Droht schon bald ein Ärztekollaps???
Samstag, März 7th, 2026Die Hörsäle sind bis auf den letzten Platz gefüllt (zumindest in jenen Zeiten, in welchen die Universitäten Lehrbetrieb haben), die Prüfer können es sich offenbar nach wie vor erlauben, bei den Teilprüfungen gross reine zu machen – oder doch nicht? Nach Angaben des Statis-tischen Bundesamtes Deutschland lag im Wintersemester 1990/91 die Zahl der Medizinstudenten bei über 95.000, 2015/16 waren es 90.000, 2024 bereits 117.916! In Österreich bewarben sich im vergangenen Jahr nicht weniger als 15.668 für einen Platz bei der Aufnahmeprüfung.
Offenbar sind jedoch im Gegenzug dazu die Zeiten vorbei, als lange auf einen Turnusplatz gewartet werden musste und Herr Doktor Taxi fuhr – allerdings nicht als Fahrgast! Wir blicken somit in eine mehr als frag-würdige Zukunft, denn fehlt in den Krankenhäusern der medizinische Nachwuchs, wird sich dies auch in absehbarer Zeit auf den nieder-gelassenen Bereich auswirken.
Hinzu kommt erschwerend, dass 100.619 der derzeit praktizierenden Mediziner inzwischen älter als 60 Jahre sind (23 %) – jeder dritte Arzt erreicht in diesen Jahren das Rentenalter. In Rheinland-Pfalz etwa hat jeder 7. Praxisarzt das 65. Lebensjahr erreicht bzw. überschritten – bundesweit sind rund 16 % sog. „Silverworker“ (in Bremen und Thüringen gar 23 %). Im Jahr 2040 werden bis zu 50.000 Ärzte fehlen!
Dasselbe Problem stellt sich auch in Österreich: Hier können während einem Jahrzehnt mehr als 18.000 der derzeitigen 52.000 Mediziner in die Pension gehen. Vor allem am Land droht somit in beiden Ländern ein massiver Ärztemangel! Und dies obwohl zuletzt zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen die Quote angestiegen ist: 1990 kamen auf 100.000 Einwohner 312,7 Mediziner, 2018 431,1 und 2023 671,7 Ärzte pro 100.000 (eingerechnet sind neben den niedergelassenen auch die Krankenhaus- und Fachärzte). Die Zahl der Praxen erhöhte sich von 92.000, 2018 auf 148.600 und verringerte sich bis Ende 2024 auf 123.750!
Reicht dies für den demographischen Wandel? Damit klettert nämlich auch der Behandlungsbedarf nach oben. So stieg nach Angaben des Ehren-Präsidenten der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Med. Frank Ulrich Montgomery, zwischen 2009 und 2017 die Zahl der Behandlungsfällen in den Krankenhäusern von 17,8 auf 19,5 Millionen, fiel jedoch nach Corona wieder auf 17,2 Mio 2023 – parallel dazu kommt es jährlich zu rund einer Milliarde Arztkontaken in den Praxen der niedergelassenen Ärzte.
Geht man in’s Detail, so offenbaren sich die Probleme: In der Region Altmark (Sachsen-Anhalt kommen auf 100.000 Einwohner gerade mal 280 Ärzte, während es in Berlin 715 sind. Selbes Prozedere in Österreich: Ab 7 Mediziner auf 1.000 Einwohner in Wien, ab 4,5 hingegen nur in Oberösterreich und Vorarlberg. Auch im Vergleich von Städten und deren Landkreisen zeigt sich ein ähnliches Bild. Dies liegt vornehmlich in der Ursache begründet, dass freiwerdende Praxen auch in überversorgten Gebieten stets nachbesetzt werden dürfen, während sie am Land verwaisen.
Dabei gibt es alle Hände voll zu tun. Wartezeiten von einer teils gar zwei Stunden, die Magazine im Wartezimmer sind schon in- und auswendig bekannt – ganz normal, sucht man den Hausarzt seines Vertrauens auf. Durch die Verlängerung der Lebensdauer wird die Arbeit der Ärzte auch weiterhin zunehmen. Konträr dazu sinkt die Zahl der Allgemeinmediziner drastisch, während sie bei den Vertragsärzten (angestellte Mediziner) steigt. Mit diesem Problem muss sich auch die Politik beschäftigen, obwohl gerade hier viel versprochen und nur wenig eingehalten wird. Die Folge: Weite Anfahrtswege und noch längere Wartezeiten! Dies zu einer Zeit, in welcher vermehrt die Krankenhäuser wieder Kompetenzen (Nachuntersuchungen beispielsweise) an die niedergelassenen Ärzte abgeben, damit die Anzahl der Betten möglichst gering gehalten werden kann (Lenkung der Patientenströme). Doch beisst sich hierbei die Katze in den eigenen Schwanz: Der Ehrenpräsident der deutschen Bundes-ärztekammer, Prof. Dr. Frank-Ulrich Montgomery forderte deshalb schon vor Jahren mehr Medizinstudienplätze – die Politik dürfe bei der Umsetzung des „Masterplans Medizinstudium 2020“ nicht auch weiterhin trödeln. Inzwischen gottlob geschehen, obgleich dies von so manchem bezweifelt wurde – beispielsweise hielt der damalige Dekan der Medi-zinischen Fakultät der Universität Jena, Orlando Guntimas-Lichius, eine Erhöhung der Studienplätze mit dem Wintersemester 2021/22 für „nicht realistisch“! Bayern hingegen hat im selben Jahr offenbar mit der „Land-arztquote“ eine Lösungsmöglichkeit gefunden: 8 % der Studienplätze werden für Bewerber freigehalten, die „ein besonderes Interesse an der hausärztlichen Tätigkeit im ländlichen Raum bekunden“. Viele davon kommen aus dem Bereich der Pflege oder sind Notfallsanitäter. Sie kamen bislang nicht in Betracht, da sie beim Abi keine 1 vorweisen konnten. Dafür haben sie sich verpflichtet, nach der Ausbildung als Landarzt eine Praxis zu übernehmen. Viele Bundesländer haben das Modell inzwischen übernommen.
Bereitschaftsdienste und Notärzte sind immer öfter unterbesetzt, sodass sich vermehrt ambulante Patienten direkt an die Kliniken wenden. Ambulanzen jedoch binden viel medizinisches Fachpersonal. Deshalb gehen manche Krankenhäuser bereits dazu über, ambulante Erstver-sorgungseinheiten einzurichten. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass rund 40 % der Patienten an die Hausärzte verwiesen werden können. Um die Situation bei den Notdiensten zu entschärfen, werden auch fach-fremde Ärzte zu Bereitschaftsdiensten verpflichtet. In Bayern etwa dürfen Ärzte, die das 60. Lebensjahr überschritten haben, nicht mehr für Bereitschaftsdienste herangezogen werden.
Das Übel liegt wohl darin, dass der Beruf eines Allgemeinmediziners immer unattraktiver wird. Geregelte Arbeitszeiten, Karriereleiter, Reichtum – all das bleibt für den Landarzt meist nur ein Wunschtraum. An Forschung ist gar nicht zu denken. Deshalb konzentrieren sich die Kommilitonen bereits während der Ausbildung auf eine Fachrichtung. Hier bleiben alle Türen offen, jene der eigenen Praxis ist vielleicht die letzte! In der Bayerischen Landesärztekammer wird durchaus das Thema „Pharmaunternehmen“ diskutiert. Diese benötigen Experten – das bedeutet dann zumeist grosse Karriere für bereits junge Studienab-gänger. Zudem erfordert die Allgemeinmedizin eine lebenslange Weiter-bildung, mehrere Umzüge und verschiedene Stellenwechsel. Bei der Ärztekammer spricht man von im Schnitt 15 Jahren, bis sich der Allge-meinmediziner niederlässt und endlich seine eigene Praxis eröffnet. Apropos eigene Praxis: Viele scheuen sich vor den horrenden Kosten. So müssen für eine Praxis-Neugründung durchaus 200-300.000 € flüssig gemacht werden. Deshalb werden immer mehr Ärztehäuser oder Gemeinschaftspraxen aus dem Boden gestampft, damit etwa die Verwaltung für den Einzelnen so gering als möglich gehalten werden kann. Und gerade dieser Aufwand ist nicht unerheblich. Dies hält sich beim angestellten Arzt in Grenzen, erfordert aber gerade bei den niedergelassenen Ärzten einen Grossteil ihrer Arbeitszeit.
Dabei zeigen durchaus positive Beispiele andere mögliche Wege auf: In den Niederlanden schreiben sich alle Patienten im Einzugsgebiet eines Landarztes ein – dadurch erhält dieser eine Grundfinanzierung. Das Modell würde der Bund der Deutschen Hausärzte gerne übernehmen, doch verweigern sich hier die Kassenärztlichen Vereinigungen. Hinzu kommt ferner der Freizeitfaktor. Gerade bei jungen Ärzten sehr entscheidend für die Wahl der Fachrichtung. Und die Möglichkeit der Privatpatienten im städtischen Bereich – nicht zu verachten! So verlangt beispielsweise ein Facharzt für eine Behandlung wesentlich mehr als der Allgemeinmediziner.
Auch im Bereich der Krankenhäuser ist Feuer am Dach. Es fehlt der Nachwuchs. Nach Insider-Angaben sind es beispielsweise in Wien und Umgebung zumindest 472 Mediziner, die sofort eingestellt werden könnten. Im Alpenstaat bedarf es jährlich rund 1.900 Ärzten, um den derzeitigen Versorgungsstand halten zu können. Jährlich stehen 1.756 Studienplätze für Humanmedizin zur Verfügung (plus 144 für Zahn-medizin). Doch nehmen nicht mal die Hälfte nach ihrer Ausbildung eine Tätigkeit im Lande auf. Mehr als ein Drittel etwa gehen (zurück) ins Ausland (500 von 1.300 Absolventen)!
Nach Angaben von Destatis 2024 bleiben bis 2049 zehntausende Arztstellen in Deutschland unbesetzt, rund 690 000 Pflegekräfte werden bis dahin fehlen. Nach Angaben des Deutschen Krankenhausinstituts hatten 77 % der Krankenhäuser 2023 Probleme bei der Besetzung offener Arzt-Stellen – pro Krankenhaus blieben statistisch gesehen vier Vollzeit-stellen unbesetzt. Wartete früher ein junger Arzt sehr lange auf einen Turnusplatz, so bleiben inzwischen viele dieser Plätze leer. Von Medizinerschwemme also keine Spur mehr. Während vereinzelt in deutschen Landen bereits Weiterbildungsverbünde geschaffen werden, zu welchen sich Kliniken und Fachärzte zusammenschliessen, versucht man es in Österreich mit einem Wohlfühlfaktor bei den Klinikärzten: Verbesserung der Arbeitsbedingungen, klare Ausbildungsrichtlinien und schliesslich eine Gehaltsreform. Dies jedoch behagt dem zu Niedrig-löhnen arbeitenden Pflegepersonal nicht. Trotzdem: Aufgrund des Personalnotstandes sind für einen Klinikarzt 60-80 Wochenstunden, grosse Teile sogar als Dauerdienst, keine Seltenheit! Gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeiten: Was ist das!? Das Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz schliesst eine maximale Dienstdauer von 25 Stunden sowie von 72 Stunden in einzelnen Wochen des Durchrechnungs-zeitraums nicht aus.
In Österreich kommt noch erschwerend hinzu, dass in der Stadt die Zahl der Apotheken von der Zahl der Einwohner abhängt – in vielen Teilen Österreichs betreiben die Landärzte selbst Hausapotheken. Siedeln sich nun auch dort immer mehr Apotheken an, so nehmen sie dem Landarzt die Kundschaft für das sehr lukrative Hausapothekengeschäft weg. Nur eine Praxis – für viele deshalb unrentabel. Mit ein Faktor, weshalb viele Landärzte keine Nachfolger finden und die Praxen verwaisen. Die Zahl der Hausärzte sank im Alpenstaat zwischen 2015 bis 2025 von 14.300 auf 13.000, in Deutschland stieg hingegen deren Zahl zwischen 2014 und 2024 um 3,4 % auf 66.100. Allerdings sind nicht weniger als 41 % der Hausärzte älter als 60 Jahre! Leerstehende Praxen findet man vornehm-lich in Bayern, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Um dieser Problematik entgegenzuwirken, wurde 2012 das sog. „Landarztgesetz“ (GKV-Versorgungsstruktur-Gesetz) geschaffen, wodurch junge Ärzte und -innen dazu motiviert werden sollen, Landarztpraxen zu übernehmen. Zwingen freilich kann sie niemand. In Niedersachsen übernehmen in der Zwischenzeit viele Hausbesuche Arzthelferinnen, die zu nicht-ärztlichen Praxisassistentinnen ausgebildet wurden. So etwa bei älteren oder chronisch kranken Patienten. In Österreich belief sich die Zahl der niedergelassenen Ärzte im Jahr 2017 auf 4.798, 4.785 im Jahr 2023, nahm also ab. Angestiegen hingegen sind die Wahlärzte: Von 5.249 auf 6.175!
Viele der noch praktizierenden Hausärzte kennen eine zusätzliche Ursache für die Misere: Die Vernachlässigung der Hausarztmedizin gegenüber der technischen Medizin! Klar, dass ein Chirurg in der Not-fallambulanz eines Krankenhauses eine Operation empfiehlt, der Haus-arzt diese jedoch meist als letzte Möglichkeit ansieht. Haben Sie etwa gewusst, dass heisses Sprite ohne Kohlensäure und eine heisse Wärmflasche gegen Gastritis helfen kann? Den Tipp erhielt ich von einem Landarzt!
Noch prekärer übrigens ist die Situation bei den Ärzten im Öffentlichen Gesundheitswesen – nicht zuletzt auch aufgrund des wesentlich geringeren Verdienstes. Ein hier bestehender Engpass wirkt sich – wie in der Pandemie bewiesen – v.a. in der Infektionsabwehr fatal aus, betonen die Gewerkschaft Marburger Bund (MB) und der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) unisono.
Damit die medizinische Grundversorgung nicht komplett zusammen-bricht, wird etwa Werbung in den EU-Krisenländern gemacht. Deutsche Ärzte wanderten 2024 oftmals aufgrund des besseren Verdienstes vornehmlich in die Schweiz ab (675), gefolgt von Österreich (331).
Zuvor war Skandinavien heiß begehrt: So lockte beispielsweise das Land Carl Gustavs deutsche Mediziner mit überschaubaren Schichten (40 Stunden pro Woche – 18 Stunden am Stück dürfen nicht überschritten werden), bezahlten Überstunden und vier Wochen Sommerurlaub. Sprachkurse wurden bezahlt, Kinder betreut und die Wohnungssuche vom Krankenhaus durchgeführt. 2010 nutzten dieses Angebot 55 deutsche Ärzte. Doch geht es ihnen nicht um den Verdienst. So ergab eine vergleichende Studie der Unternehmensberatung KPMG im Sommer 2011, dass das kaufkraftbereinigte Nettoeinkommen von Ärzten mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung in Schweden bei 28 – 32.000 € liegt, bei deutschen hingegen bei 32 – 40.000 €. Somit gibt das Arbeitsumfeld den Ausschlag.
Hierzulande sollen die ansonsten leerstehenden Arztpraxen mit aus-ländischen Medizinern zu neuem Leben erweckt werden. Doch gibt es ungeahnt viele Hürden, die in Schweden alsdann nicht bestehen: Einerseits die deutsche Sprache, die in den meisten Fällen erlernt werden muss (Absolvierung des Sprachtests zur Patientenkommunikation) und andererseits die Anerkennung des ausländischen Studiums – die Appro-bation. 2024 waren mehr als 68.000 ausländische Ärzte in Deutschland gemeldet. Das bedeutet bei 437.000 einen Anteil von mehr als 15 %. Die Liste führten Syrien (7.042) und die Rumänen (4.682) an, gefolgt von den Österreichern (3.036). Ob Zweitere den Sprachtest auch absolvieren mussten, entzieht sich der Kenntnis des Schreiberlings. Auch im Klinik-Bereich v.a. in der Provinz trifft man vermehrt auf ausländische Ärzte. Das Manager Magazin spricht sogar von einer „Einwanderungswelle im OP“! Die ausgewanderten Mediziner allerdings fehlen dann wieder im Alpenstaat. So ist mir beispielsweise aufgefallen, dass in Tirol interviewte Ärzte zu 90 % deutsches Hochdeutsch sprechen – bei Innsbruck handelt es sich um ein Universitätsklinikum! D.h. die Masse kann ziehen, die Spezialisten werden aus Deutschland geholt (2024 waren 3.210 deutsche Mediziner in Rot-Weiss-Rot tätig). Das jedoch führt zum Kernproblem der Situation: Der Ausdünnung eines ganzen Berufsstandes! Noch merkt der Patient davon nur sehr wenig, wie eine Studie der Barmer GEK und der Bertelsmann-Stiftung ergab. Demnach waren im Jahr 2018 in der Stadt 64 und am Land 56 % mit dem Zugang zu Hausärzten sehr zufrieden. Doch – schliesst der eigene Hausarzt, platzt zumeist diese Luftblase!
Alle Zahlen kommen aus Deutschland, mit Ausnahme der speziell für Österreich bezeichneten!
Links:
– www.bundesaerztekammer.de
– www.aerztekammer.at
– www.kbv.de
– gesundheitsdaten.kbv.de
– www.versorgungsatlas.de
– www.zi.de
– www.vlkoe.at
– www.hausaerzteverband.de
– www.hausaerzteverband.at
– oegam.at
– www.leitendekrankenhausaerzte.at
– www.gesundheitskasse.at
– www.aerztekammer-bw.de
– www.medizinrecht-europa.eu
Lesetipp:
.) Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus; Thomas Kopetsch; Bundesärztekammer 2010
