Am 15 November 2017 schliesslich putschte das Militär unblutig – Mugabe trat sechs Tage später zurück um dadurch einem Amtsent-hebungsverfahren vorauszueilen, das bereits in beiden Kammern des Parlaments gestartet worden war. Als neuer Präsident wurde Mugabes ehemaliger persönlicher und Parteifreund, der 74-jährige Emmerson Mnangagwa eingesetzt. Mit ihm teilte sich der Diktator während seiner Haft in den 60ern/70ern eine Zelle. Seit 1980 war Mnangagwa bis 2013 Minister in den unterschiedlichsten Ressorts, von 2014 bis zum Sturz Mugabes Vizepräsident. Er genoss also durchaus das Wohlwollen des Diktators und hat sicherlich vieles zu dessen Selbstverwirklichung beige-tragen. Etwa als Staatssicherheitsminister und somit Geheimdienstchef in den 80er-Jahren. Die Spitznamen, „Garwe“ bzw. „Ngwena“ (beides bedeutet „Krokodil“), die er sich im Guerillakrieg in Rhodesien wegen seiner Skrupellosigkeit erworben hatte, trägt er sicherlich zu recht. Im Jahre 1998 war er u.a. an der „Operation Sovereign Legitimacy“ (Osleg) beteiligt. Dabei räumten seine Schergen während des 2. Kongokrieges, in dem Simbabwe offiziell die Regierung der Demokratischen Republik Kongo unterstützte, Diamantenminen in der Provinz Kasa im Kongo leer. Schon 2002 empfahl eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen Sanktionen gegen Mnangagwa. Am 6. November, also neun Tage vor dem Militärputsch, wurde er durch Mugabe entlassen und musste gar wegen Landesverrates das Land verlassen, da er sich mit der Frau Mugabes überworfen hatte. Nachdem er aus dem Exil viele Arbeitsplätze und eine „neue Demokratie“ versprochen hatte, holte ihn das Militär zurück und machte ihn am 22. November zum neuen Macht-haber. In all den Jahren soll er sich ein recht erquickliches Vermögen angehäuft haben – dem armen Volk versprach er hingegen den Kampf gegen die Korruption.

Vieles hat sich seit dem Sturz des Diktators nicht gebessert. Beobachter sprechen nach wie vor von einem nur „teilweise freien politischen System“. Schon im Jahr 2000 hatte der heutige Machthaber in seinem Wahlkreis Kwekwe Central gegen den Oppositionsführer verloren, Mugabe erklärte ihn aber trotzdem zum Abgeordneten. Auch bei den Wahlen 2018 wurden seinem Mitbewerber, dem Pastor, Rechtsanwalt und Oppositionsführer Nelson Chamisa, durchaus gute Chancen voraus-gesagt. Dennoch sprach die Wahlkommission ZEC von einem Wahlerfolg des bisherigen Präsidenten mit 50,8 % der abgegebenen Stimmen, sein Kontrahent erhielt 44,3 %. Dasselbe Bild damals auch im Abgeordneten-haus: 140 von 210 Sitzen gingen an die Regierungspartei – dubioserweise genau eine Zweidrittelmehrheit. Erstmals waren wieder neutrale Wahlbeobachter zugelassen. Die Vertreter der EU betonten, es gäbe „positive Merkmale“ aber auch „ernsthafte Bedenken“, jene der Afrikanischen Union und des südafrikanischen Staatenbundes SADC bezeichneten die Wahlen als „friedlich“ und „ordentlich“. Die oppo-sitionelle MDC sprach wie auch heuer von massivem Wahlbetrug. Dies veranlasste tausende Menschen zu Protestkundgebungen. Armee und Polizei gingen mit aller Härte vor – man dulde keine weiteren Proteste, hiess es vonseiten der Regierung. Nach offizieller Meldung gab es sechs Tote. Der Leiter der EU-Wahlbeobachter, Elmar Brok, meinte, dass absichtlich eskalierend eingegriffen wurde um den Widerstand zu unter-drücken. Die Parteizentrale der Opposition wurde durch die Polizei gestürmt.

Nun – fünf Jahre später – scheint das Land erneut dort angelangt zu sein, wo es einst war. Der Westen lehnt aufgrund der instabilen Lage wirt-schaftliche Beziehungen ab – nur Südafrika ist als Nachbarland und aufgrund der vielen Millionen an Flüchtlingen an einer friedlichen Lösung interessiert.

1997 zählte Simbabwe zu den wirtschaftlich stärksten Staaten des Konti-nents – seit 2015 weist es eine schwächere Wirtschaftsleistung als viele seiner Nachbarländer auf (1.203,23 € pro Kopf – Platz 107 von 132 Teilnahmestaaten). Einige Wirtschaftsbereiche liegen komplett brach. Noch 2015 waren 44,7 % der Bevölkerung unterernährt, 2022 sprach die Welthungerhilfe von 2,9 Mio Kinder unter 5 Jahren als „ausgezehrt“. Auf-grund einer Hyperinflation anno 2008 (90 Trilliarden Prozent) wurde ein Multiwährungssystem (US-Dollar, südafrikanischer Rand, britisches Pfund und chinesischer Yuan) eingeführt.

Nach wie vor gehört die Korruption zur Tagesordnung. Selbstverständlich geht es auch weiter mit dem Kampf der Stämme. Im Jahr 1837 wurden viele bislang von den Shona regierte Staaten von den Ndebele unter-worfen, die von Südafrika aus kommend nach Norden wanderten. Heute stellen die Shona den Grossteil der Bevölkerung. Sowohl Mugabe als auch sein Nachfolger gehören diesem Volksstamm an. Unter Mnangagwa wurde in den 80ern die Gukurahundi-Operation durchgeführt, in deren Rahmen rund 20.000 Oppositionelle zu Tode kamen – ein Grossteil davon waren Ndebele. Die Religion übrigens spielt keine grosse politische Rolle, sind doch rund 95 % Christen und weniger als ein Prozent Muslime.

Der diesjährige Gegenkandiat Nelson Chamisa engagierte sich schon während seiner Studentenzeit politisch. Im Jahr 2007 wurde er auf dem Weg zu einer Konferenz in Europa von zwei Staatssicherheitsagenten brutalst am Flughafen zusammengeschlagen. Er erlitt dabei einen Schädelbruch. Zwei Jahre später holte ihn Morgan Tsvangirai in die bis 2013 parteiübergreifende Regierung mit Mugabe. Der Reformer ist v.a. in der jungen und arbeitslosen Bevölkerung sehr beliebt.

Nur rund der 15 Millionen Einwohnern des Landes haben einen Job – der Rest lebt in extremster Armut. Die Inflation schwankte zuletzt zwischen 70 und 175 %. Bleibt zu hoffen, dass das Land endlich zur Ruhe kommt, sodass gemneinsam an einer besseren Zukunft gearbeitet werden kann!!!

Lesetipps:

.) Mugabe: Ein afrikanischer Tyrann; Christoph Marx; Beck 2017

.) A Predictable Tragedy. Robert Mugabe and the Collapse of Zimbabwe, Daniel Compagnon; University of Pennsylvania Press 2010

.) Robert Mugabe: A Life of Power and Violence; Stephen Chan; London 2003

.) Zimbabwe at the Crossroads; Jacob Wilson Chikuhwa; AuthorHouse 2006

.) Zimbabwe. The Political Economy of Decline; Suzanne Dansereau/Mario Zamponi/Henning Melber; Nordiska Afrikainstitutet 2005

.) A Crisis of Governance. Zimbabwe; Jacob Chikuhwa; Algora Publishing 2004

.) Zimbabwe. The Past is the Future. Rethinking Land, State and Nation in the Context of Crisis; David Harold-Barry; Weaver Press 2004

.) Mugabe. Power, plunder, and the struggle for Zimbabwe; Martin Meredith; Public Affairs 2007

.) Zimbabwe. The Rise to Nationhood; Jacob W. Chikuhwa; AuthorHouse 2006

Links:

– www.parlzim.gov.zw

– www.zim.gov.zw

– www.zimfa.gov.zw

– www.zanupf.org.zw

– www.mdc.co.zw

– www.wfp.org

– www.unicef.org

– hdr.undp.org

– www.auswaertiges-amt.de

– www.bmeia.gv.at

– www.helpline-eda.ch

– www.misa.org

– www.eisa.org.za

– www.newzimbabwe.com

– www.chronicle.co.zw

– zimnews.net

– theafricareport.com

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