Archive for April, 2023

Das Moor – Quell des Lebens

†An dieser Stelle habe ich bereits über das gefährliche Auftauen der Permafrost-Regionen in Kanada und Russland berichtet. Dabei handelt es sich vornehmlich um Moor- und Sumpflandschaften, die nach der letzten Eiszeit nicht mehr wieder aufgetaut sind.

Als die Eispanzer geschmolzen sind, wurden auf den nicht gar so kalten Kontinenten gewaltige Mengen von Wasser freigesetzt. Nicht alles wurde in die Meere gespült oder versickerte, vieles verdunstete und kam als Niederschlag wieder zurück. Dadurch stieg der Grundwasserspiegel sehr rasch an, wodurch viele Senken und Täler überflutet wurden. Die Natur reagierte – feuchtigkeitsliebende Pflanzen siedelten sich an und über-zogen ganze Landschaften. Mancherorts allerdings konnten aufgrund des Wasserstandes die abgestorbenen Pflanzen nicht mehr abgebaut werden – es bildeten sich Moore. Die meisten davon dürfte es vor rund 12.000 Jahren gegeben haben. Soweit zum geschichtlichen Hintergrund.

Wie eine solche Moorlandschaft entsteht, erklärt uns die Biologie. Mehrere Faktoren müssen vorhanden sein, damit es zu einer solchen Laune der Natur kommen kann:

  • Eine wasserstauende Schicht im Boden verhindert das weitere Versickern des Wassers
  • In der Region muss ein starkes Niederschlagsaufkommen vorherrschen, wodurch auch eine hohe Luftfeuchtigkeit gegeben ist
  • Der Pflanzenwuchs übertrifft die Zersetzung abgestorbenen Materials
  • Das Gebiet darf nicht beschattet sein

Im Moor selbst herrscht aufgrund der ständigen Regenfälle nicht nur eine ständige Wassersättigung, sondern auch ein konstanter Sauerstoff-mangel. Dadurch können die Pflanzenreste nicht richtig zersetzt werden – der Abbau erfolgt unvollständig und wird als Torf abgelagert. Hierin besteht der Unterschied zu Sümpfen: Dort wird die Biomasse durch die regelmässigen Austrocknungen vollständig zu Humus umgesetzt. Die oberste Schicht des Moores besteht aus lebenden Pflanzen. Hier ist der Grossteil des Wassers gespeichert – je tiefer man kommt, umso mehr und dichter werden die Torfschichten. Für den Aufbau einer rund 10 m hohen Torfschicht benötigt ein lebendes Moor in etwa 10.000 Jahre. Den untersten, wasserundurchlässigen Bereich eines Moores bildet eine hart verdichtete Sandschicht. Der Experte spricht hierbei von „Seetonen“.

Vor 12.000 Jahren überzogen Moore noch rund 4,2 % der Landfläche Deutschlands (rund 1,5 Mio Hektar). Davon blieben jedoch gerade mal 1,28 Mio Hektar (3,6 % der Landfläche) übrig. Die meisten Hochmoore findet man heute noch in Niedersachsen. In Österreich sind es gegen-wärtig 26.600 Hektar in 3.000 Moorflächen, 192 Hektar in hochalpinem Gelände (Studie im Auftrag des WWF). Auch hier wurden knapp 90 % zerstört. Die Schweiz listet 24.000 Hektar (0,6 % der Landfläche) als Moorlandschaft auf.

Grundlegend wird zwischen drei unterschiedlichen Moorarten unter-schieden:

.) Das Hochmoor

Hochmoore entstehen zumeist in kühlen und feuchten Gebieten. Sie nähren sich vornehmlich aus den Niederschlägen („Regenwassermoor“). Oftmals haben sie sich aus Niedermooren entwickelt oder wuchsen direkt auf mineralischen Untergrund auf. Typisch für Hochmoore sind die Torfmoose (Sphagnum), die schwammartig das Wasser speichern. Ein Hochmoor produziert im Schnitt acht Tonnen Pflanzenmasse pro Hektar und Jahr. Durch die stete Ablagerung von Torf wächst das Moor ständig in die Höhe. Der pH-Wert ist sehr niedrig. Aus diesem Grunde siedeln sich auch nur darauf spezialisierte Pflanzen- und Tierarten an.

.) Das Niedermoor

Niedermoore sind grundwassergenährte Landschaften in Senken, Mulden, Flussniederungen, verlandete Seen oder Quellwasseraustritten. Diese Moore benötigen die Wasserzufuhr nicht nur durch Niederschläge, sondern auch durch Grund- oder Quellwasser. Die Torfschicht am Boden ist zumeist dünn, da diese Moore ab und an zumindest teilweise trocken-fallen, da es an das nährstoffreiche Grundwasser gebunden ist. Hierdurch steigt das Moor auch nicht in die Höhe an, es verbleibt in Höhe des Grundwasserspiegels. Niedermoore sind wahre Nährstoffoasen, weshalb sich hier auch die meisten Pflanzen- und Tierarten finden. Ein Nieder-moor produziert pro Hektar und Jahr rund 16 Tonnen Pflanzenmasse. Der ph-Wert liegt zwischen 3,5 und 7,0.

.) Das Übergangsmoor

Entwickelt sich ein Nieder- zum Hochmoor, so bezeichnet dies der Experte als Übergangs- oder auch Zwischenmoor. Es bezieht das Wasser sowohl aus dem Grundwasser als auch den Niederschlägen. Sofern genügend Regenfälle vorhanden sind, entwickelt sich das Nieder- zum Hochmoor.

Hydrologisch gibt es noch weitere Unterteilungen in etwa Quell-, Hang-, Versumpfungs-, Verlandungsmoore etc., ökologisch in bespielsweise Sauerarm-, Sauerzwischen-, Basenzwischenmoor etc.

Die Pflanzen- und Tierwelt in Moorlandschaften ist einzigartig, da es sich um wahre Spezialisten handelt, die mit teils widrigsten Lebensumständen zurecht kommen müssen.

Torfmoose (Sphagnum)

Wie bereits beschrieben, haben diese Moose eine ganz entscheidende Bedeutung beim Übergang der Nieder- auf Hochmoore. Sie benötigen nur ganz wenige Nährstoffe und kommen mit den extremen Verhältnissen perfekt zurecht. Torfmoose geben Wasserstoffionen ab. Dies steigert den Säuregehalt, wodurch andere Pflanzenarten nicht mehr wachsen können. Während die lebende Schicht nach oben wächst, stirbt die untere Schicht aufgrund des Sauerstoffmangels und sinkt auf den Boden ab, wodurch der Torf entsteht.

Moor-Birke (Betula pubescens)

Die Moor- oder auch Haar-Birke gibt der Moorlandschaft zumeist ihr typisches Bild. Sie passt sich sehr rasch den Verhältnissen an. Zu finden aber ist sie meist in Moorwäldern oder den trockenen Bereichen der Hochmoore.

Rosmarinheide (Andromeda polifolia)

Die Rosmarinheide ist vornehmlich auf stickstoffarmen Böden der Hoch- bzw. Heidemoore zu finden. Die Nährstoffe und das Wasser bezieht sie aus einer Symbiose mit den Mykorrhizapilzen, die sich an den Wurzeln der Rosmarinheide ansiedeln. Diese erhalten im Gegenzug die Assimilate aus der Photosynthese.

Sonnentau (Drosera rotundifolia)

Diese Pflanze zählt wie rund 130 andere Arten auch zur Familie der Droseraceae – den fleischfressenden Pflanzen. Sie deckt ihren Stickstoff-bedarf durch das Fangen und Verdauen von Insekten. Der Sonnentau verwendet dafür eine der klebrigsten Substanzen der Pflanzenwelt.

Geflecktes Knabenkraut (Dactylorhiza maculata)

Hier haben wir es mit einer wahrhaftigen Orchidee zu tun. Auch das Gefleckte Knabenkraut benötigt die Symbiose mit speziellen Wurzel-pilzen. Den Namen hat sie von den runden Flecken auf der Blattoberseite. Die Blüten sind rosa bis violett und zwischen Mai und August zu bewundern. Die Pflanze wird bis zu 60 cm hoch, sie liebt leicht sauren Magerrasen oder lichte Wälder. Das Gefleckte Knabenkraut steht unter strengem Artenschutz.

Ausserdem zu finden sind: Das Wollgras (Eriophorum vaginatum), die Rauschbeere (Vaccinium uliginosum), die Gewöhnliche Moosbeere (Vaccinium oxycoccos, syn. Oxycoccus palustris Pers.), der Sumpf-Bärlapp (Lycopodiella inundata), die Besenheide (Calluna vulgaris), die Glockenheide (Erica tetralix) uvam.

Die grösste Gefahr für die Moore stellt die Trockenlegung dar. Ganze Landstriche wurden in der Vergangenheit ausgetrocknet. Immer wieder entstehen deshalb Torfbrände. Vornehmlich die Landwirtschaft zerstört die grössten Flächen für die Landgewinnung, gefolgt von der Forst-wirtschaft. Aber auch die Industrie greift mit vollen Händen ein: Verrichteten früher die Torfstecher diese Arbeit, so wird in der Gegenwart der Torf maschinell abgebaut um dadurch wichtige Substrate für den Gartenbau zu gewinnen.

Moore sind einzigartige Ökosysteme, die nicht nur für viele bedrohte Pflanzen- und Tierarten das für sie so wichtige Rückzugsgebiet darstellt. Als Wasserrückhalteflächen haben Moore zudem eine enorm wichtige Bedeutung für den Wasserhaushalt dieser Gebiete. Verschwindet das Moor, sinkt auch der Grundwasserspiegel ab, da Niederschläge nicht mehr gespeichert werden und zumeist oberflächig abfliessen. Und zudem speichern Moorlandschaften enorme Mengen an Kohlenstoff (nahezu doppelt so viel wie die Wälder weltweit). Dadurch wird weniger des Treibhausgases CO2 abgegeben. Wird nur ein Hektar Moorlandschaft zerstört, so setzt dies soviel Kohlendioxid frei wie bei einer 4,5 maligen Erdumrundung eine PKWs mit Verbrennungsmotor. Das Moor wirkt somit als entscheidender Faktor gegen die Klimaerwärmung.

„Losgelöst von einer internationalen Moor-Lösung droht die Wirkung jedoch zu verpuffen und Probleme wie den großflächigen Torfabbau nur überregional zu verschieben.“

(Agnes Zauner, Global 2000-Geschäftsführerin Österreich)

Am 2. Februar wird der „World Wetlands Day“ (Tag der Feuchtgebiete) gefeiert. An diesem Tag soll auf die Bedeutung der Moore hingewiesen werden. Schliesslich spüren wir es inzwischen unmittelbar aufgrund der ausbleibenden Regenfällen im Sommer. Die Wasserknappheit ist alsdann einmal mehr durch den Menschen verursacht. Der Schutz der wichtigen Moore ist auch in der Alpenkonvention bzw. der „Moorstrategie Öster-reich 2030+“ niedergeschrieben. Das Ziel stellt eine „Wiedervernässung“ ehemaliger Moorflächen dar. Erste Erfolge konnten auch bereits vorgewiesen werden: So wurde im Naturschutzgebiet Weisser Graben in Niedersachsen durch den NABU und die Volkswagen Leasing GmbH das Lichtenmoor wiedervernässt. Weitere Projekte stehen in den Moor-landschaften Nordrhein-Westfalens oder auch dem sog. „Theikenmeer“ mit dem angrenzenden Hochmoor „Wehmer Dose“ auf dem Hümmling in Niedersachsen an – beide Regionen zählen zu den ältesten bzw. schönsten Naturschutzgebieten Deutschlands.

Filmtipps:

.) Magie der Moore; Jan Haft 2015

.) Planet Wissen „Faszination Moor“

.) Planet Wissen „Moore und der Klimawandel“

.) Planet Wissen „Das Moor – Kulturlandschaft und Klimafaktor“

Lesetipps:

.) Deutschlands Moore: Ihr Schicksal in unserer Kulturlandschaft; Michael Succow, Lebrecht Jeschke; Natur & Text 2022

.) Moore in der Landschaft: Entstehung, Haushalt, Lebewelt, Verbreitung, Nutzung und Erhaltung der Moore; M. Succow, L. Jeschke; Urania 1990

.) Landschaftsökologische Moorkunde; M. Succow u. a.; Schweizer-bart’sche Verlagsbuchhandlung 2001

.) Auen, Moore, Feuchtwiesen; Gefährdung und Schutz von Feucht-gebieten; Gabriele Colditz; Birkhäuser Verlag 1994

.) Moor- und Torfkunde; Karlhans Göttlich; E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung

.) Botanisch-Geologische Moorkunde; Fritz Overbeck; Wachholtz, Neu-münster 1975

.) Sümpfe und Moore – Biotope erkennen, bestimmen, schützen; Hrsg.: Claus-Peter Hutter; Weitbrecht Verlag 1997

.) Altes Naturheilmittel Moor – Neues Wissen für die praktische Anwendung; Christa Klickermann, Petra Wenzel; Klickermann 2003

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ESC – Der Niedergang der Musikkultur

†Werte Leser dieser meiner Zeilen – gleich zu Beginn muss ich mich heute outen: Ich werde mir weder das Finale am 13. Mai in Liverpool, noch eines der Semifinali des ESC 2023 anschauen! Der European Songcontest interessiert mich schlichtweg überhaupt nicht. Anstatt dessen habe ich mir die WM-Finalspiele der DFB-Auswahl seit 1954 besorgt, Bier wird eingekühlt und Snacks angerichtet. Da mache ich keinen Hehl daraus und werde es in den kommenden Sätzen etwas präzisieren!

Vorweg einige allgemeine Informationen. Im Jahr 1954 gründeten die staatlichen Rundfunkanstalten der westeuropäischen Länder in Genf die European Broadcasting Union EBU. Mit ihrer Hilfe sollte ein Austausch von Rundfunk- und Fernsehprogrammen über die Grenzen hinweg wesentlich erleichtert werden. Dafür wurde später ein eigener Satellitenkanal (Eurovision News EVN) eingerichtet. Die Premiere machte am 6. Juni 1954 das Narzissenfest von Montreux. Ein Jahr darauf wurden hunderttausende Zuschauer (der Fernseher war damals noch ein Luxusgut!) Zeugen des wohl tragischsten Unfalls in der Geschichte des Motorsport: Beim 24-h-Rennen von Le Mans starben 84 Menschen. Seit 1959 wird zudem jeweils am 01. Januar das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker sowie am Ostersonntag der päpstliche Ostersegen via EBU ausgestrahlt uvam. Das Pendant zur Eurovision war in den osteuropäischen Staaten die Intervision.

Die EBU startete dann im Jahre 1956 mit dem Grand Prix d’Eurovision de la Chanson aus Lugano und sieben Teilnehmern; dem ersten grenz-überschreitenden Musikwettstreit der Länder – live im Fernsehen. Die Strassen waren leergefegt – wer einen Fernseher zuhause hatte, verbrachte den Abend vor der Glotze, die anderen bei Ihren Verwandten oder Nachbarn, die einen Flimmerkasten besassen. Als Vorbild diente das San Remo Festival. Bereits ein Jahr später (in Frankfurt/Main) entsendete jeder Mitgliedsstaat der EBU einen Vertreter in das Starterfeld – San Remo war plötzlich vergessen. Seit 1958 wird nun die Folgeveranstaltung im Land des Siegers abgehalten. Das Interessante daran war, dass jedes Land mit dem entsprechenden Lied etwas eigene Kultur vermitteln konnte. Zudem wurde in der landeseigenen Sprache gesungen (bis 1999), was dem Ganzen noch weitaus mehr an Flair brachte. Nur die Schweiz konnte es sich aussuchen, ob der Beitrag auf deutsch, italienisch oder französisch präsentiert wurde. Die Musik kam nicht etwa vom Band sondern vielmehr live aus dem Orchestergraben, dirigiert zumeist vom Chefdirigenten des entsprechenden Starters. Nicht weniger als 150 Millionen Zuschauer verfolgten dort die Geburtsstunde von Gassen-hauern, die nach der Sendung in ganz Europa gesummt, gepfiffen oder auch gesungen wurden: „Waterloo“, „Nel blu dipinto di blu (Volare)“, „Merci cherie“, „Hallelujah“ oder auch „Ding-a-dong“, „Congratulations“ und „Poupée de cire, poupée de son“; Weltkarrieren wie jene von Abba, Johnny Logan, Lys Assia, Brotherhood of Man, Celine Dion, Toto Cutugno wurden begründet.

Dann öffnete sich der Eiserne Vorhang, die EBU wurde durch die ehe-maligen Ostblock-Staaten erweitert – es hielt die Politik Einzug in den Wettkampf. Bewertet wurde nicht mehr der beste Song, die meisten Punkte erhielten die Nachbarländer – völlig egal, ob der Titel gut oder schlecht performed wurde. So kam es, dass plötzlich die One Hits Wonder auftauchten – Künstler, die durch eine solche Strategie auf’s Podest gehoben wurden, von welchen aber auch nach dem nun als Eurovision Song Contest (ab 1992) bezeichneten musikalischen Wettstreit auch nie mehr wieder etwas zu hören war. Im Vorfeld des ESC 2015 in Österreich wurde u.a. der ehemalige Starter des ESC 2002, Manuel Ortega, inter-viewt. Er wurde befragt, wer den Contest damals gewonnen hatte. Betretenes Schweigen – keine Antwort! Keine Schande – gewann doch die Lettin Marie N. mit „I wanna“ vor Malta (Ira Losco „7th wonder“). Ist erst 21 Jahre her – doch kennt die noch Irgendwer? Nicht mal den britischen Beitrag, der gemeinsam mit Estland auf dem 3. Platz landete (Jessica Garlick „Comeback“) wird noch jemandem geläufig sein. Runter von der Bühne und schon aus dem Sinn! Einzig Loreen aus Schweden (Siegerin 2012 mit „Euphoria“) wird heute noch gespielt. Eine Up-Tempo-Nummer, die aus dem ehemaligen Chanson-GP nun auch endgültig einen der vielen Pop-Wettbewerbe machte.

Eine Ausnahme machte zudem ausgerechnet Lena Meyer-Landrut, die sich erstmals nicht über den normalen Weg qualifizierte. Sie gewann den ESC im Jahre 2010 mit „Satellite“. Danach folgten mit „My Cassette Player“ (Nr. 1 in Deutschland und Österreich), „Good News“ (Nr. 1 in D, Nr. 7 in Ö) sowie „Stardust“, „Crystal Sky“ und „Only Love.L“ (jeweils Nr. 2 in D, letzterer Nr. 4 in Ö) noch weitere Platzierungen an der Chartspitze. Später wurde es auch bei ihr etwas ruhiger. Erst durch ihren Job als Jurorin bei „The Voice Kids“ (einem Kinder-Nachwuchswettbewerb) kam sie wieder ins Gerede.

Seither haben Songs, die eher in das Slow-AC- oder Schlager-Format passen, nicht mal mehr den Hauch einer Chance. Und die Sieger-Titel – jo mei – es gibt den MTV-Award, Brit-Award, Grammy, die Goldene Stimmgabel, den Cometen, Amadeus, Swiss Music Award,… – soll man da wirklich jeden Song, der gewonnen hat, auch ein Jahr später noch kennen? Vor allem da Musik inzwischen am Fliessband produziert wird – sogar durch Künstliche Intelligenz, ohne jedes menschliche Zutun. Und, dass sich da so manch einer nicht zu schade dafür ist, erfolgreiche Songs in irgendeiner Weise abzukupfern, zeigte wohl niemand besser als Cascada, die ein Jahr nach „Euphoria“ mit „Glorious“ für Deutschland auf der Bühne stand! Auch der/dem österreichischen Vertreter/-in Conchita Wurst wurden Plagiatsvorwürfe an den Kopf geworfen. Zu sehr klang sein/ihr „Rise like a Phoenix“ wie der Titelsong aus einem James Bond-Film. Auch bei vielen anderen wird nahezu jedes Jahr behauptet, dass „exakt die gleichen Harmonien und weitestgehend sogar die Harmonie-führung genau übernommen“ wurden. Na ja – offenbar gibt es eben nichts neues mehr! Ein Blick in die Hitparaden beweist dies: „Valerie“ von Marc Ronson feat. Amy Winehouse (Original: The Zutons), „Car Wash“ von Christina Aguilera (Original: Rose Royce), „Ain’t nobody“ von Felix Jaehn ft. Jasmine Thompson (Original: Rufus & Chaka Khan), „Lemon Tree“ von Alle Farben (Original: Fool’s Garden), „Bitter Sweet Symphony“ von Gamper & Dadoni feat. Emily Roberts (Original: Rolling Stones bzw. The Verve), „Would I lie to you“ von David Guetta, Cedric Gervais & Chris willis (Original: Charles & Eddie) u.v.a.m.! Der Experte spricht hierbei von „Remakes“ bzw. „Second Hand Songs“. So wird so manch Kiddy meinen – „Poah – hammergeil!“! Dem sei hiermit entgegengesetzt: Die Originale sind zumeist vorschlaghammergeil!!!

Inzwischen entwickelt sich der Songcontest, nachdem er zur Meterware wurde, immer mehr zur Freak-Show. Besonders die Finnen zeigen hierbei einen sehr grossen Ideenreichtum. Gewannen doch Lordi mit „Hard Rock Hallelujah“ 2006.

Nahezu jedes Jahr sind immer wieder recht interessante Interpreten aus dem Nordosten Europas zu sehen und v.a. zu hören. In diesem Jahr wird die finnische Flagge durch Käärijä mit dem Titel „Cha Cha Cha“ vertreten – Metal-Rap mit elektronischen Beats der Marke Electronic Callboy.

Dem nicht genug: Måneskin (2021 mit „Zitti e buoni“), Netta (2018 mit „Toy“) oder auch die politische Botschaft in Richtung Russland Kalush Orchestra (2022 mit „Stefania“). Somit setzen auch andere Länder mehr auf das Auffallen: Dana International, eine Transsexuelle aus Israel, die/der 1998 mit „Diva“ gewann – neu aufgerollt 2014 durch die bereits angesprochene Conchita Wurst mit „Rise like a Phoenix“. Die Wurst kam nur zu sehr wenigen Chart-Platzierungen im Vergleich mit den Zweit-platzierten, den niederländischen Common Linnets mit „Calm after the storm“. Es siegte somit nicht der Song, sondern die Interpretin – nix also mit dem „Wettstreit der Komponisten und Songtextern“!

Conchita Wurst – Rise like a phoenix

Deutsche Charts: 4 Wochen – beste Platzierung 5

Schweizer Charts: 4 Wochen – beste Platzierung 2

Österreichische Charts: 16 Wochen – beste Platzierung 1

Common Linnets – Calm after the storm

Deutsche Charts: 41 Wochen – beste Platzierung 3

Schweizer Charts: 21 Wochen – beste Platzierung 3

Österreichische Charts: 34 Wochen – beste Platzierung 2

Die Dame mit dem Bart wurde mit dem Aufschrei nach mehr Liebe und v.a. Toleranz gefeiert – da hätte sie/er auch ein Kinderlied zwitschern können und trotzdem gewonnen – aufgrund Ihrer Gesichtsbehaarung! Seither zupfen sich weltweit Millionen von Frauen nicht mehr die Haare ihres Damenbartes weg und viele Touristen kommen nach wie vor nach Österreich um sich zu überzeugen, dass ganz oben auf der Alm die Hüttenwirtin wirklich ausschaut wie die Conchita! Doch – äusserte man sich vielleicht etwas kritisch zur Kunstfigur „Conchita Wurst“, so musste v.a. Mann gar Prügel befürchten – von jenen, die mehr Toleranz forderten! Schräge Vögel wie Guildo Horn & seine Orthopädischen Strümpfe, Stefan Raab als Legastheniker, Alfred Poier als Leiterwagen-Kapitän oder auch die beiden zwar hübschen trotzdem aber komplett abgefahrenen taTu aus Russland liessen so manchen Musik-Kenner zur Fernbedienung greifen, sorgten aber im Endeffekt für mehr Schlagzeilen als die Sieger! Auch sind immer wieder sexy Frauen zu sehen, die zwar viel nackte Haut zeigen, jedoch teils wenig stimmliche Qualitäten vorzuweisen haben. Ani Lorak aus der Ukraine 2008, Svetlana Loboda ebenfalls aus der Ukraine 2009, Margaret Berger aus Norwegen 2013, Cleo & The Girls aus Polen 2014, Jana Burčeska aus Nord-Mazedonien 2017, Efendi aus Aserbeidschan 2021 etc.

(Anmerkung des Schreiberlings: Schön anzuschauen – wenn nur die Musik nicht so stören würde!)

Für den Türken Erdogan Anlass genug, die Teilnahme seines Landes zu verhindern, obwohl die belgisch-türkische Popsängerin Hadise 2009 selbst einen gewagten Auftritt zeigte. Daneben verblassten Verkaufs-millionäre wie Five, Silver Convention, Ricchi é Poveri, Baccara, DJ Bobo, Alan Sorrenti oder Stimmbandgrössen wie die No Angels, Bonnie Tyler und Il Volo. Besonders zum Denken gab der inzwischen geadelte Sir Cliff Richard: Mit „Congratulations“ 1968 nur zweiter, mit „Power to all our friends“ 1973 gar nur Dritter verkaufte er in diesen Jahren mehr Tonträger der beiden Songs als die jeweiligen Sieger. Heutzutage gewinnt nur jene(r) Interpret(-in), der/die am meisten aufzufallen weiss, die geilste Performance bringt oder den Goodwill der Ost-Connection hat, die sich immer wieder gegenseitig die 12 zuschieben. Übrigens haben Liechtenstein und der Vatikanstaat noch nie am Songcontest teil-genommen. Ich denke mir, dass ein gemischter Kardinals- und Schwesternchor doch einiges in Sachen Niveau der Veranstaltung wettmachen könnte, wenn noch möglich! Das meinen übrigens auch die Luxemburger, die seit 1993 nicht mehr teilnehmen. Mangelndes Interesse – trotz fünffachem Sieg – und zu wenig Geld! Ha…!

Was also hält die Zuseher noch am Bildschirm? Ich denke mir, dass die Übertragung der Brit-Awards sicherlich interessanter ist, da die wirklichen Stars des Pop- und Rock-Business vertreten sind und Madonna ja möglicherweise wieder von der Bühne kippen könnte.

Die moderne Satellitentechnik übrigens macht es möglich, dass Millionen auch ausserhalb Europas den ESC ansehen können – in den USA, Kanada, Australien (seit einigen Jahren selbst Teilnehmer), Japan, Indien und China etwa.

Alles in allem kostet die Austragung sehr viel Geld – in Österreich waren es im Jahr 2015 etwa 15 Mio € für den Veranstalter, dem Öster-reichischen Rundfunk. Tatsächlich kam das Ganze aber auf weitaus mehr als 17 Mio – der grösste Batzen (nahezu 9 Mio) davon ging an die Wien Holding als Inhaber des Austragungsstandortes Wiener Stadthalle für Miete, Adaptierung, etc.), gefolgt vom Marketing (rund 6 Mio – und ich dachte, der ESC sei ein Selbstläufer!). Von einer Umwegrentabilität zu sprechen, grenzt an Hohn, da diese Gelder ja schliesslich nicht oder nur in geringen Maße, dem Veranstalter zugute kommen. Also zahlt der Gebühren- und der Steuerzahler – völlig gleichgültig, ob er sich für das Spektakel interessiert oder nicht. Wer jetzt mit dem berühmten „Ja, aber…!“ kommen sollte, dem sei als Beispiel die Stadt Bregenz am Bodensee an’s Herz gelegt. Dort freute man sich 2008 auf die James-Bond-Dreharbeiten für „Ein Quantum Trost“ und das „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF anlässlich der Fussball-EM. Gesprochen wurde über eine nahezu unbezahlbare Werbung – wenn dies so gewesen wäre, weshalb gab es dann einen derart grossen Aufruhr, weil ein riesiges Loch im Budget der Stadtmarketing klaffte, das schliesslich ebenso wieder mit Steuergelder gestopft werden musste. Wäre dieses Geld direkt in Massnahmen auf Nischenmärkten investiert worden, wäre wohl mehr dabei herausgekommen. Und, dass der damalige Generalintendant des ORF, Alexander Wrabetz, schon vor dem Gewinn der Wurst sowohl vom Bund als auch den Gebührenzahlern mehr Geld gefordert hat, ist kein Geheimnis! Ich erinnere mich zurück an das Jahr 2014, als Österreich plötzlich zum Favoritenkreis zählte. Da kam doch der Satz: „Um Gottes Willen! Wenn die gewinnt muss Österreich den ESC im kommenden Jahr ausrichten! Wer soll das bezahlen?“

Heuer ist Liverpool für Kiew eingesprungen. Das Interesse für Karten war riesig – die 3000 der Finalshow waren innerhalb von nur 36 Minuten ausverkauft – trotz Preisen zwischen jeweils 80 und 380 Pfund – es gab Kritik zuhauf.

Tja – und zum Schluss die Wahl der Interpreten selbst. In nicht wenigen der Starterländer, so u.a. in Grossbritannien und Russland – aber auch immer mal wieder in Deutschland, der Schweiz und Österreich werden die Interpreten durch einen internen Auswahlmodus ermittelt: Die Nichte des Bruders vom …!!! Damit vertreten sie ja eigentlich nicht ihr Land sondern Lobbyisten und jene Fernsehanstalt ihres Landes, die Mitglied der EBU ist! Kann hier wirklich von der Crème de la Crème des musikalischen Schaffens des Teilnehmerstaates gesprochen werden?

Verstehen Sie nun, weshalb ich mir den Songcontest nicht anschauen werde? Ich hoffe, diesen Überlegungen folgen noch weitaus mehr und die Quoten für die Live-Übertragungen sind katastrophal! Doch ist leider hiervon nicht auszugehen. In Deutschland gehört der ESC inzwischen wie der Fussball zum Nationalstolz! Auch wenn es wie zuletzt im Männerfussball nur Platzierungen unter ferner liefen gab.

Lesetipps:

.) Ein bisschen Wahnsinn: Wirklich alles zum Eurovision Song Contest; Clemens Dreyer, Claas Triebel, Urban Lübbeke; Verlag Antje Kunstmann München

.) Kampf der Kulturen: der „Eurovision Song Contest“ als Mittel national-kultureller Repräsentation; Irving Wolther; Königshausen & Neumann Würzburg

Links:

https://www.eurovision.tv

††https://songcontest.ch

https://www.eurovision.de

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CO2-Fussabdruck – verdammt grosse Schuhe!

Ich kann es nicht verhehlen: Ich bin entsetzt! Ehrlich entsetzt! Bislang – so dachte ich – führte ich mein Leben anhand einer hohen Umweltverträg-lichkeit nachhaltig. Klimaneutral sozusagen. Nun stolperte ich über den WWF-Rechner zur Bestimmung meines CO2-Fußabdruckes.

†https://www.wwf.de/themen-projekte/klima-energie/wwf-klimarechner

†††Das Ergebnis: 8,74 Tonnen CO2 pro Jahr. Damit liege ich zwar unter dem deutschen Durchschnitt von 12,74 Tonnen – dennoch ist es zu viel. Der wohl grösste Brocken dabei ist die tägliche Fahrt zur Arbeit. Die Öffis brauchen mit mehrfachem Umsteigen nahezu doppelt so lange, zudem lehne ich es ab, verschwitzt in einen übervollen Bus einzusteigen. Einiges wett mache ich allerdings durch meine Essgewohnheiten: Fleisch etwa nur am Wochen-ende. Das deutsche Umweltbundesamt geht für die Zukunft von einer Tonne pro Jahr und Person aus! Ich muss also an mir arbeiten!
Das sollte sich übrigens jeder vornehmen. Den Beginn macht sicherlich ein solcher Test über den persönlichen CO2-Fussabdruck. Dieser, auf englisch „Carbon Foodprint“, beziffert die Menge an Kohlendioxid-Emissionen, die ein Mensch im Laufe einer Woche, eines Monats oder eines Jahres verursacht. Ein kleiner Fußabdruck wäre empfehlenswert, da nicht nur die Industrie und die falsche Umweltpolitik einer Regierung für derartige Emissionen verantwortlich zeichnet. Nein – es beginnt bereits bei jedem Einzelnen! Im Laufe dieser heutigen Zeilen möchte ich deshalb versuchen, Wissenswertes und einige Anstösse zu vermitteln, wie ein solcher Fussabdruck möglichst klein gehalten werden kann.
Entwickelt haben die Berechnungen die beiden Wissenschaftler Wacker-nagel und Rees anno 1994. Der CO2-Fussabdruck setzt sich aus einer ganzen Menge an Komponenten zusammen: Essgewohnheiten, Heizbe-darf, Konsumverhalten, Stromverbrauch und Transport – um nur einige in alphabetischer Reihenfolge zu nennen.


.) Essgewohnheiten
Die westliche Gesellschaft weist einen viel zu hohen Fleischkonsum auf. Nicht nur die Massentierhaltung, sondern auch die Kühlung des Fleisches sorgt für horrende Emissionen. Weniger Fleisch oder Wurst in der Woche tut übrigens auch der Gesundheit gut. Das wissen v.a. die Diabetes- und Gichtpatienten. Zudem werden die Wasserreserven dadurch geschont – für ein Kilogramm Rindfleisch muss schon mal mit 15.415 Liter Wasser (in der Aufzucht der Tiere) gerechnet werden, bei Schweinefleisch sind es 5.988, bei Geflügel 4.325 Liter.
Regional ist zwar gut – saisonal-regional jedoch umso besser. Saisonales Obst und Gemüse erspart die Kühlung. Erdbeeren oder grüner Blattsalat zu Weihnachten? So kann ein heimischer Apfel im Winter einen schlechteren CO2-Fussabdruck aufweisen, als sein importierter Kollege aus Chile, der tausende Kilometer Transportweg hinter sich hat.
Leitungswasser ist besser als Mineralwasser aus der PET-Flasche. Nicht nur, da die unzähligen Transport-Kilometer wegfallen – Leitungswasser muss nicht abgepackt werden und ist zumeist überall verfügbar.


.) Heizbedarf
Im Winter dermaßen einzuheizen, daß im Wohnzimmer im T-Shirt Fern-sehen geschaut werden kann, ist einfach nur dumm. Die Raumtemperatur tagsüber um 1-2 Grad und am Abend stark gesenkt, spürt nicht nur die Geldtasche, sondern auch das Klima. Zudem sollten nachhaltige Heiz-stoffe wie Holz, Hackschnitzel oder Pellets bzw. Wärmepumpen ver-wendet werden, da die Emissionen von fossilen Brennstoffen (Kohle, Öl, Gas) eigentlich nichts in unserer Atmosphäre zu suchen haben und somit nicht kompensiert werden können.


.) Konsumverhalten
Ist es wirklich notwendig, stets up-to-date zu sein? Produkte, die noch funktionieren, gehören nicht in den Müll. Gilt auch für die Bekleidung. Ist der jährliche Garderobenwechsel wirklich vonnöten? Seit Jahren lassen auch Markenhersteller durch Billigstarbeiterinnen produzieren. Somit wäre alsdann den Niedrigstlöhnern geholfen, wenn nicht dermaßen viel eingekauft werden würde.
Zudem werden beispielsweise für die Produktion nur einer Jeans rund 120 Liter Wasser benötigt! Grosse Teile des Baumwoll-Bedarfs kommen aus Indien – hier wird für die Herstellung von nur einem Kilogramm Baumwolle 23.000 l Wasser verbraucht. Wiederverwenden ist somit das grosse Schlagwort!


.) Stromverbrauch
Der Strom muss produziert werden. Deshalb ist die E-Mobilität nicht wirklich die beste Lösung für das Klima. Photovoltaik-Anlagen funktionieren nur bei Licht, Windräder nur bei Wind. Bei Pumpspeicher-kraftwerken wird zwar die Wasserkraft als vermeintlich umweltfreund-liches Produktionsmittel verwendet, dennoch muss das Wasser wieder in den Stausee hinaufgepumpt werden. Eine Studie aus dem Jahr 2018 ergab, dass eine einzige Suchanfrage bei Google 0,0003 Kilowatt Strom verbraucht. Im Schnitt könnte jeder Google-Nutzer monatlich eine 60 Watt-Glühbirne für drei Stunden zum Leuchten bringen. Es ist ja nicht nur die Rechenleistung des eigenen PCs oder noch schlimmer Smartphones. An allen internetbezogenen Aktivitäten hängt eine ganze Armada von Rechenzentren und Grossrechnern (und Mobilfunkstationen).
Zudem: Frisch besorgt und angerichtet ist alle mal besser als gekauft und eingefroren. Die Gefriertruhe erweist sich in vielen Fällen als wahrer Stromfresser!


.) Transport
Das österreichische Bundesland Tirol kann ein Lied davon singen: Millionen LKW jedes Jahr auf der Inntal- und Brennerautobahn. Da kommt es schon mal vor, dass die italienische Milch zur Abpackung nach Deutschland gefahren, dann wieder nach Italien retour verfrachtet und für den Verkauf erneut nach Deutschland geführt wird. Eine Flasche hoch-preisiger Chardonnay aus Kalifornien/USA nach London verfrachtet kostet 24 Eurocent – im Flexitank gar nur die Hälfte. Ein solcher Flexitank fasst bis zu 24.000 l – die Flaschenabfüllung erfolgt dann am Bestimmungsort. Alleine Hapag Lloyd verschifft auf diese Art rund 288 Mio Liter Wein aus der ganzen Welt pro Jahr (Zahlen: www.hapag-lloyd.com/de). Riesige Containerschiffe machen es möglich. Schmeckt dieser wirklich besser als der deutsche oder österreichische? Güter, die weniger transportiert und v.a. geflogen werden müssen, sind eine Wohltat für die Umwelt. Perver-sionen gehören eingestellt: Landwirtschaftliche Produkte, die angeblich nicht verkaufbar sind, weil die Gurke zu krumm oder die Zwiebel zu klein ist, werden wieder in den Acker eingepflügt. Dafür ordern viele Heim- oder Grosskantinen ihre Lebensmittel von Firmen, die hunderte Kilometer weit entfernt sind!
Auch die tägliche Autofahrt zum Einkaufen ist nicht notwendig. Wer gut plant, kommt mit einem Wocheneinkauf durchaus zurecht. Oder: Man fährt noch kurz nach der Arbeit im Supermarkt vorbei, da der ohnedies auf der Strecke liegt.


In dieser Auflistung habe ich eines ganz absichtlich außer acht gelassen: Die Urlaubsreise! Der Urlaub ist für jeden Einzelnen unter uns die wohl schönste Zeit des Jahres. Dafür gibt es auch traumhafte Urlaubs-destinationen. Einziger Nachteil: Die meisten davon müssen angeflogen werden. So verursacht beispielsweise der Hin- und Rückflug von Frankfurt nach Bangkok über die rund 17.922 km nicht weniger als 1,56 to CO2 – für jede einzelne Person! Von Frankfurt/Main bis nach Lignano sind es 895,5 Kilometer. Ein Diesel-PKW, Baujahr 2017, verbraucht im Schnitt 7 Liter auf 100 km (ich weiss: Auf der Autobahn sind es aufgrund der höheren Geschwindigkeit wesentlich mehr!). Hin und retour produzieren Sie 0,494 to CO2 – ebenfalls pro Person. Gerade beim Urlaub kann sehr viel Ausstoss vermieden werden. Und mal ganz ehrlich: Was nutzt es mir, wenn ich die kleine Jazz-Kneipe in New Orleans kenne, dafür aber nicht weiss, was sich innerhalb eines Radius von 20 km rund um mein Zuhause abspielt?

Ich habe es kurz angesprochen: Die E-Mobilität ist nicht wirklich das Gelbe vom Ei! Diese Fahrzeuge sind in der Produktion wahre Umwelt-sünder. Daneben ist der Anteil fossiler Brennstoffe bei der Stromer-zeugung noch zu hoch. Deshalb sorgt erst eine hohe Kilometerleistung für die gewünschten Vorteile. Besser wäre die Brennstoffzelle. Wenn aus dem Auspuff Wasser tropft, könnte das zudem unseren Boden kühlen und kleine Klima-Biotope schaffen, in welchen es mehr regnet und kühlere Temperaturen bestehen. Doch ist auch die Herstellung von Wasserstoff sehr teuer und zudem werden alsdann damit Elektromotoren angetrieben.
Die Politik hat lange Zeit zugesehen und Forschungsprojekte nur sehr zögerlich subventioniert, wenn sie nichts mit fossilen Treibstoffen zu tun hatten. Jetzt straft sie. Alle! Manche können zwar Teile der CO2-Steuer wieder zurückholen, dennoch ist es eine zusätzliche Steuer, die gerade die Klein- und Kleinstverdiener, Alleinstehende und Mindestrentner hart trifft und noch schlimmer treffen wird, da die CO2-Steuer mit der Zeit ansteigen wird. Wäre es da nicht viel sinnvoller gewesen, peu à peu Massnahmen zur Energiewende in Angriff zu nehmen? Es hätte in all den Jahren bis heute so viel bringen können. Andere Staaten haben dies gemacht und stehen jetzt wesentlich besser als Deutschland oder Österreich da! Wieso etwa wurden Wasserstoffzüge durch die DB (mit Siemens) und die ÖBB (mit Alstom) erst vor kurzem getestet? Nach den ersten 100.000 Kilometer herrschte bei den Testern grosse Begeisterung! Während die Deutsche Bahn derzeit das DB-Regio-Werk Ulm für die Wasserstoffzüge umrüstet (H2goesRail), war bei den ÖBB vor gar nicht allzu langer Zeit zu lesen, dass es zu wenig sauberen Wasserstoff gebe, da er noch grossteils mittels Erdgas produziert werde.
Wieso gibt es immer weniger Einheimischen-Tarife, dafür übernachten Bus-Touristen und Pauschalreisende fast zum Nulltarif?
Bei diesem heutigen Blog habe ich absichtlich Unternehmen außen vor gelassen, da es mir darum ging, die Meinung und Einstellung eines jeden Einzelnen zur Klimaproblematik hoffentlich positiv zu verändern. Alles andere würde wohl den Platz und das Thema sprengen. Eines sei erwähnt, dass bereits viele Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen einen „Product Carbon Foodprint“ (PCF) erstellen lassen um damit die CO2-Emissionen entlang der kompletten Wertschöpfungskette analysieren zu können. Ein sehr wertvoller Beitrag, den auch jeder Konsument in seine Kaufentscheidung einfliessen lassen sollte. Doch das ist wieder ein ganz anderes Thema.

Lesetipps:

.) Vier fürs Klima: Wie unsere Familie versucht, CO2-neutral zu leben; Petra Pinzler/Günther Wessel; Droemer HC 2018
.) Und jetzt retten wir die Welt: Wie du die Veränderung wirst, die due dir wünscht; Marek Rohde/Ilona Koglin; Franckh Kosmos Verlag 2016
.) Nachhaltig leben: Bewusst kaufen, sinnvoll nutzen. Alternativen zum Wegwerfen; Susanne Wolf; Verein für Konsumenteninformation VKI 2013
.) Foodprint: Die Welt neu vermessen; Mathis Wackernagel/Bert Revers; CEP Europäische Verlagsgsanstalt 2016
.) Das Weltretter-Workout: In 6 Wochen zum Weltretter; Philipp Appenzeller; rap verlag 2015
.) Dein Weg zur Nachhaltigkeit: 350 praktische Tipps für den Alltag; Florian Schreckenbach/Leena Volland; Books on Demand 2016
.( Der Ökologische Fußabdruck: Fachliche Grundlagen und didaktisch methodische Potenziale; Johannes Schulz; GRIN Verlag 2010

Links:

www.mein-fussabdruck.at
www.co2.rechner.at
uba.co2-rechner.de
www.fussabdruck.de
applications.icao.int/icec
www.bmuv.de
www.umweltbundesamt.de
www.bafu.admin.ch
www.carbonfootprint.com
www.klimaschutz-portal.aero
www.wri.org
www.oeko.de
co2.myclimate.org
www.climatepartner.com/de
www.wwf.de
wfd.de
www.greenpeace.de
reset.org
nachhaltigkeit.deutschebahn.com

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Die Volksvertreter – Gleiche unter Gleichen

†Das Wort „Politiker“ entstammt eigentlich dem Griechischen „politikós“, wurde aber auch von den Römern unter „politicus“ verwendet und bedeutet nach den Ausführungen des Dudens „Staatsmann“. Bei Wiki-pedia wird ein „Politiker“ definiert als „…eine Person bezeichnet, die ein politisches Amt oder Mandat innehat oder in sonstiger Weise politisch wirkt.“ Das jedoch ist sehr allgemein gehalten. Eine wesentlich detaillierte Definition listet das „Politiklexikon“ (Klaus Schubert/Martina Klein, Dietz 2020) auf. Demgemäss ist ein Politiker

  • eine Person, die sich der Staatskunst widmet, also jenem Bereich, der „das Öffentliche bzw. das, was alle Bürgerinnen und Bürger betrifft und verpflichtet“
  • eine Person, die in jenem Bereich tätig ist, der „die aktive Teilnahme an der Gestaltung und Regelung menschlicher Gemeinwesen“ zuzuordnen ist
  • eine Person, die im modernen Staatswesen ein aktives Handeln ausübt, „das a) auf die Beeinflussung staatlicher b) den Erwerb von Führungs-positionen und c) die Ausübung von Regierungsverantwortung zielt“

Nicht bezeichnet wird hierbei der Politiker als „gewählter Volksvertreter“, weshalb auch solche Menschen Politiker sein können, die durch etwa einen Putsch an die Macht gekommen sind. Politiker als gewählte Volks-vertreter haben vielmehr mit der Staatsform der Demokratie zu tun. Diese Menschen sind dem Souverän, also dem Volk, verpflichtet und handeln nach einer Verfassung.

Im heutigen Blog möchte ich deshalb auf drei Prachtexemplare zu sprechen kommen, die durch eine vermeintliche Wahl an die Macht gekommen sind, sich jedoch nicht ihrem Volk verantwortlich fühlen und die Verfassung nach ihren Vorstellungen auslegen bzw. verändern. Drei Autokraten also, die Ihresgleichen suchen.

CHINA – Xi Jinping

Am 15. Juni 1953 in Peking geboren, ist Xi seit 2012 Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, Vorsitzender der Zentralen Militär-kommission (ZMK) und seit 2013 Staatspräsident der Volksrepublik China. Dort war die Amtszeit bislang auf zwei Amtsperioden beschränkt. Bereits 2018 liess er jedoch die Amtszeitbeschränkung aufheben. Am 10. März 2023 entschied der Nationale Volkskongress Chinas, dass er auch eine dritte Amtsperiode absolvieren darf – eine logische Entscheidung, die jeder erwartet hatte und nur eine Legitimation darstellte. Er könnte also theoretisch bis zu seinem Ableben diese Position bekleiden. Ob die Entscheidung des Volkskongresses nun tatsächlich aus freien Stücken oder unter Druck stattfand, möchte ich heute wie auch in den anderen beiden Fällen offenlassen. Xi gilt in dem Milliarden-Staat als „Über-ragender Führer“ – ausgestattet mit einer Machtfülle, die möglicherweise zuletzt Mao Zedong inne hatte. Der Diktator gründete 1921 die Kommunistische Partei Chinas und führte das Land in den Bürgerkrieg und die Kulturrevolution. Seine Mittel – wie in jeder Diktatur: Gewalt, Rechtlosigkeit und Terror. Dass dies auch nach Mao in China zum Machtapparat der Kommunsitischen Partei gehört, zeigte das Tian’amen-Massaker am 3. und 4. Juni 1989 auf, bei dem eine Protestbewegung auf dem gleichnamigen Platz („Platz des Himmlischen Friedens“) durch das Militär blutig niedergeschlagen wurde. 2.600 Menschen kamen dabei ums Leben, 7.000 weitere wurden verletzt. Die Reformen („Reformen und Öffnung“), die Deng Xiaoping 1986 eingeleitet hatte, wurden fallen-gelassen. Vor diesem Hintergrund agiert die chinesische Opposition nurmehr sehr zurückhaltend, Regime- und Systemkritiker werden immer wieder weggesperrt oder verschwinden sang- und klanglos. Prominentester unter diesen ist Ai Weiwei.

Xi hat das Land in seiner Entwicklung wieder um Jahrzehnte zurück-versetzt. Die Reformen und Öffnungsversuche seiner Vorgänger wurden gestoppt und rückgängig gemacht. Mit seinem „Plan zur patriotischen Erziehung“ wird bereits die Jugend auf die von ihm angestrebte nationalistisch/sozialistische Schiene gebracht. Unter dem Deckmantel der „Antikorruptionskampagne“ wurden in den Jahren 2012 bis 2016 mehr als 1 Mio Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas durch-leuchtet. 187.000 wurden vorübergehend festgenommen, in 91.900 Fällen ein Strafverfahren eröffnet. Nach wie vor sind sich viele Experten einig: Es wurden dadurch auch Kritiker Xis aus der Welt geschafft, etwa die innerparteilichen Widersacher Zhou Yongkang und Sun Zhengcai. Loyale Mitarbeiter Xis wurden übrigens nicht gescannt.

Xis Lebensprojekt ist die Neue Seidenstrasse – die wirtschaftliche Komplettabhängigkeit Europas von China. Man musste kein Hellseher sein um vorauszusehen, dass Xi auf seinem Posten verharren wird, bis er diesen Plan auch tatsächlich umgesetzt hat. Doch kam dann Corona! Der Westen musste erkennen, dass er bereits besorgniserregend von China abhängig ist und viele Wirtschaftsbereiche in Europa schon durch chinesische Unternehmen oder chinesische Übernahmen heimischer Unternehmen dirigiert werden. Problematisch ist dies vor allem bei der Infrastruktur (Wasser, Energie, Transport, Medizin), aber auch in der Forschung und Wissenschaft. In China etwa ist eine Beteiligung aus-ländischer Unternehmen in diesen Themenkreisen inzwischen verboten. Auch wenn sich Xi bislang aus dem russischen Angriffskrieg heraus-gehalten hat, wäre es durchaus denkbar, dass er die Gunst der Stunde nutzt um das „Taiwan-Problem“.zu lösen.

Xi studierte übrigens Chemieingenieurswesen, marxistische Philosophie und ideologische Bildungsarbeit. Seine Doktorarbeit widmete er der „revolutionären Geschichte“. Wäre es vielleicht besser gewesen, wenn er bei der Chemie geblieben wäre?

RUSSLAND – Wladimir Wladimirowitsch Putin

Geboren am 07. Oktober 1952 in Leningrad führt Putin ganz offiziell seit dem 31. Dezember 1999 die Amtsgeschäfte Russlands. Nach zwei Amtsperioden wechselte er 2008 auf den Posten des Ministerpräsidenten. Bis 2012 wurde er als Staatspräsident durch den ehemaligen Aufsichts-ratsvorsitzenden von Gazprom, Dmitri Medwedew, vertreten. Ganz offen-sichtlich handelte es sich dabei um einen Statthalter, da dieser bei wichtigen Entscheidungen stets die Meinung seines Mentors einholen musste. Der erste Staatschef Russlands, Boris Jelzin, ernannte am 9. August 1999 seinen Wunschkandidaten Putin zum Ministerpräsidenten. Jelzin legte am 31. Dezember 1999 sein Amt nieder, Putin übernahm dessen Amtsgeschäfte verfassungsmässig und leistete am 07. Mai 2000 den Amtseid als Staatspräsident. In seiner späteren Zeit als Minister-präsident wurde die Legislaturperiode des Staatspräsidenten von vier auf sechs Jahre verlängert. 2021 liess sich Putin faktisch zum Präsidenten auf Lebzeiten bestellen. Dadurch wurde das Verfassungsgesetz, das die Amtszeit des Staatspräsidenten beschränkte, ausgesetzt. Schliesslich hätte seine vierte Amtszeit 2024 geendet – durch dieses Ende März 2021 durch die Duma abgesegnete Gesetz kann er sich jedoch auch weiterhin der Wahl stellen, wodurch ihm diese Position bis 2036 erhalten bleibt. Und daran lässt er auch keinerlei Zweifel, wie die letzten Jahre bewiesen haben.

„Dieser Mann trägt die Demokratie nicht in seinem Herzen.“

(Bill Clinton über Wladimir Putin zu Boris Jelzin)†

Politikwissenschafter sehen die Entwicklung Russlands als eine „frei-heitsfeindliche“ und „pseudodemokratische“. Dabei fallen bei vielen auch die Worte „autoritär“, „despotisch“ und „diktatorisch“ bzw. seit dem Einmarsch in die Ukraine zudem „faschistisch“ (etwa im Gastkommentar von Wladislaw Inosemzew am 10. März 2022 in der NZZ). Direkt nach seiner ersten Wahl begann Putin die förderale Gliederung Russlands immer mehr zu zentralisieren. Gegen separatistische Bestrebungen (wie etwa in Tschetschenien) wurde mit Waffengewalt vorgegangen. Bei den mächtigen Finanz- und Wirtschaftsbossen im Land, den Oligarchen, begann er einen Kahlschlag (etwa Wladimir Gussinski und Michail Chodorkowski), und besetzte ihre Posten mit ihm loyalen Mitstreitern. Putin war u.a. vom 25. Juli 1998 bis zum August 1999 Direktor des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Vermutet wird, dass er durch diesen alsdann viele seiner politischen Gegner ausser Kraft setzen liess. Dabei wurde auch vor Ermordungen und Attentaten nicht zurück-geschreckt. So titelte bereits am 16. April 2008 die staatliche Nach-richtenagentur RIA Novosti: „Plant Putin grosse Säuberungsaktion in Kreml-Partei?“

Beobachter konnten bei der 2. Wahl Putins zwar keine Unregel-mässigkeiten feststellen, kritisierten jedoch die massive Wahlwerbung und einseitige Berichterstattung in den grossteils staatlich kontrollierten Medien – auch dem übernommenen Medienimperium Gussinskis. Daran änderte sich bis heute nichts – unabhängige Medien wurden inzwischen mundtod gemacht oder geschlossen. Im Vorfeld anderer Wahlen kam es immer wieder zu Verhaftungen von politischen Gegnern, vielfach wurden Parteien nicht zugelassen oder Schein-Parteien aufgestellt, deren Führungspositionen durch Putingetreue besetzt wurden (etwa Xenjia Sobtschak).

Der letzte Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, kritisierte im März 2009, dass Putins Partei „Einiges Russland“ aus „Bürokraten und der schlimmsten Version der KpdSU“ bestehe. Zudem meinte er 2011:

„Zwei Amtszeiten als Präsident, eine Amtszeit als Regierungschef – das sind im Grunde drei Amtszeiten, das reicht nun wirklich!“

So klar bezog der Friedensnobelpreisträger danach nie mehr wieder Stellung. Seine weiteren Kommentare waren stark abgeschwächt!

Die Wahlen in der Duma zu Putins 3. Amtszeit als Staatspräsident (nach Vorschlag seines Statthalters Medwedew) werden von Kritikern als „mut-masslich gefälscht“ bezeichnet. Es kam zu vielen Massenprotesten auf den Strassen, was Putin veranlasste, das Regime noch strenger zu führen. Auch im Vorfeld der nächsten Wahlen 2018 gab es viele Proteste. Putin versprach das Blaue vom Himmel, Beobachter stellten in rund 3.000 Fällen Wahlmanipulationen fest.

Aussenpolitisch liess er oftmals russische Truppen in ehemalige, jetzt autonome Sowjetrepubliken einmarschieren. Offizielle Begründung: Friedensstiftung! Doch war Moskau nicht selten im Vorfeld an den Unruhen beteiligt. Nach der NATO-Osterweiterung präsentierte sich der Russe mit dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder und lobte die guten Beziehungen seines Landes zur NATO. Daneben gab es inzwischen nachgewiesene Geldflüsse aus Moskau an zahlreiche rechtspopulistische Parteien in Europa. Hier gehen die Meinungen auseinander: Sollten sie an die Regierung kommen oder nur für Unruhe sorgen, wie es auch der Historiker Timothy Snyder schon 2015 betont hat?!

„Wir sind natürlich am Anfang des Aufbaus einer demokratischen Gesellschaft und einer Marktwirtschaft. Auf diesem Wege haben wir viele Hürden und Hindernisse zu überwinden. Aber abgesehen von den objektiven Problemen und trotz mancher – ganz aufrichtig und ehrlich gesagt – Ungeschicktheit schlägt unter allem das starke und lebendige Herz Russlands, welches für eine vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft geöffnet ist.“

(Wortprotokoll der Rede Putins im Dt. Bundestag)

Putin studierte Rechtswissenschaften an der Universität Leningrad. Zwischen 1975 und 1982 war er für den KGB in der Auslandsspionage tätig. 1984/85 absolvierte er die KGB-Hochschule in Moskau. Ab 1985 war er u.a. für die Personalgewinnung in der DDR zuständig und musste am 5. Dezember 1989 zusehen, als Demonstranten die MfS-Bezirks-verwaltung (STASI) in Dresden stürmten.

Durch den Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH) vom 17. März wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen gilt die Immunität Putins bei den 123 Unterzeichnerstaaten des IStGH-Statuts als aufge-hoben – sie wären zu einer Festnahme verpflichtet.

TÜRKEI – Recep Tayyip Erdoğan

Der am 26. Februar 1954 in Istanbul geborene Recep Tayyip Erdoğan steht der Türkei als Staatspräsident seit dem 18. August 2014 vor und ist der insgesamt 12. Präsident jener Republik, die am 29. Oktober 1923 durch Mustafa Kemal Atatürk gegründet wurde und im März darauf zur Gänze das osmanische Kalifat ersetzte. Dieser Bezug zum Gründer der Türkei ist immens wichtig für die Betrachtung der Regierung Erdoğans. Seine Biografie liest sich sehr abwechslungereich. So war er von 1994-1998 Oberbürgermeister Istanbuls. Im Jahr 1999 verbüsste er vier Monate in Haft („Aufstachelung der Bevölkerung zu Hass und Feindschaft unter Hinweis auf Unterschiede der Religion und Rasse). 2001 übernahm er den Vorsitz der „Adalet ve Kalkinma“-Partei, der AKP, den er bis 2014 inne hatte und seit 2017 wieder inne hat, obgleich dies bis zu diesem Zeitpunkt als Staatspräsident verfassungsmässig nicht vereinbar war – erst durch die Verfassungsänderung wieder ermöglicht wurde. In den Jahren von 2003 bis 2014 wirkte er als Ministerpräsident der Türkei, danach als Staatspräsident. 2017 erfolgte ein Verfassungsreferendum und im Juli 2018 die Einführung des Präsidialsystems, in welchem ein Präsident Staatschef, Regierungschef und Oberbefehlshaber des Militärs in einer Person ist. Die Amtsperiode des Präsidenten ist im Art. 101 der Verfassung der Türkei nierdergeschrieben. In der ursprünglichen Version von 1961 stand zu lesen:

„Niemand darf zweimal zum Präsidenten der Republik gewählt werden.“

Dieser Artikel jedoch wurde insofern zweimal geändert:

.) 31. Mai 2007 – „Die Amtszeit des Präsidenten der Republik beträgt fünf Jahre. Eine Person darf nicht mehr als zwei Mal zum Präsidenten der Republik gewählt werden.“

.) 16. April 2017 – „Die Amtszeit des Präsidenten der Republik beträgt fünf Jahre. Eine Person darf höchstens zwei Mal zum Präsidenten der Republik gewählt werden.“

Eigentlich ident und eine eindeutige Sache! 2024 finden erneut Präsidentenwahlen statt – der Kandidat der AKP lautet: Recep Tayyip Erdoğan. Wie das? Die Regierung ist der Meinung, dass die vorher-gegangenen Amtszeiten nicht eingerechnet werden dürfen. Es wäre möglicherweise in seiner Funktion als Regierungschef (Ministerpräsident) noch halbwegs verständlich. Das beträfe dann den Zeitraum von 2003 bis 2014 – also 11 Jahre. Doch bleiben die beiden Perioden als Staats-präsident von 2014 bis 2024! Auch wenn 2017 ein Verfassungs-referendum stattfand, so betraf eine Änderung nicht den Inhalt dieses entsprechenden Artikels!

Somit sitzt also Erdoğan seit praktisch 2003 an den Hebeln der Macht, da die beiden Staatspräsidenten Ahmet Necdet Sezer (2000-2007) und v.a. Abdullah Gül (2007-2014) als Stellvertreter Erdoğans nicht wirklich viel zu sagen hatten. Und er wird noch weiterhin die Geschicke des Landes lenken, da auch er v.a. nach dem versuchten Putsch die Zügel straff anzog und aus einer von Atatürk angestrebten Demokratie erneut eine Autokratie formte. Dies bemängeln alsdann viele Kritiker: Zu Beginn agierte er liberalisierend um immer mehr autoritär zu werden. Führte Erdoğan zu Beginn zahlreiche Reformen durch (etwa die Abschaffung der Todesstrafe, die Erweiterung der Meinungsfreiheit und eine Verbesserung der Lage der Kurden in der Türkei, sowie eine „Kontinuität beim Europakurs“), so wurden all diese Massnahmen in den Jahren danach wieder fallengelassen bis hin zum Krieg gegen die Kurden auch im Hoheitsgebiet der Nachbarstaaten Syrien und Irak.

Mit Ausnahme seiner ersten Wahl gewannen Erdoğan und seine AKP die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen nicht mit einer überwältigenden Mehrheit wie seine Amtskollegen in China oder Russland. Sie erreichten jeweils nicht mal 50 %, was jedoch für eine Mehrheit reichte. Auch beim Verfassungsreferendum 2017 wurden offiziell nur 51,41 % erreicht. Allerdings sprach die Opposition von Wahlbetrug, da nicht-offizielle Stimmzettel und Umschläge für gültig erklärt wurden. Bei den letzten Präsidentenwahlen erhielt Erdoğan nur 52,6 % der abgegebenen Stimmen.

Dazwischen aber lag der Putschversuch von Teilen des Militärs am 15. Juli 2016. Über das Land wurde der Ausnahmezustand verhängt, der erst drei Monate nach dem Verfassungsreferendum vom 16. April 2017 endete. Er verlieh dem Staatspräsidenten und der Regierung unter Ministerpräsident Yildirim weitestgehende Vollmachten, die zudem zur Ausschaltung der politischen Gegner genutzt wurden. Währenddessen wurden über 81.000 Menschen aus dem Staatsdienst entlassen, 11 Abgeordnete und 1.400 Funktionäre der Opposition inhaftiert. Nach wie vor sitzen tausende Verdächtige ohne Urteil in den Gefängnissen, darunter auch durchaus hohe politische, juristische und militärische Vertreter. Die vorgezogenen Wahlen am 24. Juni 2018 waren mit dem Bündnispartner, der rechtsextremen und ultranationalistischen „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP) abgesprochen.

Atatürk versuchte damals, Staat und Religion zu trennen. Erdoğan lässt sie wieder zusammenfliessen und führt zudem vermehrt nationalistische Bezüge her. Boris Kálnoky titelte am 25. Januar 2010 ein Interview mit Gareth Jenkins in der Zeitung „Die Welt“ mit „Erdogan kehrt zurück zu muslimischen Instinkten“.

Viele Posten wurden durch Familienmitgliedern oder engen Freunden besetzt. Ab 2018 begann eine Wirtschafts- und Finanzkrise, die heute noch anhält. Die Inflation ist durch Korruption und Missmanagement auf hohem Stand stehen geblieben, obgleich immer wieder wichtige Positionen neu besetzt wurden. Auch die Presse- und Meinungsfreiheit wurde sehr rasch eingeschränkt. So lag die Türkei bereits 2010 auf dem 138. Platz (von 176), und belegt heute den 149. Platz (von 180) in der Rangliste der Pressefreiheit. Auch die Beitrittsverhandlungen zur EU kamen immer mehr ins Stocken, 2020 bezeichnete er die europäischen Staats- und Regierungschefs gar als Faschisten. Die Beziehung zu Russland verschlechterte sich zusehends vornehmlich aufgrund des Syrien-Krieges bis zum Tiefststand, dem Abschuss eines russischen Kampfbombers durch die Türkei. Seither verbessert sich die Achse Ankara-Moskau zusehends.

Erdoğan schloss seine Schulausbildung übrigens mit einem Fachabitur/ -matura für Imame ab. Danach studierte er am „İstanbul İktisadi ve Ticari İlimler Akademisi“, dessen Abschluss mittels Diplom 1981 jedoch seit 2016 in Zweifel gezogen wird.

Einer Wiederwahl Erdoğans sollte also auch 2024 nichts im Wege stehen, obwohl er dabei auf die Stimmen der Auslandstürken angewiesen ist!

Drei Politiker, die durch mehr oder weniger demokratische Wahlen an die Macht kamen um danach die Demokratie systematisch auszuschalten!


Filmtipps:

.) Chinas Staatspräsident zwischen Autokratie und Winnie Puuh – Wer ist Xi Jinping?; ZDF-Doku 2022

.) Die neue Welt des Xi Jinping; Sophie Lepault/Arnaud Xainte; 2021

.) Putins Wahrheit: Die fünf Irrtümer des Westens; ZDF-Doku 2024

.) Ein Palast für Putin; Produktion und Regie: Alexei Nawalny; 2021

.) Putin – Die Rückkehr des russischen Bären; Produktion & Regie: Frédéric Tonolli; 2021

.) Reis; Regie: Hüdaverdi Yavuz; 2016


Lesetipps:

.) Politiklexikon; Klaus Schubert/Martina Klein; Dietz 2020

.) Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt; Stefan Aust/Adrian Geiges; Piper 2021

.) Inside the Mind of Xi Jinping; François Bougon; Hurst & Company 2018

.) The Third Revolution: Xi Jinping and the New Chinese State; Elizabeth C. Economy; Oxford University Press 2018

.) Chinese Politics in the Era of Xi Jinping. Renaissance, Reform, or Retrogression?; Willy Wo-Lap Lam; Routledge 2015

.) Xi Jingpin – Political Career, Governance, and Leadership, 1953–2018; Alfred L. Chan; Oxford University Press 2022

.) Schwarzbuch Putin; Hrsg.: Galia Ackermann/Stéphane Courtois; Piper 2023

.) Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika; Timothy Snyder; Beck 2018

.) In Putins Kopf: Logik und Willkür eines Autokraten; Michel Eltchaninoff; Tropen Sachbuch 2022

.) Das System Putin: gelenkte Demokratie und politische Justiz in Russland; Margareta Mommsen/Angelika Nussberger; Verlag C.H. Beck 2007

.) Putins verdeckter Krieg – Wie Moskau den Westen destabilisiert; Boris Reitschuster; Econ 2016

.) The Rise of Putin and the Age of Fake news; Arkady Ostrovsky; New York 2016

.) Generation Erdogan. Die Türkei – ein zerrissenes Land im 21. Jahrhundert; Çiğdem Akyol; Kremayr & Scheriau 2015

.) The New Sultan: Erdogan and the Crisis of Modern Turkey; Soner Çağaptay; I. B. Tauris 2017

.) Nach dem Putsch: 16 Anmerkungen zur „neuen“ Türkei; Hrsg.: Ilker Ataç, Michael Fanizadeh, Volkan Ağar; Mandelbaum Verlag 2018

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