Fracking – O’zapft is!!!
Posted on 01/13/23 by Ulsto„Um es klar zu sagen: Ich halte die Festlegung des Koalitionsvertrages, dass wir in der Nordsee nicht mehr Öl und Gas fördern wollen und keine neuen Felder explorieren wollen, für aus der Zeit gefallen.“
(Der dt. Bundesfinanzminister Christian Lindner)
Vor einigen Tagen forderte der deutsche Finanzminister Christian Lindner die Bundesregierung in Berlin, in welcher auch er ein schwergewichtiges Wort mitzureden hat, dazu auf, das Verbot des Frackings in Deutschland aufzuheben. Ich glaube, Herr Lindner überschreitet damit seine mögliche Fachkompetenz in diesem Bereich um Meilen und dürfte keinerlei Ahnung haben, welche Konsequenzen das für Deutschland hätte. Aus diesem Grunde möchte ich an dieser Stelle Aufklärungsarbeit liefern, da diese Methode der Erdöl- und Erdgas-Gewinnung ein Spiel mit dem Feuer ist. Oder anders ausgedrückt, wie es bereits Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1797 in seinem „Zauberlehrling“ schilderte: „Die Geister, die ich rief, werd’ ich nun nicht mehr los!“
Viele reden darüber, wenige wissen wirklich was es ist. Und trotzdem wird es seit Jahrzehnten gemacht, ohne irgendwie gross beachtet worden zu sein: Das Fracking!
Das sog. „Hydraulic Fracturing“ (richtige Bezeichnung) ist eine spezielle, inzwischen jedoch höchst umstrittene Methode, um fossile Brennstoff-Vorkommen in der Erde zu fördern. Erdöl und auch Erdgas kommen zumeist in Blasen in tieferen Erdschichten vor. Wird nun die Blase angebohrt, schiesst das Material aufgrund des Eigendrucks durch das Bohrloch an die Oberfläche. Dies ist die herkömmliche Methode, das „schwarze Gold“ oder Erdgas zu gewinnen. Bohrungen nun ergaben, dass unglaubliche Vorkommen in der Erde lagern, die allerdings auf diese Art und Weise nicht gewonnen werden können. Soll heissen, dass die Gesteinsporen von schwarzem Ton- oder Alaunschiefer nicht ausreichend miteinander verbunden sind. Man spricht auch gerne vom Schieferöl oder -gas. Diese Lagerstätten entstanden vor rund 350 Millionen Jahren durch die Ablagerung grosser Mengen organischen Materials. Hier müssen in meist 5.000 Metern Tiefe zuerst Fliesswege in Form von künstlichen Rissen geschaffen werden. Da dies so ohne weiteres nicht möglich ist, wird mit sehr hohem Druck eine gelartige Flüssigkeit in den Boden gepumpt. Damit sich die künstlichen Risse („Fractures“) rund um das Bohrloch nicht wieder durch den nachgebenden Boden schliessen, nachdem die Pumpe abgestellt ist, werden Quarzsand oder kleine Keramikkügelchen eingeführt. Dadurch können Gas bzw. Öl leichter zur Bohrstelle gelangen und abgepumpt werden. Diese Methode wird in Deutschland seit bereits 60 Jahren verwendet (allerdings nicht in solcher Tiefe) – in etwa ein Drittel des heimisch geförderten Erdgases kam auf diese Weise an die Oberfläche. Auch in der Geothermie ist die Methode durchaus in Verwendung.
Was nun für derartigen Wirbel sorgt, ist jene gallertartige Masse und deren Additive, die für die Risse verantwortlich zeichnet: Die „Frack-Fluids“. Sie bestehen zum grössten Teil aus Wasser – allerdings auch aus Chemikalien, die die Volksseele zum Kochen bringen. Dabei geht es vor allem um die unmittelbaren, aber auch mittelbaren Folgewirkungen der Stoffe vor allem auf das Trinkwasser. So muss beispielsweise mit solchen Fluiden kontaminierte Erde als Giftmüll entsorgt werden. Bei 100 der 750 verwendeten Additiven besteht nachgewiesenermassen erhöhtes Gesundheitsrisiko durch sog. „endokrine Disruptoren“ (EDC). Sie wirken wie das Geschlechtshormon Östrogen und können zu Missbildungen der männlichen Genitalien inklusive Unfruchtbarkeit und bei beiden Geschlechtern zu Krebs führen. Die Industrie arbeitet fieberhaft an der Entwicklung von Materialien, die umwelt- und gesundheitsverträglicher sind. Angeblich werden bereits Tests durchgeführt, in welchen diese Flüssigkeit dem Abwasser einer Spülmaschine entspricht (unterste Wassergefährdungsklasse).
Allerdings sind auch die seismischen Reaktionen nicht zu unterschätzen. So werden durch den entstehenden Druck künstliche Erdbeben hervor-gerufen. Daneben kann es zu Senkungen in Gebirgskörpern kommen.
Vonseiten der Energiewirtschaft versuchte bereits 2013 der damalige Vorstandsvorsitzende des deutschen Stromriesen E-On, Johannes Teyssen (inzwischen Verwaltungsratspräsident des schweizerischen Energieproduzenten Alpiq Holding), zu beruhigen. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur betonte er, dass man sich neuer Technologien nicht verschliessen solle. Das Fracking in tiefen Schichten jedoch erst dann vorangetrieben würde, wenn nachgewiesen ist, dass die eingesetzten Chemikalien beherrschbar sind. Dies ist jedoch nach mehreren epidemiologischen Untersuchungen aus dem Jahr 2020 nach wie vor nicht der Fall. Dabei wird u.a. auch von „Geburtsdefekten“ gesprochen. Andere deutsche und internationale Studien (unter Mitwirkung des Deutschen Krebsregisters, des Umweltbundesamtes und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe) haben zudem einen Zusammenhang zwischen Fracking und der Häufung von Krebs-erkrankungen aufgezeigt, die im Juni 2016 auch dem Deutschen Bundestag vorgelegt wurden.
Berlin reagierte im Jahre 2017 mit einem Verbot des Frackings. Erst kürzlich meinte Bundeskanzler Olaf Scholz, dass daran nicht zu rütteln sei. Davor war die Ausbeutung dieser Vorkommen zwar nicht verboten, allerdings für Heilquellen- oder Trinkwasserschutzgebieten ausge-schlossen. Deshalb wurden auch auf der deutschen Seite des Bodensees entsprechende Unternehmungen eingestellt, da eine Kontaminierung des Wassers für Millionen Menschen in Baden-Württemberg Konsequenzen hätte. Zudem müssten umfangreiche Umweltverträglichkeitsprüfungen absolviert werden. Dies war nicht etwa die Entscheidung des Bundestags, sondern vielmehr der Ländervertretung, des Bundesrats. Offiziell hiess es damals vonseiten der Industrie, dass solche UVPs zwar unterstützt werden, jedoch einen klaren zeitlichen Rahmen haben sollten, damit „die Planungssicherheit für die Unternehmen gewährleistet sei“, so Klaus Angerer, Deutschlandchef des multinationalen Konzerns BNK gegenüber des Handelsblattes.
Länder wie beispielsweise Baden Württemberg, Bayern oder auch das österreichische Vorarlberg haben sich bereits damals von dieser Förderung distanziert. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) forderte im Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ ebenso wie der damalige bayerische Umweltminister Marcel Huber (CSU) ein Verbot dieser Methode „solange die Risiken für Mensch und Natur nicht sicher abschätzbar sind!“ (Huber in der Süddeutschen Zeitung). Auch viele von Huber’s Amtskollegen (nicht nur aus dem rot-grünen Lager) haben sich gegen das Fracking ausgesprochen und damit diese umstrittene Gesetzesvorlage als „untauglich“ zurückgewiesen. So auch sein damaliger grüner Kollege aus Nordrhein-Westfalen, Johannes Remmel. Hier ergab sich eine durchaus brisante Situation, befürwortete doch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) grundsätzlich das Fracking mit strengen Auflagen. Schliesslich wurden die ersten vier Genehmigungen in NRW erteilt – und sofort wieder ausgesetzt. Gleichzeitig ist jedoch NRW das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands. Undenkbar was passieren könnte, wenn etwas schief läuft. Kraft übrigens war damals auch sozialdemokratische Verhandlungs-führerin im Bundesrat. Der hatte die Fracking-Gesetzes-Vorlage schon einmal an die Bundesregierung zurückgewiesen, da diese wichtigen Auflagen fehlten. Auch der damalige Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) betonte – so wird er in den Ruhr-Nachrichten zitiert:
„Mit unserem Gesetz wird nichts erlaubt, was vorher verboten war… Es wird sogar einiges verboten, was bisher erlaubt war.“
Und nun holt ausgerechnet der studierte Politikwissenschafter und Philosoph Christian Lindner in seiner Funktion als Bundesfinanzminister, der schon alleine aufgrund seiner politischen Herkunft (FDP) für wirtschaftliche Interessen eintritt, die Akte wieder aus der Schublade hervor. Allerdings haben sich auch der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart und überraschend Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für eine ergebnisoffene Prüfung ausgesprochen, obgleich Bayern das Fracking ja vor einigen Jahren partout zurückgewiesen hat. Es kann also sehr rasch gehen, da etwa die Industrie nach wie vor zu 30 % vom Erdgas als Energielieferant abhängig ist!
„Das wird gesellschaftlich und politisch nicht unterstützt. Das hat die Industrie verstanden, und das respektiert sie!“
(Miriam Ahrens, Pressesprecherin des BVEG)
Allerdings auch ein Zeichen dafür, dass Deutschland die Energiewende nicht geschafft hat. Der „Motor der EU“ verfehlte auch im abgelaufenen Jahr seine Klimaschutzziele – durch die Nutzung von Fracking-Gas bzw. –Öl wird es auch weiterhin so bleiben. Von einer Energieautonomie sei hier angesichts der Ereignisse der letzten Monate gar nicht zu reden. Wie war kürzlich zu lesen: Wenn Tanker mit LNG-Fracking-Gas am Terminal anlegen, ist Deutschland dort angelangt, wo es niemals sein wollte: Ganz unten!
Doch – wie nutzten die USA den Fracking-Hype? Dort purzelte der Gaspreis durch die Erschliessung solcher Schiefervorkommen vornehmlich in North Dakota innerhalb kürzester Zeit. Zudem wurden die Vorkommen alleine hier auf mehrere hundert Milliarden Barrel Schieferöl geschätzt – eine gute Quelle kann bis zu 500 Barrel pro Tag bringen. Der kleine Bundesstaat der USA lag mit einem Monatsausstoss von 23,08 Millionen Barrel bereits nach Texas auf Platz zwei der US-amerikanischen Ölproduzenten. Und beim Erdgas mussten gar bis zu 30 % des Ausstosses abgefackelt werden, da die Gewinnung zu rasch vonstatten ging. Im Vergleich dazu fördert Saudi Arabien eine solche Menge binnen zweier Tage! Einige wenige sind in North Dakota zu Millionären geworden. Die Pläne für wirtschaftliche Blüte und Reichtum jedoch schlugen fehl. Eine Studie der Duke University wies schon 2016 hohe Kontaminationen im Wasser nach! „Frackingstädte“ sind inzwischen verwaist. Zurück bleibt eine Bevölkerung, die das Wasser aus ihren Wasserhähnen zwar anzünden, jedoch nicht trinken kann.
Der Global Player Shell macht inzwischen mehr Umsatz mit Gas als mit Öl: 60,3 Mrd. Dollar (Zahl: 2021, Quelle: statista.de). Dies wird auch weiterhin so bleiben, schliesslich ist der Konzern der weltweit grösste Anbieter von LNG-Gas. Trotzdem wird vonseiten des Unternehmens betont, dass die normalen Gasreserven für rund 240 Jahre ausreichen würden. Schiefergas wäre da nicht unbedingt erforderlich. Alsdann gilt es hierzulande als ausgeschlossen, dass schon bald die Bohrtürme allerorts in den Himmel wachsen. Schliesslich ist das Fracking sehr aufwendig, noch dazu wenn es in einem solch dicht besiedelten Gebiet wie in Deutschland oder Österreich durchgeführt wird. Soweit ebenfalls die Einschätzung bei E-On, aber auch beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Ferner sind 14 % der betroffenen Fläche als Wasserschutzgebiet deklariert. Damit ergeben sich drei signifikante Unterschiede zu den USA: Strengere Umwelt- und Genehmigungsstandards und alsdann liegen die Vorkommen aufgrund der geologischen Beschaffenheit wesentlich tiefer.
Sehr grosses Interesse hatte dennoch der Öl-Multi ExxonMobil aus den USA. Das Unternehmen führte bereits Tiefenbohrungen bei Rotenburg-Wümme durch. Aber auch die heimische BASF-Tochter Wintershall hatte sich zu Wort gemeldet. All das selbstredend wohlwollend für den Staat, bliebe doch die Wertschöpfung im Lande – es würden Milliarden mehr in den Staatssäckel fliessen. Und dies nicht nur durch die privaten Konsumenten, obwohl noch rund 70 % des Erdgases in Deutschland zum Heizen verwendet wird. Schliesslich wurden neben Kohle- auch Gaskraftwerke wieder hochgefahren (nicht gerade förderlich für das Erreichen der Kyoto-Ziele). Kritische Stimmen betonen: Nur bei dauerhaft niedrigem Gaspreis kann wieder von der umweltschädigenden Kohle abgekommen werden.
Zum Abschluss noch einige Zahlen, die das Interesse der Wirtschaft verdeutlichen sollen: Herr und Frau Schmidt verbrauchten zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen rund 90 Milliarden Kubikmeter Gas (Privathaushalte und Unternehmen) – aufgrund des Gaspreises und entsprechender Massnahmen dürften es im abgelaufenen Jahr 2022 weniger sein (bis November waren es 749 Mrd kWh). Gazprom-Chef Alexej Miller spricht in diesem Zusammenhang von einem „schwierigen Jahr“ – dennoch hat der Import von russischem LNG-Gas in die EU und Grossbritannien um 1/5 seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine zugenommen. Shell etwa spricht von langfristigen Verträgen. Gerade mal 5,2 Mrd. Kubikmeter Erdgas waren 2021 Made in Germany (hauptsächlich aus Onshore-Förderungen in Niedersachsen). Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) schätzt das Schiefergasvorkommen unter Deutschland auf 1000 Milliarden Kubikmeter. Dies könnte den Gasbedarf in Deutschland für rund 10 Jahre zur Gänze decken. Doch – zu welchem Preis? Und mit Energiewende und Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen hat dies nicht im Geringsten zu tun.
In den Mitgliedsbetrieben des deutschen Bundesverbandes Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) waren 2021 insgesamt 7.669 Personen beschäftigt. Der durch Unternehmen wie Uniper, Shell Erdgas, Wintershall Dea, Esso Deutschland, Exxon Mobile, EnBW, RWE oder auch VNG erzielte Umsatz lag 2021 bei ca. 42 Milliarden €. Noch vor zwanzig Jahren wurden 20 % des Bedarfs durch heimisches Gas abgedeckt. Das Schiefergas könnte diesen Wert nach oben schnellen lassen. Und v.a. könnte es wertvolle Zeit bringen. Zeit, die dringend benötigt wird, um die bislang stark vernachlässigten alternativen, erneuerbaren Energien weiter auszubauen. Doch birgt es auch eine andere Gefahr: Öl und Gas werden dermassen billig, dass an einen solchen Aufbau von Alternativen erneut nicht mehr gedacht wird – wie zu Zeiten der Kernenergie oder seinerzeit in den USA! Für welche dieser beiden Varianten Sie sich entscheiden, überlasse ich Ihnen!
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Nächster Blog
Posted on 01/10/23 by UlstoEs kommt meist anders, als man es sich denkt!
Den nächsten Blog gibt’s erst am kommenden Freitag, den 13.01.2023!!!
Frohe Weihnachten und ein glückliches 2023
Posted on 12/16/22 by UlstoDas Jahr 2022 neigt sich langsam seinem Ende zu! Zeit, mich bei Ihnen für Ihre Treue zu bedanken!
Ich hoffe, es waren immer mal wieder interessante Texte für jeden dabei – freue mich selbstverständlich auch über jeden Anstupser zu einem interessanten Themenfeld!
Ihnen und Ihren Lieben wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein glückliches und hoffentlich gesundes Jahr 2023!
Würde mich sehr freuen, wenn Sie mir gewogen bleiben – den nächsten Blog gibt’s am 6. Januar 2023!
Danke für Ihre Spende
Posted on 12/16/22 by Ulsto„Geben ist seliger denn nehmen!“
(Apostelgeschichte 20,35)
Weihnachten steht vor der Tür, das Internet und die Briefkästen sind voll mit Aufrufen zum Spenden. Ja – es gibt sie, die Menschen und Tiere, die dringend auf Ihre Hilfe angewiesen sind. Statistiken haben ergeben, dass die meisten Spenden für Kinder-Hilfsprojekte fliessen, gefolgt von Tier-schutzorganisationen. Doch sollten Sie gerade in Zeiten wie diesen, wo Fake salonfähig geworden ist, mit Ihrem sauer verdienten Geld extremst vorsichtig umgehen: Weg ist es sehr rasch – nicht immer jedoch beim beabsichtigten Empfänger! Die Journalistin Linda Polman spricht ganz offen von einer „Spenden-Mafia“ und hat hierzu ein aufrüttelndes Buch geschrieben: „Die Mitleidsindustrie“. Sie schildert dabei das Prozedere, was mit Spenden, die vor allem nach Afrika und Afghanistan gehen, tat-sächlich geschieht. Dabei greift sie auf ihre jahrelange Erfahrung zurück, die sie als investigative Mitreisende der UN-Friedenstruppen hat machen müssen. Wahrhaft keine schönen Tatsachen, denn: Spenden können gar Kriege verlängern! Und trotzdem drängen immer mehr Hilfsorgani-sationen auf den Markt – der Kampf um jeden Cent wird immer erbitterter. Zumeist auf Kosten des Roten Kreuzes, das die Fehler aus-bügeln muss, wenn alle anderen bereits den Hotspot verlassen haben.
„Es gibt fast 40.000 internationale Hilfsorganisationen, die um Geld betteln, die ein Stück vom Milliarden-Kuchen abhaben wollen. Die Hilfs-Industrie ist ein Monster geworden, das kaum noch kon-trollierbar ist.“
(Linda Polman)
Davon abgesehen, hier nun einige Beispiele – ohne Anspruch auf Voll-ständigkeit, denn es gibt derer sehr viele, die mit Ihrer Spende Schind-luder treiben.
Im Jahr 2007 geriet das Kinderhilfswerk der UNO, die UNICEF, in den Fokus der Medien. Hier sollen horrende Beraterbeträge und wohlwollende Provisionen für die Spendensammler geflossen sein. Über 40.000 Förderer kündigten ihre Mitgliedschaft. Der Vorstand musste zurück-treten, die Organisation wurde grundlegend saniert.
Die Zeitung „Corriere della Sera“ veröffentlichte 2020 einen Artikel und brachte dadurch einen Stein in’s Rollen. Nach Recherchen der Redakteure soll der Vatikan Spendengelder aus dem sog. „Peters-Pfennig“ für den Ankauf einer Geschäftsimmobilie in einem sündhaft teuren Stadtviertel Londons verwendet haben. Für diese Kollekte wird regelmässig in allen katholischen Kirchen dieser Erde gesammelt. Dort spricht man vom Werterhalt der Spenden. Die Staatsanwaltschaft des Vatikans ging von einer Summe von 500 Mio € aus – einige hunderttausend davon als Beratergelder. 15 Personen wurden festgenommen und wegen Verun-treuung, Amtsmissbrauch und Korruption angezeigt.
Den wohl grössten Skandal im Jahr 2019 verursachte der ehemalige US-Präsident Donald Trump. Nachdem sich auch bereits ein Gericht aus New York mit dieser mehr als unschönen Sache beschäftigt hat, kann ich darüber berichten ohne Repressalien eines mit Klagen um sich schlagenden Ex-Präsidenten zu fürchten. 2018 kam zum Vorschein, dass die Trump-Stiftung Gelder in der Höhe von 2,8 Millionen Dollar miss-bräuchlich verwendet haben soll. Die Spenden sollen für unerlaubte Eigengeschäfte und illegaler Wahlkampfunterstützung verwendet worden sein. So wurden anscheinend offene Rechtsansprüche für das Ferien-domizil Mar-A-Lago in Florida sowie einen seiner Golfclubs verwendet. Auch Marketingmassnahmen für einige Hotels und den Ankauf persön-licher Dinge wurden damit finanziert. Der Vorstand der Stiftung hatte sich jedoch nach Angaben des Gerichtes seit 1999 nicht mehr getroffen, Trump selbst habe alsdann über die Verwendung der Gelder bestimmt. Die Stiftung wurde auf richterliche Anordnung aufgelöst. Das Gericht sprach eine Strafe in der Höhe von 2 Mio US-Dollar aus! Diese floss – ebenso wie das restliche Stiftungsvermögen – an mehrere wohltätige Organisationen.
Im Juni des Jahres 2020 wurde ein ähnlicher Fall aus Grossbritannien bekannt: Nach Berichten der Zeitung „The Sun“ hatte die Mutter von fünf Kindern den Wohltätigkeitsfonds „Heart Links“ eingerichtet und über diesen eine Tombola zur Finanzierung der Herzoperation eines ihrer Kinder eingerichtet. Zugleich gründete sie auf der Spendenplattform „GoFundMe“ eine Spendenaktion. Hier kamen 10.000 Pfund zustande – überwiesen an HeartLink wurden jedoch nur 4.200 Pfund – der Rest soll für eine Brustvergrösserung und den Ankauf eines Autos verwendet worden sein. Dies berichten zumindest Nachbarn, die ebenfalls fleissig gespendet hatten. Sie verlangten das Geld zurück. Die Frau wurde verhaftet – dann auf freiem Fusse angezeigt.
Ebenfalls vor Gericht bzw. im Gefängnis endete die Betrugsmasche eines Mannes in Berlin. Er nannte sich Andreas Becker – heisst aber tatsächlich anders (Udo D.). Der damalige Vorsitzende des Frauennothilfevereins „Hatun und Can“ soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft Gelder in beträchtlicher Höhe für den eigenen Bedarf verwendet haben, obwohl sie eigentlich Frauen zukommen sollten, die sich vor dem „Ehrenmord“, Misshandlungen und der Zwangsehe schützen müssen. Dabei führte er sogar Alice Schwarzer hinter’s Licht, die bei der Promi-Ausgabe von „Wer wird Millionär“ eine halbe Million Euro gewonnen hatte und das Geld der Organisation zur Verfügung stellte. Die Ermittlungen ergaben, dass Becker rund 700.000 € für eigene Zwecke verwendet hatte: Einen BMW X6, eine teure Uhr und Möbel für die Freundin etwa. Möglicherweise bezahlte er auch Prostituierte für ihre Dienste! Zeugen beobachteten, wie er Hunden beim Metzger Schnitzel kaufte. Übrigens erstattete Alice Schwarzer selbst Anzeige, als sie auf ihre Anfrage, was mit dem Geld geschehen sei, nur vorgeschobene Argumente erhielt. Seine Anwälte sprachen von „Widerwärtigem Rufmord“! Man könne die ordnungs-gemässe Verwendung der Spenden beweisen – das Auto sei für den Schutz der Frauen mehr als geeignet. Hintergrund von „Hatun und Can“ war der Mord an Hatun Sürücü, die im Jahr 2005 von der eigenen Familie ermordet wurde. Ihr Sohn kam in eine Pflegefamilie. Diesen tragischen Fall verwendete Becker als Aufhänger.
Ein stadtbekannter Betrüger aus dem Berliner Stadtteil Neukölln steckt hinter einem ähnlichen Fall. Unter dem Namen „Treberhilfe“ hatte er ein ganzes Unternehmen für die Hilfe Obdachloser aufgebaut – und erzielte damit Riesen-Gewinne, die auch er offenbar eigennützig absahnte. Sich selbst bezahlte er ein monatliches Salär von 35.000,- € – sein Dienst-wagen war ein Maserati! Erst als dieser geblitzt wurde, kam das Ganze an’s Licht der Öffentlichkeit. Fairerweise sei erwähnt, dass es sich nicht um den Missbrauch von Spendengeldern, sondern vielmehr um Steuer-betrug eines vermeintlichen Sozialunternehmens handelte. Der Senat von Berlin hat inzwischen reagiert: Soziale Unternehmen, die die Gehälter ihrer Geschäftsführer nicht offenlegen, erhalten keine Aufträge mehr.
Das Landgericht Lüneburg verurteilte einen damals 48-jährigen Mann wegen Unterschlagung zu viereinhalb Wochen. Er sammelte gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin unter dem Schild einer Kinderhilfs-organisation einen niedrigen sechsstelligen Betrag, leitete aber nur rund 8.000 € an entsprechende Hilfsorganisationen weiter. Den Rest verprasste er mit seiner zu einer Bewährungsstrafe verurteilten Freundin auf grossem Fusse!
„Das Spendenaufkommen wächst seit Jahren nicht. Wir brauchen deshalb nicht die zehnte Organisation für den gleichen Zweck.“
(Christian Osterhaus, Deutsche Welthungerhilfe)
Auch auf der Strasse bzw. der Haustüre floriert das Geschäft mit der Gutmütigkeit. So klingelte im Rheinland ein Mann an den Haustüren um angeblich für eine Behinderten-Werkstatt zu sammeln. Rund 300,- € hatte er sich auf diese Weise verdient – pro Tag. Ein Betrüger! In einer Fussgängerzone in Berlin sammelte ein angeblich irakisches Paar für notleidende Landsleute. Einigen Anwohnern kamen die beiden jedoch bekannt vor – hatten sie doch im selben Stadtteil für „von den Taliban vertriebenen Afghanen“, „Bürgerkriegs-Flüchtlingen aus Bosnien“ und „in der Türkei verfolgten Kindern“ gesammelt. Ohnedies ist gerade auf der Strasse erhöhte Vorsicht geboten: Manche Betrüger wollen nicht nur die Spende, sondern das ganze Geld. Aus der Unterschlagung wird Taschen-Diebstahl oder gar Raub!
Die Liste lässt sich noch weitaus länger fortsetzen. So verschleierte die Organisation „Innocence in Danger“ die Verwendung der Spendengelder und die Hintergründe der Organisation selbst – prominente Sammlerin war 2010 die Frau des damaligen Verteidigungsministers, Stephanie zu Guttenberg.
2008 flossen erhebliche Summen nicht an Waise, die vom Internationalen Kinderhilfe e.V. aus Pfungstadt unterstützt worden sind, sondern vielmehr an die Werbeagentur des Vereins. Diese hatte die Kosten für die Werbekampagne vorgeschossen. Das Spendenaufkommen wurde dem nicht gerecht – zurück blieb ein verschuldeter Verein.
Auch die Querdenker 711-Bewegung sammelte. Angeblich für den Kampf gegen die Regierungsdiktatur, für die Grundrechte und ein liebevolles Miteinander. Deren Gründer Michael B. hatte bereits vorzeitig darum gebeten, die Spenden als Schenkungen zu deklarieren, damit auf diese Weise die Offenlegungspflicht umgangen werden könnte. Im Juni dieses Jahres jedoch erfolgten Hausdurchsuchungen und schliesslich die Fest-nahme des offenbar auch wirtschaftlich Querdenkenden. Der Vorwurf der Stuttgarter Staatsanwaltschaft: Gewerbsmässiger Betrug durch miss-bräuchliche Verwendung von Spendengeldern und Geldwäsche. Seit Mai 2020 bis Februar 2022 sollen rund 1,3 Mio € auf sein Privatkonto geflossen sein. Die Festnahme erfolgte wegen Fluchtgefahr – der ehemalige IT-Berater soll inzwischen sein Eigenheim verkauft und Auswanderungspläne nach Costa Rica geschmiedet haben. Bis zur end-gültigen Urteilsverkündung gilt selbstverständlich die Unschulds-vermutung.
Mit den Worten „I don’t want to say goodbye just because my mom has no money“ des offenbar krebskranken, sechsjährigen Muhammad wird seit Mai dieses Jahres auf YouTube um Spenden gebeten. Watchlist Internet warnt jedoch vor der dahinterstehenden Plattform chenlahaim.org: Das Geld wandere sofort in den grossen Geldsack von Betrügern. Für angeblich 16.943 Menschen kommt diese Warnung jedoch zu spät: Nach Angaben auf der Website haben sie bereits 704.351,- € gespendet.
Grosses Schindluder wurde und wird nach wie vor mit der Notlage der Menschen im Ukraine-Krieg getrieben. Spenden-Webseiten schossen wie die Pilze aus dem Boden. Mittels Mail oder über die Social Medias werden die Menschen um Spenden gebeten oder zum Besuch der Webseiten aufgefordert. Die Polizei warnt jedoch, dass zumeist Kriminelle dahinter-stecken. Hier eine kleine Auswahl solcher Fake-Seiten (Angabe: Öster-reichisches Institut für angewandte Telekommunikation ÖIAT):
- donatecryptotoukraine.com
- donate-ukraine.info
- fightforukraine.xyz
- help-fund-ukraine.org
- helpukraine.tips
- help-ukraine-compaign.com
- sendhelptoukraine.com
- sos-ukraine.xyz
- supportukraine.today
- supportukrainenow.com
- tokenukraine.com
- ukrainebitcoin.online
- ukraine-donate.live
- ukrainedonate.today
- ukrainedonation.org
Auch Österreich ist also keine Insel der Seligen. Hier hat allerdings vor einigen Jahren das Finanzamt zumindest einen kleinen Riegel vorgesetzt: Vereine, Organisationen und Stiftungen, die ihren Spendern das Bonbon der steuerlichen Absetzung ihres Beitrages weitergeben wollen, müssen sich einer umfangreichen Wirtschaftsprüfung unterziehen. Jedoch ist auch dies nicht wirklich ein Qualitätssiegel. Immer wieder verlieren Organisationen diese Möglichkeit. Wer also auf Nummer sicher gehen möchte, sollte nach dem Österreichischen Spendengütesiegel Ausschau halten. Die damit ausgezeichneten Organisationen werden regelmässig durch die Kammer der Wirtschaftstreuhänder überprüft. Alsdann sind die Prüfungskosten relativ hoch, sodass sich dies viele kleinere Vereine finanziell nicht leisten können. Ausserdem gibt es noch ein Problem: Einige Organisationen erhielten in Österreich das Spendensiegel, wurden jedoch in Deutschland aus den unterschiedlichsten Gründen vom Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen zurückgewiesen.
Obgleich auch im Bereich der privaten Spenden sehr viel Geld zusammenkommen kann, sind es zumeist die grossen Beträge von Unternehmen, die Sorgenfalten aufkommen lassen. Damit diese nicht einem Betrüger aufsitzen, hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) einen Transparenzpreis eingerichtet. Hier können sich Vereine und Stiftungen einschreiben lassen, die über ein Spendeneinkommen von mehr als einer Mio € im Jahr verfügen. Sie verpflichten sich jedoch gleichzeitig, die Verwendung der Gelder offen-zulegen.
5,8 Milliarden Euro (bzw. 12,9 Milliarden bei Fortschreibung des SOEPs im Spendenindex des DZIs) haben nur die Deutschen im Jahr 2021 gespendet – so viel wie noch nie (in Österreich waren es geschätzte 850 Mio). In Deutschland gibt es 600.000 Vereine und 18.000 Stiftungen, die in irgendeiner Weise gemeinnützig tätig sind (in Österreich gibt es 110.000 Vereine – 1.000 davon sammeln Spenden). Nur 50 % der Gelder müssen in Deutschland satzungsgemäss verwendet werden um ein Spendensiegel zu erhalten. Allerdings gibt es bundesweit nur ein landes-eigenes Institut in Rheinland Pfalz (die „Aufsichts- und Dienstleistungs-direktion“ in Trier), das nach der Vergabe des Spendensiegels beinhart weiterprüft). Die Spendensiegel werden vergeben vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) nach einer einmaligen Prüfung des Vereins auf die Gemeinnützigkeit und damit der ordnungsgemässen Verwendung der Spendengelder. Danach müssen pro 10.000 € Spenden-geldern gerade mal 35,- € an das DZI überwiesen werden. Greenpeace beispielsweise hat sich geweigert, eine solche Prüfung über sich ergehen zu lassen.
Einer, der sich diesem Unwesen entgegenstellte war Stefan Loipfinger, ehemaliger Fonds-Analyst. Er deckte einige Fälle auf seinem Portal www.charitywatch.de auf, musste jedoch seine Arbeit 2012 einstellen, nachdem er wüsten Beschimpfungen und gar Drohungen ausgesetzt war. Er fordert, dass alle gemeinnützigen Vereine dazu verpflichtet werden sollen, öffentlich Rechenschaft abzulegen, wie es auch die meisten Unternehmen machen müssen. Bislang reiche es nämlich aus, so Loipfinger, als Ziel der Vereins die Information über notleidende Menschen und Tiere in den Statuten festzuhalten. So könnten 50 % des Spendenaufkommens für weitere Spendenaufrufe oder Online-Aktionen genutzt und die anderen 50 % als Gehälter abgezogen werden. Ein untragbarer Missstand!
„Bei der Wahl des Empfängers sollten Spender viel mehr Vorsicht walten lassen und keinesfalls auf die Mitleidsmasche hereinfallen.“
(Isabell Gusinde, Postbank)
Wenn Sie sich nun fragen sollten, an wen Sie denn wirklich spenden können, muss ich leider betonen: Ich werde es tunlichst unterlassen, hier die Werbetrommel für einige wenige zu rühren. Allerdings ergaben die Recherchen eines österreichischen Wochenmagazins, dass bei „Ärzte ohne Grenze“ rund 77 % direkt dem Projekt zufliessen, bei „Licht für die Welt“ sind es gar 91%. Eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Postbank kam zu dem Ergebnis, dass nur rund 17 % der Spender recherchieren, wofür sie ihr Geld ausgeben. Wieso nur so wenig? Jeder Zehnte spendet sogar aus dem Bauch heraus! Bitte erkundigen Sie sich bevor sie zum Zahl-schein greifen. Achten Sie vor allem bei Spenden in das ferne Ausland, ob nicht bürgerkriegsführende Fraktionen oder gar die Regierung des Landes selbst einen Teil der Spenden abkassiert. Dies gilt nicht nur für Geldspenden sondern auch für Naturalien. Damit werden oftmals kämpfende Truppen oder Söldner finanziert und nicht selten Waffen gekauft!
Erlauben Sie mir am Ende noch einen rein persönlichen Gedankengang: Wenn es dermassen vieler Spendenorganisationen bedarf – ist das nicht der beste Beweis dafür, dass die Sozialpolitik der Regierungen versagt haben? So soll ein Mitarbeiter eines Job-Centers gegenüber einem „Kunden“, der meinte, wie er mit dem Geld eigentlich über die Runden kommen soll, ausgedrückt haben, dass er dann eben zu den Tafeln gehen müsse! Diese aber wurden lange Zeit nur sehr spärlich mit öffentlichen Geldern unterstützt!
Lesetipps:
.) Spenden- und Bettelbetrug?; Jonas Krainbring; Duncker & Humblot 2015
.) Die Spendenmafia: Schmutzige Geschäfte mit unserem Mitleid; Stefan Loipfinger; Knaur TB 2011
.) Die Mitleidindustrie – Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorgani-sationen“; Linda Polman; Campus Verlag 2010
.) Im Zentrum der Katastrophe; Richard Munz; Campus Verlag 2007
Links:
– www.dzi.de
– www.transparency.de
– www.watchlist-internet.at
– www.osgs.at
– www.dfrv.de
– www.soz.uni-heidelberg.de/forschungsstelle-csi/
– www.fundraising.at
Vanille kann tödlich sein
Posted on 11/25/22 by UlstoWeihnachten steht vor der Tür, viele Kekse oder Plätzchen sind bereits gebacken, einige werden noch folgen. Für die meisten gehören die Vanillekipferln zum Fest wie der Weihnachtsbaum. In Österreich beispielsweise rangieren diese noch vor den Linzer-Augen auf Platz 1 des süssen Weihnachtsbäckerei-Rankings. Doch schauen viele in diesem Jahr durch die Finger, da es zwar gottlob wieder genügend der heiss-begehrten Schoten am Markt gibt, die jedoch Unmengen von Geld kosten und damit das Backen dieser Köstlichkeit mit der originalen Vanille nahezu unerschwinglich macht. So kostet eine Schote Bourbon-Vanille aus Madagaskar zwischen 2,50 bis 3,00 €, eine Tahiti-Schote aus Tahiti oder Deutschland zwischen 9-10 €. Vanille ist nach Safran das zweit-teuerste Gewürz. Die richtige Vanille wird inzwischen höher als Silber gehandelt. Wie aber kann das sein? Ein nachwachsendes Gewürz, das wir als Kinder am Liebsten in Kombination mit Eis kannten.
Die Vanille ist eigentlich eine Orchideen-Gattung mit nicht weniger als 110 Unterarten. Die für das Kochen verwendete wird aus fermentierten Schoten („Kapselfrüchte“) der Gewürzvanille (Vanilia planifolia) gewonnen. Diese Pflanze kommt ursprünglich aus Mittelamerika und hier hauptsächlich aus Mexiko. Die heutigen Hauptanbaugebiete allerdings sind Madagaskar, Reunion und einige andere Inseln im Indischen Ozean. Reunion übrigens hiess früher Île Bourbon – von hier aus startete die Erfolgsreise der Bourbonvanille, die im Regal (wenn noch nicht ausverkauft!) neben der Gewürzvanille steht. Wesentlich weniger verwendet wird die Tahiti-Vanille (Vanilla tahitensis) und die Guadeloupe-Vanille (Vanilla pompona). Alle vier Arten unterscheiden sich im Aroma: Die Bourbonvanille besitzt einen süssen, rumhaltigen Geschmack, die Tahiti-Vanille einen blumigen, die mexikanische einen hölzern-würzigen und die indonesische Vanille einen geräucherten Geschmack. Die Schoten aus Tahiti und Guadeloupe werden bevorzugt für die Herstellung von Duftessenzen wie Parfüms verwendet.
Schon die alten Azteken wussten den Geschmack der Vanille („tlilxochitl“ = schwarze Blume) zu schätzen – Veracruz am Golf von Mexiko war deren Hauptumschlagplatz, besonders spezialisiert auf den Handel die Tachiwin, andere Ureinwohner Mexikos. Auch für die später eingetroffenen europäischen Seefahrer und Kolonialisten. Die Sage erzählt, dass Häuptling Montezuma II. dem Eroberer Hernán Cortés ein Getränk aus Kakao und dem „Geschenk Gottes“ angeboten haben soll. Der Häuptling selbst soll angeblich bis zu 50 Tassen täglich davon getrunken haben. Die Vanille entwickelte sich in Europa zu einem heiss begehrten Geschmacksverfeinerer. Und der illegale Handel dieser Pflanzen war schon damals sehr gefährlich – in Spanien stand hierauf die Todesstrafe. Erst nachdem Mexiko anno 1810 unabhängig wurde, war der Weg frei – die Niederländer und Franzosen liessen sie in deren Kolonien anbauen. Vorerst erfolglos, da die Bestäuber aus Mexiko fehlten: Der Kolibri bzw. die Melipona-Biene. Also müssen auch heute noch die Pflanzen von Hand bestäubt werden, nach Art des 12-jährigen Plantagensklaven Edmond Albius auf Réunion im Jahr 1841. Anfänglich gefeiert wie ein Held, streute der Chefbotaniker der Inselhauptstadt neidisch das Gerücht, dass der Junge aus Wut über seinen Herren die Blüten zerstören wollte und dabei zufällig bestäubte. Albius wurde erst frei, als Frankreich die Sklaverei abschaffte. Er verstarb völlig verarmt und wurde in einem Massengrab beigesetzt. In der Gemeinde Sainte Suzanne auf Reunion wurde eine Statue mit seinem Antlitz aufgestellt und jährlich das „Fest der Vanille“ an seinem Todestag ausgerichtet.
Um Ihnen einen Eindruck der Arbeit zu vermitteln: Ein geübter Vanille-Bauer kann bis zu 1000 Blüten pro Tag bestäuben – das bringt gerade mal 2 kg Schoten. Damit es auch für das normale Volk erschwinglich wurde, entwickelten anno 1874 die deutschen Chemiker Haarmann und Tiemann aus Coniferin einen synthetischen Vanilleersatz: Das Vanillin! Allerdings enthält die natürliche Vanille zusätzlich 50 unterschiedliche Aromastoffe, die in dieser Labor-Vanille nicht produziert werden können. In Österreich wurde beispielsweise der Knoblauch als „Vanille des armen Mannes“ bezeichnet. In alten alpenländischen Rezepten steht deshalb sehr häufig Vanille, gemeint ist jedoch Knoblauch („Vanille-Braten“).
Die heutigen Hauptanbaugebiete sind Madagaskar (rund 60 % des Vanilleaufkommens) und Indonesien, in Uganda boomt der Anbau eben-falls – dort will man am teuren Kuchen teilhaben. Vanille wird in Plantagen angebaut. Die Pflanze selbst wächst als Kletterpflanze bis zu neun Meter an Bäumen nach oben. Deshalb gilt Vanille auch als die Retterin des Regenwaldes, da ein solcher unbedingt vonnöten ist. An ihren Rispen bildet sie einmal im Jahr hellgelbe Blüten, von welchen jeweils nur eine für wenige Stunden am Vormittag blüht. Die Schoten beinhalten die Beeren und erreichen eine Länge von bis zu 30 cm. Sie werden noch gelbgrün, kurz vor der Reife geerntet. Erfolgt die Ernte zu früh, so hat dies enorm negative Auswirkungen auf den Geschmack. Zudem beginnt die Schote zu schimmeln, was ansonsten durch das Vanillin verhindert wird. Dann erfolgt die sog. „Schwarzbräunung“. Beginnend mit dem Blanchieren unter heissem Wasser oder Dampf werden sie anschliessend in Jutetüchern zum Trocknen in die Sonne gelegt oder in luftdichten Behältnissen bis zur Auskristallisierung feiner Glukosenadeln fermentiert. Dadurch schrumpfen die Schoten zu kleinen Vanillestangen, es entsteht der eigentliche Geschmacksstoff, das Vanillin in einer Konzentration von 2-3 %. Schliesslich werden die Stangen gebündelt, in Pergamentpapier eingerollt und in Zinnbehälter gegeben. So gelangen sie nach Europa. Das traditionelle Schwarzbräunen dauert bis zu sechs Monate. In Trocknungsöfen geht es wesentlich rascher, allerdings auf Kosten der Geschmacksunterschiede der Anbaugebiete – sie schmecken danach alle gleich. Aus sechs Kilo grüner Schoten wird ein Kilo echte Vanille. Sie sehen also: Es ist ein sehr aufwendiger Prozess, der durchaus seinen Preis rechtfertigt.
Weshalb aber nun dieser in ungeahnte Höhen steigt, ist einerseits das Ergebnis von Naturgewalten, andererseits auch der Gewinnsucht der Zwischenhändler. Um 12.30 Uhr Ortszeit erreichte am 7. März 2017 der Zyklon „Enawo“ Madagaskar. Hierzulande mit wenig Interesse verfolgt, war es v.a. für die Vanille-Anbauregion Sava eine Riesenkatastrophe. Der Wirbelsturm fegte mit 205 Stundenkilometern über die Insel, 81 Menschen starben. Zudem wurden rund 30 % der Vanille-Ernte zerstört. Von dem, was zuvor eine lange Dürrezeit überdauert hatte. 1000 Tonnen (ansonsten sind es rund 1.500) blieben übrig. Nun kommt die Gewinnsucht hinzu: Zwischenhändler kaufen grosse Mengen der Schoten auf. Doch anstatt sie auf den Markt zu werfen, werden diese gelagert, der Preis beobachtet und mit Maximalgewinn dann abgestossen. Belief sich der Preis zu Beginn des Jahrtausends noch auf 140 US-Dollar für das Kilo, so sind es 17 Jahre später schon mal bis zu 600 US-Dollar und heute über 600 US-Dollar. Der Preis brach 2020 aufgrund der Corona-Pandemie und der schlechteren Qualität (zu frühe Ernte und Trocknungs-öfen) etwas ein, stieg dann jedoch erneut an. Hauptabnehmer aber auch Hauptmanipulateure des hohen Preises sind Konzerne wie Nestlè, Unilever, Coca Cola und Mondelez. So kritisiert die Regierung Madagaskars beispielsweise die Methoden der Firma Symrise, die angeblich einerseits die Bauern zur Frühernte nötigt, andererseits zum Diebstahl und sogar Mord animieren soll, indem sie gestohlene Ware aufkauft. Siehe hierzu den Bericht des Premierministers Olivier Mahafaly Solonandrasana vom Mai 2017. Nestlé betont immer wieder, sich über die Anbaubedingungen vorort kundig zu machen, mit einem Drei-Punkte-Programm die Bauern beim nachhaltigen Anbau unterstützen zu wollen und nur die beste Vanille aufzukaufen. Der Endverbraucher zahlt allerdings nicht nach Gewicht, sondern nach Schote. Umgerechnet würde ihn alsdann ein Kilogramm zirka 1.330,- € kosten – rund der doppelte Silberpreis!
Diese Preisentwicklung führt zu einem bizarren Anstieg der Kriminalität auf Madagaskar, kann sich doch so manch einer einen kleinen Reichtum damit aufbauen. Die Bauern übernachten sogar auf den Plantagen, damit die Diebe die Schoten nicht direkt von den Bäumen klauen können. Einer der Kleinbauern berichtet, dass er vor allem in der Nacht dabei sein Leben riskiert. Hier setzt auch die Studie des dänischen Instituts für investigativen Journalismus, DanWatch, an. Demnach kämpft jeder Bauer auf der Insel gegen Diebstahl und Nötigung. Kredithaie bieten den Bauern Darlehen an, die sie später zwingen, die Ernte weit unter Wert zu verkaufen. Können sie dennoch nicht zurückzahlen, müssen die Kinder Zwangsarbeit in den Plantagen verrichten. All das wird einem niemals bewusst, wenn in der Küche die Schote mit dem Messer aufgeschnitten und ausgekratzt wird, damit die Aromastoffe des Vanillins im Öl und dem Mark an so manchem Gaumen kitzeln können. Verfeinert werden damit zumeist Kakao und Schokolade, aber auch Süssspeisen wie Puddings und Crèmes. Die englische Königin Elisabeth I. soll ganz wild auf derartige Nachspeisen gewesen sein. Aber auch zu weissem Fleisch, Fisch oder Hummer sagt kein Gourmet nein, zur Vanille.
Die echte Vanille kann zumeist an den kleinen schwarzen Samen in der Speise erkannt werden – die gelbliche Farbe kommt vornehmlich von den vielen verwendeten Eiern. Doch auch hier zeigt sich die Lebensmittel-industrie als sehr ideenreich: Wird Vanillin aus Holz gewonnen, so kann es rechtlich gesehen durchaus als „natürlich“ bei den Inhaltsstoffen angeführt werden. Die schwarzen Samen werden nur beigegeben, um den Eindruck echter Vanille aufkommen zu lassen – sie haben zumeist kein Aroma mehr.
In Europa ist es hauptsächlich die Bourbon-Vanille aus Afrika, in den USA und Kanada die mexikanische Vanille, die so manchen Sternekoch begeistert. Coca Cola wollte in den 80er Jahren die teure Vanille durch das synthetische Vanilin ersetzen. Diese Entscheidung trugen aber die Kunden nicht mit, sodass der Versuch abgebrochen werden musste. Heutzutage benötigt das Unternehmen – ähnlich wie Konkurrent Pepsi Cola – rund 40 Tonnen des edlen Gewürzes pro Jahr. Im Vergleich dazu: Die Niederösterreich-Milch (NÖM) braucht neun Tonnen pro Jahr!
Die Vanille aus der Sicht der Heilkunde, Pharmazie und Medizin betrachtet: Sie wirkt potenzsteigernd, entspannend, stoffwechsel-fördernd, galletreibend, muskelstärkend und vieles mehr. Entsprechend auch ihr Einsatzgebiet: Bei Potenzproblemen, Muskelschwäche, Rheuma, Stimmungsschwankungen und Verdauungsstörungen.
Wenn Sie selbst auf Einkaufstour gehen, dann achten Sie darauf, dass die Schote lederartig elastisch ist. In ausgetrockneten Stangen sind nurmehr wenig Aromastoffe enthalten. Schwarze Schafe versuchen zudem synthetische Vanillinkristalle auf die Schote aufzusprühen. Die natür-lichen sind unregelmässig verteilt – sie gelten als untrübliches Zeichen für eine ausgezeichnete Qualität- die aufgesprühten sind hingegen regelmässig. Lassen Sie sich dadurch nicht hinter’s Licht führen. Oftmals findet auch das Vanillepulver zuhause Anwendung. Dies sind die gemahlenen Samenkörner. Allerdings sind hier nur ganz wenige Aromastoffen enthalten. Bei der „gemahlenen Vanille“ hingegen werden auch die Kapselhülsen mitgemahlen, sodass diese Aromen erhalten bleiben. Auch besteht zwischen dem „Vanillezucker“ und dem „Vanillin-zucker“ ein Unterschied: Ersterer wird mit echter Vanille hergestellt, zweiterer hingegen mit synthetisch hergestelltem Vanillin.
Die Industrie bevorzugt den Vanille-Extrakt. Er besteht aus bis zu 35 % Ethanol und ist nicht selten mit Zuckersirup gestreckt. Der hoch-konzentrierte Extrakt ist unbegrenzt haltbar. Nach Schätzungen enthalten rund 18.000 Produkte ein Vanillearoma. Vom Joghurt (mein Favorit!) über Eis bis hin zu Parfüms und Medikamenten. Allerdings ist dies zumeist im Labor entwickelt worden. Nur rund 1 % dieser aromatischen Produkte kommt tatsächlich aus der Schote.
Experten warnen bereits davor: Der nächste Vanille-Kollaps wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Spätestens wenn der Konsument nicht mehr dazu bereit ist, den Preis für echte Vanille bezahlen zu wollen, wird die Seifenblase platzen. Dann wird der Preis enorm fallen, da zudem die Ware aus den anderen Anbaugebieten (Indien, China) auf dem Markt angekommen ist.
Lesetipps:
.) Wilhelm Haarmann auf den Spuren der Vanille; Björn Bernhard Kuhse; Verlag Jörg Mitzkat 2012
.) Vanille, Gewürz der Göttin; Annemarie Wildeisen; AT Verlag 2001
.) Vanilla planifolia – Echte Vanille (Orchidaceae). Jahrbuch des Bochumer Botanischen Vereins. Bd. 5; Veit Martin Dörken/Annette Höggemeier 2014
.) Gewürze – Acht kulturhistorische Kostbarkeiten; Elisabeth Vaupel; Deutsches Museum 2002
.) Vanille – Die schwarze Königin; Katja Chmelik; Geschichte 2007
.) Vanilla: Travels in Search of the Luscious Substance; Tim Ecott; . Penguin Books 2004
.) Encyclopédie Biologique. Band XLVI; Hrsg: Gilbert Bouriquet; Paul Lechevalier 1954
Links:
– mondevanille.com
– www.vanille-reunion.fr
– www.vanillacampaign.com
– lafaza.com
– austhachmann.de
– www.kotanyi.com/at/de/
– www.symrise.com/de/
– beyondgood.com
– heilkraeuter.de
– www.gesundheit.gv.at
– www.lebensbaum.com/de
– tropicos.org/home
Licht macht krank
Posted on 11/18/22 by UlstoIm Laufe meiner Radio-Karriere habe ich in vielen Live-Studios gearbeitet. Eines davon war besonders schön – jenes der Antenne Tirol! Komplett durchdesigned – ein wirklicher Hingucker. Doch beendete ich damals all meine Sendungen mit rasenden Kopfschmerzen. Nachdem es nicht nur mir so erging, versuchte sich unsere Technik mit der Fehler-suche. Das Resultat (man möchte es nicht glauben) waren die TFT-Monitore, Computer-Flachbildschirme, die sich sehr negativ auf die Augen auswirkten. Mit einer Ausnahme (Platzprobleme) wurden sie damals durch normale Monitore ersetzt. Die Technik war wohl noch nicht so weit, doch sollte auch heute acht gegeben werden, was für wie lange verwendet wird, denn: Licht kann krank machen! Verantwortlich dafür ist vornehmlich das blau-violette Licht. Es wirkt helfend bei Schlafstörungen oder Winterdepression, allerdings schädigt es auch die Augen nachhaltig – eine Tatsache, die schon rund 100 Jahre lang bekannt ist, trotzdem nur wenig Beachtung v.a. bei den Herstellern findet.
Licht wird in unterschiedlichen Wellenlängen durch den Menschen wahr-genommen. Dabei reicht der sichtbare Bereich von 380 bis zu 780 nm. Darunter ist das für den Menschen unsichtbare ultraviolette Licht (UV) zu finden, darüber das ebenfalls unsichtbare Infrarot-Licht (IR). UV-Licht ist wesentlich energiereicher als blau-violettes Licht, richtet jedoch im vorderen Teil des Auges (Hornhaut, Linse) den meisten Schaden an, wo es absorbiert wird.
„Sichtbares kurzwelliges Licht hingegen dringt ungehindert bis zur Netz-haut vor und erzeugt dort oxidativen Streß.“
(Alexander Wunsch, Humanmediziner & Lichttherapeut)
Kurzwelliges Licht wird stärker gebrochen – dabei schädigt der Wellen-bereich von 380 bis 440 nm (High Energy Visible HEV) alsdann vornehm-lich die Netzhaut („Blue hazard“) sowie das retinale Pigmentepithel – es kommt zur sog. „Photoretinitis“.
Unser Körper braucht das Licht – das wird vielen v.a. im Winter bewusst, wenn die Sonne nur wenig zum Vorschein kommt. Diese wohltuenden Wellenlängen nehmen wir durch die Augen auf, das Protein Melanopsin ist für die Weiterleitung verantwortlich. Dabei wird das UV-Licht zur Her-stellung von Vitaminen verwenden, das darüber liegende Wellenspektrum ist für die Hormone verantwortlich. Der blaue Teil des Lichtspektrums beeinflusst in entscheidendem Maße die Bildung des Hormons „Mela-tonin“ in der Zirbeldrüse des Zwischenhirns, das uns deutlich macht, wann es Zeit wäre, ein Schläfchen einzulegen (Tag-Nacht- oder circadianer Rhythmus). Deshalb lässt es sich recht leicht erklären, wes-halb blaues Licht bei Schlafstörungen, wie etwa auch der „senilen Bett-flucht“ eingesetzt wird. Verantwortlich dafür zeichnet meist bei älteren Menschen eine Linsentrübung, die weniger blaues Licht zu den Rezep-toren der Netzhaut durchlässt. Das kann den Wach-Schlaf-Rhythmus ganz schön durcheinander bringen. Die Unterdrückung des Melatonins ist zudem für viele hormonbasierenden Erkrankungen verantwortlich, da weniger Schutz gegenüber den freien Radikalen besteht (Dickdarm-, Prostata- oder auch Brustkrebs). Studien haben hierzu ergeben, dass blau angereichertes Licht tagsüber leistungsfähiger, konzentrierter und emotional weniger reizbar macht (Viola et al 2008). So ist beispielsweise im Sonnenlicht zu Mittag mehr Blaulicht als gegen Abend hin enthalten. In der Natur selbst aber ist intensives Blau nur sehr selten – auch das Azur des Himmels oder das Meeresblau des Ozeans sind abgeschwächt.
Bevor Sie nun aber tagsüber mit blauem Licht bestrahlen um wieder besser schlafen zu können, muss ich Sie vorwarnen: Zu viel UV- und blau-violettes Licht führt nicht nur zu sehr schmerzhaften Entzündungen der Binde- und Hornhaut, sondern auch zu nachhaltigen Beschädigungen an der Augenlinse, auch als „Grauer Star“ oder Katarakt bekannt, sowie der Netzhautmitte, der Makula lutea, des „gelben Flecks“, also der Stelle des schärfsten Sehens (Makuladegeneration), da es dort keine entsprechenden Rezeptor-Zapfen für das blaue Licht gibt. In deutschen Landen leiden rund 3,5 Millionen Menschen an einer solcher Makula-degeneration – allerdings aufgrund unterschiedlichster Ursachen.
In der Gegenwart kommen wir ohne einen erhöhten Blauanteil nicht mehr aus. Handy-Displays, LED, Energiesparlampen, Xenon-Scheinwerfer,… Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2012 verwenden in Deutschland rund 84 % täglich einen Computer, ein Smart-phone oder ein Tablet. Beleuchtet werden diese zumeist durch eine Hintergrundbeleuchtung auf Quecksilberbasis, entweder durch Leucht-stoffröhren (cold cathode fluorescent lamps) oder durch Weisslicht-LEDs – beide mit einem erhöhten Blauanteil. Wer sich zu lange diesen unnatürlichen Lichtquellen aussetzt, wird mit zunehmender Zeit auch zunehmend Probleme bekommen: Kopfschmerzen, Konzentrations-probleme, Müdigkeit, Schlafstörungen und Verspannungen aber auch brennende, tränende, stechende, gerötete Augen, Lidflattern, zeitweilige Kurzsichtigkeit, Doppeltsehen, veränderte Farbwahrnehmung. Eine These, die jedoch noch nicht mittels Langzeittestung wissenschaftlich untermauert wurde. Schützen gegen das schädliche Licht geht ganz einfach: Sonnenbrillen mit einem UV-Filter für aussen und Brillen mit einem Blau-Filter oder gelbe Intraokularlinsen für innen! Beide filtern das Licht, sodass nurmehr wenige dieser schädlichen Spektrumsanteile zum Auge gelangen. Die besseren Displays oder Bildschirme passen die Beleuchtungsstärke automatisch an die Lichtverhältnisse der Umgebung an – ansonsten kann dies bei den meisten manuell eingestellt werden.
LED- oder LCD-Screens? Diese Frage ist ganz einfach zu beantworten: LED! Diese Monitore werden durch ein elektrisches Halbleiterelement (Leuchtdioden) zum Leuchten gebracht. QLED- oder v.a. OLED-Fernseher haben derzeit auch die grössten Marktanteile. Im Vergleich dazu sind LCD-Monitore wesentlich komplexer aufgebaut. LC steht für „Liquid Crystal“. Je nach Blickwinkel ändern sich Kontrast und Farbe – aber auch die Leuchtdichte. LCDs leuchten nicht von selbst – hierfür sorgt eine Hintergrundbeleuchtung. Dies übernehmen – wie bereits erwähnt – vor-nehmlich Kaltkathodenröhren oder LEDs. Dabei wird das Licht über eine lichtleitende Folie einheitlich über den Bildschirm (Edge Blacklight) oder über einen Diffuser verteilt (Direct Blacklight). Gleiches gilt übrigens im Grossen und Ganzen auch für die LED-Beleuchtung. Derzeit verfügbar sind mehrere Typen, die sich v.a. durch die Ausrichtung der Flüssig-kristalle zwischen den Glasplatten unterscheiden:
.) TN (Twisted Nematic – nematische Drehzelle)
Zwei sehr dünne, um 90 Grad zueinander verdrehte Glasplatten sind mit einer transparenten Indium-Zinn-Oxidschicht (Elektrodenschicht) über-zogen. Zwischen den Platten befinden die die Flüssigkristalle in einer weniger als 10 Mikrometer dicken Schicht. Sie sind parallel und in eine vorgegebene Richtung geordnet. Durch die verdrehten Glasplatten. entsteht einen schraubenförmige Struktur im Flüssigkristall (TN). Ein-fallendes Licht wird vor dem Eintritt in die Flüssigkristallschicht linear polarisiert, durch die Verdrillung der Kristalle dreht sich auch die Polarisationsrichtung des Lichts, dadurch kann es den zweiten Polarisator passieren. Im Ruhezustand ist ein solches Display durchsichtig. Legt man eine elektrische Spannung an, so richten sich die Flüssigkristalle parallel zum elektrischen Feld aus. Die Verdrillung wird aufgehoben – das Licht kann den zweiten Polarisator nicht mehr passieren. Dieser TN-Typ ist relativ kostengünstig, schaltet schnell und wird deshalb vornehmlich in Büros oder dem heimischen Wohnzimmer verwendet. Der Nachteil liegt in der geringen Blickwinkel-Stabilität, soll heissen: Je schiefer (spitz-winkliger) auf den Bildschirm geblickt wird, umso mehr lassen Kontrast und Farbe nach.
.) STN (Super-Twisted Nematic)
In diesen Displays wird der Verdrillwinkel der Moleküle auf 180 bis 270 Grad erhöht. Dadurch wird eine verbesserte Multiplexbarkeit erreicht. Allerdings ist der Aufwand, die Darstellung farbneutral darzustellen, enorm hoch (DSTN-Zellen mit doppelbrechenden Verzögerungsfolien etwa). Das Unternehmen Sharp hat mit CSTN das System weiterentwickelt – Filter in den drei Grundfarben rot, grün und blau sorgen für die Farben.
.) Triple Super-Twisted Nematic (TSTN)
Auch dies ist eine Weiterentwicklung des TN-Typs. Kurz erklärt: Das Beleuchtungslicht wird polarisiert und durch eine Folie gefiltert. So durchdringt es die beiden Glasscheiben und die dazwischen liegende Flüssigkristallschicht. Danach wird es nochmals durch eine Folie gefiltert und durch den vorderen Polarisator gejagt. Schlussendlich tritt es farbig aus. die beiden Filterfolien gleichen Farbstörungen aus.
.) In-Plane-Switching (IPS)/Super In-Plane-Switching (SIPS)
Die Elektroden befinden sich hierbei in einer Ebene parallel zur Display-Oberfläche. Wird eine Spannung angelegt, so drehen sich die Moleküle in der Bildschirmebene. Die Schraubenform der TN-Monitore entfällt dadurch. Diese Geräte zeichnen sich durch eine hohe Blickwinkelstabilität und sehr guten Farben aus. Allerdings ist die Herstellung wesentlich kostenintensiver und das Display dunkler als beim vorhergehenden Typ. Dies kann durch eine stärkere Hintergrundbestrahlung ausgeglichen werden, was jedoch den Stromverbrauch ansteigen lässt.
.) Multi Domain Vertical Alignment (MVA)/Pattern Vertical Alignment (PVA)
PVA ist die Weiterentwicklung des MVAs. Beide zeichnen sich durch einen höheren Kontrast und wesentlich grössere Blickwinkel-Unabhängigkeit aus – doch sind sie langsamer als TN-Monitore und deshalb für Bewegtbilder nicht unbedingt geeignet. Zudem sind die Produktions-kosten nicht von schlechten Eltern.
„Das warme Licht der Glühlampe, das dem Sonnenlicht in vielen Punkten ähnlich ist, kann neuesten Forschungen zufolge die Netz-haut pflegen.“
(Prof. Karl Albert Fischer – Österreichisches Institut für Licht und Farbe)
Vielen Dank Europäische Kommission in Brüssel, die die Herstellung von Glühbirnen schon vor einigen Jahren untersagt hat! Studien haben nämlich ergeben, dass das langwellige Nah-Infrarot-Licht der Glühbirne einerseits die Widerstandskraft, andererseits die Selbstheilungs-möglichkeit der Sinneszellen stärkt. Das Licht der Glühbirne gleicht dem Sonnenlicht im Spektrum am Ehesten. Bei LEDs können dies nur die Tageslichtlampen mit Vollspektrumlicht (zwischen 5.300 und 6.500 Kelvin).
Mit steigender Beleuchtungintensität verringert sich die Unter-scheidungsmöglichkeit der Farben. Bildschirme oder Displays, die nahe am Fenster positioniert werden, sollten zumindest eine Lichtstärke von 1500 bis 2000 Lux vorweisen.
Übrigens sorgen die Handy- und Tablet-Displays noch für ein anderes Problem: Der Kurzsichtigkeit! Inzwischen diagnostizieren immer mehr Mediziner die sog. „Schulmyopie“ – Kurzsichtigkeit bereits kurz nach dem Schuleintritt! Taiwan gilt mit neun von zehn Kurzsichtigen als die „Insel der Kurzsichtigen“, gleich danach folgt Südkorea – ähnliche Zahlen kommen aus Japan und China. Wenn es auch die Optiker freut, dass immer mehr Menschen immer früher eine Brille benötigen, so sehen viele Augenärzte dies mit grosser Sorge. Gleiches gilt zudem für die lange konzentrierte Arbeit am Laptop oder Computerbildschirm. Durch die Fokkusierung auf unbewegte Bilder verlieren mit der Zeit jene Muskeln die Beweglichkeit, die für die Linsenbewegung zuständig sind. Sie verkürzen sich. Hier sollte für Ausgleich gesorgt werden, indem beispielsweise fernab der Displays und Bildschirme vermehrt auf bewegte Bilder und in die Ferne geschaut wird, damit die Linsen-Muskeln arbeiten müssen. Eine andere Möglichkeit besteht in Sehübungen oder den Augentrainingsbrillen. Beim abendlichen Fernsehen aufgesetzt, wird der Sehnerv aktiv gehalten! Und übrigens: Halten Sie bis zu 33 cm Abstand zum Display!!!
Lesetipps:
.) Was ist Licht? Von der klassischen Optik zur Quantenoptik; Herbert Walther/Thomas Walther; Beck Reihe 2010
.) Handbuch Licht und Beleuchtung; Torsten Braun/Markus Felsch/Roland Greule; Müller Rudolf 2016
.) Beleuchtungstechnik für Praktiker; R. Hans; VDE Verlag 1997
.) Praktische Beleuchtungstechnik; R. Baer; Verlag Technik 1999
.) Optik für Ingenieure; Pedrotti et al.; Springer 2005
.) Bedrohtes Augenlicht – was können wir tun?; Orell Füssli; Books on Demand 2015
.) Spectral quality of light modulates emotional brain responses in humans; Vandewalle et al.; The Rockefeller University New York 2011
Links:
– www.licht.de
– www.augen.at
– www.dog.org
– www.augeninfo.de
– www.sog-sso.ch/startseite.html
– www.leading-medicine-guide.com/de/fachgebiete/augenheilkunde/ allgemeine-augenheilkunde
– bildschirmarbeit.org
– retina.ch
– www.seilnacht.com/nachricht.html
– www.zeiss.de/corporate/home.html
– www.auge-online.de
Jemen – die derzeit grösste humanitäre Katastrophe
Posted on 11/11/22 by UlstoVor einigen Jahren wurde noch von der schlimmsten humanitären Katas-trophe gesprochen, doch kurz danach wurde es wieder still um den Krieg im Jemen. Ja richtig – es begann mit einem Bürgerkrieg, mit der Beteili-gung der Jemen-Allianz und des Irans wurde es zum Krieg. Sechs Monate lang haben zuletzt die Waffen geschwiegen – jetzt wurde der Waffenstill-stand aufgekündigt.
„Das kann bedeuten, dass die Gewalt wieder das gesamte Land erfassen wird. Dass Millionen Menschen erneut Opfer werden von Luftangriffen, Raketenangriffen und Kämpfen am Boden.“
(Abdulwasea Mohammed, Hilfsorganisation Oxfam)
Geändert hat sich freilich nicht viel, ganz im Gegenteil: Die Lage in diesem Armenhaus der Welt wird immer brutaler und menschenver-achtender. Der Konflikt kam nicht etwa durch das Ende des Waffen-stillstandes in die deutschen Medien, sondern vielmehr aufgrund eines Entgegenkommens der Bundesregierung, die wohl eine grosse Blutspur hinterlassen wird: Deutschland liefert Munition, Ausrüstungsgegenstände und Ersatzteile an Saudi Arabien – möglicherweise als Gegengeschäft für Flüssiggaslieferungen. Doch hierzu etwas später mehr – zuvor einige Infos, wie alles begann.
Zirka 1000 n. Chr. wanderten über Mekka die Haschemiten im Jemen ein. Sie sind Nachkommen des im Islam verehrten Propheten Mohammed. Die al-Huthi-Familie gehört dem zaiditischen Zweig des schiitischen Islam an. Eigentlich keine Haschemiten, wurden und werden sie aufgrund ihres hohen Bildungsniveaus jedoch von der jemenitischen Gesellschaft geschätzt und bekleiden seit Jahrhunderten hohe Ämter wie Richter oder Konfliktvermittler. Bis zum Fall der Monarchie im Jahre 1962 stellte die Familie auch die Imame. Aufgrund von Korruption und Benachteiligung durch die Regierung schlossen sich im Norden des Jemen immer mehr der zaiditischen Stämme zusammen. Die dortigen jemenitischen Stammesführer („Scheichs“) wurden von der Regierung unterstützt und somit ruhig gehalten. Die Huthis hingegen begehrten immer mehr gegen die Korruption, Vetternwirtschaft sowie den „sunnitischen Extremismus“ der Regierung auf und wurden somit zum Sprachrohr der einfachen, armen Bevölkerung. 2004 kam es zu ersten Kampfhandlungen der schiitischen Huthis gegen die sunnitische Regierung, in deren Verlauf Hussein al-Huthi fiel. Im Rahmen des Arabischen Aufstandes 2011 erfolgte die erste politische Wahrnehmung der Huthis – ihre Gegner sahen als deren erklärtes Ziel die Wiedereinrichtung eines zaiditischen Imamats. Diesen jedoch ging es zu Beginn um mehr Autonomie, wirt-schaftliche Ressourcen, die Ausübung ihrer Religion und der Marginali-sierung der Regierung. Die Huthis hatten inzwischen einen florierenden Handel mit Kath aufgebaut, einer Droge, die vom Kathstrauch hergestellt wird. Mit diesem Geld konnten sich die Kämpfer auch militärisch aus-rüsten. Die Regierung des Jemens unter Abed Rabbo Mansur Hadi ging mit Waffengewalt gegen die Rebellen vor. 2015 nahmen die Huthis unter Abdulmalik al-Huthi die Hauptstadt Sanaa ein. Dabei fielen ihnen Waffen, Panzer, Fahrzeuge, Flugzeuge etc. im Wert von rund 500 Mio US-Dollar in die Hände, die kurz zuvor die USA geliefert hatten. Den eingesetzten Übergangsrat und den fünfköpfigen Präsidialrat erkannten die sunni-tischen Stammesführer und die Führer im Süden allerdings nicht an.
Nach wie vor ungeklärt ist die Herkunft der Waffen und die Unterstützung bei den Kampfhandlungen der Huthis vor der Einnahme Sanaas. Sie selbst hätten wohl keine derart raschen und grossen Gebietserfolge liefern können. Einerseits wird vermutet, dass die Rebellen durch den Iran unterstützt werden – der Einsatz von iranischen Drohnen ist ein stich-haltiger Hinweis hierfür. Andererseits wird vermutet, dass Salih-treue Militärverbände an den Kampfhandlungen beteiligt sind. Ali Abdullah Salih stand über drei Jahrzehnte an der Spitze des Staates. Während des Arabischen Frühlings hatte er das Amt zurückgelegt, zog aber weiterhin im Hintergrund die Fäden. Das resultiert einerseits aus seiner Person als graue Eminenz in seiner ehemaligen Partei, dem Allgemeinen Volks-kongress, und zudem auf der Loyalität des Militärs. Nach Schätzungen von Experten sollen ein bis zwei Drittel der Armee auch 2022 auf Salihs Seite stehen. Andere Schätzungen reden von 70 % der Salih-getreuen Kommandeure von Militäreinheiten. Dieser selbst wurde über Jahre hin-weg finanziell durch Saudi Arabien unterstützt, bis das dortige Königs-haus 2012 an seinem Rücktritt beteiligt war. Mit diesem Geld finanzierte er wohl die bewaffneten Verbände. Dazu zählt ohne Zweifel auch die ehemals durch seinen Sohn Ahmed kommandierte Republikanische Garde, die 2014 einen entscheidenden Sieg gegen die jemenitische 12. Division erzielen konnte, worauf die Hauptstadt Sanaa den Huthis offen stand. Die Anhänger Salihs erhoffen sich dadurch die Wiedererlangung der Regierungsmacht unter Salihs Sohn, was Salih jedoch später zurück-gewiesen hatte. Die USA, aber auch die Vereinten Nationen machen hin-gegen Salih für die katastrophalen Zustände im Land verantwortlich, weshalb über ihn und viele seiner Anhänger im Rahmen der UN-Sicher-heitsratsresolution 2216 vom April 2015 Sanktionen verhängt wurden. Mehr als interessant ist jedoch die Tatsache, dass Salih selbst während seiner Regentschaft mehrere bewaffnete Kämpfe gegen die Huthis führte. Der jemenitische Politologe Samir Shaibany bezeichnete diese Koalition einst als „Allianz im Rahmen einer konfessionellen Mobilisierung“ mit unterschiedlichen Zielsetzungen.
„Saudi-Arabien beteiligt sich am Jemen-Krieg und tritt Menschen-rechte mit Füßen. Rüstungsexportstopp an Saudi-Arabien muss weiter gelten.“
(Bundesaussenministerin Annalena Baerbock im März 2019 auf Twitter)
Durch diese vorhin erwähnte Resolution 2216/2015 des UN-Sicherheits-rates sollte eigentlich die Bevölkerung vor der Aggression der inter-national nicht anerkannten Huthis geschützt werden – wie sich zeigen sollte, ein grosser Irrtum. Saudi Arabien, VAE (bis 2019), Marokko (bis 2019), Katar (bis 2017), Senegal, Bahrein, Kuwait und Ägypten bildeten daraufhin die Jemen-Allianz, intervenierten militärisch und drängten die Huthis zurück. Salih begrüsste nach Abschluss der Operation Decisive Storm die Resolution und forderte die Huthis zum Rückzug aus den eroberten Gebieten auf. Gleichzeitig rief er zur „Rückkehr zum Dialog“ auf. Im Dezember 2017 schliesslich brach er mit den Huthis und schloss sich Saudi Arabien an. Am 04. Dezember desselben Jahres wurde er durch Huthi-Milizen getötet. Die Huthis stiessen inzwischen in Richtung Süden des Landes vor. Die Kämpfe wurden erbittert durch beide Seiten fortgeführt – sie zerstörten nahezu das ganze Land.
Zwischen den Fronten steht die Zivilbevölkerung, die den Repressalien beider Seiten ausgesetzt ist. Nach UN-Angaben wurden bislang rund 380.000 Menschen getötet – ein Grossteil davon an den indirekten Folgen des Kriegs: Hunger, Krankheiten, … Vier Millionen sind geflüchtet, etwa 20 Mio leiden an Hunger – darunter mindestens 311.000 Kinder an starker Unterernährung! Viele Kinder lassen sich inzwischen von den Milizen als Kindersoldaten rekrutieren um dadurch Zugang zu Nahrung zu bekommen.
Im April 2022 wurde unter Vermittlung der UNO eine Waffenruhe ausge-rufen, die zweimal verlängert – nun jedoch aufgekündigt wurde. Inzwischen haben sich auch die Vorzeichen geändert. So kämpfen beispielsweise die von den VAE unterstützten südjemenitische Einheiten für die erneute Unabhängigkeit der Region vom Norden, wie es vor der Vereinigung 1990 bestand. Sie machten auch keinen Halt vor den von Saudi-Arabien unterstützten jemenitischen Einheiten – es kam zu Kampfhandlungen zwischen den bisherigen Koalitionspartnern. Zudem will das sunnitisch-wahhabitisch geprägte Saudi-Arabien verhindern, dass sich der Einflussbereich des schiitischen Iran auch auf der arabischen Halbinsel vergrössert.
Das Vorgehen der Jemen-Allianz und hier vor allem jenes von Saudi Arabien ist jedoch äusserst umstritten.
„Saudi-Arabien und die Koalitionspartner bombardieren Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen. Das sind alles Kriegs-verbrechen.“
(Wenzel Michalski, Human Rights Watch)
Nicht zuletzt deshalb, aber auch aufgrund der Ermordung des Journalisten Kashoggi, entschied sich die Regierung Merkel, die Waffen-exporte nach Saudi Arabien nahezu einzufrieren. Beliefen sich die Rüstungsexporte Deutschlands an Saudi Arabien 2018 noch auf 416,4 Mio €, so waren es 2019 nurmehr 0,8, 2020 30,8 und 2021 2,5 Mio €. Im Vergleich dazu berichtet das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) von 23 % der gesamten US-Waffen-Exporte, die in Richtung Saudi Arabien verschifft wurden. Jetzt sorgt eine Zusage der Regierung Scholz für einen lauten Aufschrei: Deutschland liefert gemein-sam mit Italien, Spanien und Grossbritannien Munition, Ausrüstungs-gegenstände und Ersatzteile für die Tornados und Eurofighter (36 Mio €) sowie den Airbus A330 (2,8 Mio €).
„Das sind genau die Waffensysteme mit denen Saudi-Arabien in der Vergangenheit Luftangriffe im Jemen geflogen hat, auch immer wieder systematisch gegen zivile Ziele!“
(Max Mutschler, International Center for Conversion in Bonn)
An die Partnerstaaten der Jemen-Allianz wurde jedoch auch weiterhin geliefert.
Es werden wohl, so betonen Experten, Gegengeschäfte für die LNG-Gas-lieferungen sein. Diese Flüssiggaslieferungen wurden zwischen Bundes-kanzler Scholz und dem saudi-arabischen Königshaus vereinbart, zuvor führte auch Bundeswirtschaftsminister Habeck vorort entsprechende Verhandlungen – auch mit anderen Lieferstaaten. Der Aufschrei ist durchaus berechtigt, da sich Saudi Arabien nicht wirklich um die Menschenrechtscharta der UN schert. Das Land enthielt sich bei dessen Verabschiedung am 10. Dezember 1948. Allerdings ist für das Quasi-Monopol Russlands auf Gaslieferungen nach Deutschland die Grosse Koalition zwischen CDU/CSU und der SPD verantwortlich. In all den vorhergehenden Jahren wurde keinerlei Anstrengung unternommen, auf andere LNG-Lieferanten wie u.a. Kanada oder Argentinien zuzugehen. Donald Trump brachte es durch seine Kritik von Nordstream II auf’s Tapet, allerdings um selbst mehr Fracking-Gas verkaufen zu können. Zudem wurden entsprechende Massnahmen zur Energiewende viel zu zaghaft angegangen. Damit steckt die aktuelle Ampel-Regierung in der Bredouille: Nach wie vor schwebt das Damokles-Schwert des winterlichen Energie-Kollapses über den bundesdeutschen Köpfen. Geht das Gas aus, werden vielerorts auch die Lichter ausgehen.
Wie die Aufkündigung der Waffenruhe klarstellt, wird die Lage im Jemen nicht so einfach zu lösen sein, da sich die Kriegsparteien und deren Zulieferer weder an Absprachen halten, noch sich gesprächsbereit zeigen. Der von Russland ausgelöste Krieg in der Ukraine zeigt es in aller Grausamkeit auf: Will der Entscheider nicht, so siegt der, der den längeren Atem hat. Bis dahin wird sowohl in der Ukraine als auch im Jemen noch sehr viel Blut fliessen!
Filmtipps:
– Der vergessene Krieg im Jemen – Deutsche Welle
– The Great Escape from Yemen (Part1 & 2) – Rajya Sabha TV
– The Fight for Yemen – Frontline/BBC Arabic
– The Rise of the Houthis – BBC Arabic
Lesetipps:
.) Jemen – Der vergessene Krieg; Said AlDailami; C.H.Beck 2019
.) Yemen in Crisis: Autocracy, Neo-Liberalism and the Disintegration of a State; Helen Lackner;Saqi Books 2018
Links:
– www.un.org/securitycouncil/s/res/2216-%282015%29-0
– www.unocha.org
– www.unhcr.org
– www.unicef.org
– civil-protection-humanitarian-aid.ec.europa.eu/index_en
– www.sipri.org
– www.bicc.de
– www.bpb.de
– www.hrw.org
– www.oxfam.de
– www.sabanew.net
– www.spa.gov.sa
Pfui deibel!!!
Posted on 11/04/22 by Ulsto„Bis zu 80 Prozent aller ansteckenden Krankheiten werden über die Hände übertragen.“
(Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA)
Der Knigge – die Benimm-Bibel der zivilisierten Gesellschaft – hat so manche unnötige Passage enthalten, die sogar einen Angriff auf unsere Gesundheit bedeuten kann. Das Händeschütteln etwa. Hierzulande ist es eine Geste des guten Willens – ein Entgegenkommen. Gleichzeitig zeigt man dem Gegenüber dadurch auch, dass man keine Waffe in der rechten Hand hält. Nach Knigge schlägt der Ranghöhere dem Niedrigeren, die Frau oder der Gastgeber dem Anderen vor, sich die Hände zu reichen. Orthodoxe Juden etwa dürfen keiner Frau die Hand drücken, da in einer der Mitzwe der Tora geschrieben steht, dass Mann keinen Ehebruch begehen darf. Damit er erst gar nicht in Versuchung kommt, dies zu tun, darf er sich keiner Frau annähern (soweit also zur zeitgemässen Aus-legung von Religionen)! Na ja – andere Länder andere Sitten. In Fernost verbeugt man sich als Ausdruck der Wertschätzung – meines Erachtens gerade in Zeiten wie diesen sicherlich die bessere Variante. Die kommunistische Kusszeremonie? Bitte nicht! Könnte übrigens auch mit der Grund sein, dass grosse Teile der sog. „Busserl-Gesellschaft“ in diesen Monaten mit Corona bzw. der Grippe danieder liegen.
Nein – nicht dass Sie mich missverstehen: Ich habe nichts gegen den Händedruck! Doch haben Studien aufgezeigt, dass es unter Männlein und Weiblein verdammt viele Schmutzfinken gibt, die sich nach dem Toilettengang nicht die Hände waschen. „Hee Monk – wirst schon nicht daran sterben!“, werden nun einige unter Ihnen meinen. Kann allerdings u.U. tatsächlich der Fall sein. Im Schnitt gebe ich täglich zumindest vier-mal die Hand. Statistisch gesehen ist somit ein solches Ferkel wie der Sohn einer guten Ex-Bekannten dabei, der sich grundsätzlich nicht die Hände nach dem Toilettengang gewaschen hat. Dieser arbeitet nun im Einzelhandel, gilt also durchaus als potentieller Keimüberträger. So ist es auch geschehen, dass immer wieder Restaurants zusperren müssen, da Kellner oder Köche sich nicht die Hände waschen und hierdurch etwa Salmonellen weitergeben können. 2003 wurde beispielsweise ein Strand-bad in Klagenfurt/Kärnten wegen hygienischer Missstände geschlossen – es gab nicht weniger als 100 Personen, die sich in diesem Strand-restaurant angesteckt hatten. Die Justiz reagierte mit einer Verurteilung wegen fahrlässiger Gemeingefährdung und fahrlässiger Körperverletzung – somit also beileibe kein Kavaliersdelikt!!! Aus diesem Grunde kommt es immer häufiger vor, dass bei den Waschbecken in Personaltoiletten Kameras angebracht sind, die unhygienische Angestellte herausfiltern sollen. Peinlich nur, wenn der Chef selbst dabei ertappt wird!!!
Eine Umfrage der britischen Organisation „Food and Drink Federation“ (FDF) bestätigt die oben erwähnte Vermutung: 31 % der Männer und 17 % der Frauen schauen sich lieber im Spiegel an, ob noch alles passt, als die Hände zu waschen. Ein gross angelegter Raststationen-Test in Deutsch-land brachte noch weitaus schlimmere Ergebnisse ans Tageslicht: Nur 32 % der Männer und 64 % der Frauen haben sich nach dem Geschäft die Hände gewaschen – bei 200.000 Probanden!!! Die Wissenschafter der London School of Hygiene and Tropical Medicine brachten in einem zweiten Schritt Tafeln mit eindeutigen Botschaften an. Hier kam es nun zu einem erstaunlichen Unterschied. Männer reagierten vermehrt auf deftiges, wie „Seif es ab oder iss es später!“, Frauen hingegen auf sachliche Hinweise. Doch zeigten auch die Schilder nur einen begrenzten Erfolg. Tafeln, die das Schamgefühl ansprachen („Wäscht sich die Person neben Ihnen mit Seife?“), erzielten eine wesentlich bessere Wirkung (American Journal of Public Health).
UV-Licht zeigt auf, dass der Bakterienbefall nach dem Toilettengang doppelt so hoch ist wie nach dem Händewaschen oder vor dem WC. Dies sind vornehmlich Koli-Bakterien, die zu Brechdurchfall führen können. Das wäre dann die typische sommerliche Magen-Darm-Grippe, die auch durch ungenügend gekühlte Speisen oder Getränke auftreten kann. Der heimtückische Noro-Virus etwa übersteht ohne Probleme die Magen-säure. In der Darmschleimhaut angelangt, nistet er sich dort ein und lässt es sich gut gehen. Anzeichen für eine solche Erkrankung durch Noro-Viren ist plötzliche Übelkeit, Erbrechen und teilweise auch Durchfall. Dadurch trocknet der Körper aus. Wird nicht genügend Flüssigkeit zuge-führt, erfolgt eine Dehydrierung – dies kann tödlich enden.
Keine Angst – sie sollten nun keine Panik bekommen und stets das Des-infektionsspray mitführen. Richtiges Händewaschen hilft hier schon enorm weiter, da die fäkal-orale Schmierinfektion dadurch weitestgehend ausgeschlossen wird. Vergessen Sie dabei nicht die Fingerkuppen, Fingerzwischenräume und die Daumen – hier befinden sich die meisten Keime. Werden Hände jedoch zu häufig gewaschen, so beeinflusst dies den ph-Wert der Haut (sauer – liegt zumeist zwischen 4-7). Seifen sind jedoch basisch. Deshalb empfiehlt sich hier die Verwendung von ph-neutralen Seifen.
Auch wenn die Hände noch so sauber sind, gilt für alle, die Speisen zubereiten: Achten Sie auf die Frische der Speisen, garen sie diese nach Möglichkeit gut durch, Hygiene am Arbeitsplatz ist selbstverständlich und penibles Händewaschen ist ein „Muss“. 2011 gelangten EHEC-verseuchte Produkte auf den deutschen Markt. Viele Menschen verstarben an Folgeerscheinungen wie dem Nierenversagen, da sie die Warnhinweise nicht oder zu spät wahrgenommen haben. Auslöser dieser Epidemie waren aus Ägypten importierte, kontaminierte Bockshornklee-samen.
Dies gilt übrigens auch für die Bakterien und Viren in der kalten Jahres-zeit. Durch Husten, Niesen und Schnäuzen herrscht ein reges Treiben im Luftraum. Auch hier kann das richtige Händewaschen Wunder bewirken. Zudem sollten Sie in ein Taschentuch niessen oder mangels dessen in den linken Ärmel Ihres Pullovers husten. Wird die rechte Hand hierfür herangezogen, so werden auch hier die Atemwegserkrankungen direkt übertragen, da sich der mit einem Handshake Begrüsste sicherlich irgendwann mit der rechten Hand im Gesicht berührt. Verwenden Sie zur biologischen Abwehr Ihre linke Hand, so greifen Sie mit dieser auch dort-hin, wo andere Menschen ebenfalls angreifen: Dem Einkaufswagen oder dem Haltegriff in der Strassenbahn! Über die Schleimhäute der Augen, der Nase oder des Mundes gehen die Erreger über. Dann nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Das richtige Händewaschen sollte den Kindern bereits in der kindlichen Früherziehung beigebracht werden. Nach der Toilette, vor dem Essen, nach dem Angreifen von Treppengeländern oder Haltegriffen, wenn ich nach Hause komme, nach dem Tollen im Garten und dem Spielen mit Tieren, … Dies kann etwa spielerisch erlernt werden („Ich sehe was, was Du nicht siehst!“ oder „Nach dem Klo und vor dem Essen, Händewaschen nicht vergessen!“). Für die erforderliche Dauer bzw. Gründlichkeit kann zweimal „Happy birthday to you“ gesungen werden. Verleiht beim nächsten Kindergeburtstag Textsicherheit und dauert genau 20 Sekunden. Nicht zu vergessen auch das richtige Abtrocknen (am besten mit Einwegtüchern), da eine feuchte und warme Umgebung perfekter Nährboden für Keime darstellt: Feuchte Hände übertragen bis zu 1.000-mal mehr Keime als trockene. Die Gefahr bei Händetrocknern: Sie entfernen weniger Keime mechanisch und verteilen zudem viele in der Luft des Waschraumes.
Sofern Sie bereits den Weihnachtsurlaub in südlicheren Gefilden gebucht haben: Verwenden Sie niemals Eiswürfel und trinken Sie grundsätzlich nur aus geschlossenen Gefässen (wie Flaschen). Sollten dennoch Vergif-tungserscheinungen nach einem Restaurantbesuch auftreten, so müssen sie sofort durch eine ärztliche Untersuchung Sicherheit einholen. Da-neben ist es für etwaige Schadensersatzansprüche wichtig, möglichst viele Zeugen oder Selbst-Betroffene zu suchen. Denn hier gilt die Nach-weispflicht. So hat beispielsweise das Landgericht Leipzig (Aktenzeichen 5 O 1659/10) eine Schadensersatzklage zurückgewiesen, wonach der 15-jährige Sohn der Klägerin während eines Türkei-Aufenthaltes mit Salmonellen infiziert wurde und daran erkrankte. Die Frau jedoch konnte nicht die Schuld des Hotels nachweisen, da keine zehn Prozent der Hotelgäste erkrankt sind.
Sollte tatsächlich eine Virenerkrankung vorliegen, so muss diese aus-kuriert werden, da sie ansonsten verschleppt wird. Das körpereigene Abwehrsystem befördert durch Husten und Niessen die Atemwegs-Viren hinaus bzw. durch Erbrechen und Durchfall auch die Magen-Darm-Erreger. Hinzukommendes Fieber bringt die Abwehr auf Hochtouren. Begleitende Medikamentierung lässt die Krankheitssymptome bald abklingen. Diese aber sollte von einem Arzt verschrieben werden. Inzwischen gilt es, penibelste Hygiene einzuhalten und keinen körper-lichen Kontakt zu anderen Menschen zu pflegen. Auch das Kuscheln mit ihrer Hauskatze kann diese zum Überträger machen.
Durch die Ärzte-Serien im Fernsehen wissen wir, dass sich Ärzte beim Berühren von Patienten Einweg-Handschuhe überstreifen oder vor Operationen minutenlang die Hände waschen („5 Momente der Hände-hygiene“). Dies geht auf den Assistenzarzt Ignaz Semmelweis zurück. Er begann seine medizinische Karriere 1846 als Assistenzarzt an der 1. Gebärklinik des AKH Wien. Nicht weniger als 15 % der Frauen starben dort nach der Geburt ihres Kindes an Kindbettfieber. An der 2. Gebär-klinik war diese Sterblichkeitsrate wesentlich geringer. Semmelweis untersuchte dies und kam zu folgendem Ergebnis: In seiner Klinikab-teilung führten Ärzte die Geburten durch, in der 2. hingegen Hebammen. Die Hebammen hatten sich jeweils vor der Geburt die Hände gewaschen, die Ärzte nicht. Sie kamen teilweise direkt vom Sezieren in den Kreissaal. Dort infizierten sie die Frauen mit Leichengift. Doch kam die Erkenntnis bei Semmelweis erst nach dem Tod eines Freundes, dem Pathologen und Gerichtsmediziner Jakob Kolletschka, der beim Sezieren durch einen Student an der Hand verletzt wurde und an Blutvergiftung starb. Er zeigte dieselben Symptome wie die verstorbenen Mütter. Es folgten Tier-versuche mit Kaninchen und schliesslich die Desinfizierung der Hände und Geräte mit Chlorkalk. So konnte die Sterblichkeitsrate auf 1,3 % minimiert werden. Semmelweis wurde von vielen seiner Kollegen ange-feindet, vor allem aufgrund der Tatsache, dass sie nicht für den Tod der Frauen verantwortlich sein wollten. Am meisten übrigens durch den bekannten Pathologen Rudolf Virchow. Der Hygiene-Vorreiter wurde dadurch gebrochen, er ging nach Ungarn, wo er an der Universität Pest als Hebammenausbildner und Professor für theoretische und praktische Geburtshilfe lehrte. Unter nach wie vor nicht geklärten Umständen verstarb er an einer Krankheit in der Landesirrenanstalt Wien-Döbling. Erst nach seinem Tod führte 1867 der Chirurg Joseph Lister die Desin-fektion mit Karbol vor den Operationen ein.
Ein Grossteil der Erreger wird über unsere Hände übertragen. Auf den Handflächen eines Menschen tummeln sich über 200 unterschiedliche Keimarten (Viren, Bakterien, Pilze aber auch Würmer oder Parasiten). Durch das richtige Händewaschen können bis zu 99 % dieser Erreger einfach weggespült oder zerstört werden, da Seifen unter anderem Ten-side beinhalten, die die Schützhülle des Virus zerstören. Durch die Ver-wendung antibakterieller Seifen allerdings können Sie Erreger resistent machen oder Allergien auslösen. Diese enthalten beispielsweise den Bakterienhemmer Triclosan, der vom Bundesinstitut für Risikobewertung als gefährlich eingestuft wird.
„Lassen Sie besser die Finger davon!“
(Dr. Thomas Holzmann vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg)
Auch Desinfektionsmittel sollten Sie – im Gegensatz zu medizinischem Personal – nur dann zuhause verwenden, wenn ein Erkrankungsfall in Ihrer Familie festgestellt wurde. Zudem werden durch diese normal erhältlichen Mittel nicht alle Erreger abgetötet (Bakteriensporen etwa)! Und schliesslich enthalten die Profi-Desinfektionsmittel rückfettende Substanzen, die durch die Einreibemethode gemeinsam mit den Haut-fetten aus der Hornschicht wieder in die Haut gerieben werden.
In manchen Religionen gehört das „Lavabo“, das rituelle Händewaschen des Priesters, zur Messe dazu. Wir müssen es ja nicht übertreiben, doch dient Körperhygiene dem eigenen und dem Schutz der Gesellschaft – vor allem in Zeiten von Corona und der Grippe. So könnten jährlich rund 1 Mio Menschen gerettet werden, die an Durchfallerkrankungen oder deren Folgewirkungen sterben bzw. die Atemwegserkrankungen (als eine der Hauptursache für die hohe Kindersterblichkeit in den Entwicklungs-ländern) stark eingedämmt werden. Dies zeigt alsdann eine Studie aus Ländern der Dritten Welt auf: Nach der Einschulung zum richtigen Händewaschen mit Wasser und Seife konnten bei Kindern unter fünf Jahren Lungenentzündungen um 50 und Durchfallerkrankungen bei Kindern unter 15 Jahren gar um 53 % reduziert werden. Doch auch in Kanada, den USA und Australien wurden durch das richtige Hände-waschen in Kinderbetreuungsstätten grosse Erfolge erzielt: So gingen grippale Infekte und Atemwegserkrankungen um 32 % zurück. Selbstver-ständlich auch bei Erwachsenen: Im Rahmen einer Untersuchung der US-Navy mussten Soldaten fünfmal täglich gründlich die Hände waschen. Die Zahl der Atemwegserkrankungen ging um satte 45 % zurück. Das sollte uns die kurze Zeit am Waschbecken und die vergleichbar günstige Seife durchaus wert sein, denn: Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie wissen wir, dass richtiges Händewaschen Leben retten kann. Dabei ist es nicht relevant, ob das Wasser warm oder kalt ist (bezugnehmend auf die derzeitige Energie-Diskussion) – entscheidend ist die Dauer und somit die Gründlichkeit des Reinigens. Nur heisses Wasser kann noch mehr bewirken – das aber verbrüht die Hände und schädigt den natürlichen Säure-Fettmantel der Haut. Wenn keine Seife vorhanden ist: Durch Wasser lassen sich viele Magen-Darm-Bazillen wegspülen, wirklich sauber jedoch werden die Hände dadurch nicht. In einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) verwendeten 87 % die Seife, allerdings nutzten nur 36 % die empfohlenen 20 Sekunden. Dabei sollte jedoch auch nicht vergessen werden, dass zu häufiges Händewaschen die Haut austrocknet, wobei Keime wesentlich besser durch die schützende Schicht in den Körper eindringen können.
Zuletzt noch drei Tipps: Reinigen Sie öfters das Lenkrad Ihres Fahr-zeuges, das Display des Handies oder die PC-Tastatur mit einem Mikro-fasertuch und/oder einem entsprechenden Desinfektionsspray – beides sind richtiggehende Keimschleudern!
Übrigens: Der 5. Mai ist Welthändehygienetag, der 15. Oktober Welt-händewaschtag!
Anreize für Kinder:
– „Happy birthday to you“ zweimal singen
– „Hände waschen, Hände waschen muss ein jedes Kind“ – fünfmal singen
– Schaumwettbewerb mit Stoppuhr – wer macht mehr Schaum innerhalb von 20 bzw. 30 Sekunden
– Malseife macht die Hände während des Waschens farbig
– Schwabbelige Wabbelseife verwenden
– Glitzerseife
– Knisterbad dazugeben
Links:
– www.infektionsschutz.de
– www.gesundheit.gv.at
– www.bmgf.gv.at
– www.unicef.de
– www.meduniwien.ac.at
– www.who.int
– www.rki.de
– www.ages.at
– www.arbeitsinspektion.gv.at
– www.oeghmp.at
Lesetipps:
.) Hände-Hygiene im Gesundheitswesen; Günter Kampf; Springer 2013
.) Wie wirksam ist händewaschen gegen Influenzaviren?; Maren Eggers / Elena Terletskaia-Ladwig / Martin Enders; Hygiene & Medizin 2009
.) Haben wir seine Botschaft verstanden? Ein Abriss zur Geschichte der Händehygiene anlässlich des 200. Geburtstages von Ignaz Philipp Semmelweis; N.O. Hübner / I. Schwebke; Epid Bull 2018
.) Infektionsschutz durch Hygiene. Einstellungen, Wissen und Verhalten der Allgemeinbevölkerung; A. Rückle / L. Seefeld / U. Müller et al., BZgA-Forschungsbericht 2018
.) Kurzlehrbuch Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie; Uwe Groß; Georg Thieme Verlag 2013
.) An internet-delivered handwashing intervention to modify influenza-like illness and respiratory infection transmission (PRIMIT): a primary care randomised trial; P. Little / B. Stuart / FD. Hobbs / M. Moore / J. Barnett / D. Popoola et al.; Lancet 2015
.) Handwashing and respiratory illness among young adults in military training; MA. Ryan / RS. Christian / J. Wohlrabe; Am J Prev Med 2001
Brasilien wählt – der Klimaschutz hält den Atem an
Posted on 09/30/22 by UlstoNach den vorgezogenen Parlamentswahlen von Italien am vergangenen Wochenende steht an diesem eine erneute, folgenschwere Wahl an: Die Wahl des Präsidenten im grössten Land des lateinamerikanischen Konti-nents: Brasilien!
Insgesamt sind 156,7 Mio. Einwohner zur Wahl aufgerufen. Was dieser Urnengang bewirken kann, hat die letzte Wahl im Jahre 2018 aufgezeigt. Der Rechtspopulist Jair Messias Bolsonaro machte seiner politischen Einstellung alle Ehre. Sehr zum Ärger der Klimaschützer und Geber-staaten. Bolsonaro steckte zwar die fleissig bezahlten Gelder zum Erhalt des Amazonas-Regenwaldes ein, liess diesen aber unter dubiosesten Umständen trotzdem grossflächig niederbrennen oder roden. Das verschaffte ihm den Spitznamen „politischer Pyromane im Präsidenten-palast“. Ob Naturschutzgebiet oder Schutzzone indigener Völker – voll-kommen gleichgültig. Sein Ziel und damit auch Lebenswerk hat Vorrang vor allem anderen: Die Durchmesser-Autobahn B-163 vom Süden des Amazonas bis zur Grenze Surinams. Zuerst leugnete der die Brände. Als Satellitenbilder des staatlichen Instituts für Weltraumforschung INPE klare Beweise lieferten, setzte er die Verantwortlichen dieser Bundesbehörde auf die Strasse. Nun schob er die Schuld auf die Sonne und den Wind, später dann auf Europäer und Umweltschützer, die den Amazonas-Regenwald angeblich in Brand gesteckt haben sollen um ihn zu verun-glimpfen. Dabei wäre die „grüne Lunge unseres Planeten“ gerade in diesem Jahr so wichtig, da selten zuvor weltweit dermassen viele Wald-brände wüteten, die zu einem Rekordausstoss von CO2 führten.
Daneben hat sich Bolsonaro, wie kein anderer brasilianische Präsident vor ihm, selbst abgesondert – in Art und Weise seines grossen Vorbildes Donald Trump. Nurmehr wenige wollten mit Brasilien zusammenarbeiten. So boykottierten etwa der französische Präsident Macron, aber auch sein Kollege Higgins von der irischen Insel das geplante Freihandels-abkommen zwischen der EU und Südamerika. „Mercorsur“ sollte schon 2019 auch mit der EU in Kraft getreten sein, wurde alsdann durch das brasilianische Parlament bereits abgesegnet, doch entschieden sich immer mehr EU-Nationalparlamente dagegen, so auch Österreich. Wichtigste Massnahme wäre der Schutz des Regenwaldes, der nicht zuletzt für die Ziele des Handelsabkommen (Export von Rindfleisch und Soja) niedergebrannt wurde und noch immer wird. So deckte die Umwelt-schutzorganisation Greenpeace auf, dass illegale Abholzungen im Feuchtgebiet Pantanal mit dem deutschen Fleischhandel in Verbindung stehen. Einen entsprechenden Passus im Vertrag lehnt Bolsonaro kategorisch ab. Angelegt hat er sich mit nahezu jedem Regierungschef dieser Welt.
Alles andere entspricht der rechtspopulistischen Grundlagen-Politik: Mehr Macht dem Militär (damit es nicht zu einem Militärputsch kommt) und Ausschalten der kritischen Medien. Eine kurze Geschichte, damit Sie ein besseres Bild von ihm erhalten: Im Jahre 2012 wurde er beim illegalen Angeln im Naturschutzgebiet Estação Ecológica Tamoios südlich von Rio de Janeiro erwischt und erhielt eine saftige Strafe, die er jedoch nie bezahlte. Der Beamte der Umweltbehörde, der dies fotografierte und zur Anzeige brachte, wurde entlassen. Somit war Bolsonaro also alles andere als der erwartete „Messias“ des Landes. Ob seine Söhne, die ebenfalls in der Politik aktiv wurden (zumindest drei von vier), ihn beerben werden, wird sich wohl nach dieser Wahl herausstellen.
Brasilien ist ein Schwellenland, das sich eigentlich auf einem an sich recht guten Weg befand. Doch forderten Korruption und Misswirtschaft enorme Opfer – die wirtschaftliche Situation des Landes war nach der Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2016 und der Fussball-WM 2014 mehr als prekär. Wurden davor noch kräftige Gewinne eingefahren, sank das BIP 2015 um 3,8 %, ein Jahr später um erneut 3,4 %. Verantwortlich dafür zeichneten die gerne als „Brasilien-Kosten“ bezeichneten Zusatzaus-gaben für Korruption, miserabler logistischer Infrastruktur und hohe Steuern sowie Finanzierungskosten. All das setzte sich auch unter Bolsonaro fort. Das BIP (nominal) sank von 1.917 Mrd. US-Dollar 2018 auf 1.609 Mrd. im Jahr 2021 (Angaben: Weltbank). Es muss also dringendst ein Marshallplan gefunden werden, damit die Situation in Brasilien, die geprägt ist von Arbeitslosigkeit, Hunger und ständigen Demonstrationen, verbessert werden kann. Bolsonaro hatte vier Jahre Zeit hier anzugreifen – doch verschlimmerte sich vieles. Gegenwärtig leiden rund 33 Mio Menschen unter Hunger.
Der kommende Sonntag ist – wie alle vier Jahre – ein Super-Wahlsonntag. Neben dem Präsidenten (Staatsoberhaupt und Regierungschef) werden auch die Senatoren und Abgeordneten des Nationalkongresses gewählt, die Gouverneure und Vize-Gouverneure der Bundesstaaten und die Abgeordneten der Legislativversammlungen. 12 Personen stellen sich der Präsidentenwahl. Nur zweien davon werden auch Chancen eingeräumt, die kommenden vier Jahre regieren zu können: Jair Messias Bolsonaro von der Liberalen Partei (rechts) und Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei (links). Wie bei Rechtspopulisten anscheinend üblich, bekundete Bolsonaro Zweifel an der Sicherheit des Wahlsystems – dubios, schliesslich hätte er diese in den abgelaufenen vier Jahren herstellen können. Die elektronische Wahlurne ist seit 1996 im Einsatz – die unterschiedlichsten Untersuchungen (auch der UNO) haben nach-gewiesen, dass das System in Ordnung sei. Seither gab es 13 Regional- und Präsidentschaftswahlen – bislang ist noch kein Hinweis oder Beleg für einen Betrug aufgetaucht, betont das Oberste Wahlgericht. Kein Argument für Bolsonaro – das ging gar soweit, dass er meinte, er werde das Wahlergebnis nicht akzeptieren, sollte er nicht gewinnen – das wäre dem Wahlbetrug zuzuordnen. Inzwischen hat er diese Aussage zurück-gezogen. Beide Spitzenkandidaten allerdings könnten unterschiedlicher nicht sein.
.) Jair Messias Bolsonaro
Seine italienischen Vorfahren sind im auslaufenden 19. Jahrhundert ausgewandert. Durch seine um 27 Jahre jüngere dritte Ehefrau kam der römisch-katholische Politiker in Kontakt mit den Baptisten und evangelikalen Freikirchen. Sie sollten ihn auch entscheidend unterstützen. Die politische Laufbahn Bolsonaros begann im Jahre 1988, als er sich für die Christdemokraten (PDC) in den Stadtrat von Rio de Janeiro wählen liess. Zwei Jahre später zog er in die Abgeordneten-kammer des Parlamentes ein. Seither wechselte er die Parteien wie andere ihre Autos – bislang acht mal. 2018 kandidierte Bolsonaro für die in’s rechts-konservative Lager abdriftenden Sozial-Liberalen (PSL) für die Präsidentschaftswahlen. Dabei erhielt er die Unterstützung der Rechts-extremen. Sein Programm gleicht dem aller rechts von der Mitte stehenden Volksvertretern: Kampf gegen die Kriminalität, die Korruption und die Wirtschaftskrise und das Recht auf Waffenbesitz, sowie eine Minimierung des Einflusses der Gerichte und damit des Rechtsstaates. Starker Tobak sind seine rassistischen, frauenfeindlichen und homo-phoben Aussagen.
„Sie verdient es nicht, weil sie sehr hässlich ist. Sie ist nicht mein Typ. Ich würde sie nie vergewaltigen.“
(Bolsonaro über die Abgeordnete Maria do Rosario)
Bei der Stichwahl gegen Fernando Haddad von der Arbeiterpartei („Partido dos Trabalhadores“) am 28. Oktober 2018 schliesslich erhielt er 55,1 % der Stimmen.
.) Luiz Inácio Lula da Silva
„Lula“, so sein Spitzname, kommt aus ärmlichen Verhältnissen und ist Gründungsmitglied der Arbeiterpartei Brasiliens („Partido dos Tralhadores“). Er hatte in den Jahren zwischen 2003 und 2011 bereits die Führung des Landes inne. Den Regierungsstil bezeichnen Experten als „assistenzialistische Sozial- und entwicklungsorientierte Wirtschafts-politik“. Seine Sozialpolitik setzte durch Programme wie Bolsa Família, Fome Zero und dem „Eine-Million-Häuser-Programm“ innenpolitisch wesentliche Akzente bei der Bekämpfung der Armut und des Hungers. Bei der Bekämpfung des milliardenschweren Korruptionsskandals in der „Operation Lava Jato“ („Operation Waschstraße“) wurde Lula 2017 wegen Korruption und passiver Geldwäsche angeklagt, zu zwölf Jahren Haft verurteilt und vorerst für 1,5 Jahre weggesperrt. Investigative Journalisten (etwa von The Intercept) meinen: Zu Unrecht! Es soll sich dabei um Absprachen zwischen Bolsonaro, Staatsanwälten, den politischen Gegnern Lulas und dem damaligen Bundesrichter Sergio Moro gehandelt haben, der im Übrigen später von Bolsonaro zum Justizminister ernannt worden ist. Da Silva sollte durch die Haft an der Teilnahme der Wahl gehindert werden. Das oberste Gericht hob das Urteil Anfang 2021 aus formellen Gründen auf – Sergio Moro soll parteilich befangen gewesen sein.
Sollte am 02. Oktober keiner der Kandidaten im ersten Wahlgang über die absolute Mehrheit verfügen, wird es wieder eine Stichwahl geben – wie auch 2018. Übrigens herrscht in Brasilien Wahlpflicht. Fehlt ein Wahlberechtigter unentschuldigt, erhält er eine Strafe von umgerechnet rund neun Euro. Bei Wiederholung kann er gar sein Wahlrecht verlieren.
Bolsonaros Partei, die „Partido Liberal“ hat sich für diese Wahl mit der „Partido Progressistas“ (Progressiven) und den Republikanern („Republi-canos“) zum Bündnis „Pelo Bem do Brasil“ („Zum Wohle Brasiliens“) zusammengeschlossen. Da Silva hingegen kandidiert für das Bündnis „Vamos Juntos Pelo Brasil“ („Wir gehen zusammen für Brasilien“) – einer Vereinigung der unterschiedlichsten Strömungen und Parteien. Nachdem sich Lula gegen die Entwaldung des Amazonas-Gebietes und die dort herrschende Gewalt v.a. gegen indigene Völker ausgesprochen hat, versprach auch Bolsonaro ein Ende des Ganzen. Damit ist der Regenwald zum schwergewichtiges Wahlkampfthema avanciert. Daneben ging es um die Ernährungssicherheit und der Entlastung der Bevölkerung. Da Silva hatte dies während seiner Regentschaft umgesetzt, Bolsonaro sträflichst vernachlässigt. Er schuf zwar mehr Arbeitsplätze, doch sanken die Löhne und Lebensbedingungen.
„Ich arbeite bis zu 13 Stunden am Tag für 200 Euro im Monat. So kann man nicht überleben.“
(Alexandre Magalhães, Wachmann auf dem Parkplatz eines Supermarktes und Rapper „MC Macarrão“)
Daneben ist die Arbeitslosigkeit nach wie vor allerorts spürbar
Bolsonaro baute seinen Wahlkampf auf Emotionen auf: „Kampf des Guten gegen das Böse“! Das „Böse“ habe 14 Jahre lang im Land gewütet und dabei Brasilien fast zerstört. Lula beschuldigt Bolsonaro aufgrund seines Krisenmanagements während der Corona-Pandemie als „Völkermörder“. Zuletzt gingen auch die Anhänger der beiden Kontrahenten gewalttätig aufeinander los. Dabei wurde beispielsweise Anfang September ein Anhänger Lulas von einem Anhänger Bolsonaros mit der Axt erschlagen, ein anderer erschossen.
Das Oberste Wahlgericht hat bereits genaueste Kontrollen vorausgesagt und die Sicherheit der Wähler und ihrer Stimmen garantiert. Das Zünglein an der Waage jedoch könnte das Militär werden. wie wird es sich verhalten, sollte Bolsonaro nicht die Mehrheit erringen? Nachdem da Silva zuletzt in den Umfragen führte, versuchte Bolsonaro die letzten Kräfte zu mobilisieren – auch im Militär. Bereits 2018 war dieses dem ehemaligen Major wohlgesonnen. Vielen Armeeangehörigen hat er zudem Posten in der Regierung vermittelt. Der engste Vertraute des amtierenden Präsi-denten ist dessen Verteidigungsminister, General Walter Braga Netto, der bei einem Erfolg Bolsonaros gar Vizepräsident werden soll. Deshalb schlug der „Chef“ auch vor, eine parallele Stimmauszählung durch das Militär vornehmen zu lassen. Das lässt durchaus Erinnerungen an die Militärdiktatur von 1964 bis 1985 aufkommen. Dennoch hat die Armee angekündigt, Stichproben zu nehmen. Mit dem Argument, eine Zuver-lässigkeit der Stimmen auf 95 % zu gewährleisten. Zum Missfallen des Obersten Wahlgerichtes: Das betont, dass über 100 internationale Wahl-beobachter aus den unterschiedlichsten Organisationen eingeladen wurden.
„Es ist nicht klar, wie groß der Teil der Militärangehörigen ist, die Bolsonaro wirklich unterstützen.“
(Carolina Botelho, Politikwissenshaftlerin an der föderalen Universität Rio de janeiro)
Einen Militärputsch schliessen Experten inzwischen jedoch aus. Einerseits ist der Rückhalt Bolsonaros hier nicht entsprechend gross, andererseits gäbe es hierfür auch kein Verständnis in der Bevölkerung.
Seine Anhänger allerdings glüht Bolsonaro bereits vor. Es ist somit durchaus möglich, dass sich auch in Brasilia derart schändliche Szenen wie in Washington ereignen werden. Dabei werden wohl auch Waffen eine entscheidende Rolle spielen, schliesslich lockerte der Präsident die Waffengesetze, sodass sich in den letzten fünf Jahren die Waffenbesitzer verzehnfacht haben. Sein Sohn, der Abgeordnete Edorado Bolsonaro, hat inzwischen alle Waffenbesitzer dazu aufgefordert, sich zu einem „Freiwilligen Bolsonaros“ zu machen. Die Universität Rio veröffentlichte zuletzt eine Untersuchung, wonach die politische Gewalt in Brasilien in den letzten drei Jahren um 335 % angestiegen ist. Eine aktuelle Umfrage des Institutes Datafolha zeigte auf, dass 67,5 % der Befragten Angst vor Repressalien durch politische Gewalt haben.
„Gewalt findet systematisch statt und wird eingesetzt, um bestimmte Ziele zu erreichen. Es ist super wichtig, dass mehrere Organisationen und Institute versuchen, diese Gewalt abzubilden. Aber wir wissen, dass die Straflosigkeit noch immer sehr hoch ist, und das ermutigt auch die Täter“.
(Gisele Barbieri, Justiça Global)
Gewalttaten an Unterstützern der Arbeiterpartei sind inzwischen an der Tagesordnung – oftmals begangen durch rechte bewaffnete Milizen.
In den letzten Umfragen führte stets Lula mit teils grossem Vorsprung (auch bei einer möglichen Stichwahl)!
PS:
Der Objektivität halber sollte auch die ehemalige Website von Jair Bolsonaro unten angeführt werden. Wie jedoch darauf zu lesen ist, wurde die Seite nicht mehr gepflegt und bezahlt. Also erwarb der Geschäfts-mann Gabriel Baggio Thomaz die Domain und gestaltete im August den Inhalt gegen die Bolsonaro-Regierung um.
Links:
– partidoliberal.org.br
– lula.com.br
– pt.org.br
– www.brazil.gov.br
– www.gov.br
– www.tse.jus.br
– www.camara.leg.br
– www.senado.gov.br
– kas.de
– www.greenpeace.de
Kriegsmilliardäre – das unmoralische Angebot
Posted on 09/23/22 by Ulsto„Exxon made more money than God this year!“
(US-Präsident Joe Biden)
Es hat sehr lange gedauert, bis sich auch auf nationaler Ebene etwas tut. Nachdem aber EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen nun ange-kündigt hat, Übergewinne der Energiekonzerne abschöpfen und auf die Mitgliedsstaaten verteilen zu wollen, sowie eine befristete Erlös-Obergrenze für „inframarginale“ Strom-Produzenten (nicht auf Gas und Erdöl basierend) einführen zu wollen, herrscht nun auch in Berlin und Wien reges Pläneschmieden. Am 30. September werden die ent-sprechenden EU-Minister über den Gesetzvorschlag der Kommission abstimmen. Für viele jedoch kommen diese Massnahmen zu spät.
Selten zuvor hat sich die Preisspirale vor allem in Deutschland und Österreich schneller gedreht als in den vergangenen 7 Monaten. Kopf-schüttelnd stehen die meisten Konsumenten vor den Regalen der Super-märkte. Viele würden zwar gerne, doch können sie nicht: Sie können nicht mehr zugreifen, da es zu teuer für sie ist. Die Preise sind der-massen in die Höhe geschnellt, dass einem schwindelig dabei wird. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine kosten viele Produkte das Doppelte. Konnte man davor noch sparen, indem nicht unbedingt auf Markenartikel sondern vielmehr auf Diskont-Ware zurück-gegriffen wurde, so ist dies inzwischen nicht mehr möglich, da auch diese zugelegt hat, sodass viele nicht wissen, wie sie diesen Winter über die Runden kommen sollen. Die Lebenshaltungskosten steigen unauf-hörlich – jetzt mit dem Beginn der Heizperiode, wird vieles noch wesent-lich schlimmer werden.
Die Gründe, die dahinterstecken sind vielfältig – sie alle klären zu wollen, würde den Rahmen des Blogs sprengen. Doch auf den wohl schwerge-wichtigsten, sei heute im Detail eingegangen: Die Energiepreise. Wären die Sprit- und Gaspreise möglicherweise noch erklärbar, so grenzen die hohen Strompreise an Wucher. Nie zuvor gab es mehr Photovoltaik und Strom aus Windkraft als in diesen Tagen. Und Petrus meint es gar noch gut mit uns: Es war der sonnenreichste Sommer seit Jahrzehnten: 99,4 Terrawattstunden Solarstrom wurden zwischen Mai und August 2022 in der EU produziert (12 % der Stromproduktion) – umgerechnet auf den derzeitigen Gaspreis hätte dies einem Gasimport von 29 Milliarden € entsprochen. In Deutschland wurden 19 % des erzeugten Stroms durch die Sonne abgedeckt, in Spanien 17 und in den Niederlanden gar 23 %. Zudem zogen Fronten auf, aber auch durch die lokalen Sturmereignisse drehten sich die Riesenpropeller der Windparks um einiges schneller und länger. Energie, die in den letzten 7 Monaten keinerlei Mehrkosten wegen Rohstoffbedarfs oder Transports verursachte und trotzdem war die Kilo-wattstunde nie teurer als derzeit. Was ist da geschehen?
Der nächste Satz schmerzt – hätte auch niemals gedacht, dies einmal öffentlich sagen zu müssen: Donald Trump hatte mit Nordstream recht! Allerdings hatte er es mehr als schlecht verpackt, schliesslich dachte wohl jeder, dass er das US-amerikanische Fracking-Gas und -Öl ver-kaufen wollte. Anders formuliert, hätte er sicherlich wesentlich mehr Befürworter dafür gefunden: Die allzu starke Bindung an nur einen Anbieter kann zu Problemen führen. China etwa ist ein energiefressender Moloch. Das Land verbraucht fast das Doppelte an Energie als die USA. Auf Platz 3 folgt Indien. Gerade die historisch gewachsenen Beziehungen zwischen Moskau und Peking hätten auch ohne den Einmarsch der Russen in die Ukraine ausgereicht, Alternativen im Einkauf zu suchen. Auch wenn es moralisch durchaus kritisierbar ist, menschenrechts-verachtende Emirate im Nahen Osten oder Regime (wie Venezuela) zu beauftragen, hätte sich eine wesentlich breitere Anbieterschaft und dadurch bessere Aufstellung in der Energiewirtschaft ergeben. Wenn nun – wie geschehen – Putin den Hahnen zudreht oder die Sanktionen keinen weiteren Import von russischem Erdöl zulassen, hätten andere Anbieter den Ausgleich liefern können. Dies wurde jedoch unterlassen. Anstatt dessen belief sich im Jahr 2020 der Anteil der russischen Ölimporte in Deutschland auf 30 % – beim Gas sogar auf 65 %. In Österreich waren es 2021 ganze 38,1 % beim Öl und sage und schreibe 80 % beim Gas. Wie sich dieses Preisspirale dreht – hier ein kleines Beispiel: Die Stadtwerke Konstanz werden zum 01. Oktober die Gaspreise um 200 % steigern. Das Gas wird durch den Fernleitungsbetreiber Terranet BW, einer Tochter der EnBW, zugeliefert. 2017 wurde die Verbundnetz Gas AG (VNG) in Ostdeutschland übernommen. Die VNG versorgt(e), wie auch Uniper, Stadtwerke mit Billiggas aus Russland – jetzt ist sie in argen Schwierig-keiten, da sie das Gas wesentlich teurer über etwa Norwegen oder die Niederlanden einkaufen muss. Die VNG hat deshalb um Hilfe aus der Gasumlage angesucht. Diese ist dafür gedacht, bestehende Verträge erfüllen zu können, ohne dabei Millionenverluste zu machen. Soll heissen, dass das Gas zum bislang geltenden Preis weitergegeben wird. Wenn dies tatsächlich der Fall ist: Wieso erhöhen die Stadtwerke Konstanz dann den Gaspreis derart eklatant (Gasumlage bereits einge-rechnet)? VNG kann keine Gewinne machen, da ansonsten die Hilfe aus der Gasumlage nicht gewährt wird!
Daneben wurde zwar viel versprochen, doch nur wenig gehalten – von der Loslösung von fossilen Brennstoffen. Wurde die Kohleverbrennung eingeschränkt, so vervielfachte sich dafür die Gasnutzung. Weshalb auch etwas ändern, wenn diese Energieart in Hülle und Fülle vorhanden und entsprechend günstig ist. Nun fällt dieses Kartenhaus zusammen. Industrie und Handwerk sind in viel zu grossem Ausmass vom Gas abhängig. So betonte etwa der CEO der Grossbäckerei Lieken, Christian Hörger, im Podcast „Die Stunde Null“, dass das Brot aus zweierlei Gründen teurer werden muss: Die Preise für Mehl sind ordentlich angestiegen (dieses Thema habe ich an dieser Stelle bereits abgearbeitet – Deutschland produziert mehr Getreide, als es verbraucht – sind somit vornehmlich Gierflation-Interessen) und nahezu alle Öfen der Bäcker laufen noch mit Gas! Brot ist das wichtigste Grundnahrungsmittel Deutschlands: Herr Müller und Frau Schmidt verbrauchen pro Jahr 20 kg – pro Kopf!
Und nun zurück zum Strom: Auch bei den Kraftwerksbetreibern gab es in den letzten Jahren eine grossflächige Umstellung: Von Kohle auf Gas! V.a. die Klimasünderin Braunkohle, deren Abbau nach wie vor in Deutschland erfolgt (nun für den Export), aber auch die Steinkohle, die aus Polen und v.a. Russland importiert wurde, sind nahezu gänzlichst vom Markt verschwunden. Kohlekraftwerke wurden abgeschaltet, Gaskraftwerke aufgestellt. Der Bedarf ist nach wie vor da und auch vonnöten. Beispiel? Das deutsche Flächenland Baden-Württemberg ist seit einigen Jahren in der Lage, den Strombedarf am Sonntag-Nachmittag nur aus Photovoltaik zu beliefern. Ziehen jedoch Wolken auf, die Sonne verschwindet, wird von einer Minute auf die andere immens viel Strom weniger geliefert. Damit das Netz nicht zusammenbricht, werden hierfür Gaskraftwerke hoch-gefahren. Das Problem stellte sich beispielsweise auch bei der Sonnen-finsternis 1999. Erschwerend hinzu kommt die Energie- und Kernkraft-wende. AKWs werden reihenweise abgeschaltet ohne gleichwertige Alter-nativen liefern zu können. Die Zeit dafür wäre da gewesen, doch warteten die Entscheider bis zuletzt! So ist die Stromtrasse, die den deutschen Süden mit Windstrom aus Windparks in der Ost- und Nordsee versorgen sollte, nur auf dem Papier vorhanden. Die drei, derzeit noch laufenden Kernkraftwerke liefern nach wie vor enorm viel Strom:
– Isar 2 (Betreiber: Preussen Elektra und Stadtwerke München) 1.485 Megawatt
– Emsland (Betreiber: RWE, Preussen Elektra) 1.406 Megawatt
– Neckarwestheim (Betreiber: EnBW) 1.400 Megawatt
Alle drei sollten in den kommenden Monaten vom Netz gehen – teilweise werden sie bereits runtergefahren. Atomstrom ist der günstigste Strom, rechnet man die Kosten für die Endlagerung nicht hinzu, die jedoch eigentlich durch Stiftungen, bestückt aus dem laufenden Betrieb, abge-deckt sein sollte. Hier gab man sich blauäugig und verliess sich im Notfall auf Frankreich, das nach wie eine unheimlich hohe AKW-Dichte aufweist. Was hier nicht einberechnet wurde: Die französischen Atom-meiler sind grossteils Schrottmeiler und werden nach und nach wegen Sicherheitsbedenken runtergefahren. Woher kommt nun Ersatz für die drei deutschen AKWs?
Dies alles sind grundsätzliche Probleme, die bereits für ein Ansteigen des Energiepreises ausreichen. Nun aber kommen die Finanzhaie in’s Spiel. Jene Investoren, die früher beispielsweise in Hedgefonds investierten, jetzt andere Betätigungsfelder suchen: Agrar und Energie! Die Rendite muss stimmen – alles andere ist gleichgültig. Moral? Nein – die gibt es in diesem Bereich nicht. Im Agrarsektor schon seit Jahren ein riesiges Problem. Werden doch bereits vor der Ernte riesige Mengen an Getreide, Mais und Raps aufgekauft, damit nach der Ernte die Preise in die Höhe schnellen (geringes Angebot am Markt) und unvorstellbare Gewinne damit gemacht werden. Das gilt nun auch für den Energiesektor. Riesige Mengen an Gas und Öl werden aufgekauft, die Strompreise an den entsprechenden Börsen wie „European Energy Exchange“ (EEX) in Leipzig oder „Energy Exchange Austria“ (EXAA), vor allem aber der EPEX (dem Zusammenschluss der deutschen EEX mit der französischen Powernext in Paris) für den Markt der Central Western Europe (CWE) künstlich nach oben getrieben. Dort ist bekannt, dass vor allem im Winter weniger Strom zur Verfügung stehen wird (wenn die Heizlüfter allerorts ihre Arbeit versehen), der dann mit wesentlich grösserer Gewinnmarge verkauft werden kann. Ein Fehler, den die EU im Jahre 1996 mit der Liberalisierung (EU Richtlinie 96/92/EC) anschob, die einen freien Verkauf auch über die Grenzen hinweg ermöglichte. Davor war dies national organisiert. Somit tritt etwa der Irrsinn auf, dass österreichische Bundesländer wie Tirol und v.a. Vorarlberg durch Wasserkraft so viel Strom produzieren, den sie gar nicht selbst aufbrauchen, ihn als Spitzenstrom zu den Preisen der Börsen in’s Ausland verkaufen, die Kilowattstunde bei den heimischen Abnehmern hingegen ebenfalls ordentlich anheben, mit dem Verweis auf die internationale Preisentwicklung. Österreich hat kein Atomkraftwerk und damit eigentlich nicht direkt Zugriff auf den billigen Atomstrom (der jedoch v.a. aus der Slowakei und Tschechien, sowie Ungarn einfliesst). Dennoch wurde im Rahmen der Liberalisierung der sog. „ARENH-Preis“ (Accès régulé à l’électricité nucléaire historique) als Bezugspreis für Stromlieferanten festgelegt, die keinen Zugang zu Atomstrom haben. Die Börsenpreise in Frankreich liegen jedoch oftmals über diesem Preis. Pervers, wird dadurch doch der eigentlich günstigere Atomstrom teurer als beispielsweise Strom aus Wasserkraft verkauft. Österreich teilt sich mit Deutschland den Markt und ist somit an die deutschen Preise gebunden.
Eine sehr ausführliche Erklärung, die jedoch erforderlich war um das nachfolgende verstehen zu können: Die Übergewinn-Abschöpfung. So sank etwa der Gaspreis innerhalb kürzester Zeit, als bekannt wurde, dass er möglicherweise gedeckelt werden soll. Dies hätte wenn vielleicht auch keine Verluste, so doch eine enorme Einschränkung der Gewinne der Spekulanten bedeutet.
„Eine reine Umverteilung von Erlösen greift aber zu kurz und wird unweigerlich zu neuen Problemen führen. Wir hätten einen Zugang vorgezogen, der das Thema an der Wurzel packt.“
(Michael Strugl, Präsident von Österreichs Energie und Verbund-Chef)
Neben all den folgenden Informationen sollte eines niemals vergessen werden: Wir müssen uns im Energieverbrauch einschränken! Der World Overshoot Day war dieses Jahr am 28. Juli – ab diesem Zeitpunkt leben wir von den Geo-Ressourcen des kommenden Jahres. Und dieser Tag rückt immer mehr nach vorne! Die EU-Kommission fordert deshalb nicht umsonst die Einschränkung zu Spitzenstromphasen um mindestens 5 % – das würde eine Verringerung des Gasverbrauchs um 1,2 Milliarden Kubikmeter über den Winter hinweg bedeuten. Eine Gesamtersparnis bis 31. März 2023 um 10 % sollte alsdann in’s Auge gefasst werden.
Nach Vorstellungen von der Leyens soll es europaweit eine „befristete Erlösobergrenze für Stromerzeuger mit geringen Kosten und einen Solidaritätsbeitrag auf der Grundlage von Überschussgewinnen“ geben (greift ab 20 ct/kWh). Derartige Überschussgewinne fallen derzeit im Erdöl-, Erdgas-, Kohle- und Raffineriebereich an. Die darüber erzielten Gewinne sollen an Haushalte und Unternehmen umverteilt werden.
„Wir stehen Putins Einsatz von Erdgas als Waffe weiter geschlossen gegenüber und werden die Auswirkungen der hohen Gaspreise auf unsere Stromkosten in diesen außergewöhnlichen Zeiten möglichst gering halten.“
(Ursula von der Leyen, EU-Kommissions-Präsidentin)
Nun – das mit der Solidarität ist so eine Sache. Es gibt Unternehmen (wie etwa Unipern, Gazprom Germania (jetzt Sefe) oder die EnBW-Tochter VNG), die sich nahezu ausschliesslich auf günstigstes Gas, Öl oder Kohle aus Russland verliessen und nun durch dessen Ausbleiben wirtschaftlich schwerst erschüttert sind. Uniper wirbt jetzt auf seiner Webseite mit „…grüner Energie für eine nachhaltige Zukunft“. Zuvor mischten sie den Markt mit günstigen Preisen auf. Daneben stehen andere Unternehmen (wie Shell, BP, Total oder Exxon), die auch andere Anbieter einfliessen liessen, dadurch kein Billig-Gas oder -Öl anbieten konnten und nun ihren ehemaligen Billig-Konkurrenten einen Solidarbeitrag leisten sollen. Nichtsdestotrotz – zweitere freuen sich derzeit über den Energie-Höhen-rausch. Sie fahren Gewinne ein, die noch vor zwei Jahren undenkbar erschienen.
Diese sog. Steuer auf „Residualgewinne“ (Krisengewinnsteuer oder Windfall Tax) wurde bereits in einigen Ländern der EU eingeführt – in Italien werden diese „Zufallsgewinne“ beispielsweise mit 25 % rückwirkend auf den Zuwachs an Wertschöpfung, in Grossbritannien mit 25 % auf Gewinne (bei Investitionen im UK gibt’s Steuererleichterungen), in Spanien und Griechenland mit bis zu 90 % auf Gewinne besteuert. Sie bringt bringt folgendes in Euro:
Italien – 10-11 Mrd
Spanien – 3,5 Mrd
Ungarn – 2 Mrd
Griechenland – 400 Mio
Rumänien – keine Angaben
(Grossbritannien – 5,9 Mrd €)
Geplant ist sie zudem jetzt im Herbst in Belgien und Tschechien!
Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi allerdings sieht sich mit einem grossen Problem konfrontiert: Viele Unternehmen weigern sich, diese Gewinnsteuer bzw. Teile davon zu bezahlen. Seine Regierung hat ein Massnahmenpaket beschlossen, um Haushalte und Unternehmen ab Januar entlasten zu können. Nun fehlen für dieses Paket in der Höhe von 33 Mrd. € ganze neun Milliarden! Deshalb geht’s nun an’s Eingemachte: Strafgebühren und Zinsen.
Welche Konzerne sind nun tatsächlich jene, die mit dem Krieg den grössten Reibach machen?! Waren es in der Corona-Pandemie vornehmlich die Pharmakonzerne, so sind es nun vornehmlich die Öl- und Gasmultis – ihre Gewinne im 2. Quartal des laufenden Jahres in US-Dollar (die Gewinnzahlen des 2. Quartals 2021 in Klammer):
Exxon – 17,9 Mrd. (4,7 Mrd)
Chevron – 11,6 Mrd (3,1 Mrd)
Shell – 11,5 Mrd (5,5 Mrd)
bp – 9,3 Mrd (3,1 Mrd)
Total – 5,7 Mrd (3,5 Mrd)
Diese Konzerne verdienen sich derzeit tatsächlich einen goldenen Zapf-hahnen. Doch sind sie dabei nicht alleine: Der ganze Rohstoffmarkt boomt derzeit wie noch nie zuvor. Glencore in Baar/Schweiz etwa ist die weltweit grösste Unternehmensgruppe im Rohstoffhandel und Berg-werksbetrieb. Das Unternehmen machte im ersten Halbjahr 2022 einen Gewinn von 12,1 Mrd. Dollar – vornehmlich aufgrund der Rekordpreise für Kohle und Energieprodukte.
Die Gewinnüberflieger in Deutschland:
.) Encavis (Betreiber von Solarparks und Windkraftanlagen aus Hamburg) 643 % – geschätzter Gewinn nach Steuern 72 Mio € (mehr als 700 %)
Mit gerade mal 144 Mitarbeitern ein Krisengewinner aufgrund des hohen Strompreises – das ist eindeutig Übergewinn!!!
.) Bayer (Chemie- und Pharmariese aus Leverkusen) 361 % – geschätzter Netto-Gewinn 4,6 Mrd. € (mehr als 450 %)
Die Gewinne resultieren vornehmlich aus der Saatgut-, Dünge- und Pflanzenschutzmittel-Produktion – das ist eindeutig Übergewinn!!!
.) Commerzbank (Finanzinstitut aus Frankfurt) 261 % – geschätzter Gewinn nach Steuern 1,1 Mrd € (mehr als 300 %)
Die Bank schrieb in den letzten Jahren nur rote Zahlen, musste sogar durch den Bund gestützt werden – er hält nach wie vor 15,6 % – Zinserhöhungen in den USA und Europa sowie ein rigoroses Sparprogramm sind hierfür verantwortlich; Kredite aus Russland und der Ukraine müssen abgeschrieben werden
.) Verbio (Biokraftstoffhersteller aus Zörbig) 248 % – geschätzter Netto-Gewinn 322 Mio €
Der ostdeutsche Konzern hat bislang nie die 100 Mio €-Gewinngrenze erreicht – das ist eindeutig Übergewinn!!!
.) RWE (Stromproduzent aus Essen) 185 % – geschätzter Gewinn nach Steuern 2,1 Mrd € (fast +300 %)
Der Umsatz aus Gas- und Wasserstrom steigert sich in diesem Jahr um 18 % auf 29 Mrd € – das ist eindeutig Übergewinn!!!
.) Traton (ausgegliederte VW-Nutzfahrzeugsparte aus München) 184 % – geschätzter Netto-Gewinn 1,3 Mrd € (fast +300 %)
Durch Corona brach viel Gewinn weg – 2019 lag dieser bei 1,5 Mrd – heuer aufgrund der Übernahme des US-Herstellers Navistar
.) Medios (Pharmakonzern aus Berlin) 175 % – geschätzter Gewinn nach Steuern 21 Mio
Der Gewinn resultiert vornehmlich aus dem Ankauf eines kleineren Unternehmens – spezialisiert auf seltene Krankheiten
.) Hochtief (Baukonzern aus Essen) 146 % – geschätzter Netto-Gewinn 511 Mio € (+246 %)
Der Umsatz ist geringer als 2019 – v.a. in der Asien-Pazifik-Region laufen die Geschäfte dennoch ausgezeichnet
.) Aareal Bank (Immobilienfinanzierer aus Wiesbaden) 125 % – geschätzter Gewinn nach Steuern 120 Mio € (+50 %)
Diese Zahlen wurden jedoch bereits vor der Corona-Krise geschrieben
.) Brenntag (Chemikalienhändler mit Sitz in Essen) 112 % – geschätzter Nettogewinn 2022 950 Mio € (mehr als +50 % im Vergleich zu 2021)
Gewinnsteigerung durch höhere Preise und ein Sparprogramm
Somit werden durch die Einführung einer Krisengewinnsteuer weitaus weniger deutsche Unternehmen als bislang gedacht zur Kasse gebeten. Doch es geht auch anders: Der Energiehändler E.ON wird seinen Gewinn heuer von 4,6 auf geschätzte 1,8 Mrd verringern, Windkraftbetreiber PNE baut ein Gewinn-Minus von 85 %, SME Solar wird gar in die roten Zahlen abdriften. Der Gas-Grosshändler Uniper musste gestützt und verstaat-licht werden, da sich die wirtschaftliche Situation extremst zuspitzte. Das Unternehmen bezog 50 % seines Gases aus Russland – insgesamt werden 40 % der Gas-Nutzer in Deutschland damit beliefert. Ein Konkurs von Uniper hätte unglaubliche Auswirkungen gehabt. Gleiches gilt auch für die Gazprom-Tochter Gazprom Germania (jetzt Sefe). Russland hatte sie abgestossen, die Verwaltung wurde bereits durch den Bund treu-händerisch übernommen – jetzt soll auch sie (nach einem 10 Milliarden-Kredit durch die KfW) verstaatlicht werden. Auch Unternehmen aus anderen Bereichen, wie die Deutsche Bank oder die Deutsche Börse gleichen die letzten Minus-Jahre aus, die DWS-Gruppe und die Deutsche Pfandbriefbank liegen bei Normalgewinnen. Trotzdem rechnet etwa die Rosa-Luxemburg-Stiftung (politisch links einzuordnen) mit Mehrein-nahmen durch die Krisengewinnsteuer in der Höhe von bis zu 102 Mrd – bei einer Versteuerung von 90 % wie in Spanien oder Griechenland.
Ein ähnliches Bild ergibt sich in Österreich – auch hier wird es schwierig werden, die Krisengewinne von den Normalgewinnen zu unterscheiden. Dabei sollen jedoch die Energieanbieter aus erneuerbaren Energien ausgeklammert werden. Somit bleiben die Übergewinne aus Gas und Öl bzw. Atomstrom über, da die Kosten der Stromproduzenten aus Kohle-, Gas- oder Öl-Kraftwerken nicht gestiegen sind. Auch im Alpenstaat wird man deshalb auf einer Preisdeckelung bei Gas und Strom setzen. Zu den Gewinnern zählt eindeutig die OMV, die den operativen Gewinn im 2. Quartal 2022 um 1,6 Mrd auf 2,9 Mrd Euro steigern konnte – im Ver-gleich zum 2. Quartal 2021. Die Manager klopfen sich auf die Schultern – sie kassieren zusätzliche Boni in der Höhe von 6,2 Mio € ab (Quelle: kontrast.at). Hier würde sich eine Übergewinnsteuer durchaus lohnen. Doch ist der Bund über die ÖBAG zu 31,5 % an der OMV beteiligt – er würde sich also in den eigenen Schwanz beissen. Gleiches gilt für die Strom- und Gasanbieter in den Bundesländern, die zumeist das jeweilige Land als einen der Gesellschafter vorzuweisen haben. Trotzdem brächte eine solche Steuer dem Alpenstaat zwischen vier bis sechs Milliarden.
Selbstverständlich sorgt eine solche Übergewinnsteuer für Unruhe am Markt. In Spanien knickten die Kurse der Energieriesen und Banken ein, auch in Österreich legte vor allem der Verbund einen Tiefflug hin, als Bundeskanzler Karl Nehammer dies im Mai des Jahres in’s Auge fasste. Doch handelt es sich hierbei ja um Kurse, die zuvor künstlich nach oben gedrückt wurden. Ökonomen warnen erneut: Durch eine derartige Steuer würde das Vertrauen der Investoren und jenes in den Standort riskiert. In der Schweiz wird gar der Wohlstand des Landes als Argument in’s Spiel gebracht. Dem sei entgegengestellt, dass die Investoren auch bei nor-malem Gewinnverlauf durchaus gute Rendite machen, ansonsten hätten Sie ja keine Beteiligung vor dem Steigflug der Preise angestrebt. Bei einem Residualgewinn von 0 werden nämlich die Ansprüche der Kapital-geber bereits vollständig erfüllt. Und wenn Stadtwerke bzw. Unternehmen mit Länder- oder Bundesbeteiligung plötzlich mit der Auslagerung beginnen, so muss ernsthaft über eine derartige Beteiligung der öffent-lichen Hand diskutiert werden, da ja dann alsdann die Steuerpflicht in’s Ausland verlagert wird, was in keinem Falle dem Interesse der Volks-vertreter entsprechen sollte, da es auch der einfache Bürger als Aufruf zur Steuerflucht verstehen könnte.
Links:
– www.eex.com/de
– www.exaa.at
– www.epexspot.com
– www.preussenelektra.de
– www.rwe.com
– www.enbw.com
– www.stadtwerke-konstanz.de/de/
– www.uniper.energy/de
– vng.de
– www.sefe-group.com
– www.omv.at/de-at
– kontrast.at
– www.oegb.at
